Theater - Tanz
Paul Behren, Josefine Israel, Daniel Hoevels, Bettina Stucky, Angelika Richter, Samuel Weiss. Foto: Lucie Jansch

Im Schauspielhaus Hamburg hat die lettische Theaterregisseurin Yana Ross „Die Möwe“ von Anton Tschechow auseinandergenommen und als eine Art absurdes Sittenbild unserer Gegenwart wieder zusammengesetzt.

 

Komisch und tragisch zugleich. Das Ensemble spielt zum Niederknien gut.

 

Was für einen merkwürdigen Raum hat Bühnenbildnerin Bettina Meyer für das Hamburg-Debüt von Yana Ross da nur auf die Bühne gebracht: rund, vertäfelt, mit einem großen Loch in der Decke. Dieses hölzerne Rund könnte das Wartezimmer eines Planetariums sein, ein klösterliches Refugium oder ein neuer „Sky-Space“ des US-Künstlers James Turrell, ein Ort der Kontemplation und Selbstbesinnung. Oder eines dieser tonnenförmigen Karussells, die sich immer schneller drehen, bis die Besucher an den Wänden kleben und der Boden langsam versinkt. In jedem Fall ist er alles andere als die Kulisse eines einsamen, idyllisch gelegenen Landguts, umgeben von Grün. Das Grün steckt in diesem unwirtlichen Ort in Blumenkübeln, trostlos und künstlich.

 

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Yana Ross nimmt Tschechows Charakterisierung des Stückes ernst. „Die Möwe“, so schrieb der Autor, sei eine Komödie, „die forte beginnt und pianissimo endet“. Mit aktualisierten Dialogen, Tanzeinlagen und Popsongs forciert Ross das Entertainment, doch so richtig lustig ist das nicht. Die vielen musikalischen Einlagen (Marthaler lässt grüßen!) machen eher die Verlorenheit der Figuren noch stärker spürbar. Wenn sich gegen Ende die Decke schließt und das schwarze Loch stattdessen im Boden klafft, verdichtet sich die existenzielle Absturzdrohung zu einem bitter-komischen Bild mit Bingo-Spiel und Karaoke-Gesang. (Nina Chubas „Wildberry Lillet“ ist auch dabei). Tschechows lakonisch dahinplätschernde Mischung aus Tragik und Fatalismus wird so zu einem bissigen Kommentar auf unsere Gegenwart, die ihre Abgründe mit Absurdität überdeckt.

 

Paul Behrens Kostja erscheint als introvertierter, ernster junger Künstler, der sich geradezu verzweifelt in seine Projekte stürzt. Seine Verletzlichkeit ist von berührender Wahrhaftigkeit.  Bettina Stucky gibt eine wunderbar bodenständige Irina Arkadina, die ihrem Sohn gegenüber ebenso selbstbewusst wie unsensibel auftritt. Sie kann mit seiner technikbasierten Kunst nichts anfangen und steigt bei seiner Vorführung schnell aus. Der Mutter-Sohn-Konflikt weitet sich hier aus zu einem Konflikt zwischen der Generation der „Digital Natives“ und der „Digitalen Einwanderer“.

 

Josefine Israels Nina zeichnet beeindruckend die Entwicklung von einer lebenssprühenden jungen Schauspielanwärterin zu einer desillusionierten, reifen Frau nach, die sich an ihrem Traum und ihrer Liebe zum Dichter Trigorin aufgerieben hat.  Dieser wortarme, stille Schriftsteller entfaltet gerade weil er kaum etwas sagt eine geheimnisvolle Anziehungskraft. Daniel Hoevels schafft es hervorragend, mit kleinen beiläufigen Bewegungen, Blicken und gekonnt gesetzten Pausen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

 

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Foto: Lucie Jansch

 

Aber nicht nur diese vier Schauspieler brillieren in ihren Rollen. Dieses Stück ist eine Ensembleleistung, so dicht und hochkarätig, wie man sie nur selten zu Gesicht bekommt. Großartig Josef Ostendorf als Gutsherr Sorin, großartig auch Angelika Richter als Gutsverwalterin Polina, Samuel Weiss als Arzt und Frauenheld sowie Pascal Houdus als tumber Lehrer. Am eindringlichsten bleibt aber wohl Henni Jörissens melancholische Mascha in Erinnerung, die sich mit viel Alkohol und Schicksalsergebenheit in die Ehe mit dem Lehrer begibt. Ihre Trauer um das verfehlte Leben, ihre bunten zerplatzten Luftballons und Schlagerzitate („Ne me quitte pas“, „Dreams are my reality“) stehen exemplarisch für diesen Abend der Existenzen.

 

Ein Abend, der uns ebenso kurzweilig wie gnadenlos den Spiegel der Mittelmäßigkeit vorhält.


Anton Tschechow: Die Möwe

aus dem Russischen von Elina Finkel in einer Bearbeitung von Yana Ross.

Regie: Yana Ross

Zu sehen bis April 2026 im Deutschen Schauspielhaus, Kirchenallee 39, 20099 Hamburg

Mit: Paul Behren, Daniel Hoevels, Pascal Houdus, Josefine Israel, Henni Jörissen, Josef Ostendorf, Angelika Richter, Bettina Stucky, Samuel Weiss

2 Stunden 45 Minuten, inkl. einer Pause

Weitere Informationen (Deutsches Schauspielhaus)

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