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Hamburger Architektur Sommer 2019

Film

Altmeister Marco Bellocchio inszeniert „Il Traditore” als wuchtiges kraftvolles Mafia-Epos fern trügerischer Romantisierung. Der 80jährige Regisseur boykottiert bewusst den fiebrig schillernden Glamour im Stil von Martin Scorseses „Good Fellas” (1990) oder Sergio Leones „Es war einmal in Amerika” (1984). Sein Protagonist Don Masino, der einflussreiche Clan-Chef Tommaso Buscetta (überragend Pierfrancesco Favino), bricht 1984 das gegenüber der Cosa Nostra geleistete Schweigegelübde.

Dies ist politisch engagiertes italienisches Kino und nicht Hollywoods Traumfabrik, ein fulminantes Meisterwerk, packend, ästhetisch brillant. Es geht um Loyalität und Selbstbetrug, Gewalt und Ohnmacht. Die Realität entlarvt sich als bösartige blutige Farce. Jene bis dahin wohl gehüteten Geheimnisse der sogenannten Ehrenwerten Gesellschaft werden nun in aller Öffentlichkeit vor Gericht verhandelt.


Das rauschende Fest in der prächtigen Villa am Meer hat seinen Höhepunkt erreicht. Zwei sizilianische Großfamilien treffen sich hier, um nach außen hin Zusammenhalt und Einigkeit zu demonstrieren, der Drogenhandel ist untereinander aufgeteilt. Doch Tommaso Buscetta (die reale Figur lebte von 1928-2000) weiß, der Schein trügt, das Heroin zerstört nicht nur die Süchtigen wie seinen Sohn aus erster Ehe, sondern auch die Cosa Nostra selbst. Jene neue, maßlose Gier nach dem großen Geld verschlingt sie alle, verwandelt die Machthungrigen zu unberechenbaren Bestien. Die zahlreichen Gäste treten an zum Gruppenfoto, das Blitzlicht flammt auf, die Fröhlichkeit erstarrt für einen Moment zur geisterhaften Grimasse, das Abbild von Reichtum und Erfolg mutiert zum bizarren Totentanz. Es offenbart Bellocchios Talent, seinen visueller Spürsinn für die Schattenseiten und Abgründe der Gesellschaft.

 

Das Foto signalisiert nicht nur den bevorstehenden Untergang, es wird auch zum Orientierungspunkt für den Zuschauer, verhindert, dass wir den Überblick verlieren über Täter und Opfer, die Zusammenhänge innerhalb der Organisation. „Il Traditore” ist ein Oeuvre über die Wechselbeziehung zwischen Kino und Mafiosi. Sie delektieren sich an Filmen wie Francis Ford Coppolas Trilogie „Der Pate”, es wertet sie auf, die Gangster beginnen jene glamouröse Version von sich selbst zu imitieren, die Leinwand als Legitimation, Ansporn und manchmal auch modische Maxime. Die Kamera kann manipulieren oder entlarven, die Wahrheit aufspüren oder verschleiern, sie kreiert in diesem Genre Helden, die nie welche waren. Doch noch wird gefeiert, ein Feuerwerk zu Ehren Santa Rosalias, die Cosa Nostra beansprucht sie als Schutzpatronin für sich und Palermo. Gesang, Lärm, Lachen, man schwört religiöse Verbundenheit. Tommaso Buscetta wittert Gefahr, verlagert seine Aktivitäten ganz nach Rio de Janeiro, bei ihm seine dritte Ehefrau, Cristina (Maria Fernanda Cândido), gebürtige Brasilianerin. Die beiden älteren Söhne lässt er zurück, er wird sie nicht wiedersehen. Der Mafioso genießt die Dolce Vita mit Blick auf den Zuckerhut, Wohlstand und Ansehen unter neuer Identität, die Geschäfte florieren, man nannte ihn den „Boss zweier Welten”.

 

Unser Protagonist hat viele Bewunderer, man lässt sich gern an der Seite von ihm ablichten wie auf der Taufe seines Jüngsten. Er verfügt über entscheidende Kontakte, ist charismatisch, charmant, nun endlich ein gezähmter Macho: Tommaso liebt Christina, vielleicht der einzige Mensch, dem er wirklich vertraut. Während man unbeschwert am Strand mit den Kindern tobt, erreichen im heimatlichen Sizilien die Machtkämpfe der Clans ihren Höhepunkt. Offene Rechnungen werden beglichen, Buscettas einstige Verbündete kaltblütig ermordet, oft mit der perversen Häme von Sadisten. Unten auf der Screen eingeblendet die ständig steigende Zahl der Opfer, 123, 124... Auch der Bruder und seine beide älteren Söhne müssen auf grausame Weise sterben. Die brasilianische Polizei erscheint mit einem Haftbefehl im luxuriösen Domizil, da hilft kein gefälschter Pass. Auf Gewalt wird mit Gewalt reagiert, Tommaso im Gefängnis gefoltert. „Il Traditore” fühlt sich wie ein Klassiker an, der Film spielt nicht nur in den Achtzigern, er hat auch die Ästhetik jener Zeit und nur wenige kurze, der Realität verpflichtete, Actionszenen, die aber um so spektakulärer. Zwei Helikopter der Polícia Federal kreisen hoch über dem Meer, die Beamten lassen Buscettas Ehefrau an den Armen aus dem Hubschrauber baumeln, drohen dem Festgenommenen, sie loszulassen, wenn er nicht mit Informationen herausrückt und gesteht. Tommaso sieht Christina vom anderen, nur wenige Meter entfernten Hubschauer aus, ihre Blicke treffen sich, im Hintergrund der mexikanischen Song „Historia de un amor”. Vor der Auslieferung nach Italien versucht er sich mit Strychnin zu vergiften, man rettet ihn in letzter Minute. Nur eine Inszenierung behaupten manche.

 

Der hochrangige Mafioso entschließt sich mit der italienischen Justiz zu kooperieren, aber er beharrt Richter Falcone (Fausto Russo Alesi) gegenüber, er sei kein „pentito”, das klingt für ihn nach Reue, Überläufer oder Charakterlosigkeit. Er stand immer loyal hinter der Cosa Nostra, ließ nie von deren Grundsätzen ab. Doch dann gewinnen die Corleonesi an Einfluss und Terrain in Sizilien, Buscetta muss die Tatsache akzeptieren, dass die Organisation lange schon ihre eigenen Prinzipien missachtet, keine Gnade mehr kennt. Verantwortlich dafür: Totò Riina (Nicola Calì). Früher war es unumstößliches Gesetz der Mafia, nie Kinder oder Frauen zu töten, nun wird jeder eliminiert, der im Wege steht. Erst widerwillig, aber dann doch immer offener und präziser schildert Buscetta dem Richter die Strukturen und Regeln jener Welt, die sich selbst verraten hat. In den Gesprächen zeichnet sich nach und nach das ganze Ausmaß des organisierten Verbrechens ab, unzählige Morde, Schießereien, Erpressungen. „All diese Verbrechen gehören eindeutig zu Bruscettas Lebenslauf, und darum”, so schreibt der Regisseur in seinen Anmerkungen, „bleibt er ein großes Mysterium... Niemand weiß genau, weshalb er kooperiert. Er scheint getrieben von Rache und dem Wunsch, eine Mafia zu bekämpfen, die nicht mehr im Einklang mit seinen Werten steht”.

 

„Verrat ist ein immer wiederkehrendes Thema im Film”, so Bellocchio, „das zum Nachdenken über Veränderung und Umkehr inspiriert: Inwieweit kann sich die innere Haltung ändern? Kann ein Mensch sich wahrhaftig und grundlegend im Lauf seines Lebens verändern, oder bleibt das immer bloß ein Vorwand? Ist Veränderung eine Art zu heilen, zu bereuen? Ist Buscetta, der die Bezeichnung „pentito” zeitlebens von sich gewiesen hat, diesen Weg der Heilung und Erlösung gegangen, um ein neuer Mensch zu werden? Oder hat er sich seine eigene Gerechtigkeit erschaffen?” Für viele aber war er nur ein Überläufer, ein Judas, jemand der ihre Arbeitsplätze vernichtet hat. Wen interessiert da Moral. Wütende Demonstranten ziehen während der Maxi-Prozesse unter Trommelwirbeln durch die Stadt. An den Häuserwänden Hassparolen. Seine Gegner werfen ihm vor, er habe sich kaufen lassen, verprasse nun das Geld der Steuerzahler. Eigenes Vermögen? Es stammt aus den gleichen dunklen Geschäften wie das der Angeklagten. Der Regisseur spekuliert weder auf die Faszination des Bösen noch stilisiert er seinen Protagonisten zum Helden, Bruscetta bleibt bis zum Schluss ein Mann voll unerklärlicher Widersprüche, vielleicht wollte er einfach nur überleben. Sein Traum: Ruhig in seinem Bett eines natürlichen Todes zu sterben.

 

Giovanni Falcone lässt sich nicht einlullen von Buscettas Glorifizierung der früheren Cosa Nostra als Hort von Würde und Ehre. Nun, Hühnerdiebe wären sie damals wohl auch nicht gewesen, entgegnet ihm der Richter mit leichter Ironie. Es ist ein für den Zuschauer amüsanter verbaler Schlagabtausch verbunden mit Rückblenden aus der Jugend des Mafiosi. Da verschanzt sich ein Todeskandidat hinter seinem wenige Wochen alten Sohn, um dem tödlichen Schuss zu entgehen, nie traut der Mann sich ohne den Buben mehr in die Öffentlichkeit, aber der Ehrenkodex erlaubte keine Ausnahme. Kinder und Frauen sind tabu. In einer anderen Szene bekommt Bruscetta Besuch im Gefängnis von einer Prostituierten, gehorsam verlassen die anderen Häftlinge den riesigen Schlafsaal, einer ist verstorben, schnell deckt ihn der Mafioso mit einem Laken zu, der Tod stört nicht bei der Liebe. „Il Traditore” ist voller Gegensätze, Facetten, Thrills und Wendungen, wechselt zwischen Tragik und Opera Buffa, ein sprach- wie bildgewaltiges Leinwand-Epos, immer fest verankert in der Realität.

 

Höhepunkt des Films sind die Anti-Mafia Prozesse selbst. Was manchen Kritikern fellinesk erschien, das war italienische Wirklichkeit. Beklemmend, abstoßend wie die Verhandlungen sich entwickeln zum gigantisches Spektakel trotz höchster Sicherheitsvorkehrungen: die Angeklagten im Gerichtsaal toben, fluchen hinter käfigkartigen Gittern, Tiraden von Beschimpfungen, aggressiv obszönen Gesten, der Hass auf Buscetta vereint sie. Die Beschuldigungen erfunden, heißt es, keiner will ihm je begegnet sein, ein absurdes Chaos. Wären da nicht die alten Fotos, unliebsame Zeitzeugen vergangener Gemeinsamkeit, die Freundschaft sei verflucht. Den Angeklagten wird das Recht eingeräumt, den Kronzeugen ins Kreuzverhör zu nehmen. Welche Farce, Buscetta schlägt sich tapfer. Die Richter dagegen wirken tölpelhaft hilflos, schon der Dialekt überfordert sie. Der Prozess endet mit 360 Schuldsprüchen. Ein Kontrollraum im Sicherheitstrakt des Gefängnisses mit den Überwachsbildern der einzelnen Zellen, noch einmal vereinen sich die Mitglieder der Cosa Nostra zum Gruppenfoto, die Ohnmacht täuscht. 1992 stirbt Giovanni Falcone bei einem Sprengstoffattentat. Die Mafiosi feiern stürmisch seine Ermordung. Buscetta entschließt sich, die Verbindungen offen zu legen zwischen Organisiertem Verbrechen und italienischen Politikern wie Giulio Andreotti, dem früheren Ministerpräsidenten. Fern jeden Heldentums stirbt er 2000 im eigenen Bett, wie er es sich erträumte. Aber die Angst vor der Rache seiner Gegner verlässt ihn in keinem Augenblick. Grandios das Finale des Mafia-Epos. Das erinnert in seiner Stimmung nun doch ein wenig an Sergio Leones „Es war ein mal in Amerika”.

 

 

 


Originaltitel: Il Traditore

Regie: Marco Bellocchio
Drehbuch: Marco Bellocchio, Ludovica Rampoldi, Valia Santella, Francesco Piccolo
Darsteller: Pierfrancesco Favino, Fausto Russo Alesi, Maria Fernanda Cândido, Nicola Calì, Fabrizio Ferracane, Luigi Lo Cascio, Alessio Praticò, Gabriele Arena,
Länge: 145 Minuten
Produktionsland: Italien, Frankreich, Deutschland, Brasilien, 2019
Verleih: Pandora Film Medien GmbH
Kinostart: 13. August 2020

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Pandora Film Medien GmbH

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