Meinung

Wahlverwandtschaften

Einst, in längst vergangnen Zeiten,

Trafen Sechse sich.

Liebe? Sicherlich?

Lässt sich drüber streiten.

Geschlechtlich ging es zu,

Sagt des Volkes Mund.

Geschwätz, es tut sich kund,

Freunde, gebt doch Ruh!

Sie gaben sich verloren,

Wie’s auch geschrieben steht.

Ein jeder hat gefleht,

Sie all, sie waren Toren.

Ist’s Selb- und Anderssein?

Geraten in Gefahr.

Verfehl‘n sich um ein Haar,

Und blieben stets allein.

Ein Jeder ist ganz nah bei sich,

Der Andre, der ist fern.

Kommt all und seid für mich,

Wer ist’s, der hat mich gern?

Wer mag entziehen sich?

So frag‘ ich in die Rund.

Gemach, ich geb‘ es kund,

Geliebtes Lächeln… Fürchterlich.

Ihn trifft’s ins Herz hinein,

Die Hoffnung, sie ist hin.

Bloß Nieten, kein Gewinn,

Fortan will ich nur sein.

Die Ferne nahm ihn auf.

In Raum und Zeit verloren,

Zu neuer Kraft geboren,

Hob an des Lebens Lauf.

Kälte, Hochgefahr.

Hab acht, ich bin doch da.

Magst für dich nur sein.

O liebes Herz, sei mein.

 

Die Involvierten

Nietzsche, Friedrich Wilhelm. Erblickte das Licht der Welt am 15. Oktober 1844 in Röcken. Verstorben am 25. August 1900 in Wei­mar. Nicht mehr, wie es heißt, bei sich selbst über einen Zeitraum von zehn Jahren. Seine ursprüngliche Leidenschaft galt der klas­sischen Philologie. Geriet auf intellektuelle Abwege, aus der Sicht der Fachgenossen. Das bedeutete in praxi: Er isolierte sich oder wur­de isoliert. Das hatte Bestand bis an das Ende seiner Tage und noch darüber hinaus. Der Ruhm, der bis heute währt, kam danach. Er selbst hat ihn nicht mehr erlebt. Auch seine Dichtungen und musi­kalischen Kompositionen … unbekanntes Land. Recht besehen bis auf den heutigen Tag und bis in der Zeitenferne.

 

Wagner, Wilhelm Richard. * 22. Mai 1813 in Leipzig. Eine Sternstunde, unter musikgeschichtlichem Blickwinkel. Der gleichfalls lang Ver­kannte empfand das selbst so. Dass Selbstzweifel je an ihm genagt hätten, ist nicht überliefert. Sein Lebensweg endete – die „heilige Stunde“ – am 13. Februar 1883 in Venedig. Das Symbol des Kreu­zes markiert das finale Verstummen. Ein Gläubiger, der an sich und den Anderen glaubte und deswegen von dem Verächter christlicher Moral verlassen ward, war verstummt. Und klingt nach in seiner Musik. Bis heute, aller politisch motivierten Vorbehalte zum Trotz. Der Tausendsassa war natürlich und vor allem Komponist. Aber er war auch, worauf er sich, wie stets, viel zugutehielt, Dramatiker, Dichter, Schriftsteller, Theaterregisseur und Dirigent. Hinfort mit den dialogisch-dramatischen Nummernopern und ihren verstaub­ten – Stillstand pur, aller vermeintlichen Dramatik zum Trotz – Rezitativen! Stattdessen epische Musikdramen. Chromatische 12-Ton-Musik, wenn man so will, Leitmotivtechnik inklusive. Ein mu­sikalischer Neuerer ganz großen Stils. Wie der Andere, der vereh­rende Verehrte und späterhin enttäuscht Abtrünnige. Nicht zuletzt die in praxi umgesetzte Festspielidee, die der ausschließlichen Auf­führung der eigenen Werke den Boden bereiten half, stieß bei dem Hochsensiblen auf vehementen geistigen Widerstand. Und auch sein obsessiver Antisemitismus blamierte sich in seiner kleinbür­gerlichen Borniertheit an der Weite des Intellekts Desjenigen, der dem lebensphilosophischen Optimismus frönte.

 

Liszt, Franz. Ein Stern gebührt auch ihm, dem nachmaligen Schwie­gervater des Anderen. Und wohl noch mehr. Denn er war freigebig. Aufmerksam. Hilfsbereit. Hatte ein großes Herz. Alles andere als ein Egomane. Nein, er gab sich hin auf Gedeih und Verderb, gar nicht viel anders als der Frühverstorbene aus der prunkvollen Klein­stadt dort unten an der Salzach. Sein ruhmvolles irdisches Dasein wehrte vom 22. Oktober 1811 bis zum 31. Juli 1886, da er in Weimar sein Leben aushauchte. Und tragisch ist’s: Der Nachruhm als Kom­ponist ist ihm in summa verwehrt geblieben. Woran sich bis heute nichts geändert hat. Der Komponist und Schöpfer hochsynthetischer Sinfonischer Dichtungen soll summa summarum und bis auf wenige Ausnahmen, die, so geht Paradoxie, in Gestalt seiner Werke fürs Pianoforte den Großteil dessen ausmachen, was der Meister geschaffen hat, vernachlässigenswert sein. Der Pianist, der Dirigent, der Theaterleiter und schließlich der Musikpädagoge, die standen damals und stehen bis zur Stunde hoch im Kurs. Denn Liszt war einer der prominentesten und einflussreichsten Klaviervirtuosen seiner Zeit. Was zählt da das Werk des Tonsetzers mit einer Opus­zahl, die die Tausend weit überschreitet und hinter sich lässt?! Er ist neben Wagner mit seinem Konzept der gleichfalls chromatisch un­terlegten Programmmusik so etwas wie das Schulhaupt der soge­nannten Neudeutschen Schule. Und er war der Mitbegründer des Allge­meinen Deutschen Musikvereins.

 

Andreas-Salomé, Lou. Der Stern der ausnehmend hübschen und lieb­reizenden, hochintelligenten und mit außergewöhnlicher geistiger Weite begabten geborenen Louise von Salomé, die sich, aus Lust an der Verstellung, auch gelegentlich Henri Lou nannte, ist am 12. Februar 1861 in St. Petersburg aufgegangen. Sozusagen. Am 5. Februar 1937 tat sie in Göttingen ihren letzten Atemzug. Ihre Wir­kung auf den männlichen Teil der Weltbevölkerung soll erheblich gewesen sein. Selbstredend nur auf den, der ihrer in Glück und Leid ansichtig wurde. Nietzsche, dessen Freund Paul Rée und der um Etliches jüngere Rainer Maria Rilke sollen ihr verfallen sein. Sigmund Freud mag sich auch seinen Teil gedacht oder vielmehr empfunden haben, als ihre Lebensbahn sich relativ spät und bereits im neuen Jahrhundert mit der seinen kreuzte. Ungebunden zu sein und sich nicht binden zu lassen, egal von wem, das mag als Motto über ihrer intellektuell weitläufigen schriftstellerischen Laufbahn ge­standen haben. Und nicht bloß über der…

 

Warst mir die mütterlichste der Frauen,

ein Freund warst Du, wie Männer sind,

ein Weib, so warst Du anzuschauen,

und öfter noch warst Du ein Kind.

Du warst das Zarteste, das mir begegnet,

das Härteste warst Du, damit ich rang.

Du warst das Hohe, das mich gesegnet –

und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.

(Rainer Maria Rilke)

 

Wagner, Cosima Francesca Gaetana, geborene Liszt. Bekanntermaßen lag ein gestörtes Vater-Tochter-Verhältnis vor. Der Weitgereiste und Hochbegehrte Alte Herr hat sich nur sehr rudimentär um sein Töchterlein gekümmert. Das scheint die notorisch Vernachlässigte ihrem Papa nie wirklich vergessen zu haben. Der Name ist Pro­gramm. Das Artifizielle ist ihr quasi in die Wiege gelegt worden. Die Wiege: Geboren – ausgerechnet! – am 24. Dezember 1837 in Bel­lagio am Comersee. Verschieden am – auch nicht schlecht! – 1. April 1930 in Bayreuth. Eigentlich war sie ja eine geborene de Flavigny. Tochter der Schriftstellerin Gräfin Marie d’Agoult, was, nach der Trennung von dem weltberühmten Pianisten, auch noch für innerfamiliäres böses Blut gesorgt haben soll. Nein, wirklich, Cosimas Start ins Leben war alles andere als erbaulich. Wenngleich, die Aus­richtung ihres Geistes mag sie ihrem Vater verdankt haben. Musik steht im Fokus. Auch unter dem Aspekt der Doppelvermählung. Was missverständlich klingt. Deswegen präziser formuliert: Zu­nächst hat sie dem Dirigenten Hans Freiherr von Bülow ihr Ja-Wort gegeben. Viel wichtiger allerdings ist, dass sie sich nach der Schei­dung mit dem Musikgenie und Tausendsassa Richard Wagner gei­stig-emotional vereinigt hat. Sie wurde seine ihn anhimmelnde Mu­se. Womit der wechselseitigen Bedürftigkeit Genüge geschehen war. Ihr eigentliches Lebensziel nahm nach dem Hinscheiden des Gatten 1883 Gestalt an: Sie leitete bis 1906 die Bayreuther Festspiele.

 

Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg-Ludwigsburg, geb. von Iwanowska, Carolyne Elisabeth. Dies ihr vollständiger Name. Gerät in Fürstenhäu­sern immer wieder einmal etwas unübersichtlich. Geboren am 7. Februar 1819 in Monasterzyska bei Ternopil in der Westukraine. Gestorben am 10. März 1887 in Rom. Was nicht schlecht zu ihrer im Alter immer ausgeprägter hervortretenden religiösen Grundein­stellung passt. Sie war die kongeniale Lebensgefährtin Franz Liszts, nachdem dieser sich von Marie d’Agoult getrennt hatte. Oder sie sich von ihm … Goethe, immer wieder Goethe. Weimar zunächst, wo Liszt die Stelle des Kapellmeisters offeriert worden war. Zwölf Jahre lang lebten sie zurückgezogen – in trauter Eintracht und Har­monie, wie es scheint – in der sogenannten Altenburg. Carolyne Liszt, das ist historisch verbürgt, stand ihrem Gemahl während dieser Zeit in jeder Hinsicht zur Seite und unterstützte ihn, wo sie nur konnte. Geheimnisumwoben allerdings ist und bleibt, wie groß ihr Einfluss auf den Pianisten und Tonsetzer wirklich war. Hat es damit seine Richtigkeit, dass die Liszt zugeschriebene Chopin-Biographie in Wahr­heit aus ihrer Feder stammt? Fest freilich steht, dass sie den unruhi­gen Geist zu zahlreichen Kompositionen anregte. An die Stelle des Flatterhaften seines Wesens, das der Tatsache geschuldet sein mag, dass Liszt zunächst als hochumjubelter Star-Pianist sich die meiste Zeit auf Konzertreisen befunden hat – er galt ja landauf-landab als der Magier des Pianofortes –, trat der unermüdliche Fleiß des Kom­ponisten. Unter Carolynes Einfluss wurde Liszt zum gewissenhaften Arbeiter, der, mehr oder weniger von den Fachgenossen unbe­merkt, eine neue musikalisch-harmonische Formensprache schuf. Die sich, selbstredend, schon angebahnt hatte und in der Luft lag. Kulturhistorisch betrachtet existieren die vielbeschworenen großen Umstürze und erderschütternden Revolutionen, die sich dann an einen Namen heften, nicht. Das, was sie jeweils vorbereitet hat, mag sich hinter den Kulissen zugetragen haben. Aber der, der das allemal zeitgemäße Zauberwort ausgesprochen hat, konnte dies lediglich deswegen, weil ihm von anderer Seite bereits zugearbeitet worden war. – Lediglich Wagner übrigens mag realisiert haben, dass und wie der in Maßen große Neuerer ihm vorangeschritten war und subku­tan die Richtung vorgegeben hatte. Was einzugestehen ihm aller­dings absonderlich vorgekommen wäre, hätte er sich denn Rechen­schaft darüber abgelegt. Apropos Wagner: Unter Carolynes Ägide fanden sonntägliche Matineen mit befreundeten Künstlern statt. Man musizierte gemeinsam mit Richard Wagner und Hector Ber­lioz, der Carolyne freundschaftlich verbunden war. Er hat der Für­stin unter anderem seine Oper Les Troyens dediziert.

 

Doch nun zu den herzerhebenden oder das Gemüt in Trauer zu­rücklassenden intellektuell-emotionalen Verwicklungen im kultur­historisch allemal relevanten Hexagon.

„Sie liebt mich, sie liebt mich nicht.“ Gänseblümchen in der Hand, um mit pochendem Herzen abzuzählen. Wie ein Kind, so aufgeregt und hibbelig wie zu Weihnachten, wenn die Stunde der Bescherung schleichend näher rückt. Beziehungsweise wenn, der freudigen Er­regtheit sei Dank, die Zeit stillzustehen scheint. Also kein Fort- und Vorankommen in Sicht ist.

 

Nein, sie liebte ihn ganz entschieden nicht. Verehrung. Das ja. Be­wunderung. Gebannt hing sie an seinen oberlippenbartbewährten Lippen, wenn sich sein hochsensibler Intellekt in eiseskalte geistige Sphären aufschwang. Der Anti-Bourgeois in ihm hatte es ihr ange­tan. Der Ungebundene. Der Freie. Der sich durch nichts und Nie­manden imponieren ließ. Wie sie selbst es bei und für sich hielt. Sich selbst zu leben, das war ihr, wie es schien, in die Wiege gelegt wor­den. Das war ihr lebenslanges Credo.

Aber er hatte sich ja in Abhängigkeit befunden. Von dem Musikzau­berer in Bayreuth, der es fast geschafft hätte, ihn seiner selbst zu entfremden. Einen Gläubigen aus ihm zu formen, der doch letzten Endes und im tiefsten Innern der Ungläubige und wo­möglich ganz und gar Amoralische war und sein wollte.

 

„Es mag mir geschehen, was will – ich verliere nie die Gewissheit, dass hinter mir Arme geöffnet sind, um mich aufzunehmen.“ Diese letzte Seinsgewissheit ermangelte ihm. Wie dem Anderen, den er zunächst hingebungsvoll verehrt und anschließend hingebungsvoll verachtet hatte. Das Leben eines Dekadent ist ruinös und kann letzten Endes nur im geistig-emotionalen Bankrott enden. Das war ihre feste Überzeugung. Ein Nihilismus sans phrase geht an sich selbst und seiner inneren Haltlosigkeit zugrunde. Und da sie das nicht und auf gar keinen Fall gewollt hatte, kam eine womöglich noch vom Staat und der Kirche abgesegnete Beziehung mit und zu ihm nimmermehr in Frage. Und dass er, zu allem Überfluss, um ihre Hand hatte anhalten lassen von seinem Freund Rée, das sah doch wahr- und wahrhaftig nach einem literarischen Zitat aus. Und gab doch erneut nur dem Ausdruck, dass er der ganz und gar Verun­sicherte war, der an das, was er mit Seherblick von sich gab, selbst nicht wirklich glauben konnte. Die in ihren Staat „vergnügten“ Uni­versitätsprofessoren – was für eine treffliche Bemerkung mit Wahr­heitswert weit über ihre Gegenwart hinaus sowohl ins Vergangene wie vermutlich auch ins Zukünftige –, sie und ihr devotes Gebaren waren auch ihm, da war sie sich sicher, alles andere als wesensfremd.

 

Sie dagegen war bereits im Alter von 16 Jahren aus der Kirche aus­getreten. Hatte die Konfirmation verweigert. Darüber hinaus aber und vor allem war sie von einem schier unglaublichen Wissensdurst geradezu besessen gewesen. Womit hatte sie sich nicht alles mit heißem Kopf beschäftigt?! Mit Vergleichender Religionsgeschichte und Religionsphänomenologie. Mit Philosophie, Logik, Metaphysik und Erkenntnistheorie. Sie hatte die klassische französische Literatur verschlungen. Descartes und Pascal; Schiller, Kant und Kierkegaard, Rousseau, Voltaire, Leibniz, Fichte und Schopenhauer zur Gänze gelesen. Nach dem Tod ihres Vaters war sie gemeinsam mit ihrer Mutter im Herbst 1880 nach Zürich gezogen und hatte in den Jah­ren 1880 und 1881 Vorlesungen an der Universität Zürich als aller­dings nicht eingeschriebene Gasthörerin besucht. Ihr Pensum war erneut enorm gewesen: Sie hörte über Philosophie, Logik, Ge­schichte der Philosophie, Psychologie und Theologie. Und wiede­rum war ihr all das ungeheuer leichtgefallen, verstörend leicht. Diese rasche Auffassungsgabe war ihr an ihr selbst unheimlich geworden. Und hatte die, mit denen sie in Kontakt getreten war, nicht selten vor den Kopf gestoßen. Bei aller Bewunderung, die mehr als bloß insgeheim mitgeschwungen war.

Was sie gewollt hatte? Eine intensive Arbeitsgemeinschaft mit Nietzsche und Rée. Die „Dreieinigen“, die in ihrer gemeinsamen Wohnung, sei‘s in Wien, sei‘s in Paris, dem Studium, der Schrift­stellerei und der Diskussion obliegen würden. Daraus war nichts ge­worden, weil der Hochfliegende stets mehr von ihr gewollt hatte als dieses von ihr projektierte geistig-intellektuelle Band.

 

Das finale Verstummen war unvermeidlich gewesen. Der Ort: Leipzig. Das Jahr: 1882. Herbst. Die Jahreszeit des Abschieds. Wie hatte er sich kurz zuvor ihr gegenüber, ganz Verzagtheit, geäußert?: „An jedem Morgen verzweifle ich, wie ich den Tag überdaure … Heute Abend werde ich so viel Opium nehmen, dass ich die Ver­nunft verliere: Wo ist noch ein Mensch den man verehren könnte! Aber ich kenne Euch alle durch und durch“. Das war gegen sie und den Freund gerichtet gewesen und mochte letztlich den Ausschlag gegeben haben, dass man sich in wechselseitigem Einvernehmen, wie es heißt, getrennt hatte.

 

Nichts desto trotz, sie hatte noch zu seinen Lebzeiten, als der intel­lektuell und emotional so unglaublich Heikle noch unter ihnen war oder vielmehr in völliger geistiger Isolation vor sich hindämmerte, in ihrem Buch Nietzsche in seinen Werken, das 1894 erschienen war, versucht, den „Denker durch den Menschen zu erläutern“. Das war sie ihm schuldig gewesen, auch wenn sie wusste, dass den, dem diese liebend-verehrungsvolle Rückschau galt, ihr Habe-Dank nicht mehr erreichen würde.

 

Was – umgekehrt – sie nie erfahren hat, auch wenn sie es geahnt haben mag, das hat er in einem Brief an seinen Sekretär Peter Gast formuliert. Nämlich sein von allen Kränkungen unbelastetes Urteil über die Frau seines Lebens: „Lou ist scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe … Nach Bayreuth kommt sie zu mir, und im Herbst siedeln wir zusammen nach Wien über. Wir werden in einem Hause wohnen und zusammen arbeiten; sie ist auf die erstaunlichste Weise gerade für meine Denk- und Gedankenweise vorbereitet. Lie­ber Freund, Sie erweisen uns beiden sicherlich die Ehre, den Begriff einer Liebschaft von unserem Verhältnis fernzuhalten. Wir sind Freunde und ich werde dieses Mädchen und dieses Vertrauen zu mir heilig halten. – Übrigens hat sie einen unglaublich sicheren und lau­teren Charakter.“

Das war klug, weise, abgeklärt gesprochen. War es das wirklich? Ja und nein. Denn wenn er ganz tief in sich hineinhorchte oder nicht einmal gar so tief, dann klang es so aus seinem Innern zurück:

Hatem

Locken! haltet mich gefangen

In dem Kreise des Gesichts!

Euch geliebten braunen Schlangen

Zu erwidern hab ich nichts.

 

Nur dies Herz es ist von Dauer

Schwillt in jugendlichstem Flor;

Unter Schnee und Nebelschauer

Rast ein Ätna dir hervor.

 

Du beschämst wie Morgenröte

Jener Gipfel ernste Wand,

Und noch einmal fühlet Hatem

Frühlingshauch und Sommerbrand.

 

Schenke her! Noch eine Flasche!

Diesen Becher bring ich Ihr!

Findet sie ein Häufchen Asche,

Sagt sie: Der verbrannte mir.

 

Wäre ihre Antwort, er hätte sein Leben darangegeben, doch die Su­leikas gewesen … Und war sie es denn nicht?!

Suleika

Nimmer will ich dich verlieren!

Liebe gibt der Liebe Kraft.

Magst du meine Jugend zieren

Mit gewaltger Leidenschaft.

Ach! wie schmeichelts meinem Triebe

Wenn man meinen Dichter preist:

Denn das Leben ist die Liebe,

Und des Lebens Leben Geist.

 

Ihre beiden Credos:

„Ich bin Erinnerungen treu für immer: Menschen werde ich es nie­mals sein.“

 

„Wir wollen doch sehn, ob nicht die allermeisten sogenannten ‚un­übersteiglichen Schranken‘ die die Welt zieht, sich als harmlose Kreidestriche herausstellen!“

1868. Ein schicksalhaftes Jahr. Für alle Beteiligten. Also für Nietz­sche selbst, für den musikalischen Neuerer und dessen Gattin Cosi­ma. Die zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht dessen Anvermähl­te war. Der Ort der ersten Begegnung ist Leipzig gewesen. Die eh­renvolle Berufung des 25jährigen zum außerordentlichen Professor für klassische Philologie an die Universität Basel stand unmittelbar bevor. Der blutjunge Himmelsstürmer verdankte den Ruf ins nahe gelegene Ausland vor allem der Empfehlung Friedrich Willhelm Ritschls. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als seine im Ergebnis fulmi­nante Promotion – honoris causa – noch gar nicht in trockene Tü­cher gebracht worden war, und folgerichtig auch die Habilitation noch zu den unerledigten Projekten gehörte.

 

Noch ein Wort zu Ritschl. Dem hochverehrten Lehrer und Ersatz­vater. Der war in Folge des Bonner Philologenstreits – einem eher unappetitlichen Berufungsgezänk und -gezerre unter der Professo­renschaft – an die Universität Leipzig gewechselt. Nietzsche stand nicht an, gemeinsam mit seinem Freund Gersdorff ebenfalls nach Leipzig zu ziehen. Hier wurde der Grund gelegt für die philologi­schen Sonderwege, die Nietzsche in der Folgezeit betreten sollte. Und die ihn nach der relativ kurzen Zeit des Ruhmes ins aka­demische Abseits manövrieren sollten.

 

Zurück zu Wagner, dem – zunächst – zutiefst verehrten Schöpfer dramatischer Fest- und Weihespiele. Wann immer es sich einrichten ließ, machte er sich von Basel aus auf den Weg nach Tribschen bei Luzern, wo der „Meister“ selbstschöpferische Sprachgebilde im ho­hen Hymnenstil musikalisch materialisierte. Und der in dem ide­alisch veranlagten Jungspund vor allem so etwas wie den annähernd kongenialen Fahnenträger der von ihm ins Leben gerufenen hehren Tonkunstkultur erblickte. Den es entsprechend wohlwollend aufzu­nehmen galt. Einen sich des Ernstes der Lage bewussten Propagan­disten universalen Neuerertums, der auch der Gründung des Bay­reuther Festspielhauses aufgeschlossen gegenüberstand, galt es an sich zu binden.

 

Und dann war da ja noch das 1872 veröffentlichte Werk Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, das den Tonsetzer geradezu in Verzückung versetzen sollte. Endlich einer, der ihn in seinem un­entwegten Streben verstand und historisch adäquat einzuordnen vermocht hatte. Der begriffen hatte, dass der wahre Hintergrund wahrhaft großer Musik nur ein tragischer sein konnte. Verkörpert in den bereits in der griechischen Antike gebräuchlichen Chorge­sängen. Der Initiierte hatte intuitiv verstanden und ausgesprochen, dass diese musikalische Unterfütterung in Gestalt des als Schicksal den Lauf der menschlichen Dinge bestimmenden Chorgesangs das Ur-Wesen tragischer Verwicklungen gewesen war und – vor allem dank seiner Musikdramen – in Zukunft wieder sein sollte. Was scherte es ihn, dass in dieser Untersuchung über den Ursprung der Tragödie die exakte philologische Methode durch philosophische Spekulation ersetzt worden war. Und was scherte es ihn, dass diese als waghalsig und historisch nicht belegbar von der Professoren­schaft beargwöhnte Rabulisterei den unter dem Wissenschaftsge­sichtspunkt Abtrünnigen bereits recht früh ins akademische Abseits manövrierte.

 

Nietzsche Wagner

Friedrich Nietzsche als Artillerist, August 1868. / Richard Wagner in München, 1864. Fotograf jeweils unbekannt, beide gemeinfrei.

 

Spätestens jetzt wusste man es oder konnte es jedenfalls wissen: „Ernst ist das Leben, heiter die Kunst“!?, wie es von Schiller into­niert worden war. Nein, gerade umgekehrt, oder jedenfalls fast. Die Heiterkeit der Kunst verdankt sich und ruht auf dem dunklen Grund eines keiner menschlichen Zielvorgabe gehorchenden und folglich schicksalhaften Tumults. Dem selbst noch die Götterwelt ausgesetzt ist und unterliegt. Genau dieses Unterliegen und heillose Getriebenwerden durch einen ziellosen, pur kreatürlichen und absolut unbewussten Welt-Willen, wie er von Schopenhauer, dem verehrten Vordenker, intoniert worden war, war es, das die vielbeschworene Heiter­keit der Kunst in tragischer Trauer ihren Anfang und ihr Ende fin­den ließ. Die ewig herbeigesehnte Erlösung von den Drangsalen des Getriebenseins, sie war ein uneinlösbares Wunschgebild der sonst an sich und ihrer – bestimmungslosen – Bestimmung verzweifeln­den Menschheit. Und dieser Trauer gab seine Musik auf eine sog­artige Art Stimme. Eine Trauer, die nicht weichen kann. Ein nicht enden wollender böser Traum der Verzückung zieht und zieht und zieht in stets gebrochenen Halbton-Harmonien dahin. Dieses in Düsternis verzückte tonkünstlerische Getriebensein mag vielleicht einen An­fang haben. Aber es hat kein Ziel, und folglich verschwebt es letztlich immer ins musikalisch-thematisch Uferlose.

 

Wer des Schönen will habhaft werden, dem darf vor dem Wegelosen nicht bange sein. Das die Sinne Verwirrende zieht sie hinan. Die Uridee des Musikdramas. Tristan und Isolde. Liebestod. „O über­schwenglicher und unersättlicher Jubel der Vereinigung im ewigen Jenseits der Dinge! Des quälenden Irrtums entledigt, den Fesseln des Raumes und der Zeit entronnen, verschmolzen das Du und das Ich, das Dein und Mein sich zu erhabener Wonne. O sink hernieder, Nacht der Liebe, gib ihnen jenes Vergessen, das sie ersehnen, um­schließe sie ganz mit deiner Wonne und löse sie los von der Welt des Truges und der Trennung. Siehe, die letzte Leuchte verlosch! Wie sie fassen, wie sie lassen, diese Wonne fern den Trennungs­qualen des Lichts? Sanftes Sehnen ohne Trug und Bangen, hehres, leidloses Verlöschen, überseliges Dämmern im Unermeßlichen! Du Isolde, Tristan ich, nicht mehr Tristan, nicht mehr Isolde – – –.“ (Thomas Mann)

 

Ins Persönlich-Individuelle gewendet, dort allerdings nicht ganz bar einer zum leisen Schmunzeln aufreizenden Komik, Du Diotima, Richard ich, nicht mehr Richard, nicht mehr Diotima. So mag es Diejenige empfunden haben, die in Ihm, dem Einzigen und vehement Ange­himmelten, die lebenslang schmerzlich vermisste Vaterfigur (wie­der-) gefunden hatte.

 

Was begegnet einsam neue Pfade betretenden Revolutionären? Sie bleiben, bestenfalls, unverstanden und werden totgeschwiegen. Bes­tenfalls? Nein, sie geben dem Skandal eine Verlaufsform. Als Indivi­duen mögen sie an dieser Ablehnung durch die sich für extrem ge­scheit haltenden Fachgenossen zerbrechen. Als den jede Schranke des Traditionellen niederreißenden Grenzgängern wird ihnen die Zukunft offenstehen, die sie in ihrem nimmermüden, unerschrocke­nen Wirken antizipieren. Die „tintenklecksenden Flohknacker“ der bereits jetzt der Vergangenheit angehörigen Gegenwart werden sich in ihrer spießbürgerlichen Prinzipienfestigkeit alsbald selbst als die Abgelebten erkennen. Und mögen sie es noch so sehr bestreiten und wortreich dementieren.

 

Und in der Tat: Das Kunst-Manifest der Zukunft stieß auf flächen­deckende Ablehnung. Jedenfalls bei all denen, die akademisch-in­stitutionell fest verankert waren. Also bei der „in ihren Staat ver­gnügten“ verbeamteten Professorenschaft. Der vormals hochver­ehrte Leipziger Lehrer Ritschl reagierte, vorsichtig ausgedrückt, mit Unverständnis. Immerhin, er reagierte, wenn auch ablehnend. All die anderen der Herausgeforderten straften – ein beredtes Schwei­gen – die vergleichsweise schmale Schrift durch Nichtbeachtung.

Wilamowitz

Was nützte es, dass es, veranlasst durch Ulrich von Wilamowitz-Moellendorffs Polemik unter dem vielsagenden, freilich despek­tierlich gemeinten, Titel Zukunftsphilologie!, doch noch zu einer aller­dings nur kurzen öffentlichen Kontroverse kam?! Rohde, inzwi­schen Professor in Kiel, und sogar Wagner intervenierten zugunsten Nietzsches. Aber was half es, nachdem das ephemere Scharmützel geschlagen war, befand sich Nietzsche erneut im akademischen Ab­seits; er sollte den (Nicht-)Ruf eines isolierten Philologen zeitlebens nicht mehr loswerden. Das deutete sich bereits Anfang 1871 an, als er sich um den freiwerdenden Basler philosophischen Lehrstuhl Gustav Teichmüllers beworben hatte. Statt seiner wurde Rudolf Eu­cken berufen.

 

Auch den vier Unzeitgemäßen Betrachtungen von 1873 bis 1876 blieb der erhoffte Erfolg verwehrt. Die von Schopenhauer und Wagner beeinflusste pessimistische Kulturkritik passte so gar nicht in die euphorische Aufbruchstimmung der von Bismarck lancierten Kul­turkampfära. Als 20 Jahre später sein Stern dann doch im Steigen begriffen war, erreichte den nun erst wirklich Promovierten die Rangerhöhung nicht mehr. Der intellektuelle Außenseiter und Un­zeitgemäße der Bismarck-Ära befand sich nunmehr endgültig in gei­stiger Isolation. Die Welt der Anderen, die sich um ihn und sein Werk zu bemühen begannen, war nicht mehr die seine.

 

Wagner, der kongeniale Antipode. Der Dekadent, der mit seiner Musik weit in die (Un-) Tiefen des Un- und Vorbewussten vorgesto­ßen war. Chromatik lautete das Zauberwort. Das Fließen von klang­lichen Farbvermischungen auf der Basis von kompositorisch inthro­nisierten Halbtonschritten, die einer tief empfunden Haltlosigkeit – ins Positive gewendet: dem ekstatischen Rausch – Ausdruck gaben. Die Dreiklangs-Harmonik und damit das Halt gebende tonale Zen­trum wurden der Auflösung preisgegeben. Wagners Musik frönte dem Irrationalismus, gab sich dem Fallen ins Nicht-mehr-Geheure vorbehaltlos hin. Denn was ist ungeheurer als das auch im Tonma­terial und seinen verkürzten Differenzen angestrebte Unendliche?!

 

Alles was recht ist, mag Nietzsche bei sich gedacht haben, experi­mentierfreudig und musikalisch voll auf der Höhe – sozusagen an der vordersten Front des zu antizipierenden kompositorischen No­vums – ist er schon, der alte Judenhasser ...

 

In Richard Wagner in Bayreuth, der vierten Unzeitgemäßen Betrachtung, und vor allem in der Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik feiert Nietzsche dessen Musikdrama als Überwindung eines Rationalis­mus, der es sich in einer philisterhaft-emotionslosen und satten Sa­turiertheit selbstzufrieden wohl sein lässt.

 

Aber er mag sich sehr früh schon auch an folgenden Textauszug erinnert haben, der ihn mit dem ersten Keim der nachmaligen vehe­menten Ablehnung infiziert hat: „Wem daran liegt, dem Schönen zu huldigen, wird seine Rede dem Kunstwerke, das er beschreiben will, unterordnen, und mehr durch halbe Winke andeuten, als vollständig zu beschreiben suchen: denn nicht seine Beschreibung sondern der Gegenstand derselben soll bewundert, und über den Anblick des Kunstwerks selbst soll jede Beschreibung vergessen werden. – Win­ckelmanns Beschreibung des Apollo in Belvedere scheint mir für ihren Gegenstand viel zu zusammengesetzt und gekünstelt. – Der Genius der Kunst war neben ihm eingeschlummert, da er sie nieder­schrieb; und er dachte gewiß mehr an die Schönheit seiner Worte, als an die wirkliche Schönheit des hohen Götterideals, das er be­schrieb.“ (Karl Philipp Moritz)

 

Auf das Hochgefühl, endlich auf einen Gleichgesinnten getroffen zu sein, folgte die Ernüchterung. Aus Wagner, dem bewunderten Vernichter des abgelebt Altehrwürdigen, wurde unversehens, so stellte es sich ihm nunmehr dar, der in sich selbst und sonst nichts vernarrte Scharlatan, dessen Weihefestspiele ausnahmslos der Ver­herrlichung seiner eigenen Person galten. Seine Enttäuschung über die ersten Bayreuther Festspiele von 1876 war grenzenlos. Zur Ei­telkeit des sich permanent selbst Beweihräuchernden passte die stabreimunterlegte Banalität des in seiner gewollten Altertümlichkeit grotesk wirkenden uraltdeutschen oder -nordischen Schauspiels. Lauter an sich selbst verzweifelnde Helden. Pathos, stets auf dem Sprung in die Groteske. Larmoyanz als nervtötendes Dauergehabe. Die Niveaulosigkeit des Publikums schließlich, dessen Aufgabe le­diglich darin bestand, das Dargebotene, absolut kritiklos, zu beklatschen, wurde von ihm bloß noch als abstoßend empfunden. „Bay­reuth sollte kommen, mit zwanzig Mark Eintrittspreis, mit Königen und Kaisern und internationalem Geld-Mob und schrecklichen Wagner-Schriftstellern als Publikum, mit Geschäftemacherei und Wohnungswucher im ganzen Städtchen und glänzenden Empfän­gen und Gartenpartien, bei denen es Feuerwerk gab, in der von Wahn und kulturpäpstlicher Anmaßung durchaus nicht freien Villa Wahnfried. (...) Und Nietzsche floh ...“ (Thomas Mann) „Glücklich, wer mit den Verhältnissen zu brechen versteht, ehe sie ihn gebro­chen haben!“ (Franz Liszt)

 

Und dann noch seine spätere Hinwendung zur devot-kriecherischen Gläubigkeit des Katholizismus im Parsifal war der Zumutungen ei­ne zu viel. Der Bruch mit dem einst Vergötterten war innerlich vor­bereitet, bevor er, in sprachlosem Abschiednehmen, endgültig und ein für alle Mal vollzogen wurde. Was blieb, war eine radikale Geg­nerschaft und Feindschaft mit schon zu diesem frühen Zeitpunkt leicht pathologischen Zügen. Es war, als würde Nietzsche sich in dem Anderen zu einem nicht geringen Teil selbst verachten.

 

Zu bedenken freilich bleibt dieses hier: Stümper sind die mit der „unbezwingliche(n) Selbstigkeitslust“. (Hegel) „Das Prangende (Preciöse), das Geschrobene und Affektirte, um sich nur vom Ge­meinen (aber ohne Geist) zu unterscheiden, sind dem Benehmen desjenigen ähnlich, von dem man sagt, dass er sich sprechen höre, oder welcher steht und geht, als ob er auf einer Bühne wäre, um angegafft zu werden, welches jederzeit einen Stümper verräth.“ (Kant) Menschen mit Laufstegmentalität gab es also schon damals wie vermutlich zu allen Zeiten. Heute ist's der Zeitgeistvirus des Originalitätsexhibitionismus‘.

 

Anders: Man will „eigenthümliche Partikularität aushecken, sonst hat man es nicht selbst gedacht. Das schlechte Gemälde ist das, wo der Künstler sich selbst zeigt; Originalität ist, etwas ganz Allgemei­nes zu produciren. Die Marotte des Selbstdenkens ist, daß Jeder Ab­geschmackteres hervorbringt, als ein Anderer. – Die Extravaganz der Subjektivität wird häufig Verrücktheit ... Nicht das Übelste wäre, wenn die Eitelkeit, die sich nur mit der eigenen Person beschäftigt, und diese hegt und pflegt, sich immer das Bild und Bewußtsein der eigenen Vortrefflichkeit gibt, zu Grunde ginge. Denn diese tristen Geschöpfe ... machen eben aus Lumpereien eine Wichtigkeit, wo­rauf kein Vernünftiger sieht; und meinen, solche Schwachheiten und Fehler seien doch vorhanden, wenn sie sie auch übersehen. Al­lein es ist nicht ihre Großmut zu schätzen; sondern vielmehr, daß sie auf das, was sie Schwachheit und Fehler nennen, sehen, ist ihr eigenes Verderben, das etwas daraus macht. Der Mensch, der sie hat, ist unmittelbar durch sich selbst davon absolviert, insofern er nichts daraus macht. Das Laster ist nur dieses, wenn sie ihm wesentlich sind, und das Verderben dieses, sie für etwas Wesentliches zu halten.“ (Hegel)

 

Der fünffache Kontrapunkt lautet dann in etwa folgendermaßen:

„Möge der Künstler (...) mit freudigem Herzen auf eine eitle ego­istische Rolle verzichten (...); möge er sein Ziel in und nicht außer sich setzen und ihm die Virtuosität Mittel, nie Zweck sein (...).“ (Franz Liszt)

 

„Der Künstler, der nur für Bewunderung arbeitet, ist kaum noch Bewunderung wert. Ihn muß vielmehr, nach dem Beispiele der Gottheit, der Selbstgenuß ermuntern und befriedigen, den er in sei­nen eignen Werken bereitet.“ (Georg Forster)

 

„Schönheit ist erst dann da, wenn das Notwendige geleistet, doch verborgen ist.“ (Goethe)

 

„Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: ‚Erkenne dich selbst‘, so müssen wir es nicht im aszetischen Sinne auslegen. Es ist keineswegs die Heautognosie unserer modernen Hypochondristen, Humoristen und Heautontimorumenen damit gemeint; sondern es heißt ganz einfach: Gib einigermaßen acht auf dich selbst, nimm Notiz von dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deines­gleichen und der Welt zu stehen kommst! Hierzu bedarf es keiner psychologischen Quälereien ...“ (Goethe)

 

Hegel respondiert und ergänzt: „Wahre Bildung ist nicht, auf sich so sehr seine Aufmerksamkeit zu richten, sich mit sich als Indivi­duum beschäftigen, – Eitelkeit; sondern sich vergessen, in die Sache, das Allgemeine vertiefen, – Selbstvergessenheit.“


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