Postpopulismus nach polnischem Vorbild
„Natürlich sind die Künste in der Lage, populistische und faschistische Ideologien zu killen“, sagte Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda zur Eröffnung der Lessingtage im Thalia Theater und verwies auf Bruce Springsteen, der gerade das terroristische Vorgehen der ICE in Minneapolis zu einem millionenfach gelikten Song verarbeitet hatte, und auf Woody Guthrie, der es noch ohne Internet schaffte, gehört zu werden.
Brosda schloss den denkwürdigen Satz an: „Schauen wir in den Abgrund und zucken zurück – daraus kann die Kraft entstehen zu verhindern.“
Eröffnungsrede von Kultursenator Carsten Brosda. Foto: Fabian Hammerl
Ist das noch Theater? Ja!
Ganz so sah es auch die Schriftstellerin und Kolumnistin Jagoda Marinić in ihrer berührend persönlichen Eröffnungsrede. „Man kann kultivieren, nicht zu hassen.“ Ihre Antwort auf den Rechtsruck in Europa, der dem Festival zum Thema wird? „Sanfte Radikalität.“ Und sie verweist nicht nur auf Lessings Ringparabel als Aufruf zum Menschsein, sondern auch eindrucksvoll auf das, was die Demokratie stark machen kann: die Bürokratie. Kein Ausweg in Konsumhaltung und Gemecker: „Was sind Sie bereit, für den Erhalt der Demokratie zu tun, jetzt?“
Es war eine kluge Entscheidung der neuen Intendantin Sonja Anders, den bewährten Namen „Lessingtage“, den ihr Vorgänger Joachim Lux vor 16 Jahren eingeführt hatte, nicht zu ändern. „Wir wollen das Publikum herausfordern – mit Lessing als Aufklärer“, sagt sie, und Aufklärung kann nun mal unbequem sein.
Als Kurator hat Sonja Anders deshalb den künftigen Intendanten der Berliner Volksbühne, Matthias Lilienthal, ins Haus geholt. Der Berliner Lilienthal, einst Dramaturg unter Frank Castorf und Intendant des Theaters Hebbel am Ufer HAU, der 2020 in München seine schwer umstrittene und am Ende sehr erfolgreiche Intendanz der Kammerspiele aufgab und seitdem diverse Festivals leitete, hat ebenfalls seinen Kurs im Fahrwasser der Gießener Schule nicht verlassen. Die Performing Arts sind, weil sie unabhängig von einem auf Elitendenken beruhenden Theaterkonzept eher in der Lage sind, Unbequemes sichtbar zu machen. Das Theater ist für Lilienthal nicht nur eine Institution, in der Schauspieler ihr Können zeigen und Regisseure in ihren Inszenierungen gesellschaftliche Krisen spiegeln, sondern auch ein transformatives Experiment der Gegenwart, an dem jeder teilhat, ein vom Diskurs lebendes Labor, das Handlungsperspektiven zurück in die ungeschützte politische Realität außerhalb des Theaters injiziert. Zum Beispiel aus Polen, das nach drei Jahren PiS-Partei in Regierungsverantwortung geschafft hat, sich ohne Gewalt von einem antidemokratischen rechtsnationalen Regime zu befreien. Als Hoffnungsträger und Beispielgeber. Begleitet wird diese These durch den Sieg der Demokratie in einem dreitägigen Symposium.

Prozess gegen Deutschland. Wiener Kongresse II; Foto: Ines Bacher
Wie wollen wir leben? Das könnte die Grundfrage sein, die Lilienthal immer wieder bewegt. Die ihn zu Beginn seiner Intendanz in München zum heiß diskutierten Projekt der ShabbyShabby Apartments in prekären und überteuerten Räumen der Großstadt getrieben hat. Diesmal schaut er in die andere Richtung, und führt das Theater als scheinbar echten Lebensraum vor, und auch hier verleiht er dem Theater einen doppelten Sinn. StudentInnen und Studenten aus der Düsseldorfer Kunstakademie bewohnen für die Zeit des Festivals das Thalia, sichtbar durch dekorativ platzierte Waschmaschinen im Foyer und durch jede Menge Bettwäsche, T-Shirts und Socken, die hoch über den Köpfen der Eintretenden an Leinen baumeln. Man kann das Theater tagsüber als WG besuchen, mit den Bewohnern essen und nach den Vorstellungen mit ihnen feiern. Die inszenierte Wirklichkeit führt zur Wirklichkeit der Inszenierung, und zu Fragen: Brauchen wir nicht alle mehr Teilhabe, mehr Empathie, mehr Zusammenhalt als Gemeinschaft?
Den ersten Abend bestreitet ein Frauenchor, den die polnische Regisseurin Marta Górnicka mit Geflüchteten aus Belarus und der Ukraine sowie Polinnen im Alter von 9 bis 71 Jahren gründete. „Mothers – A Song for Wartime“ erschüttert auch drei Jahre nach seiner Weltpremiere in Warschau die Zuschauer mit seiner unglaublichen Kraft, die von einem ukrainischen Lied in den stampfenden Rhythmus einer Anklage und einer Warnung an Europa übergeht. Die Dirigentin steht im Publikum auf einem Podest und lässt die Frauen, alle in Alltagskleidern, Formationen bilden, gemeinsam Sprechchöre über ihre Vertreibung, ihre Verletzungen anstimmen und manchmal als Solistinnen Volkslieder, die nach wenigen Takten im Sprechgesang des Chors untergehen. Wie schon Einar Schleef, Volker Lösch und Christoph Schlingensief spielt Górnicka souverän mit der zwingenden Macht vieler Stimmen, die wie eine erklingen, und erinnert damit an die griechische Tragödie, an den Chor als Ursprung des Theaters.
Attack on the National Stary Theatre. Foto: Natalia Kabanow
Ebenso wie der Schrecken des Krieges in der Ukraine die damalige Wirklichkeit inzwischen überholt hat, geht es immer noch schlimmer, und das geschieht auch im Iran. Als der Iraner Mohammad Rasoulof, der wegen seines für den Oscar nominierten Films „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ zu Fuß aus dem Land flüchten musste, flohen auch seine drei Schauspielerinnen auf abenteuerlichen Wegen nach Berlin. Dort bekamen sie zunächst kein Visum. Es wurde, nachdem Rasoulof sie als Schauspielerinnen arbeiten lassen konnte, für sein erstes Theaterstück „Destination:Origin“ ausgestellt. Auch dieser Abend an der zweiten Spielstätte des Thalia-Theaters, der Gausßstraße, bringt eindringliche Bilder für die Fluchtgeschichten der Frauen, für ihre Einsamkeit, das Gefangensein in der Freiheit, ihre Verbundenheit mit ihren Wurzeln. Rasoulof zeigt sie zum Beispiel an: Gummibänder, festgekettet an eine Baumwurzel im Glaskasten. Alle Versuche, wegzulaufen, führen zu ihr zurück. Aber wie schon bei der Uraufführung im vergangenen Jahr droht die viel grauenvollere Realität im Iran diesen zarten poetischen Abend zu ersticken. Vor einem Jahr griff Israel Teheran an, sodass die Schauspielerinnen kaum auftreten mochten, und diesmal hatte in Teheran das Massaker an tausenden zivilen Demonstranten stattgefunden. Hartgesottenen Zuschauern boten sie daher zu Beginn ein 3-Minuten-Video von der Suche eines Vaters nach seinem Sohn in den Leichenbergen.
Auch wenn Lilienthal bei der Planung vieles nicht ahnen konnte und auch leichtere und teilweise komische Stücke wie die Dekonstruktion des Balletts „Giselle“ des Japaners Toshiki Okada quasi als Alibi vorkommen, so bestimmt doch ein grundsätzlich aufrüttelnder, bedrohlicher und konfrontativer Tenor die Lessingtage. „Violenza 2025“, ein Stück aus dem vergangenen Steirischen Herbst von Michiel Vandevelde, Pankaj Tiwari und Eneas Prawdzic verführt auf schockierende Weise mit fünf jungen Männern das Publikum zum Mitfiebern bei rechtsradikalen Parolen - und zum Schämen. Auch die Arbeit des Regie-Duos DARUM, „(EOL). End of Life“, die 2025 zum Theatertreffen eingeladen war, lässt die Teilnehmenden mit einer VR-Brille in einer virtuellen Ruinenlandschaft herumlaufen und tätig werden. Sie sollen aussuchen, was in einem digitalen Danach überleben soll. Und werden dabei unweigerlich von der eingesetzten KI manipuliert.
Selbst der letzte Pollesch mit „Ja nichts ist ok“ ist trotz des großartigen und komischen Solos von Fabian Hinrichs ein trauriges Zeugnis der gewaltsamen Hilflosigkeit einer alten WG sich selbst gegenüber. Alles ruft hier im Namen Lessings nach der Gestaltung eines neuen Miteinanders.

(EOL). End of Life. © DARUM
Dass wir uns dies nicht aus der Hand nehmen lassen dürfen, wird am Wochenende am von Milo Rau konzipierten „Prozess gegen Deutschland“ auf der Bühne des Thalia-Theaters unterstreicht. Soll die AFD verboten werden? Was tun gegen den Missbrauch demokratischer Rechte? Diese Fragen werden von echten Juristinnen und Juristen unter Vorsitz von Herta Däubler-Gmelin sowie von Geschworenen aus dem Publikum drei Tage lang verhandelt, unter Anhörung von Betroffenen und Opfern.
Man darf gespannt sein.
Lessingtage 2026
Thalia Theater, Alstertor, 20095 Hamburg und Thalia in der Gaußstraße, Gaußstraße 190, 22765 Hamburg
Termine:
12 .bis 15.02.2026: Gaußstraße (EOL). End of Life,
13. bis 15.02.2026: Thalia Theater, Prozess gegen Deutschland
13. bis 15.02.2026: Gaußstraße, Symposium „Postpopulismus- von Polen lernen?“
Weitere Informationen (Lessingtage)

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