Film
White Snail. © Panamafilm

Masha (Marya Imbro), ein belarussisches Model, träumt von einer Karriere in China. Ihre androgyne, fast unwirkliche Schönheit provoziert und erregt Missgunst. Misha (Mikhail Senkov) hat Malerei studiert, arbeitet seit zwanzig Jahren in einer Minsker Leichenhalle. Seine monumentalen Ölgemälde spiegeln Verfall, Leid, den Schmerz, mit dem er Tag und Nacht konfrontiert wird.

 

„White Snail“ ist der erste Spielfilm von Elsa Kremser und Levin Peter. Das deutsch-österreichische Regie-Duo erlangte bereits mit seinen berührenden poetischen Dokumentar-Essays „Space Dogs“ (2019) und „Dreaming Dogs" (2024) internationale Erfolge. Hier erzählen die Filmemacher vom Wendepunkt im Leben ihrer beiden Protagonisten, dem Widerstand gegen Stigma und Ausgrenzung. Das Drehbuch ist tief verwurzelt in den realen Biografien, Situationen wurden vorgegeben, Dialoge nicht: Die beiden Darsteller sollten einander gegenseitig entdecken, herausfordern, während die kontrastreichen Welten im fiktionalen Gefühlschaos gezielt aufeinander prallen. 

 

Masha kämpft nach ihrem Suizidversuch mit Depressionen, Ängsten und der Häme gehässiger Mitschülerinnen. Der Tod behält für die fragile Rebellin eine magische Anziehungskraft, ungeachtet dessen stilisiert sie ihren Körper vor den Spiegeln und den kritischen Augen der Agentin zu einem Kunstobjekt. Misha wohnt mit seiner alten pflegebedürftigen Mutter abgeschottet in einem dunklen, engen Zimmerlabyrinth, umgeben von den Gestalten der Morgue. Hier auf der Leinwand gibt er ihnen ein neues Leben, jene Freiheit, die ihnen der Tod verwehrt. Die beiden Außenseiter fühlen sich auf seltsame Weise von einander angezogen, streifen gemeinsam durch die warmen Sommernächte der Hauptstadt. Auf den ersten Blick könnten die zwei nicht gegensätzlicher sein: Sie, das unnahbare zerbrechliche Model auf der Suche nach sich selbst, und er, der übergewichtige Künstler, dessen Körper über und über mit Tattoos bedeckt ist. Misha wirkt ruhig, bedächtig, sanft und etwas ungelenk. Gefühle wagt er nur in Farben und Formen zu zeigen. Neben ihm scheint Masha winzig, noch verletzlicher; immer wieder taucht sie an seinem Arbeitsplatz in der Morgue auf, für ihn der größtmögliche Vertrauensbeweis.  

 

Vorsichtig wagen sich die Protagonisten aus ihrem Schneckenhaus heraus, ziehen sich schnell wieder zurück, wenn sie Gefahr wittern. Was sie verbindet, ist die völlige Entfremdung von der jeweiligen Umgebung und die heimliche Hoffnung, irgendwann ausbrechen zu können. Ihre Annäherung ist keine körperliche, mehr ein emotionales Herantasten, immer in der Angst vor Verletzung und Demütigung. Der Druck von außen wächst; Mashas Mutter zwingt die Tochter zu den Ritualen eines Exorzisten; Mishas Gemälde erzürnen seine Vorgesetzten. Die metaphorische Poesie des romantisch-mystischen Beziehungsdramas zwischen Morgue und Catwalk, Vergänglichkeit und trügerischer Perfektion, ist tief verankert in der osteuropäischen Realität und deren Traumata. 

 

Unwillkürlich erinnern uns das Model und der Maler auf ihren nächtlichen Streifzügen an die Protagonisten aus „Space Dogs“ und deren Schicksal, jene Aura der Einsamkeit und Verlorenheit, wo jede Annäherung noch unvorstellbar scheint, die aber zugleich auch den Blick auf die Umwelt schmerzhaft schärft. Als erstes Lebewesen wurde die streunende Hündin Laika ins All geschickt und damit in den sicheren Tod. Der Legende nach kehrte sie als Geist auf die Erde zurück und streift seither durch Moskaus Straßen. Aus Perspektive der Hunde gedreht, folgt „Space Dogs" Laikas Spuren und zwei ihrer Nachfahren. In ästhetisch berückenden Metaphern schildert der Filmessay den täglichen Kampf ums Überleben zwischen berührender Loyalität und unerbittlicher Brutalität. Verwoben mit bisher unveröffentlichtem Filmmaterial aus der Ära der sowjetischen Raumfahrt, entsteht ein komplexes Spiegelbild der Gesellschaft. „Dreaming Dogs“ versetzt uns in den Mikrokosmos eines Rudels streunender Hunde und einer obdachlosen Frau im Schatten der russischen Metropole, verborgen vor den totalitären Behörden. Gemeinsam durchqueren sie unwirtliche Stadtlandschaften, immer kurz davor im Nichts abzutauchen. Das soziale Abseits lässt die Grenzen zwischen Verfall und Natur, zwischen Abhängigkeit, Gewalt und Illusion verschwimmen.  

 

Die kontrastierenden Welten von Misha und Masha drehen sich um den Körper und seine Darstellung. Verfall und Tod steht der Sucht nach Perfektion gegenüber. Gemeinsam träumen die Protagonisten vom Ausbruch, doch immer wieder halten Angst und Scham sie zurück. Modeln und Malen bedeuten gleichermaßen sich der Öffentlichkeit zu stellen, auf Erfolg oder Misserfolg zu drängen.

Verführerisch der Gedanke zu flüchten, sich zu isolieren, weiter Einsamkeit und Stillstand zu akzeptieren. Levin Peter sagt über den Künstler Mikhail Senkov: „Ich habe noch nie zuvor einen Menschen erlebt, der so in sich gekehrt ist. Dann geht man durch seine Wohnung, und da ist alles, was er in sich hat, abgebildet. Dinge, die man nicht einmal zu denken wagt.“ Genau deshalb entschieden sich die beiden Regisseure für  ihr genreübergreifendes und höchst riskantes Experiment.  „Uns war klar: Misha ist so verschlossen, wir wollen radikal Bewegung in sein Leben kriegen, damit etwas aufplatzt. Ein dokumentarisches Porträt wäre eine Zustandsbeschreibung gewesen. Es musste eine Figur sein, die ihn dazu bringt, sich erstmals einem anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Wir wollten eine Frau, die noch nie vor der Kamera gestanden hatte.“

 

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Masha mit ihrer kühlen Ausstrahlung entspricht auf der Model-Schule dem aktuellen Schönheitsideal. Levin Peter über sie: „Es ist die Unnahbarkeit, die ihre Besonderheit ausmacht. Wenn man sie vor sich hat, entsteht ein Gefühl, sie sei etwas Gläsernes, das man gar nicht berühren sollte. Sie verkörpert etwas Reines, Schützenswertes, das man nur zum Anschauen unter einen Glassturz stellen möchte. Es machte ihr das Leben schwer, dass es an Berührung, an Wärme fehlt und sie völlig sich selbst ausgeliefert ist.“ Als die beiden Autorenfilmer Marya Imbro kennen lernten, war sie 19 und betonte immer wieder, dass sie keine Schauspielerin sei. Elsa Kremser: „Im Verlauf der Jahre haben wir, aufbauend auf dem, wer sie ist, ein Drehbuch geschrieben und gemeinsam mit ihr erarbeitet, ganz nebenbei ist sie eine Schauspielerin geworden.“ Levin Peter über den Prozess der Annäherung: "Es war für uns alle das Wichtigste, dass sich die beiden nicht vor dem ersten Drehtag kennenlernten. Wir hatten schlaflose Nächte, weil wir alles darauf aufgebaut hatten…. Es war Teil des Experiments, dass wir zwei Menschen begleiten, wie sie einander gegenseitig erobern und sich öffnen müssen.“ Ganz gezielt wurde über viele Jahre eine Spannung aufgebaut. Die Darsteller waren neugierig aufeinander, auch wenn die Zweifel wuchsen, je näher der Dreh rückte. Kamera, Team und dann noch dieser fremde Mensch, das war für sie unvorstellbar. Und wohl am Anfang auch extrem schwierig. 

 

Wo sich Politik mit der Menschlichkeit schwer tut, verliert die Kirche ihre Überzeugungskraft, bleiben noch die Mythen und der Aberglaube. Die schwer dechiffrierbare Zweisamkeit der beiden Protagonisten entwickelt sich zur romantischen Liebesbeziehung und droht genau in dem Moment zu zerbrechen. Auf einem Ausflug in den Wald zu Mishas geheimen Lieblingsplätzen, demütigt Masha ihren Seelenverwandten. Sie verspottet seine esoterischen Überzeugungen, entweiht die für ihn mythischen Orte mit   ostentativ gespielter Umbekümmertheit, die an die Gehässigkeit ihrer Mitschülerinnen erinnert. Irgendwann lernen beide, den Schmerz als manchmal unvermeidbarer Teil der Nähe zu ertragen und doch sich selbst treu zu bleiben. Masha muss sich entscheiden: in Belarus bleiben und der Beziehung zu Misha Raum geben, oder alles zurücklassen, um in China ein neues Leben als Model beginnen. 

 

„White Snail“ wurde in Locarno mit dem Preis der Spezialjury ausgezeichnet, und die beiden Darsteller erhielten den Leopard für die besten schauspielerischen Leistungen. Das Geheimnis dieser außergewöhnlichen Liebesgeschichte ist seine sanfte und zugleich raue Poesie, die aus den Versatzstücken der unvereinbar scheinenden Lebensrealitäten von Masha und Misha entsteht. Die Regisseure entdecken in ihren Filmen jedes Mal neue Perspektiven auf eine Welt, die wir zu kennen glaubten. Kremser und Peter erwarteten in Minsk bei ihrem ersten Besuch vor mehr als zehn Jahren Tristesse und Plattenbauten; sie waren überrascht von den wilden Farben, die die Nächte bestimmen, einer abenteuerlichen Architektur ob dem Nebeneinander verschiedener Stile wie die nach chinesischem Vorbild gebauten futuristisch anmutenden Trabantenstädte und den extrem bunt schillernden Malls. Das Licht scheint in jeden Winkel der Stadt zu dringen. 

 

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White Snail

Regie: Elsa Kremser, Levin Peter 

Drehbuch: Elsa Kremser, Levin Peter 

Darsteller: Marya Imbro, Mikhail Senkov, Olga Reptuh, Andrei Sauchanka  

Produktionsland: Österreich, Deutschland, 2025

Länge: 115 Minuten 

Kinostart: 29. Januar 2026

Verleih: Real Fiction Filmverleih

Weitere Informationen (Verleih)

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: © Panamafilm

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