Mit dem Film „Silent Friend“ der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi („Körper und Seele“, 2017) entdecken wir unsere Welt neu, und vielleicht auch uns selbst. Worte erweisen sich als wenig tauglich, um den Zauber, die Sinnlichkeit und die betörende Schönheit der zögerlichen, unbeholfenen Begegnungen zwischen Mensch und Natur zu beschreiben.
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über 100 Jahren ist er stiller Zeuge und Beobachter der leisen, tiefgreifenden Veränderungen unserer Protagonisten. Die miteinander verflochtenen Handlungsstränge und Zeitebenen öffnen den Blick auf die radikal unterschiedlichen Wahrnehmungen. Jede Epoche hat Ihren eigenen unverwechselbaren Stil, ihre eigene Ästhetik.
Marburg, Lockdown 2020: Das Campusgelände ist wie ausgestorben; an einem Tisch in der menschenleeren Mensa sitzt Neurowissenschaftler Tony Wong (überragend Tony Leung) aus Hongkong, der gerade eine Gastprofessur in Marburg angetreten hatte. Sein Forschungsgebiet: die kognitive Entwicklung von Babies. Vor wenigen Tagen noch entzückte er uns und seine Studenten mit der höchst amüsanten Schilderung frühkindlicher Hirnaktivität. Sechs Monate alte Säuglinge nutzen im Gegensatz zu uns Erwachsenen alle Areale des Gehirns, was einem Zustand unter Drogen ähnelt „Babys sind eigentlich immer high“, so der Wissenschaftler. Der 1882 gepflanzte Gingko, ebenso einsam und allein wie er selbst, inspiriert den Gelehrten zu einer Reihe ungewöhnlicher Experimente über die Wahrnehmung und Kommunikation von Pflanzen. Misstrauisch beäugt ihn der mürrische Hauswart, sabotiert heimlich die Tätigkeit des für ihn verhassten fremden Eindringlings.
Isolation, Widerstand und Sehnsucht ziehen sich wie ein Leitmotiv durch den Film. 1908 muss sich Grete (bezaubernd als Luna Wedler) als erste weibliche Studierende der Universität gegen die patriarchalen Strukturen im Fachbereich wehren. Sie folgt ihrer Leidenschaft für die Fotografie und entdeckt durch das Objektiv der Kamera die verborgenen Muster des Universums. 1970 verliebt sich der schlaksige etwas tollpatschige Hannes (rührend Enzo Brumm) in eine Kommilitonin, die sich für die gerade erst aufkommende Erforschung der Kommunikation von Pflanzen begeistert. Gundula reist ab, überlässt Ihrem Verehrer Hannes die Verantwortung für ihr zeitaufwendiges Projekt, eine Geranie im Blumentopf. Grade der Geranie gelingt es, dem melancholisch-zärtlichen Leinwandepos einen besonderen Humor zu verleihen. Kann eine Geranie im Blumentopf wirklich dem ihm durch seine Fürsorge vertrauten Menschen die Gartenpforte öffnen? „Silent Friend“ entwickelt sich auf der Kinoleinwand zu einer philosophisch wissenschaftlichen Meditation voller Poesie, die das Unvorstellbare greifbar macht.
Die Filmformate wechseln wie das Realitätsempfinden und das jeweilige Konzept von Zeit. „Fotografen bilden nicht die Welt ab, sondern arbeiten daran, deren fragiles Wesen zu erforschen.“ Der Satz stammt vom Provinzfotografen (Martin Wuttke), bei dem Grete neben dem Studium das Handwerk erlernt, und klingt wie das Credo von Ildikó Enyedi.
Regisseurin Ildikó Enyedi über sich und ihre Filme:
„Ich war in den 70er-Jahren ein Teenager. Ich habe zwei bedeutende Jahre in Frankreich verbracht- in Montpellier an der Universität Paul Valéryv, wo ich als Gymnasiastin aus dem Ostblock eine Sondergenehmigung erhielt. Sie können sich vorstellen, wie prägend es für eine 16- bis 17-Jährige war, Teil dieses pulsierenden, intensiven Universiätslebens nach 1968 zu sein. Es war eine Zeit der Neugierde und der Offenheit gegenüber vielen Themen, in der damals die erste große Welle von Experimenten zur Kommunikation von Pflanzen stattfand. Das war für mich äußerst spannend. Natürlich ging man damals noch etwas naiv vor, was die Forschung betraf: Aber die Grundhaltung von einst hat bis heute Bestand. Es ist bezeichnend, dass ich mich in jener Zeit, wo so viele Dinge hinterfragt und neu erfunden wurden, statt für politischen Aktivismus für die Neugierde gegenüber anderen Lebensformen entschieden habe. „In Magic Hunter“, meinem zweiten Spielfilm, der in Venedig im Wettbewerb lief, wandle ich über sechshundert Jahre hinweg auf den Spuren eines Eichenbaums. In „Simon the Magician“ löst eine Topfpflanze einen Mordfall. Ich bin keine Person mit einem grünen Daumen, sondern ein Stadtgewächs, das von der Natur isoliert lebt. Ich spüre die Distanz zwischen den Lebewesen und sehne mich nach Verbindung. Ganz ähnliche die menschlichen Protagonisten in „Silent Friend“.
… Alle unsere Helden-Pflanzen wie Menschen – sind Außenseiter. Sie sind nicht Teil des Systems – sie sind einsame Seelen. Die Pflanzen eines botanischen Gartens werden aus ihrem eigenen Lebensraum, aus dem reichen Zusammenleben verschiedener Arten, herausgerissen und in diesen fernen Garten gebracht, damit die Menschen sich an ihrem Anblick erfreuen können. Was wir heute über Zoos denken, könnte man auch über botanische Gärten sagen. Aber der Ginkgobaum ist noch einsamer, als die anderen Pflanzen um ihn herum. Er steht inmitten einer Spezies, die ihn fast ausgerottet hätte. Grete ist die einzige Studentin auf einem rein männlichen Campus. Hannes, ein Junge, der von einem Bauernhof kommt, findet seinen Platz in diesem intellektuellen Umfeld nicht. Tony kommt von einem anderen Kontinent. Es geht nicht nur um die Schwierigkeiten, sondern auch um die Freiheit, die Intensität des Außenseiterdaseins. Man hat eine größere Chance, etwas Neues zu entdecken, wenn man die Routine der anderen vor Augen hat.
…Ich würde niemals wagen, jemandem eine Erklärung dafür zu liefern, wie ein Baum die Welt wahrnimmt. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass es sich bei einem Baum um ein komplexes Wesen mit einer eigenen Wahrnehmungswelt handelt, die genauso gültig und wichtig ist wie diejenige der Menschen. Wir sind auf dieser Welt nicht das Maß aller Dinge; unsere Wahrnehmung beschreibt die Welt nicht auf eine objektive Art und Weise. Da wir die Grenzen unserer Wahrnehmung nicht überschreiten können, habe ich mich dafür entschieden, durch drei Begegnungen, drei Zusammenstöße, drei unvollkommene und eher unbeholfene Versuche mit der Welt jenseits des menschlich Wahrnehmbaren in Verbindung zu treten. Thomas Nagels berühmte Abhandlung aus dem Jahre 1974 mit dem Titel „What is it Like to Be a Bat“ (Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?) hat mich in dieser Hinsicht sehr beeinflusst. Sie fasst den Ansatz meines Films zusammen. Unser Geist wird durch unseren Körper definiert - und zu akzeptieren, dass es unmöglich ist, in die Wahrnehmungswelt eines anderen Wesens einzutauchen, bedeutet nicht, dass seine Welt nicht existiert.
…Diese drei verschiedenen Momente in den letzten rund hundert Jahren sollen zeigen, wie sehr und wie schnell sich unser scheinbar unerschütterlich solides Realitätsempfinden verändert. Es wird nicht nur durch unsere Sinne definiert, sondern ist auch ein kulturelles Konstrukt und als solches ziemlich vergänglich. Unsere menschlichen Helden wandeln auf denselben Wegen durch denselben Garten, betreten die Gebäude desselben Campus – jede und jeder von ihnen nimmt dabei eine andere Welt wahr. Wenn sie versuchen, sich mit dem Gingkobaum und den Pflanzen um sie herum zu verbinden, entdecken sie nicht nur verschiedene Pflanzen, sondern auch sich selbst.
„Zarte Empirie“- zarter Empirismus. Dieser Begriff Goethes für partizipative Wissenschaft, bei der der Forscher kein gottgleicher objektiver Beobachter ist, sondern ein fester Bestandteil des Experiments, beschreibt am besten, womit sich unsere menschlichen Protagonisten, Tony, Grete, Hannes und Gundula, beschäftigen. Sie tun dies mit der naiven, leidenschaftlichen Neugier eines echten Wissenschaftlers."
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Regie: Ildikó Enyedi
Drehbuch: Ildikó Enyedi
Darsteller: Tony Leung Chiu-Wai, Luna Wedler, Leá Seydoux, Marlene Burow, Enzo Brumm,
Produktionsland: Deutschland, Frankreich, Ungarn
Länge: 147 Minuten
Kinostart: 15. Januar 2026
Verleih: Pandora Film Verleih
Fotos, Pressematerial & Trailer: © Pandora Film Verleih

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