Theater - Tanz
Nadja Petri und Gustav Peter Wöhler (Plakatmotiv). Foto: Jim Rakete

Ein Stück, wie aus dem Leben gegriffen: „Blind“ am St. Pauli Theater ist ein packendes Kammerspiel über einen Vater-Tochter-Konflikt, inklusive Gesellschaftskritik.

 

Wer das Glück hat, seine Eltern bis ins hohe Alter zu haben, kennt die Situation in der einen oder anderen Ausprägung: Die Machtverhältnisse drehen sich irgendwann um, auf einmal wird man nicht mehr umsorgt, sondern muss selbst sorgen.

 

Muss sich um Mutter oder Vater kümmern, der immer hinfälliger und hilfsbedürftiger wird. Wenn dann noch ein Konflikt das Miteinander schwer macht, weil sich grundverschiedene Ansichten, Werte und Weltbilder sich über Jahre verhärtet haben, wird die Situation immer schwieriger.

 

Das neue Stück der niederländischen Autorin Lot Vekemans, das Ulrich Waller mit Gustav Peter Wöhler und Nadja Petri auf die Bühne des St. Pauli Theaters gebracht hat, behandelt genauso eine Situation: Richard, ein ehemals erfolgreicher Ingenieur für Wasserwirtschaft, lebt nach dem Tod seiner Frau völlig abgeschottet in einer streng bewachten Luxusanlage der privilegierten Oberschicht. Seine einzige Tochter, Helen, vertritt als Anwältin Menschen aus prekären Verhältnissen und lebt mit einem schwarzen Intellektuellen in den Docks. Man könnte auch sagen: Er ist ein „rechter Knochen“, sie eine linke Idealistin. Zwischen ihnen herrschte lange Funkstille, doch plötzlich verlangt Richard Hilfe und Betreuung. Er erklärt seiner Tochter, er habe einen Tumor, erblinde und habe nicht mehr lange zu leben. Helen kommt dem Wunsch ihres autoritären Alten nicht aus Zuneigung nach – es ist reines Pflichtgefühl. Sie besorgt seine Einkäufe, erkundigt sich nach der gekündigten Haushaltshilfe und verabschiedet sich möglichst schnell wieder. Doch bei einem Kurzbesuch ertönt plötzlich Alarm, die Rollläden schließen sich automatisch und Vater und Tochter sind gezwungen, sich auszuhalten – und miteinander zu reden.

 

Blind 1 Gustav Peter Woehler Nadja Petri F Stephan WallochaGustav Peter Wöhler und Nadja Petri. Foto: Stephan Wallocha

 

Gustav Peter Wöhler spielt diesen Richard mit wohltuender Zurückhaltung als einen völlig unverständigen Ignoranten, dessen festgelegtes Weltbild erst zu reißen beginnt, als er die bittere Wahrheit über den Hochzeitstag seiner Tochter erfährt. Sein anfängliches Gelächter, das übergangslos in hemmungsloses Weinen geht, gehört zu den stärksten Momenten des Abends. Hier zeigen sich die Risse in der Fassade des Machtmenschen, der sich zwar sehnlich nach der Liebe seiner Tochter sehnt, doch zu seinen Bedingungen. Mit Nadja Petri als Tochter Helen hat Wöhler eine starke Partnerin an seiner Seite, die in ihrer Genervtheit und Zerrissenheit über den kaum zu verhehlenden Rassismus ihres Vaters absolut glaubwürdig ist.

 

Spannend ist, wie sich im Verlauf des Abends die Machtverhältnisse fast unmerklich verschieben. Richard wirkt anfangs noch durchaus rüstig und Herr der Lage. Aber er will, dass seine Tochter ihn zukünftig pflegt, spielt seine Hilfsbedürftigkeit aus und versucht, durch Mitgefühl zu manipulieren. Dann stürzt er und braucht tatsächlich Hilfe. Eindrucksvoll die Szene, in der Helen ihren Vater anherrscht: „Du stinkst, Papa!“ Um ihn dann auszuziehen und zu waschen. Aus der väterlichen Autorität, die nie verstand, warum sein „Püppchen“ sich abwandte, wird ein hilfloser alter Mann, der sich in die Abhängigkeit einer überlegenen jungen Frau begibt. Und genau in diesem Moment verdichtet sich das Stück zu einem Bild von Wahrhaftigkeit, das unter die Haut geht. 

 

Keine Frage: „Blind“ trifft einen Nerv. Die Ablösung der Kinder, die schmerzliche Gebrechlichkeit eines Elternteils und die vergebliche Suche nach Verständnis und Liebe, obwohl man sich eigentlich nicht versteht, umreißen familiäre Grundkonstellationen, die bei jeder und jedem vor dem inneren Auge Erinnerungen wachrufen dürften.

 

Blind 2 Gustav Peter Woehler Nadja Petri F Stephan Wallocha

Gustav Peter Wöhler und Nadja Petri. Foto: Stephan Wallocha

 

Das beeindruckende Bühnenbild von Raimund Bauer, ein steriles Ambiente aus Holz, viel Glas und eleganten Flächen, rahmt den Konflikt als „closed room“, in dem die verhärteten Haltungen keinen Ausweg finden. Regisseur Ulrich Waller kann hier voll auf die Kraft der leisen, unspektakulären Töne vertrauen. Auf Blicke und Pausen, die deutlich machen, wie tief die Kluft zwischen Vater und Tochter ist.

 

Kein großes Theater, aber eines, das einem noch lange nachgeht.   


Blind

von Lot Vekemans aus dem Niederländischen von Eva M. Pieper und Alexandra Schmiedebach

Zu sehen im St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29–30, 20359 Hamburg

Mit Nadja Petri und Gustav Peter Wöhler

Regie Ulrich Waller | Bühne: Raimund Bauer | Kostüme: Ilse Welter

Weitere Termine: 16. und 28. bis 30. April und 2. bis 7. Juni 2026

Beginn: 19.30 Uhr, sonntags um 18 Uhr

Dauer: ca. 1 Stunde und 20 Minuten, keine Pause

Weitere Informationen (Theater)

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