Theater - Tanz
Will Workman (Silvio), Anna Seeberger (Beatrice alias Federigo Rasponi) Foto: Isabel Machado Rios

Herrlich komisch und crazy kommt sie daher, die aktuelle Open-Air-Produktion des Theater Lübeck. Mit Blick auf die Lübecker Altstadt, auf einer Bühne am Traveufer, zeigt das Theater Lübeck bis Anfang Juli fast täglich die fast dreihundert Jahre alte Komödie „Der Diener zweier Herren“ von Carlo Goldoni.

 

Diese Inszenierung von Maja Delinic überzeugt mit einem modernen Konzept, mitreißendem Ensemblespiel und live musizierten italienischen Schlagermelodien. Die eignen sich, wie sich schon bei der Premiere zeigte, durchaus auch zum Mitsingen und Mitfreuen. Viel Applaus gab’s dafür vom Publikum.

 

Das gute-Laune-machende, verwirrend-komische Geschehen präsentierte sich als herrlich buntes, kurzweiliges Lustspiel. Und das bei strahlendem Sonnenschein bis zu guter Letzt! Die Schauspieler bespielten die klug durchdachte Bühne perfekt. Ein rosafarbiges Zelt gab’s im linken Bühnenteil für die Musiker, eine rosige Rieseneistüte diente mittig als Wirtshaus. Durch dessen rosafarbene Schwingtür passierten oft auch gleichzeitig Auf- und Abtritte. Ein Zeichen für das perfekte Zusammenwirken aller! Eine riesige rosa-weiße Torte erwies sich auf der rechten Seite der Bühne ebenfalls als guter Auftrittsort (Bühne: Ria Papadopoulou). Modern gekleidetes Personal agierte in passendem Outfit von Hawaiihemd bis Prinzessinnenkleid. Das alles machte Spaß und gute Laune und kam gut an beim Premierenpublikum!

 

Und darum geht es: Florindo wird verdächtigt, den Bruder seiner Geliebten getötet zu haben. Unter falschem Namen flieht er nach Venedig. Seine Braut Beatrice reist als Mann verkleidet ihm hinterher. Die beiden mieten sich voneinander unerkannt im selben Wirtshaus ein. Beatrices Diener Truffaldino will sein Salär aufbessern und tritt ohne Wissen seiner Herrin ebenfalls in den Dienst Florindos ein. Er ist nun „Der Diener zweier Herren“. Das bringt immer neue Schwierigkeiten mit sich, zumal sich Truffaldino in seiner Doppelrolle in immer neue Lügen verstrickt. Weil aber das Stück eine Komödie ist, hat das Verwirrspiel zu guter Letzt ein für alle glückliches Ende...

 

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Die Zuschauer konnten und können sich dabei gut und gerne voll und ganz auf die schauspielerischen und musikalischen Fähigkeiten der Mitwirkenden konzentrieren. Denn obwohl das 1746 in Mailand uraufgeführte Stück Goldonis berühmtestes ist und als Höhepunkt der Commedia dell'Arte gilt, kann und muss man den Text nicht unbedingt verfolgen! Er ist erstaunlich einfach gestrickt, frei von psychologischen und philosophischen Tönen. Solche Töne sind durchaus vorhanden – hinter den Kulissen: Sie liegen thematisch zugrunde. Denn diese Komödie stellt Menschen dar, wie sie wirklich sind, wie sie sein könnten und wie sie sein möchten!

 

Und genau das ist der Produktion des Lübecker Theater hervorragend gelungen. Heiner Kock (Truffaldino) spielt diesen Diener zweier Herren in jeder Beziehung mit starkem Ausdruck: mimisch, körperlich, artistisch – eine bewundernswerte Leistung. Susanne Höhne verkörpert den Pantalone de’Bisognosi gekonnt als Chaplinesker Mafia-Boss. Lilly Gropper spielt seine Prinzessin-gleiche Tochter Clarice zauberhaft liebreizend. Will Workman managt gekonnt die nicht gerade sympathische Wirkung des tumben, stets mit dem Degen wirbelnden Silvio, der endlich erobern möchte. Ihm verzeiht man deshalb selbst die heruntergelassene Hose, was wohl darstellen soll, wie schwer sein liebendes, verzweifeltes Herz ist…

 

Astrid Färber als Dottore Lombardi sorgt für viele Lacher als unaufhörlich qualmende Zigarrenraucherin. Eine nervöse Figur, die nur dann hustet, wenn sie nicht raucht. Anna Seeberger ist in der Rolle der männlich verkleideten Beatrice mit exzellenter Mimik und Gestik eine schauspielerische Augenweide. Jan Byl überzeugt als ihr drolliger Liebhaber, dem alles zu schwer ist, der selbst unter dem Minimalgewicht einer Geldbörse körperlich fast zusammenbricht. Michael Fuchs taucht als Gastwirt Brighella aus dem Rieseneistüten-Hotel immer wieder auf mit herrlich kuriosem Spiel. Wie ein Kobold fegt Luisa Böse als Clarices Zofe Smeralda bis zum guten Schluss über die Bühne.

 

Der Diener zweier Herren F Isabel Machado Rios bMichael Fuchs (Brighella), Astrid Färber (Dottore Lombardi), Susanne Höhne (Pantalone de'Bisognosi). Foto: Isabel Machado Rios

 

Selbst wenn das Stück heute nicht mehr der absolute Renner ist, liegt der große Verdienst Carlo Goldonis in der Weiterentwicklung der ursprünglichen Commedia dell'Arte, die aus dem Stegreif gespielt wurde. Goldoni wollte weg von platten Witzen, von ewig gleichen Zoten, weg von Improvisation. Er wünschte sich keinen reinen Klamauk mehr auf der Bühne, sondern ein realistisches Theater, in dem statt Figuren Menschen mit Emotionen auftreten, Menschen, die ihr Herz sprechen lassen. Das spricht für sich – und auch heute noch für das Stück „Der Diener zweier Herren“.

 

Einmal, da spricht Florindo (Jan Byl) uns aus dem Herzen, wenn er sagt: „Wunderbare Dinge sind mir an diesem Tage begegnet. Klagen, Verzweiflung und zuletzt Vergnügen und Freude. Vom Weinen zum Lachen ist ein angenehmer Schritt, mit dem aller Kummer vergessen wird.“ Ja, wundersame Dinge sind dem Premierenpublikum von „Der Diener zweier Herren“ begegnet. Geweint hat niemand. Viel gelacht haben alle. Sie haben einen vergnüglichen Theaterabend am Lübecker Traveufer erlebt, eine Komödie, die 280 Jahre alt ist und immer noch Begeisterungsstürme erleben kann. Vorausgesetzt, sie wird so geschickt in Szene gesetzt wie das Ensemble des Lübecker Theaters es gemacht hat: Italienisches Flair am Traveufer, blauer Himmel, italienische Hits, die jeder kennt, live gesungen von den Darstellern und live musiziert von der Lübecker Theaterband um Willi Daum – so kann`s gelingen. Eine moderne Fassung der guten alten Commedia dell'Arte, die gute Laune macht. Ein heiteres Verwirrspiel, das mit drei Paaren endet, die nun die Ehe eingehen wollen. Was will man mehr an einem lauschigen Sommerabend!


„Der Diener zweier Herren“

Schauspiel von Carlo Goldoni

Deutsch von Jürgen Flimm und Marina Wandruszka

Auf der Travebühne des Theater Lübeck, Willy-Brandt-Allee, Lübeck

Inszenierung: Maja Delinić | Musikalische Leitung: Willy Daum | Bühne: Ria Papadopoulou | Kostüme: Janin Lang | Choreografie: Phaedra Pisimisi | Dramaturgie: Veronika Firmenich

Mit:

Pantalone de'Bisognosi: Susanne Höhne | Clarice, seine Tochter: Lilly Gropper | Dottore Lombardi: Astrid Färber | Silvio, sein Sohn: Will Workman \Beatrice alias | Federigo Rasponi: Anna Seeberger | Florindo Aretusi, ihr Liebhaber: Jan Byl

Brighella: Michael Fuchs | Smeraldina, Clarices Zofe: Luisa Böse | Truffaldino, erst Beatrices, dann Florindos Diener: Heiner Kock

Band: Urs Benterbusch, Willy Daum, Jonathan Göring, Edgar Herzog, Peter Imig

Weitere Termine: 21/06 und 28/06, jeweils 18.30 Uhr, 23/06, 24/06, 25/06, 26/06, 27/06, 30/06, 01/07, 02/07, 03/07, jeweils 20.00 Uhr

Weitere Informationen (Theater)

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