Theater - Tanz
„Serenade“ mit Tänzerinnen des Hamburg Ballett. Foto: © Kiran West

Demis Volpi hat diesen Ballettabend noch in seiner turbokurzen Amtszeit als Intendant des Hamburg Balletts konzipiert. Nun wirkt „Fast Forward“ wie sein künstlerisches Vermächtnis: Vier Handschriften, vier ästhetische Welten – vom neoklassischen Kanon bis zur zeitgenössischen Uraufführung.

 

Vielfalt als Prinzip, das könnte in Hamburg Zukunft haben. Mehr davon!

 

„Fast Forward“ macht deutlich, wie spannend Reibung sein kann – zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Formdisziplin und expressiver Freiheit. Man wünscht sich, dass diese programmatische Offenheit kein singuläres Statement bleibt, sondern im Repertoire des Hamburg Balletts künftig noch stärker verankert wird. Die Compagnie ist in Bestform, sie schafften es mühelos, stilistische Kontraste nicht nur zu bewältigen, sondern die künstlerischen Tanzsprachen auch zu durchdringen.

 

Totentanz 01 F Kiran West

Daniele Bonelli, Charlotte Larzelere und Louis Musin in Totentanz. Foto: © Kiran West

 

Zum Auftakt George Balanchines „Serenade“ zur Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski – eine Herausforderung für jede Compagnie. Dieser Klassiker der Moderne von 1934 besitzt einen architektonischen Aufbau, der nach absoluter Präzision und müheloser Schwerelosigkeit verlangt. Die 16 Tänzerinnen des Corps de Ballet bewältigen diese anspruchsvolle Choreografie mit Bravour. Ein eindrucksvoller Beweis für die Klasse des Ensembles. Die Solistinnen Ida Praetorius und Futaba Ishizaki führten das weibliche Tableau mit technischer Souveränität und atemberaubender Eleganz an. Sie haben Balanchines Bewegungsvokabular gleichsam inhaliert, dabei von jeder Sentimentalität befreit.

Das Philharmonische Staatsorchester unter der musikalischen Leitung von Katharina Müllner erwies sich als sensibler Begleiter und ließ Tschaikowskis Musik mit strahlender Transparenz und elastischer Dynamik aufleuchten.  

 

Einen krasseren Gegensatz als Marcos Moraus „Totentanz“ hätte man sich im Anschluss kaum vorstellen können: Komplett schwarze Bühne, im Hintergrund ein dünner Streifen Neonlicht, der einen Podest, eine Art Sarg, beleuchtet. Zu elektronischen Klangflächen schälen sich aus dem Dunkel Körper in zombiehaften, eckigen, abrupt abbrechenden Bewegungen. Morau hat hier eine Mischung aus Breakdance und holzschnittartiger Körpersprache entwickelt, die Bilder von Kontrollverlust und marionettenhafter Leere beschwören. Großartig die drei Solisten, Charlotte Larzelere, Louis Musin und Daniele Bonelli, die wie Geistwesen aus einer anderen Welt auftauchen – makaber und unerhört faszinierend.

 

Annoncaition F Kiran West

Charlotte Kragh und Selina Appenzeller in „Annonciation“: © Kiran West

 

Aus einer anderen Welt scheint auch Angelin Preljocajs „Annonciation“ zu sein: Diese „Verkündigung“ ist einfach umwerfend, voller dynamischer, weiblicher Kraft. Preljocaj wollte das biblische Motiv ganz offenbar einmal aus feministischer Sicht interpretieren – und das ist ihr hervorragend gelungen. Dabei changiert die Choreografie zwischen tänzerischer Leistungsschau und Momenten großer Intimität. Charlotte Kragh als Engel begeisterte mit einer Präsenz und technischer Brillanz, die in der Tat überirdische Züge trugen. Selina Appenzeller zeichnete Marias innere Bewegung ebenso zart wie differenziert mit mädchenhafter Zurückhaltung nach. Kurz: Ein Pas de Deux von berührender Intensität.

 

Moon in the Ocean F Kiran West

Ensemble des Hamburg Ballett in „The Moon in the Ocean“. Foto: © Kiran West

 

Die Uraufführung von Xie Xin „The Moon in the Ocean“ bildete dann den poetischen Schlusspunkt des Abends. Die chinesische Choreografin, die Demis Volpi im vergangenen Jahr noch für diese Auftragsarbeit nach Hamburg einlud, schließt in gewisser Weise wieder an Balanchine an. Auch sie begreift das Ensemble als einen Körper, als eine Einheit, die gemeinsam denkt und atmet. Nur, dass die 17 männlichen Tänzer hier ein Element dazustellen haben, das so weich und fließend ist, dass es unter den Fingern zerrinnt und keine Knochen im Körper verträgt: Wasser. Oder, besser gesagt: Das Meer. Und in der Tat, es funktioniert: Die Tänzer schaffen es, eine komplette fließende Einheit zu bilden und das wogende Meer in wellenartigen Gruppensequenzen zu verkörpern. Dabei entwickelt das fantastische Ensemble eine regelrechte hypnotische Sogwirkung. Mal formiert es sich zu Hokusais „Große Welle“, mal hat man den Eindruck, einer Schwarmintelligenz unter Wasser zu begegnen: Seeanemonen oder geheimnisvollen Medusen, die sich pulsierend durch den endlosen Ozean bewegen. Xue Lin verkörperte den Mond mit ruhiger Zentrierung, Ana Torrequebrada dessen Reflex mit fließender Elastizität. Im abschließenden Solo von Moisés Romero bündelte sich die zuvor entfaltete Naturmetapher noch einmal in konzentrierter Form. Ein wunderschöner, poetischer Schlusspunkt dieses klug komponierten und höchst sehenswerten Abends, an dem das Hamburger Ballett seine stilistische Bandbreite eindrucksvoll unter Beweis stellte.


Fast Forward

George Balanchine: „Serenade“ | Marcos Morau: „Totentanz“ | Angelin Preljocaj: „Annonciation“ | Xie Xin: „The Moon in the Ocean“

Zu sehen am 5.3., 6.3., 7.3., 10.03 und 11.3. sowie am 25.6. in der Hamburgischen Staatsoper, Große Theaterstraße 25, 20354 Hamburg

Musikalische Leitung: Katharina Müllner | Ensemble: Hamburg Ballett | Orchester: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Weitere Informationen (Hamburg Ballett)

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