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Hamburger Architektur Sommer 2019

Film

Der israelische Regisseur Yuval Adler inszeniert „The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit” ästhetisch virtuos als leicht antiquierten eleganten Psychothriller im Stil der Fünfziger Jahre – packend, vielschichtig, durchsetzt mit politischen wie auch filmhistorischen Anspielungen.

Das verstörende Schuld- und Sühnedrama wird geschildert aus der Perspektive einer Roma, die den Holocaust überlebt hat. Charakteristisch für die Nachkriegszeit jenes Geflecht aus Unwahrheit, Täuschung, Traumata und Sehnsucht nach Erlösung. Nur wem soll der Zuschauer glauben?

 

Ein idyllischer amerikanischer Vorort. Eben noch hat Maja (grandios Noomi Rapace) etwas lustlos die schillernden Seifenblasen ihres kleinen Sohnes bewundert, da erstarrt sie. In dem hageren blonden Mann (Joel Kinnaman) am Rande des Parks, der grade seinen Hund heranpfeift, glaubt die gebürtige Rumänin ihren Peiniger aus dem Zweiten Weltkrieg zu erkennen. Sie spioniert ihm nach, er hat Frau und Kinder, arbeitet in der nahe gelegenen Fabrik. Für Maja steht ohne Zweifel fest, es ist der deutsche SS-Offizier, der sie auf der Flucht, damals vor fünfzehn Jahren vergewaltigte und ihre Schwester tötete. Die albtraumhaften, aber nur fragmentarischen Bilder jener Nacht verfolgen sie noch heute.

 

Die Protagonistin will Rache. Mit bewundernswertem Geschick kidnappt sie den körperlich überlegenen Widersacher, der steckt nun gefesselt und geknebelt im Kofferraum ihres Wagens. Lewis, der sonst so energische Ehemann und Arzt (Chris Messina) reagiert eher hilflos, als er mit den Fakten konfrontiert wird. Die Deportation, die Haft im Konzentrationslager der Nazis, ihre Herkunft als Rom hat Maja ihm verschwiegen. Die beiden sind sich in Griechenland begegnet. Kennt Lewis seine Frau überhaupt? In diesem Moment zweifelt er daran, doch die Ehe ist ein Pakt und er loyal. Gemeinsam schleppen sie den Entführten in den Keller, der aber leugnet standhaft, jener SS-Offizier Karl zu sein, er heiße Thomas, sei in der Schweiz geboren, während des Krieges dort in einer Behörde tätig gewesen. Wie er argumentiert, klingt überzeugend für Lewis und nicht nur für ihn. Maja lässt sich nicht beirren, diese Augen könne sie nie vergessen. Sie sucht den Kontakt mit Karls Frau, die ihren Gatten mittlerweile als vermisst gemeldet hat. Bald spielen ihre Kinder gemeinsam im Garten.

 

Der Schatten der Vergangenheit hat Maja gezwungen, eine Rolle zu spielen Tag für Tag, schon die Herkunft war ein Stigma, unerträglich nie ihren Schmerz ausleben zu dürfen über den Verlust der Schwester, die eigene Erniedrigung, sie agiert inkognito wie eine Agentin oder untergetauchte Kriminelle und ist doch das Opfer. Die Szenen vom häuslichen Glück also nur eine trügerische Maskerade? Dass irgendetwas aus der Kriegszeit Maja belastet, sie öfter psychische Probleme hat, wusste Lewis, hatte nur keine Ahnung warum. Er wendet sich an einen Psychiater, will wissen, wie zuverlässig die bruchstückhaften Erinnerungen sind, vielleicht nur Einbildung? Die Atmosphäre daheim ist schon länger angespannt, das Kräfteverhältnis ungleich, noch scheinen Frauen eher Püppchen als Partner. Der erfolgreiche Arzt erwartet nicht explizit Dank von Seiten seiner Gattin für dieses sorgenfreie Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aber er ist erschreckt über ihre aggressiv gefühllose Art, wenn sie ihm ironisch vorwirft, er könne nicht alle retten, nur weil er einen neuen Patienten, der ihm leid tut, beide Beine amputiert, zum Abendessen einladen wollte. Dieser Patient war übrigens Thomas aka Karl, der sitzt nun gefesselt auf einem Stuhl im Keller, fast gelingt es ihm zu fliehen. Ein schriller Schrei ertönt nachts, der Nachbar wacht auf, muss beruhigt werden. Ein Melodram nahe der Groteske.

 

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„The Secrets We Keep” erinnert nicht nur in Farbe und Stil an die Ära der späten Fünfzigerjahre. Das Kino in Majas Nachbarschaft zeigt Alfred Hitchcocks Film „North by Northwest” (dt.: Der Unsichtbare Dritte, 1959) mit Gary Grant in der Hauptrolle, die Story des unbescholtenen New Yorker Werbefachmanns Roger Thornhill, der als vermeintlicher Spion von Agenten entführt wird. Zahlreichen NS-Verbrechern war bei Kriegsende gelungen, im Ausland unterzutauchen, nur wenige wurden gefasst. Im Mai 1960 kidnappte der Mossad nahe Buenos Aires Adolf Eichmann, den Verantwortlichen für die Deportation von drei Millionen Juden in die Todeslager Polens. Der Prozess, die weltweite öffentliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust stärkte das Selbstbewusstsein Israels. Hier unten im Keller kämpft Maja ganz allein um Gerechtigkeit, schreckt nicht vor Folter zurück, Karl soll endlich gestehen. Eigentlich geht es ihr weniger um dessen Schuld, als um die eigene. Hätte sie die Schwester retten können? Verzweifelt versucht sie die monochromen Bilder ihrer Erinnerung zu rekonstruieren. Ihr Schmerz ist der Schmerz der Überlebenden aus den Todeslagern wie Auschwitz, jenes Gefühl der Ohnmacht, der Scham gegenüber den Toten, über die Primo Levi (1919-1987) schrieb und an der er innerlich zerbrach.

 

„Ist das ein Mensch?” lautet der Titel von Levis biographischem Bericht, auch hier in dem am Ende klaustrophobischen Kammerspiel wiederholt sich die Banalität des Bösen ähnlich dem Eichmann-Prozess. Nur wie kann Maja die Taten beweisen, wenn man wie sie allein vor dem Peiniger steht, als psychisch instabile fragile Frau um vieles unglaubwürdiger wirkt als der Schuldige, selbst der eigene Ehemann ihr misstraut. Yuval Adler und Co-Autor Ryan Covington variieren das Thema von Ariel Dorfmans Theaterstück „Der Tod und das Mädchen”, Roman Polanski verfilmte es 1994 mit Sigourney Weaver in der Rolle der traumatisierten Heldin. So muss sich der Zuschauer entscheiden, schuldig oder unschuldig? Akzeptiert er Gewalt um der Gerechtigkeit willen? Während die Polizei mit abstruser Ineffizienz ermittelt, folgen die Ehepartner konträren Spuren. Der Entführte versucht Lewis einzuspannen für seine Zwecke, doch dann taucht ein Ring als entscheidendes Beweisstück auf und zeigt, wie stark der Holocaust noch Jahrzehnte später das Leben der Familien von Tätern und Opfern prägte. „The Secrets We Keep” ist ein Leinwandepos alter Schule, also kein modischer Flirt mit Pulp oder Exploitationfilm, sondern das Psychogramm einer mit Ressentiments überladenen konservativen Ehe, die zu implodieren droht. Das Finale aber verblüfft.

 

Die Schultern hochgezogen, signalisiert die Körpersprache von Joel Kinnaman einen Menschen auf der Flucht, immer bedacht darauf, bloß nicht aufzufallen. Jeder Schritt auf den Prothesen ist sorgsam kalkuliert, voller Unbehagen, es gilt die Angst zu verbergen. Genau deshalb kann Maja auch sicher sein, dass er ihr, der jungen Frau im Fabrikarbeiter-Overall, auf dem Heimweg helfen wird, den angeblichen Motorschaden zu beseitigen. Das Grab hatte sie schon ausgehoben, und doch die Waffe wird nicht abgefeuert. Noomi Rapace („Prometheus – Dunkle Zeichen“), Tochter einer schwedischen Schauspielerin und eines spanischen Flamenco-Sängers besitzt besonderes Gespür für extreme Rollen. Mit der Hackerin Lisbeth Salander schuf sie jene Einzelkämpfern voller Widersprüche, Stärke und Verwundbarkeit, eine junge Frau, die sich weigert Opfer zu sein, aus dem erlittenem Leid entwickelt sie unbändigen Zorn, der ihr die Kraft gibt, ihre Widersacher auszuschalten. Hier ist der Überraschungseffekt noch größer, die liebevolle Mutter im gepunkteten Kleid als skrupellose Rächerin. Manches deutet auf ein blutiges Verbrechen hin, es ist spannend zu beobachten, wie die Frauen in der Nachbarschaft reagieren: Sie schauen weg. Yuvals Protagonisten existieren wie auf einer unsichtbaren Insel.

 

Um Loyalität, um wahre und falsche Identitäten drehte sich auch Yuvals Film „The Operation” (2019). Über ein Jahr hat Thomas Hirsch (Martin Freeman), ehemaliger Verbindungsoffizier des Mossad, nichts mehr von seiner Agentin Rachel (Diane Kruger) gehört, als er in Köln einen rätselhaften Telefonanruf von ihr erhält: „Mein Vater ist gestorben. Schon wieder.” Ihr plötzliches spurloses Verschwinden bedeutete damals das Aus für seine Karriere, war Thomas doch ihr Mentor und Kontaktmann. Er wird zu einem Krisentreffen beordert, beim israelischen Geheimnisdienst ist man zutiefst beunruhigt, die Spionin verfügt über brisantes strategisches Insiderwissen. Sie hatte sich in gefährlichsten Situationen bewährt, bis sie sich in die Zielperson verliebte. Thomas soll herausfinden, in welchem Ausmaß Rachel eine Bedrohung für die Organisation darstellt, der in Großbritannien geborene jüdische Geheimdienstler aber versucht sie vor allem zu beschützen.

 

Wie funktioniert diese Frau, wollen die Vorgesetzten von ihm wissen, was sind die Motive ihres Handeln? In verschachtelten Rückblenden erzählt der Film, wie Rachel rekrutiert wird, sich zur scheinbar perfekten Agentin entwickelt, ein Mensch, ohne wirkliche Wurzeln, keine feste Beziehungen oder Freunde. Es ist niemand da, der sie vermissen könnte, dem sie Rechenschaft über ihr Tun ablegen muss. Das zumindest behauptet sie. Die Protagonistin hat kein Problem damit, einen Lebenslauf gegen einen anderen zu tauschen. Von klein auf an hat sie in verschiedenen Ländern gelebt, ist nirgendwo daheim, beherrscht Englisch, Französisch, Deutsch fließend, ist weltgewandt, intelligent, attraktiv, aber auch unauffällig. Jemand, der früh lernen musste sich anzupassen, ideale Voraussetzung für Undercover-Einsätze. Verbindungen zu Israel? Eigentlich keine. Sie ist adoptiert, ihr Vater ist Halbjude, erzählt sie. Überprüft hat es keiner. Und so ist ihre Loyalität eigentlich die eines Söldners.

 

Der Film basiert auf dem vieldiskutierten israelischen Spionage-Thriller „The English Teacher” von Yiftach Reicher Atir. Der Autor war selbst beim Mossad, als Offizier 1976 aktiv an der „Operation Yonatan“ in Entebbe beteiligt, jener spektakulären militärischen Geiselbefreiung in Uganda. In Fatih Akins Drama „Aus dem Nichts” zeigte Diane Kruger extremste Emotionen, leidet, weint, kämpft, rastet aus, hier bei Regisseur Yuval Adler muss sie Gefühle verbergen können, darin liegt die Kunst der Spionage, zu täuschen, zu manipulieren, ein Geflecht von Beziehungen aufzubauen, aber die innere Distanz zu wahren. Rachel arbeitet von nun an als Englischlehrerin an einer Schule im Teheran, sie wird auf den Manager einer Elektronikfirma angesetzt, die das Militär beliefert, Farhad (Cas Anvar). Ziel des israelischen Geheimdienstes ist, das Nuklearprogramm der feindlichen Regierung zu sabotieren. Der Regisseur bezieht ganz bewusst nie politisch Position, und so zeigt er auch ein für uns ungewohntes Iran der Oberschicht, Partys, Alkohol, Drogen, wenn auch in Maßen. Die Gesetzeshüter scheinen fern.

 

Ähnlich wie in seinem Debütfilm „Bethlehem” geht es Yuval Adler vorrangig um die Gefühlswelt seiner Figuren, ihre Konflikte und Auseinandersetzungen. „The Operation” ist mehr spröder subtiler Psychothriller als schillerndes Spionage Abenteuer. Vom ersten Moment an herrscht ein Gefühl latenter Bedrohung, dass sich mehr und mehr verstärkt. Rachel gibt Farhad Englischstunden, bald schon schläft sie mit ihm, es verstößt angeblich gegen die Regeln der Branche, öffnet ihr aber viele verschlossene Türen. Irgendwann wird daraus Liebe, gespielte oder wahre? Taktik oder List? Wenn notwendig, tötet die Agentin, mit einer Beiläufigkeit, die uns erschrecken lässt, sie ist ängstlich und kaltblütig zugleich. Der Zuschauer fragt sich verwirrt, wem gehört Rachels Loyalität, wer ist sie eigentlich wirklich, sie weiß es selber nicht mehr, am Ende bleibt nur der Verrat und eine innere Leere.

 

 


Originaltitel: The Secrets We Keep

Regie: Yuval Adler
Drehbuch: Yuval Adler, Ryan Covington
Darsteller: Noomi Rapace, Chris Messina, Joel Kinnaman, Victoria Hill, Lucy Faust,
Produktionsland: USA, 2020
Länge: 97 Minuten
Kinostart: 3. Dezember 2020
Verleih: Leonine Distribution GmbH

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Leonine Distribution GmbH

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