Theater - Tanz
Das Große Heft. Foto: Lalo Jodlbauer

Agota Kristofs Roman „Das große Heft“ führt die Mechanismen des Kriegstraumas vor. Jetzt konfrontiert Karin Henkel am Deutschen Schauspielhaus die Literatur mit den Erlebnissen von Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms.

Zunächst entsteht der Eindruck, in einem merkwürdigen schwarzen Konzertsaal zu sitzen: Notenständer, eine Dirigentin im karierten Hosenanzug mit 70er-Jahre-Brille, die herumläuft, aber keine Musiker, die spielen. Über allem schwebt eine überdimensionale Überwachungsanlage, ein metallener Ring, der an eine Drohne erinnert, bestückt mit Scheinwerfern, Lautsprechern, Kameras, Flutlicht. Dieser Raum von Katrin Brack ist schon mal alles andere als einladend.

 

Was Regisseurin Karin Henkel hier auf die Bühne des Deutschen Schauspielhauses bringt, ist dann auch eher eine Spielverweigerung als ein Kriegsdrama, sieht man einmal von den virtuosen Schauspielern Nils Kahnwald und Kristof van Boven ab.

 

Sie bringen das „Große Heft“, eine Art Tagebuch der von Kristof erfundenen, etwa zehnjährigen Zwillinge, zum Leben, das von den letzten Tagen eines Krieges erzählt. Wenn Kristof van Boven zur Trommel greift, sieht man fast David Bennent in Schlöndorffs Verfilmung der Blechtrommel vor sich. Und Nils Kahnwald kontrastiert den vorpreschenden Draufgänger van Bovens mit kaltschnäuziger Ruhe.

Sie liefern den Subtext zu all den Bildern von Kriegslandschaften, die uns derzeit erreichen. Sie sind die gewissenhaften Zeugen von Tod, Misshandlung, sexuellem Missbrauch, von Gewalt in beliebiger Form und suchen ihren Weg durch die Zerstörung jeglicher Ethik und jeglichen Vertrauens, indem sie eigene Überlebensregeln, eine ebenso gewaltvolle Moral erfinden. Und sie sind Kinder.

 

Das große Heft 1 F Lalo Jodlbauer

Das Große Heft. Foto: Lalo Jodlbauer

 

Nicht von ungefähr also findet Kristofs Roman, erster Teil einer 1986 erschienenen Trilogie, der wie ein Hörspiel gebaut ist, gerade jetzt mit seiner Thematik auf deutsche Bühnen. Jette Steckel hat ihn gerade in Bochum inszeniert, eine weitere, vor zwei Jahren am Kölner Schauspiel ausgezeichnete Inszenierung ist gerade ab der Wiener Burg zu Gast.

 

Dazu muss man wissen, dass es zahlreiche Parallelen zwischen dem Roman und der Kindheit der 1935 in Ungarn geborenen Autorin gibt, die in einem kleinen Dorf die Belagerung der Ungarn, der Deutschen und der Russen erlebt hat, bevor sie 1956 mit ihrem damaligen Mann und Kind in die französische Schweiz floh und dort bis zu ihrem Tod 2011 blieb. Ihr Kunstgriff, das erzählende Ich in Zwillinge und damit in ein Wir zu verwandeln, mag geholfen haben, ihre Erlebnisse so radikal zu verdichten, noch dazu auf Französisch, das sie als Geflüchtete mühsam lernen musste. Kristof schreibt überwiegend in kurzen Hauptsätzen, ihr Markenzeichen ist kühle Distanz, Verweigerung von Nähe, keine Katharsis. Dazu kommt ein gnadenloses Präsens, das den schmalen Roman zum Spiegel aller traumatisierenden Gräueltaten aller gegenwärtigen Kriege macht. Aus ihm gibt es kein Entkommen.

 

Ihr Stilmittel, das Aussparen der Beschreibung von Gefühlen, die Beschränkung auf das Sichtbare, das sie auf die Zwillinge überträgt, ist auch ein Mechanismus der Traumabewältigung.  Nichts spüren zu wollen ist deren erklärte Überlebensstrategie. Ein Wort wie „lieben“ gilt als unwahr und wird nicht benutzt. „Wir lieben Nüsse“, und “Wir lieben unsere Mutter“ kann niemals dasselbe bedeuten. Scheinbar paradox ist die Folge: Umso realistischer erscheint die kalte Welt des Krieges, wenn die Emotionen, das Entsetzen, bei denen entsteht, die sie beobachten.

 

Karin Henkel setzt ganz auf die sprachliche Besonderheit des Romans und lässt die Dichterin und Dirigentin, in Gestalt von Julia Wieninger, mitspielen.  Ein wenig missmutig kommentiert sie das Erzählte, ist ihre eigene Zuschauerin, gibt Regieanweisungen, dirigiert mit Hilfe einer Trillerpfeife die Übungen der Zwillinge im Schweigen, Hungern, Sich nicht bewegen, Betteln und Töten, die sie sich selbst auferlegen.  Oder sie übernimmt die Sätze der nicht sichtbaren Mitspielenden, dann hört man ihre Stimme aus den Lautsprechern der Überwachungsanlage, die nebenbei einen irritierenden Sound, ein fernes Brummen und Summen, von Arvild. J. Baud übertragen.

 

Henkel nimmt in ihrer Inszenierung den Tod der Mutter der Jungen vorweg und spannt damit einen Bogen über den Abend. Im Buch liefert die Mutter ihre Söhne bei der als Hexe bezeichneten Großmutter ab, um sie vor den Bomben in der Stadt zu schützen. Als sie die beiden später mit einem Baby auf dem Arm abholen will, und die sich weigern mitzukommen, wird sie von einer Granate getroffen. Großmutter schlägt vor, Mutter und Kind in dem Loch, das die Granate in den Garten gerissen hat, gleich zu begraben. Das tun sie auch.

 

Die Regisseurin begnügt sich mit szenischen Fingerzeigen, Kleidung wird mit Dreck- und Blutfarben beschmiert, und auf den Unterrock ist ein Skelett gemalt. Sie findet so eine dramatische Entsprechung zu den emotionalen Ellipsen im „großen Heft“. Die Rolle der Mutter und aller weiteren Nebenfiguren überlässt sie der äußerst biegsamen Tänzerin Sabine Molenaar (im Wechsel mit Maria Carolina Vieira) die in einem Danse Macabre auch einen pädophilen Offizier und die Großmutter wie eine Marionette zappeln lässt. Ein Totentanz der Kriegsopfer. Doch heimlich graben die Söhne sie wieder aus.

 

Von hier reicht der Bogen zu den Überlebenden des Hamburger Feuersturms. Plötzlich bricht das Spiel ab und wird zum Dokumentartheater, wenn Nils Kahnwald sieben Zeitzeugen auf die Bühne holt. Als die Brandbomben der Alliierten im Sommer 1943 ganze Stadtteile und 34 000 Menschenleben auslöschten, waren sie Kinder im Alter zwischen drei und elf Jahren. Die sieben alten Menschen nehmen in einer Reihe an der Rampe Platz und stellen sich vor. Die Schauspieler lesen reihum aus deren Erinnerungen vor, Bilder des Grauens, die verkohlten Leichen überall auf den Straßen, in der Elbe, der Gestank. „Meine Mutter sagte, das seien Puppen“ - Bilder, die sie nie mehr losgelassen haben und hier, für die Zuschauer, in Worte gefasst sind. 

 

Das große Heft 2 F Lalo Jodlbauer

Das Große Heft. Foto: Lalo Jodlbauer

 

Die amerikanische Jüdin Marione Ingram berichtet unfassbar berührend, wie sie mit ihrer verzweifelten Mutter nicht in die Bunker hineingelassen wurde, sich in einen Bombenkrater vor dem Hitzesturm retten konnte und herausschaute:  Eine Frau mit einem Baby, ein Kind dahinter. Sie schienen sich in Zeitlupe zu bewegen und liefen, auf dem geschmolzenen Asphalt klebend, ihrem Tod entgegen. Ingram und ihre Mutter überlebten dank der Aktion Gomorrha. Sie wurden nicht, wie vorgesehen, in das Vernichtungslager Theresienstadt deportiert und konnten auf dem Land untertauchen. 

 

Trotz der bewegenden autobiografischen Vorträge gelingt es Henkels Inszenierung, nach einer durchaus nötigen Pause den Bogen zurückzuschlagen. Es sind eben doch die Bilder, die verbinden: Menschen wie seelenlose Puppen, die todgeweihte Mutter. Sie führen uns wieder in den düsteren Konzertsaal, ins namenlose Land der Zwillinge, und das Theater führt uns mit all seiner Vorstellungskraft und zwei starken Schauspielern die andere Seite vor.  Das Wüten der Eroberer, die Schreie der vergewaltigten Frauen, das Vernichtungslager, in dem kurz vor dem Rückzug noch schnell alles Leben ausgelöscht wurde.

 

Ganz sicher ist dieser Abend nichts für schwache Nerven, aber er lohnt sich.


Das große Heft

Zu sehen bis Ende Januar im Deutschen Schauspielhaus, Kirchenallee 39, in 20099 Hamburg

basierend auf „Le Grand Cahier“ von Ágota Kristóf

Regie: Karin Henkel

Ab 16 Jahren

2 Stunden 30 Minuten inkl. einer Pause

Die nächsten Termine:  6.12., 27. 12., 29.1.2026

Mit: Nils Kahnwald, Kristof Van Boven, Julia Wieninger, Zeitzeug*innen: Lissy Benischek, Anneliese Bischoff, Harald Hinsch, Marione Ingram, Dieter Klemenz, Christa Reimann, Walter Zadra

Tänzerinnen: Sabine Molenaar | Maria Carolina Vieira

Weitere Informationen (Deutsches Schauspielhaus)

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