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Hamburger Architektur Sommer 2019

Architektur
Vergessene Moderne Fotografien von Felix Krebs aus Indien

Vergessen und wieder zurück geholt? Wir vergessen vieles, weil es aus dem Blickpunkt entrückt ist, weil sich unser Fokus verschiebt, weil die Zeit und die Entfernung es vergessen machen oder auch, weil wir es vergessen möchten.

Der in Hamburg ansässige Fotograf Felix Krebs ist auf Sach- und Architekturfotografie spezialisiert. Sein Interesse gilt seit den frühen 2000er Jahre der architektonischen Moderne insbesondere in Indien. Anlässlich des Hamburger Architektur Sommers zeigen das Architekturbüro FMA Christoph Fischer, Felix Krebs Fotografie und das MOD Stadtforschungsinstitute Bangalore/Berlin die Ausstellung „Vergessene Moderne“ im AIT ArchitekturSalon Hamburg.

Bevor der Besucher die Ausstellung anschaut bedarf es einiger Vorinformationen, um eine adäquate Kontextualisierung zu erreichen und um nicht auf die Idee zu kommen, die Moderne in Indien sei lediglich Plagiat.
Dass die architektonische Moderne zu einem globalen Phänomen – quasi zu einem Exportschlager – wurde hat mehrere Ursachen: zum einen war es der Kolonialismus der europäischen Mächte, der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkte. So hinterließen Franzosen in Afrika und Indochina diesen Stil, Niederländer in Indonesien, Briten in Afrika und Indien. Zum anderen spielt das Thema Migration eine wirkungsvolle Rolle als sich in Zentraleuropa viele Architekten auf dem Weg in eine neue Heimat machen musste, denken wir nur an die Schließung des Bauhauses in Dessau, an jüdische und kommunistische Immigranten, die die Ideen in die Welt trugen. Schließlich war es aber auch das Interesse von Intellektuellen, in teilweise für unsere Verhältnisse exotischen Ländern, die wissenshungrig waren und auch für ihre Kultur(en) die Auffassungen der Moderne teilten oder zumindest vorstellen wollten.

Letzteres war erstaunlich früh in Indien der Fall. Der Kulturuniversalist Rabindranath Tagore, Dichter, Denker, Philosoph, Musiker u.v.m. ist es zu verdanken, dass bereits 1922 – also bereits drei Jahre nach Gründung – das Bauhaus in Kalkutta in einer großen Ausstellung präsentiert wurde. Diese Bauhausausstellung war im internationalen Kunstbetrieb ein einmaliges Ereignis – ein Aufeinandertreffen künstlerischer wie intellektueller Verwandtschaften. Die westliche Moderne, die nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach geistiger und künstlerischer Erneuerung war, traf auf ihr indisches Pendant, das sich von den kolonialen Zwängen kulturell emanzipierte und teilweise bereits hatte.

So vermischen sich individuelle und kulturspezifische Authentizitäten zu transkulturellen Schöpfungen, die neu gedacht werden konnten. Nun ist zwar diese Ausstellung schon annähernd 100 Jahre her, aber die Wirkkraft ist nach wie vor gegeben, auch wenn diese europäisch beeinflusste Moderne in Indien nach wie vor diskutiert wird, ob sie in das offizielle indische Erbe wie selbstverständlich aufgenommen werden soll. Der Abriss von Gebäuden der Moderne zeigt, dass sich die momentane nationalistisch ausgerichtete Regierung Indiens schwer tut mit diesem Erbe. Dabei ist bemerkenswert, dass in den Kommunikationen gegen eine Aufnahme in das indische Selbstverständnis, die Argumente durch den Begriff Kolonialismus verwässert werden, denn die Moderne war eben nicht nur ein Phänomen britischer, französischer oder portugiesischer Machtansprüche auf dem Subkontinent, sondern – wie erwähnt auch ein transkultureller Akt offensichtlich aus einem innerindischen Bedürfnis und Interesse heraus.

Seit ungefähr 1922, verstärkt dann in den 1930er Jahren ist die Moderne in Indiens stadträumlicher Wirklichkeit angekommen.
Es ist auch jenen Intellektuellen zu verdanken wie den Architekten Le Corbusier (1887-1965), Otto Königsberger (1908-1999) und Joseph Allen Stein (1912-2001) sowie dem Dichter und Kritiker Mulk Raj Anand (1905-2004), dass die Moderne kritisch begleitet wurde. Mehrere Generationen von indischen Architekten, unter ihnen Charles Correa (1930-2015) Achyut Kanvinde (1916-2002) und Anant Raje (1929-2009) und Pritzker-Preisträger (2018) Balkrishna Vithaldas Doshi führten und führen diese Tradition erfolgreich fort.

Felix Krebs reiste mehrmals ins indische Ahmedabad, Neu Dehli, Surat und Mumbai, um diese Gebäude aufzuspüren. Im Ergebnis sind Fotografien entstanden, die zwar durchaus die Architektur in den zentralen Fokus rücken, aber auch Umgebungen und Handlungsräume sichtbar machen. In einem Land mit weit über einer Milliarde Einwohnern kommt bei manchem Foto die Frage auf, wie es der Fotograf geschafft hat, Menschenleere hinzubekommen. Die 43 Werke vermitteln aber auch ein Quantum an Atmosphäre und selbst die Ausstellungsräume beim AIT ArchitekturSalon, vis-à-vis der Speicherstadt, tun dies, durch unterschiedlich farbige Wände, Blumentöpfe in den Raum zueinander gestellt, die ihre Entsprechung auf Fotos haben. Außerdem freie Nachbauten von Möbelstücken, die im Forschungsinstitut ATIRA (Ahmedabad Textile Industry's Research Association) zu finden sind.
Drei große rohe an die Wand gelehnte Holzpanelen geben Auskunft zur Ausstellung, zu den Hintergründen und vermitteln hilfreich eine zeitliche Achse mit Stilen, Namen und Bezügen.

Trotz der globalen architektonischen Sprache finden sich lokale Eigenheiten, Materialien und Anpassungen an Klima, Tradition und Umgebung. Um die Ausstellung und den darin verankerten Themen auf den Grund gehen zu können sollte der Besucher sich Zeit nehmen. Es lohnt sich!

Vergessene Moderne. Fotografien von Felix Krebs aus Indien

Zu sehen bis zum 27. Juni 2019
Bei AIT ArchitekturSalon, Bei den Mühren 70 in 20457 Hamburg
Geöffnet: Di, Mi, Fr, 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr
Eintritt frei
Weitere Informationen zu den Veranstaltungen: www.ait-architektursalon.de



Abbildungsnachweis: alle Fotos © Felix Krebs
Header: ATIRA (Ahmedabad Textile Industry's Research Association), Forschungsinstitut, Achyut Kanvinde, 1952 Ahmedabad
Galerie:
01. Blick in die Ausstellung. Foto: Claus Friede
02. IIC (Indian International Centre), Joseph Allen Stein, 1958, New Dehli
03. Tagore Hall, Balkrishna Doshi, 1966, Ahmedabad
04. Blick in die Ausstellung. Foto: Claus Friede
05. ATIRA, Achyut Kanvinde, 1952 Ahmedabad
06. ATIRA, Achyut Kanvinde, 1952 Ahmedabad; Innenansicht
07. Blick in die Ausstellung. Foto: Claus Friede
08. Möbelnachbau in der Ausstellung. Foto: Claus Friede
09. Kanchanjunga Tower, Wohnhochhaus, Charles Correa, 1970-83, Malabar Hill, Bombay
10. Patel Residence, Privathaus, Nari Gandhi, 1980, Surat
11. AMA (Ahmedabad Management Association), Bimal Patel, 2000, Ahmedabad
12. Blick in die Ausstellung. Foto: Claus Friede

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