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Hamburger Architektur Sommer 2019

Theater - Tanz
Ein Fest der Sinne. Tanztheater Wuppertal mit „Viktor“ auf Kampnagel

Das legendäre Stück von Pina Bausch, eröffnete die Reihe DANCE Future II.
Viktor. Wer, um alles in der Welt, ist Viktor? Die schöne rothaarige Tänzerin, die da auf dem Boden sitzt und mit tiefer Automatenstimme behauptet „Ich bin Viktor“? Der Alte, der mit Stock und tief über den Kopf gezogener Kapuze über die Bühne humpelt und hier offenbar heimlich Regie führt? Oder der andere ältere Herr, der im bodenlangen Pelz, mondänem Damenhut und Pömps an den nackten Füßen eine Extravaganz ohne Gleichen versprüht und dabei überhaupt nicht lächerlich wirkt?


Alles möglich. Viktor erscheint nicht, Viktor spukt nur in den Köpfen der Zuschauer umher, vielleicht auch in den Köpfen der 27 Tänzer, die hier mehr poetisches, bildmächtiges Theater aufführen als Tanz. Doch wenn sie tanzen, mit ausladenden Bewegungen und fliegenden Haaren, oder sich brav, zum Paartanz aufgestellt, durch das Publikum schlängeln, dann entfalten sie wieder den einzigartigen Pina-Bausch-Sog: Man kann sich einfach nicht satt sehen.

Wer nicht weiß, dass Pina Bauschs legendäres Stück „Viktor“ 1986 in Rom entstand, der hält es für ein Stück von heute. Das Bühnenbild von Peter Pabst: Ein riesiger rechteckiger dunkelbrauner Erdwall, in dem am Rand ein altes Klavier steht, an dem später an dem dreieinhalbstündigen Abend noch jemand spielen wird. Vielleicht ist es ein Grab, ein Massengrab, vielleicht eine Ausgrabungsstätte, ein Steinbruch der Gedanken oder Ideen. Jedenfalls scheint es unmittelbar auf unsere Gegenwart Bezug zu nehmen: Endzeitstimmung, eben. Oben, an der Klippe steht und geht jemand, der von Zeit zu Zeit eine Schaufel Erde hinabwirft. Gerade so viel, dass ein paar Steinchen den dunkelbraunen Hang hinab rieseln und anzeigen, wie die Zeit verrinnt.

Das erste Bild ist atemberaubend schön und verstörend zugleich: Eine Frau ohne Arme in einem knallroten Kleid stöckelt lächelnd dem Publikum entgegen. Der Herr mit Hut legt ihr den Pelz um und sie treten ab. Dann marschiert ein Paar auf die Bühne und legt sich hin. Bleibt fortan reglos. Beide tot? Scheint so, denn ein Pastor erscheint, richtet sorgsam die Kleidung der beiden und traut sie auf eben in dieser Position. Er bewegt ihre Köpfe zum „Ja“ und dreht sie beide zu einander zum Kuss. Dann werden sie von der Bühne geschleift.

Eine andere Tänzerin lässt sich in einen Teppich einrollen. Der Mann mit Hut, Pelz und Pömps verteilt Pflastersteine im Publikum. Zwei Schafe werden auf die Bühne geführt. Die Rothaarige schreit unvermittelt los. Die Tänzerinnen schneiden Gemüse und verteilen es im Publikum. Ein paar ältere Herren (Statisten) tafeln an einem langen Tisch. Eine Frau erzählt ein trauriges Märchen von einem einsamen Kind.

Die vielleicht komischste Sequenz zeigt eine Antiquitäten-Auktion: Während hinten auf der Bühne eine Frau in atemberaubender Geschwindigkeit die Gebote runterrattert, tragen junge Herren allen möglichen Krimskrams über die Bühne. Schließlich werden sogar drei kleine Schoßhündchen vorgeführt und versteigert.
Eine surreale Szene folgt auf die nächste, begleitet von melancholischen Volksmusik aus der Lombardei, der Toskana, Sardinien und Bolivien. Aber auch von mittelalterlicher Tanzmusik, einem mitreißenden russischen Walzer und New-Orleans-Jazz.

Es geht um – ja, um was geht es eigentlich? Um Liebe, um Glück, um Alltag, um Vergänglichkeit, um Geschlechterrollen, um Trauer, um Tod?
Ja, natürlich! Pina Bausch (1940-2009), die großartige Tanzvisionärin und Gründerin des Tanztheater Wuppertal, ging es immer um „Alles“. Um das Leben als solches und was unter seiner Oberfläche schlummert: Das „Tiefenmenschliche“. Bei einer Rede sagte sie einmal, es gehe darum „mehr Fragen zu stellen, als Antworten zu geben“.

„Viktor“ ist ein grandioses Beispiel dafür. Ein Beispiel auch, wie zeitlos modern Pina Bauschs Stücke sind. Immer noch Avantgarde, selbst nach 30 Jahren. Einfach großartig, das Tanztheater Wuppertal wieder einmal in Hamburg zu Gast gehabt zu haben. Wie recht hatte Pina Bausch doch, als sie sagte: „Das Fragen hört nicht auf und die Suche hört nicht auf. Es liegt etwas Endloses darin, und das ist das Schöne daran“.



Abbildungsnachweis:

Header: Andrey Berezin und Nazareth Panadero. Foto: Oliver Look

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