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Film

Sie war eine Ikone der Nouvelle Vague. An der Seite von Belmondo avancierte Jean Seberg, die 21jährige US-amerikanische Schauspielerin, durch Jean-Luc Godards Kult-Film „Außer Atem" (1960) weltweit zum Inbegriff neu entdeckter künstlerischer Freiheit. Doch in den Vereinigten Staaten gerät sie auf Grund ihres Engagements für die radikale Bürgerrechtsbewegung Black Panther ins Visier des FBI.

Der australische Regisseur Benedict Andrews kreiert mit „Jean Seberg – Against all Enemies” ein vielschichtiges Frauenporträt zwischen Glamour und Verzweiflung. Es erinnert an die Polit-Thriller aus den siebziger Jahren wie Francis Ford Coppolas „Der Dialog“ (1974) oder Alan J. Pakulas „Klute“ (1971). Grandios verkörpert Kristen Stewart die fragile Rebellin als Opfer von Fake News und Bespitzlung.

 

Schon mit den ersten Bildern stimmt Andrews das Publikum auf den Tenor seines Verschwörungsthrillers ein: Schmerzen, Angst, Hilflosigkeit. Es ist jene legendäre Scheiterhaufen-Szene aus „Die Heilige Johanna” (1957). Panische Schreie, die Flammen erfassen Hauptdarstellerin Jean Seberg, sie erleidet während der Dreharbeiten ernsthafte Verbrennungen, die Narben werden nie ganz verheilen, weder die körperlichen noch die seelischen. Der tyrannische Regisseur Otto Preminger (1905-1986) genoss es mit der Gefahr zu spielen, ging es doch um höchstmögliche Authentizität und Nervenkitzel. Unter Tausenden von Bewerberinnen war die 18jährige für die Rolle ausgewählt worden. Der Film erwies sich als wenig erfolgreich genau wie die beiden Folgenden – der Ruhm kam erst mit Godard.

 

Inzwischen ist Jean Seberg verheiratet in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller und Piloten Romain Gary (Yvan Attal), hat einen kleinen Sohn. Das Trauma fast vergessen, fliegt sie mit ihrem Agenten 1968 nach Hollywood, soll dort für die Hauptrolle eines Western-Musicals vorsprechen. Im Flugzeug trifft unsere Protagonistin auf den Black Panther-Aktivisten Hakim Jamal (Anthony Mackie), der erscheint in der 1. Klasse und fordert lautstark mehr Respekt für seine Begleitung, die Witwe von Malcolm X, bereitwillig überlässt Jean ihre Plätze und freundet sich mit ihm an. Bei der Landung wartet schon ein Heer von Pressefotographen auf die Schauspielerin. Sie lässt sich mit Jamal und seinen Mitstreitern ablichten, die Faust zum kämpferischen Gruß erhoben. Das ist wahrlich nicht die Art von Publicity, auf die ihr Agent hoffte. Und doch hatte Seberg aus ihren Überzeugungen kein Geheimnis gemacht, schon seit dem 14. Lebensjahr war sie Mitglied der NAACP, einer der ältesten und einflussreichsten schwarzen Bürgerrechtsorganisationen der USA. Und so ist es für sie eine natürliche Reaktion, die Black Panther-Bewegung mit Spenden zu unterstützen, ihnen ihre luxuriöse Villa für politische Treffen zu überlassen. Der Überwachungsapparat von FBI-Chef J. Edgar Hoover läuft auf Hochtouren.

 

Fast unheimlich wie Kristen Stewart („Personal Shopper“, „Die Wolken von Sils Maria“) sich in Jean Seberg verwandelt. Die Kamera (Rachel Morrison) ist voll konzentriert auf die androgyne Titelheldin, und wir glauben sie zu kennen, Godards Noir scheint heute längst Teil des kollektiven Gedächtnisses. Während der Pressekonferenz nach ihrer Ankunft in Hollywood fragt ein Reporter die Schauspielerin: „Wer ist Jean Seberg? Warum hat sich ganz Frankreich in sie verliebt?” Die Antwort klingt lakonisch: „Sie verliebten sich in eine Rolle, stattdessen bekamen sie mich.” Die junge zierliche Frau mit dem markanten blonden Pixie macht den Anwesenden unmissverständlich klar, vor dem Image vom Sweetheart aus dem Mittleren Westen hat sie längst die Flucht ergriffen. Wer ist Jean Seberg? Sie bleibt ein Mysterium, in das alle, ob Bewunderer oder erbitterte Gegner ohne Skrupel etwas hineininterpretieren. Auch wir sehen in ihr irgendwie noch immer die bezaubernde amerikanische Studentin Patricia, die auf dem Champs-Élysée Zeitungen verkauft. „Außer Atem", das ist jene tragisch endende Lovestory mit dem Kleinkriminellen Michel, der auf der Flucht einen Polizisten erschießt und den sie am Ende verraten wird. Selbst das T-Shirt mit dem New York Herald Tribune Aufdruck ist heute Kult.
 
Viele Stars des Neuen Hollywoods waren politisch engagiert, bezogen Position gegen den Vietnamkrieg und den erschreckenden Rassismus ihres Landes. Jane Fonda gehörte dazu, Marlon Brando, Paul Newman und auch Vanessa Redgrave unterstützten die Black Panthers öffentlich wie finanziell. Nur Jean Seberg beginnt mit dem verheirateten Black Panther Aktivisten Jamal auch eine Affäre, welche Folgen diese Beziehung in der Hoover-Ära haben könnte, blendet sie aus. Regisseur Benedict Andrews („Una”, 2016) hatte nach eigenen Worten nicht „das geringste Interesse” an einem konventionellen Biopic oder der Glorifizierung der sechziger und siebziger Jahre. „Jean Seberg – Against all Enemies” verdichtet Fakten und tatsächliche FBI-Dokumente zu einer fiktiven Geschichte, die Jeans subjektive Gefühlswelt nachzuempfinden versucht. Die Villa wird verwanzt, die Telefongespräche abgehört, die Schauspielerin auf Schritt und Tritt verfolgt. Drohanrufe beginnen, sie spürt, da ist jemand, der sie beobachtet. Ihre Nervosität und Angst wachsen. Beim FBI hat es Anweisungen von oben gegeben, Seberg soll demontiert werden. Der junge ehrgeizige Überwachungsspezialist Jack Solomon (Jack O’Connell) ist im Rahmen der umstrittenen COINTELPRO-Operation auf sie angesetzt. Er entwickelt bald Skrupel wie einst Stasi-Agent Gerd Wiesler in „Das Leben der Anderen”, fühlt sich verantwortlich für Jean. Privat ein Sammler der Vintage Comics von Steve Rogers, ist er innerlich tief desillusioniert, kann er doch selbst nie die Rolle des Captain America übernehmen.

Jamals Ehefrau Dorothy (Zazie Beetz) reagiert mit Verachtung auf weiße Großzügigkeit, und weiße Märtyrerinnen kann die Black Panther-Bewegung noch weniger gebrauchen. Die Beteuerungen Jeans, sie wolle nur helfen, kontert die schwarze Aktivistin mit: „Das macht Dich nicht zu einem besseren Menschen, sondern zu einer Touristin.” Romain Gary zieht das politische Engagement seiner Frau ins Lächerliche, glaubt nicht, dass sie abgehört wird, ihre einzige Leistung seien zwei gescheiterte Ehen. Verzweiflung und Paranoia wachsen. Mit Hilfe der Klatschkolumnisten Joyce Haber setzen die FBI-Agenten das Gerücht in Umlauf, Jean Seberg sei schwanger von Jamal. Die Schmutzkampagne funktioniert, die Fake News sorgen international für Schlagzeilen. Jeans Tochter Nina wird Monate zu früh geboren und stirbt nach zwei Tagen. Bei der Beerdigung ließ Jean den Sarg öffnen, um der Welt zu beweisen, dass ihre Tochter weiß ist, also keinesfalls das Kind des Black Panther Aktivisten. Nein, das wird nicht im Film gezeigt. Die Schlacht ist verloren, ein Traum zerstört. Seberg war für Andere oft nur Mittel zum Zweck, eine Schachfigur, die je nach Belieben hin und hergeschoben wird, Männer bestimmen ihr Schicksal, sie versucht Widerstand zu leisten, Haltung zu bewahren, sie scheitert, zerbricht wie viele, die solchem Psychoterror ausgesetzt sind. Das wundervolle luxuriöse Ambiente in David Hockney-Farben verstärkt jenen Albtraum ins schier Unerträgliche. Der Bezug zu Trump und dem heutigen Amerika ist nur zu offensichtlich.
 
Wenn Jean Seberg in den Spiegel blickt, ist es, als würde sie sich selbst nicht in der Reflektion erkennen. Sie hat so viele Rollen spielen müssen, sich angepasst oder versucht sich dagegen zu wehren, irgendwann verlor sie sich. Unwillkürlich zwingt uns das Neo Noir ab einem bestimmt Zeitpunkt darüber nachzudenken, wie viel Film mit Überwachung zu tun hat, die unsichtbaren Mikrophone, Kameras, jedes Geräusch wird aufgefangen, jede Bewegung festgehalten. Das Kino als Kunstform macht uns zum versierten Voyeur. Die Idee der Drehbuchautoren Joe Shrapnel und Anna Waterhouse ist, dass sich das Leben einer realen und einer fiktiven Gestalt überschneiden, Jean und Jack existieren manchmal Seite an Seite auf verschiedenen Ebenen, begegnen dürfen sie sich eigentlich nicht, ihre Verbindung ist enger als die zum eigenen Partner. Auch davon handelt Andrews emotionale Spurensuche. Die Revolution braucht Filmstars. Eine Schauspielerin spielt eine Schauspielerin, ihre Biographien haben viel gemeinsam. Am stärksten berührt der Thriller, wenn Jean allein mit ihrer Angst ist, allein mit dem, der sie beobachtet, dem allgegenwärtigen unbekannten Feind. Schon anfangs wirkt sie unsicher, ihre Finger fahren immer wieder durchs Haar, doch noch schafft sie es, verbal sich zu positionieren: „Sie waren überhaupt nicht auf mein Geld aus, sondern auf mich”, sagt sie zu Jamal. Eine Frau immer in der Defensive, sie weiß um die Schattenseite des Ruhmes, das macht sie als Celebrity verletzlich, und unendlich einsam.
 
Jean Seberg starb am 30. August 1979, so lautet zumindest das offizielle Todesdatum. Zehn Tage zuvor war sie verschwunden. Man fand die 40jährige Schauspielerin in ihrem Wagen. Todesursache: Suizid, aber mit ungeklärten Fragen. Romain Gary behauptete, dass FBI hätte sie in den Tod getrieben. Gegen die amtliche Selbstmord-Theorie spricht einiges. Das Federal Bureau of Investigation musste später seine Verleumdungskampagne zugeben.

 

 


Originaltitel: Jean Seberg – Against all Enemies

Regie: Benedict Andrews
Drehbuch: Joe Shrapnel, Anna Waterhouse
Darsteller: Kristen Stewart, Jack O’Connell, Margaret Qualley, Gabriel Sky, Vince Vaughn, Anthony Mackie, Stephen Root
Länge: 102 Minuten
Produktionsland: Großbritannien, USA, 2019
Start: 17. September 2020
Verleih: Prokino Filmverleih

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Prokino Filmverleih GmbH

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