Theater - Tanz
Ulrich Bähnk. Foto: Sinje Hasheider

Eine unerhört packende Inszenierung zu einem nach wie vor aktuellem Thema: Mit „Deutschstunde – Biller in Flammen“ nach dem Roman von Siegfried Lenz ist dem Ohnsorg-Theater eine großartige Bühnenfassung gelungen! Unbedingt ansehen!

 

Zugegeben, die Autorin dieser Zeilen hat sich mit dem Roman „Deutschstunde“ (1968) von Siegfried Lenz (1926–2014) etwas schwergetan. Der 600 Seiten dicke Wälzer ist zweifellos ein Meisterwerk und gilt aus gutem Grund als klassische Schullektüre im Deutsch-Leistungskurs.

 

Doch wer die Geschichte des 21jährigen Siggi Jepsen gelesen hat, der 1952 in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche einen Besinnungsaufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ schreiben soll,  erst ein leeres Heft abgibt, um dann doch in seine  Erinnerungen an die Jahre 1943 bis 1945 einzutauchen – der weiß, dass diese Geschichte mit all ihren Akteuren im fiktiven schleswig-holsteinischen Dorf Rugbüll um den als „entartet“ geltenden Maler Max Ludwig Nansen streckenweise recht langatmig sein kann. (Nansen ist übrigens eine Anspielung auf Emil Nolde, der Berufsverbot erhielt, obwohl er Nationalsozialist und Antisemit war.)

 

Umso beeindruckender, wie es Regisseurin Kathrin Mayr und Dramaturg Clemens Mädge, der den Roman für die plattdeutsche Bühne adaptierte, gelang, den Kern dieses Romans herauszuschälen und auf die Momente zu verdichten, die das Gemenge aus Schuld und Pflicht unter den angsterfüllten Jahren der Naziherrschaft auf den Punkt bringen. Das Stück gleicht einem Kammerspiel und doch öffnen sich auf der fast leeren Bühne von Anike Sedello vor dem inneren Auge mühelos die verschiedenen Schauplätze: Die Besserungsanstalt, die heimische Küche, selbst das schleswig-holsteinische Wattenmeer, in dem Siggi und seine Schwester Hilke bei Ebbe „Butt pedden“, meint man, riechen und fühlen zu können. Hier, im „nördlichsten Polizeiposten Deutschlands“ muss der Junge 1943 miterleben, wie sein Vater, der Polizist Jens Ole Jepsen, seinem langjährigen Freund, dem Maler Max Ludwig Nansen das „Malverbot“ („Befehl aus Berlin“) überbringt.  Und nicht nur das! Polizist Jepsen hat dieses Malverbot auch zu überwachen und tut das mit einem geradezu verbissenem Eifer. Siggi, den sein Vater zur Mithilfe auffordert, gerät zunehmend in Gewissenskonflikte. Am Ende, man weiß es, brennt die Mühle mit den versteckten „Billern“, der Junge entwickelt die Zwangsvorstellung, Nansens Bilder retten zu müssen, und wird zum Kunstdieb.

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Wie sich diese Geschichte hier auf der kleinen Ohnsorg-Bühne zusammenfügt, ist einfach bestechend gut gemacht. Gespielt wird auf Hoch- und Plattdeutsch, sodass die Handlung allgemein verständlich ist. (Es war die letzte Übersetzung für Peter Nissen, der plattdeutsche Dramatur und ehemalige Oberspielleiter des Ohnsorg-Theaters starb 68-jährig kurz vor der Premiere der „Deutschstunde“). Der Wechsel zwischen Rahmenhandlung (Siggi in der Besserungsanstalt) und Rückblicken auf Kindheitserinnerungen erfolgt völlig organisch nach einer Art Traumlogik. Vor allem aber gelingt mit diesem siebenköpfigen Ensemble ein Glücksgriff der besonderen Art!

 

Wann, bitte, sieht man auf einer (Privat-)Bühne schon mal sämtliche Rollen gleichermaßen stark besetzt? Flavio Kiener als Siggi, Oliver Warsitz als Prototyp des skrupellosen, pflichtfanatischen Untertanen und Ulrich Bähnk als Inkarnation des unangepassten, individualistischen Freigeistes und Künstlers verkörpern ihre Figuren mit einer Wucht und Wahrhaftigkeit, dass man mitunter vergisst, auf die Bühne zu blicken. Aber auch Birte Kretschmer als vom Nationalsozialismus überzeugte Mutter und Ehefrau Gudrun, Nele Larsen als abenteuerlustige, freiheitsliebende Tochter Hilke, André Lassen in drei Rollen, am intensivsten als verstoßener älterer Sohn Klaas (der sich verstümmelte, um nicht in den Krieg zu ziehen) und Vivien Mahler als Ditte Nansen sind von bestechender Überzeugungskraft.

 

Berechtigte Beifallsstürme und Bravorufe am Ende einer ganz normalen Repertoirevorstellung für einen Theaterabend der Extraklasse.      


Deutschstunde – Biller in Flammen

Zu sehen bis 23. Mai 2026 im Ohnsorg-Theater, Heidi-Kabel-Platz 1, 20099 Hamburg

Von Siegfried Lenz | Bühnenfassung: Clemens Mädge | Plattdeutsche Erstaufführung | Plattdeutsch: Peter Nissen | Spieldauer: ca. 2 Stunden, 40 Minuten inkl. Pause

Inszenierung: Kathrin Mayr | Bühne & Kostüme: Anike Sedello | Musik & Dramaturgie: Clemens Mädge | Mit: Ulrich Bähnk, Flavio Kiener, Birte Kretschmer, Nele Larsen, André Lassen, Vivien Mahler, Oliver Warsitz.

Weitere Informationen (Ohnsorg-Theater)

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