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Film & Kino aktuell

Film

„Der Ornithologe”. Von Zwillingen, wachsamen Eulen und Lateinisch sprechenden Amazonen

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Geschrieben von: Anna Grillet - Montag, 10. Juli 2017 um 09:16 Uhr

Der Ornithologe


Sinnsuche als geheimnisvolles Survival-Epos: Regisseur João Pedro Rodrigues ist ein genialer Bilderstürmer in der Tradition Pasolinis. Was als wissenschaftliche Exkursion beginnt, wird bald zur skurril subversiven Odyssee des Magischen Realismus. Es geht um Tod, Auferstehung, Märtyrertum, Erlösung und um Liebe.
Der Autorenfilmer mischt christliche und heidnische Motive, re-kreiert die historische Gestalt des Antonius von Padua mit all deren Widersprüchen, wie es schon Hieronymus Bosch oder Salvatore Dali taten. Rodrigues verhöhnt nicht das Göttliche, glorifiziert nicht den Tabu-Bruch, sondern will nur wissen, wie viel in ihm, dem Künstler, steckt von jenem portugiesischen Heiligen aus dem 13. Jahrhundert, der zu den Fischen predigte. Ästhetisch virtuos legt er den erotischen Subtext frei.

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Film

„Die Verführten” – Rollenwechsel im Spinnennetz

Details
Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 29. Juni 2017 um 09:51 Uhr
Die Verführten

Sofia Coppola inszeniert ihr Bürgerkriegsdrama „Die Verführten” als betörend suggestiven Psychothriller über die Sinnlichkeit des Verrats. Sie verbindet ästhetisch virtuos schwarzen Humor mit weiblicher Solidarität.
Es ist eines der ungewöhnlichsten Remakes der Kinogeschichte: „Dem elementaren Verlangen von Frauen, Männer zu kastrieren”, davon handelt nach den Worten Don Siegels sein Film „Betrogen” aus dem Jahr 1971. Trotz aller Achtung für den 1991 verstorbenen „Dirty Harry”-Regisseur weist Variety-Kritiker Owen Gleiberman nicht ohne Häme darauf hin, dass jenes blutrünstig wüste Machwerk streng genommen den Plot eines Pornos habe. Schlimmer noch, das Horror-Spektakel nach Thomas P. Cullinans Roman „A Painted Devil” begeistert heute amerikanische Vertreter der ‚Neomasculinity’, die sich für eine Stärkung des Patriarchats und die Straffreiheit von Vergewaltigungen einsetzen. Eigentlich wollte Sofia Coppola („The Virgin Suicides”) nie ein Remake drehen, doch dieses Southern Gothic-Epos war mehr als eine Herausforderung.

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Film

„Axolotl Overkill”. Dialektik eines Enfant Terrible

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Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 22. Juni 2017 um 09:50 Uhr
Axolotl Overkill

Verweigerung als Selbststimmung: „Axolotl Overkill” ist das hinreißend provokante Porträt einer 16-Jährigen zwischen Realität und Rausch: subversiv, surreal, lobenswert unmoralisch, klug, sinnlich, explosiv, mit einer hohen Frequenz von „fuck you all’. Und vor allem ästhetisch atemberaubend.
Regisseurin Helene Hegemann möchte die Verfilmung ihres vor sieben Jahren erschienenen Romans „Axolotl Roadkill” keinesfalls als Coming-of-Age-Story verstanden wissen, ist es doch genau das Gegenteil. Unwiderstehlich: Jasna Fritzi Bauer in der Rolle der tragisch-komischen Rebellin Mifti.

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Film

„Born to be Blue”. Wenn aus der Trompete eine Tarantel kriecht

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Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 08. Juni 2017 um 09:58 Uhr
Chet Baker Born to be blue

Grandios: Ethan Hawke in der Rolle des legendären Chet Baker.
Seine Fans vergötterten ihn, den begnadeten Musiker, als James Dean des Jazz, den Prince of Cool. Die Welt schien dem charismatischen Jazz-Trompeter und Sänger zu Füßen zu liegen. Doch seinem kometenhaften Aufstieg in den 1950er-Jahren folgt der Absturz. Die inneren Dämonen, das Heroin zerstören ihn. Hier setzt „Born to be Blue” ein. Dem kanadischen Regisseur Robert Budreau gelingt etwas Außergewöhnliches, völlig Verblüffendes: ein Film, der sich anfühlt wie Jazz. Das changierende poröse Fantasiegebilde aus Melancholie, Delirium, Todessehnsucht und Überlebenswillen ist seltsam romantisch verfremdet. Die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verschwimmen bis zur betörenden Unkenntlichkeit.

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Film

„The Dinner”. Die hohe Kunst des Selbstbetrugs

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Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 01. Juni 2017 um 09:56 Uhr
The Dinner

Raffiniert, überbordend, von opulent absurder Schönheit.
Schauplatz des finstren Thrillers ist ein grotesk herrschaftliches Nobelrestaurant. Ob Hors d'œuvre oder Dessert, Oren Moverman inszeniert ästhetisch virtuos das pompöse Mahl als bedrückendes Psychogramm westlicher Zivilisation. Hinter dem Luxus von “The Dinner” lauert das Verbrechen, aber vor allem schwarzer Humor in unwiderstehlicher Farbvielfalt. Der Maître d’hôtel unterbricht skrupellos die Gespräche seiner Gäste, beschwört mit langatmigen poetischen Diskursen über Estragon oder Lauchzwiebeln Exklusivität. Willkommener Anlass für Paul Lohman (Steve Coogan), den verbitterten Intellektuellen, auszurasten. Zwanghaft sarkastisch kommentiert er jede Bemerkung, torpediert so geschickt das lästige Familientreffen. Seine zynischen Theorien über die reinigende Wirkung des Krieges haben ihn schon vor Jahren die Stellung als Lehrer gekostet.

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Film

„Churchill” – Oder die unerträgliche Einsamkeit des Helden

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Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 25. Mai 2017 um 09:36 Uhr
Churchill

„Churchill” verblüfft als intime, zutiefst anrührende Charakterstudie. Es geht wider Erwarten weniger um historische Ruhmestaten, sondern um Angst, Liebe, Wut, Erniedrigung, Verzweiflung, den Kampf mit sich selbst.
Blutiges Meerwasser umspült den steinigen Strand, kilometerweit nur schlammbedeckte Leichen im dunklen Schlick und zerstörte Boote. Ästhetisch virtuos inszeniert Regisseur Jonathan Teplitzky die Albträume und Momente größter Schwäche seines alternden Protagonisten. Den britischen Premierminister (Brian Cox) quält im Juni 1944 die Erinnerung an die Schlacht von Gallipoli im Ersten Weltkrieg, Hunderttausende starben damals. Er hatte versagt, jetzt fürchtet Winston Churchill das Scheitern von „Operation Overlord”, der Staatsmann will nicht eingehen in die Geschichte als „Architekt des Blutvergießens”.

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Film

„Nocturama”. Wenn Anarchie zu unwiderstehlicher Ästhetik mutiert

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Geschrieben von: Anna Grillet - Mittwoch, 17. Mai 2017 um 10:03 Uhr
Nocturama

Bertrand Bonellos Leinwand-Epos „Nocturama” ist überwältigend schön und zutiefst verstörend. Die Reaktion bei Kritikern wie Publikum reicht von purem Entsetzen bis absoluter Bewunderung. Warum?
Der französische Regisseur bricht ein Tabu, nähert sich dem Phänomen Terrorismus mit rein filmischen Mitteln. Das klingt unspektakulär, doch dieses Oeuvre fühlt sich in seiner kühlen Entschlossenheit an wie ein gefährliches hochinfektiöses Gedankenspiel: suggestiv, packend, sinnlich mit einer seltsam magischen Suspense abseits von Thriller und Mystery. Nicht die tödlichen Schüsse oder Explosionen lassen den Zuschauer erstarren, sondern die Normalität der jugendlichen Protagonisten. Sie entsprechen so gar nicht unserem Feindbild von Attentätern.

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Film

„Rückkehr nach Montauk”. Das Innenleben des Volker Schlöndorff

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Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 04. Mai 2017 um 09:26 Uhr
Rückkehr nach Montauk

Es ist sein persönlichster Film, von ungewohnter Zärtlichkeit und rauer Melancholie. Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel”) geht auf volles Risiko: Die Offenbarungen des Protagonisten Max Zorn (Stellan Skarsgård) sind in ihrer larmoyanten Überheblichkeit manchmal nur schwer erträglich, doch genau darin liegt jener kühle intellektuelle Charme des Leinwandepos’. Der 78jährige Regisseur weiß, sein Alter Ego taugt nur bedingt als Identifikationsfigur: „Aber wahrhaftig zu sein, war mir wichtiger als zu gefallen”, sagt er.  

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Film

„Gimme Danger” – Liebeserklärung an Iggy Pop & The Stooges

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Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 27. April 2017 um 09:18 Uhr
Gimme Danger Iggy Pop The Stooges

Regisseur Jim Jarmusch will sein Porträt des ‚Godfathers of Punk’ als collageartigen Essay und nicht als Dokumentation verstanden wissen. So cool und abgeklärt sich James Osterberg alias Iggy Pop hier präsentiert, der US-amerikanische Autorenfilmer dagegen ist skrupellos voreingenommen und zelebriert auf bezaubernd schräge Weise musikalischen Heldenkult: „Keine andere Band in der Geschichte des Rock’n’ Roll kommt an die Stooges heran, und an ihre Kombination aus heftigem, urgewaltigem Hämmern, zugedröhntem Psychedelic und Blues-a-Billy-Grind mit lakonischen, von Existenzangst geprägten Texten und einem Frontman, der wie ein zähnefletschender Leopard auf und ab stolziert und dabei irgendwie Nijinsky, Bruce Lee, Harpo Marx und Arthur Rimbaud in sich vereint. Die Stooges sind einzigartig, während sie ihrerseits zum Vorbild zahlloser Gruppen wurden”.
Und auch wer vielleicht Jarmuschs Euphorie in diesem Ausmaß nicht teilen kann, was „Gimme Danger” einfach unwiderstehlich macht, ist der unverwechselbare trockene doppelbödige Humor des 70jährigen Protagonisten.

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Film

„Verleugnung”. Der Holocaust vor Gericht

Details
Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 13. April 2017 um 12:11 Uhr
Verleugnung

Ein packender Film von historischer Dimension und erschreckend aktuell:
Atlanta, Georgia 1994, Emory University. Deborah E. Lipstadt (Rachel Weisz), Professorin für Jüdische Zeitgeschichte, spricht über das Leugnen der Shoah. Zwischen den Studenten im Hörsaal ein älterer Mann, er steht plötzlich auf, wedelt mit Geldscheinen. Es ist David Irving (Timothy Spall), der britische Historiker und Holocaust-Leugner. Er verspricht demjenigen 1000 Dollar, der ihm einen Beweis für den Holocaust liefert. Lipstadt macht unmissverständlich klar, sie diskutiere nicht mit ihm, nicht hier, nicht jetzt, noch sonst irgendwann.

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Film

„Una und Ray” – Von Missbrauch, großer Liebe und Verrat

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Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 30. März 2017 um 09:07 Uhr
Una und Ray

„Una und Ray” ist ein atemberaubendes Psychodrama im ständigen Wechsel zwischen Intimität und Distanz, Erschütterung, Angst und ohnmächtigem Zorn: Una (Rooney Mara) will den Mann, der ihr vor fünfzehn Jahren so viel Schmerz zugefügt hat, zerstören, aber sie will auch, dass er sie wieder liebt.
Unaufhörlich drehen sich alle Gedanken nur um ihn. Hinter der trügerischen Fassade von Normalität verbirgt sich eine gebrochene Kindfrau. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein seit jener Nacht, als Ray (Ben Mendelsohn) aus dem Motelzimmer verschwand und sie allein zurückließ. Una war damals 13 Jahre alt, der Geliebte Mitte 30, ein Nachbar und Freund ihres Vaters. Das Gericht verurteilte ihn wegen sexuellen Missbrauchs.

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Film

„Rammstein: Paris”. Neue Deutsche Härte trifft auf Mad Max

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Geschrieben von: Anna Grillet - Dienstag, 21. März 2017 um 09:55 Uhr
Rammstein Paris

„Rammstein: Paris” ist ein futuristisch anmutendes Gesamtkunstwerk, genial, brutal, laut, kreativ und lustvoll in Szene gesetzt. Am 6. und 7. März 2012 spielte Rammstein vor 17.000 begeisterten Zuschauern in der Pariser Bercy-Arena. Mit 30 Kameras zeichnete der schwedische Musikvideo- und Filmregisseur Jonas Åkerlund die beiden Konzerte auf, dazu noch Close-ups während der Generalprobe.
Irrwitzige Perspektiven und perfekte rhythmische Schnitttechnik verstärken die Wirkung der bildgewaltigen martialischen Bühnenshow auf der Leinwand zum Erlebnis im XXL Format. Bei uns daheim geriet die 1994 gegründete Rockband leider immer wieder in den Verdacht von Gewaltverherrlichung und nationalsozialistischer Ästhetik. Ein typisch deutsches Missverständnis?

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Film

„Moonlight”. Oder die Angst in den Augen von Chiron

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Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 09. März 2017 um 09:35 Uhr
Moonlight

„Moonlight” ist mehr als ein cineastisches Meisterwerk, mit ihm beginnt eine neue Ära der Kinogeschichte.
In seiner einfühlsamen Coming-of-Age Story, ausgezeichnet mit dem Oscar als bester Film, schildert Barry Jenkins die Identitätssuche schwarzer Schwuler in den USA. Miami, weitab vom Glamour und prächtigen Stränden – hier prägen Gewalt, Armut, Drogen und Kriminalität den Alltag. Doch der afroamerikanische Regisseur inszeniert das Porträt seines Protagonisten nicht als düsteres Sozialdrama sondern in leuchtenden saturierten Pastelltönen und dem Grün tropischer Vegetation. Schmerz, Schrecken und jene wenigen fragilen Momente des Glücks vermischen sich wie in flirrenden Fiebervisionen miteinander. Entstanden ist eine atemberaubende poetische, radikal opulente Bildsprache als Gegenstück zum italienischen Neorealismus.

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Film

„Silence” – Wo Judas zum Wiederholungstäter wird

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Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 02. März 2017 um 09:06 Uhr
Silence

Sein fulminantes Märtyrer-Epos „Silence” inszeniert Martin Scorsese als bildgewaltigen spirituellen Überlebenskampf, historische Sinnkrise der Westlichen Welt. Es ist der persönlichste und leidenschaftlichste Film des heute 74jährigen Regisseurs, eine Hommage an das Kino der japanischen Meister wie Kurosawa, Ōshima, Mizoguchi.
Der Ernst des Werkes ist verführerisch, unerträglich, atemberaubend. “Silence” hat etwas Unnahbares, Erdrückendes: Es geht um Glauben, Macht, Inquisition, mörderische Brutalität, Erlösung, Versuchung, Zweifel und gefährlichen Stolz, der Wahl zwischen eigenem Seelenheil und der Verantwortung für seine Mitmenschen, den Gegensatz zwischen Europa und Asien.

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