Theater - Tanz
Die kleine Meerjungfrau. A Fluid Fairy Fantasy © Kerstin Schomburg

Das Hamburger Thalia Theater hat einen neuen Publikums-Hit: Regisseur Bastian Kraft verwandelte Hans Christian Andersens Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ in ein schillerndes, glitzerndes, dabei bitteraktuelles Gleichnis auf queere Identität und Trans-Erfahrung. Das Ergebnis: Ein wahnwitzig gut gemachter Mix aus Drag-Revue, Musik-Show und ganz realer Verletzlichkeit. Unbedingt ansehen!

Hans Christian Andersens „Kleine Meerjungfrau“ wird in der Literaturwissenschaft längst als autobiographische Schlüsselgeschichte verstanden

 

Als Sinnbild für den Schriftsteller selbst, für seine verkappte Homosexualität, seine enge Freundschaft, vermutlich heimliche Liebe zu Edvard Collin, dem Sohn seines größten Förderers in Kopenhagen. Seit dem Altertum spiegelt die Nixe, diese mythologische Figur zwischen den Welten, unsere Sehnsüchte und Ängste, steht als Symbol für das Fremde, Unbekannte und die Möglichkeiten des Seins. Bastian Kraft hat diesen Abend als „A fluid fairy fantasy“ bezeichnet – und genau das ist es: eine fließende Feen-Fantasie, eine Show, die unablässig zwischen Drag-Revue, anklagenden gesellschaftskritischen Statements und surrealem Märchenspiel changiert.

 

Gleich zu Beginn stehen sie im lockeren Plausch und setzen sich dann an ihre Schminktische, Backstage in der Theatergarderobe: Die sieben Dragqueens und Schauspieler*innen, Elias Arens (Berlin), der schon bei der Zürcher Uraufführung vor einem Jahr mitspielte, Olympia Bukkakis (Berlin), Judy Ladivina (Berlin), Leona London (Hamburg), sowie die Thalia-Ensemble-Mitglieder Moné Sharifi, Victoria Trauttmansdorff und Julian Greis (war auch schon in der Zürcher Produktion und ist gegenwärtig noch als großartiger Falstaff im Thalia zu erleben). Sie ziehen Lippen nach, kleben Wimpern, setzen Perücken auf – und schaffen neue Identitäten. Die überschäumenden Kostüme von Sophie Reble verwandeln sie in funkelnde Meerjungfrauen, Wassermänner, Prinzen und Hexen, die im Laufe des Abends immer wieder aus der Rolle in die traurige Alltagsrealität fallen. Wenn die Darsteller*innen von unerreichbaren Lieben und schmerzlicher Zurückweisung erzählen, kippt die Fiktion in eine Dokumentation, die schonungslos reale Wunden offenlegt. Wenn beispielsweise von den ablehnenden Reaktionen der Familie auf ihre Coming-outs, von Rassismus und von Gewalt auf offener Straße berichtet wird, die mit einem Kieferbruch und einem Krankenhausaufenthalt endete. Diese Brüche sind hart, umso schöner die Glücksmomente der Befreiung und Selbstverwirklichung – immer dann, wenn so richtig Party gemacht wird, im fiktiven „Pink Dolphin Club“ in dem lautstarke queere Hymnen („I Need a Hero!“)  zum Mittanzen und Mitsingen animieren.

 

meerjungfrau F Kerstin Schomburg

Die kleine Meerjungfrau. A Fluid Fairy Fantasy. Foto: © Kerstin Schomburg

 

Dabei bleibt Bastian Kraft durchaus dicht an Andersens Erzählung: Die Sehnsucht nach der Menschenwelt, die unerfüllte Liebe der Meerjungfrau, nein, der Meer-Dragqueen zu ihrem Prinzen, ihr tragisches Ende als Meeresschaum, all das ist zu sehen. Nur der Fokus verschiebt sich, hin zur Erzählung über eine Andersartigkeit, die in unserer Gesellschaft immer noch nicht vollständig akzeptiert wird. Der Verlust der Stimme, beispielsweise (die kleine Meerjungfrau opfert sie für zwei Menschenbeine), ist hier mehr als Märchensymbolik. Es ist ein schmerzhafter Verweis auf all jene, die gesellschaftlich nicht zu Wort kommen.  

 

Das Bühnenbild von Peter Baur ist einfach grandios, voller witziger Einfälle, funkelnder Spiegel und wabernder Unterwasserlandschaften. Video-Künstler Jonas Link vervielfacht Gesichter und Gefühle auf einer riesigen Leinwand. Und wenn Elias Arens als Arielle auf dem Skateboard über die Bühne „schwimmt“ und Julian Greis die Songs der Meerhexe Ursula (aus der Disney-Verfilmung) singt, während Judy Ladivina (in einem riesigen Tentakel-Kleid im Gestände des Thalia-Bühnenraumes hängend als Hexen-Meisterin des Lip-Sync brilliert, dann ist das Publikum völlig aus dem Häuschen.

 

Nicht zu vergessen die wunderbare Victoria Trauttmansdorff. Ihre Machomänner, der muskelbepackte Bademeister und der Möchtegern-Meereskönig Poseidon nehmen die Rollenbilder gehörig auf die Schippe. Man merkt, wie viel Spaß ihr die Verwandlungen machen, und es macht dem Publikum wiederum unglaublich Spaß, ihr und all den anderen zuzusehen. Dieses Stück wird hoffentlich noch lange auf dem Spielplan des Thalia-Theaters stehen.


Die kleine Meerjungfrau

A Fluid Fairy Fantasy von Bastian Kraft und Ensemble nach Hans Christian Andersen

Im Thalia Theater, Alstertor, 20095 Hamburg

Eine Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich

Weitere Informationen und Termine (Thalia-Theater)

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