Schade oder Gott sei Dank, dass das nicht gebaut wurde! Je nach persönlicher Priorität und Perspektive ist das meist der erste Gedanke, den man bei der Lektüre dieses 600 Seiten langen Buches hat, eine Wundertüte voller bunter Pläne, Zeichnungen, historischer Fotos und großartiger Luftaufnahmen.
„Das ungebaute Hamburg“ ist aber vor allem ein aufschlussreiches Erinnerungsbuch über die baukulturellen Debatten und politischen Kämpfe der zukünftigen Stadtgestalt Hamburgs seit 1960, die zur gebauten Gegenwart geführt haben.
Herausgeber Ullrich Schwarz, ehemaliger langjähriger Geschäftsführer der Hamburgischen Architektenkammer und Professor für Architekturtheorie, hat keine Mühe gescheut, ausreichend Material zu finden, um jedes der 33 meist kurzen Kapitel anschaulich zu bebildern. Sie sind nach den Rubriken Einzelbauten, Wettbewerbe, städtebauliche Projekte, Infrastruktur- und Verkehrsprojekte gegliedert. Als Autor hat Schwarz eine verdienstvolle Generation von 15 Architekturspezialisten versammelt, die seit Jahrzehnten das Baugeschehen in Hamburg erforschen und kommentieren. Niemand von ihnen ist nach 1970 geboren: ein Gruppenbild mit nur einer Dame, der Leiterin des Hamburgischen Architekturarchivs, Sabine Kock. Klar und bestimmt, kenntnisreich und unprätentiös analysiert sie unter der Rubrik Wettbewerbsverfahren am Ende des ersten Buchdrittels die verschiedenen Entwürfe von 1990 und 1993, die den südöstlichen Stadteingang am Deichtormarkt und den Verkehrsknotenpunkt mit Neubauten städtebaulich gliedern und verbessern sollten. Ihr Urteil: Nur die zweitbesten davon wurden gebaut. Sie und die anderen Autoren fanden ihre Quellen von Plänen, Texten und Bildern überwiegend in den Beständen des Hamburgischen Architekturarchivs, einer Institution, ohne die ein solch profundes Buch nicht möglich wäre.

Alsterzentrum St. Georg, Neue Heimat Hamburg, Entwurf 1966 (Modell) Foto: Neue Heimat
Nach der Einleitung des Herausgebers resümiert der habilitierte Architekturhistoriker und Publizist Gert Kähler die wichtigsten stadtentwicklungspolitischen Fragestellungen der letzten 50 Jahre in Hamburg. Diskussionen über Architekturstile und Stadtbild, Citybildung bei gleichzeitiger Einzelhandelskrise sowie Sanierung und Quartiersbildung im Zusammenhang mit Mietsteigerungen teilt Hamburg mit vielen anderen deutschen oder europäischen Städten. Doch Themen wie die Entwicklung des völlig neuen Stadtteils Hafencity oder das Projekt „Sprung über die Elbe“ sind eher lokalspezifisch, auch wenn London, Marseille und Bremen ebenfalls ihre Hafencities haben. Kähler vermittelt in seinem Überblicksartikel elementare Informationen über Hamburgs Entwicklung, tut das allerdings stellenweise mit so lässig-abgeklärter Ironie, dass vor allem Nicht-Hamburger nicht unbedingt verstehen können, worauf der Autor anspielt.
Was gestern noch für aufgeregte Debatten in Politik und Medien sorgte, ist heute vergessen. Dabei könnte mancher Fehler vermieden werden, wenn das öffentliche Erinnerungsvermögen etwas besser wäre. Das ist zumindest die Schlussfolgerung, die Mathias Iken, stellvertretender Chefredakteur der Lokalzeitung „Hamburger Abendblatt“, in seinem Beitrag über gescheiterte Wolkenkratzer-Projekte zieht. Es ist das erste Kapitel, und es lässt einem zuweilen den Atem stocken, entweder aus Begeisterung oder aus Entsetzen über die Vielzahl himmelsstürmender Projekte, die in Hamburg geplant wurden. Von den Wettbewerbsentwürfen für ein riesiges Messehaus beim Hauptbahnhof 1924 und die gigantomanische Führerstadtplanung von Konstanty Gutschow Ende der 1930er Jahre am Altonaer Elbufer; über das Alsterzentrum der 1960er Jahre in St. Georg, die Chicagoer Hochhausvisionen des CDU-Politikers und Stadtentwicklungssenators Michael Freytag 2004 bei den Elbbrücken; schließlich 2018 der vom ehemaligen Bürgermeister Olaf Scholz geförderte Elbtower, den auf halber Höhe die René-Benko-Signa-Pleite stoppte: der Dreiklang von Politik, Wirtschaft und Architektur tönt bei Hochhaus-Großprojekten immer sehr laut und endet selten harmonisch.
Auch die Diskussion über die Innenstadtentwicklung hat eine lange Tradition und wird bis heute kontrovers geführt. Wohin mit den Autos? Wie wird Wohnen in der City wieder möglich? Was kann Architektur leisten, damit das Einkaufen ein besonderes Erlebnis wird und mehr Kaufkraft ins alte Stadtzentrum zieht? Die Architekten haben dazu über die Jahrzehnte eine Vielzahl von Ideen und schönen Entwürfen geliefert, darunter gut gestaltete Passagen, ein neues Stadttor am Eingang zur Einkaufsmeile Mönckebergstraße, eine öffentliche Kunstgalerie sowie bühnenartige, rollende Kunsthandwerker-Ateliers. Karl H. Hoffmann, Soziologe und Mitarbeiter des Hamburgischen Architekturarchivs, beschreibt sie ausführlich im Kapitel „Kaufen mit Umfeld“, den mit 60 Seiten längsten Artikel des Buches. Doch die strukturellen Probleme wie die Einzelhandelskrise und mangelhafte Mobilitätskonzepte konnten bis heute nicht gelöst werden. Angesichts der aktuell leerstehenden Kaufhäuser sollte nach der Lektüre dieses Kapitels klar sein, dass eine Entertainment-Architektur allein keine lebendige Stadt schafft.
Wie sich Stadtpolitik in den nationalen wie globalen wirtschaftspolitischen Rahmen einbettet, wird in den neun Kapiteln der letzten hundert Buchseiten unter der Rubrik Infrastruktur- und Verkehrsprojekte verhandelt. Auch hier begegnet man wieder der Gigantomanie wachstumsgläubiger Verkehrsplaner der 1960er Jahre. Sie wollten Hamburg mit einem Netz von Stadtautobahnen überziehen, was den historischen Grundriss der gewachsenen Stadt stark beschädigt hätte, vom Stadtbild ganz zu schweigen. Diese Autovernarrtheit herrscht leider bis in die Gegenwart, der Klimakrise und allen ökologischen Bemühungen zum Trotz. Doch das ist kein Thema des Buches. Vielmehr liefert es Kenntnisse und Materialien, um diese Planungsprozesse besser nachzuvollziehen, Prozesse, an denen die Öffentlichkeit nur selten großen Anteil hat oder nimmt. Ob die langjährige Planung des Tiefwasserhafens Neuwerk-Scharhörn oder die unterschiedlichen Versionen für Großsperrwerke in der Elbe, um Hamburg vor Sturmfluten zu schützen: Der Journalist und Spezialist für Ingenieursbaukunst Sven Bardua erklärt die Entstehung und das Scheitern dieser Großprojekte auch für Laien auf nachvollziehbare Weise, wobei besonders technikbegeisterte Leser auf ihre Kosten kommen. Allerdings ist das Wechselspiel zwischen wirtschaftspolitischen Interessenlagen und Infrastrukturentwicklung für jeden Küstenbewohner von Bedeutung, nicht nur, wenn es um Gewerbeansiedlung und Arbeitsplätze geht. Bardua erinnert im letzten Absatz an den beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels. Sorglosigkeit ist hier nicht angebracht. Die nächste Sturmflut kommt bestimmt.
Das Buch „Das ungebaute Hamburg“ ist kompakt, klar und übersichtlich gegliedert, voller kleiner Geschichten über öffentlich relevante Einzelprojekte, von der Neubauplanung der Kunsthalle bis zu den Wettbewerben für den innerstädtischen Dom- und den Spielbudenplatz in St. Pauli oder der gescheiterten Living Bridge über die Elbe. Ob die nun eine gute Idee war oder nicht, jedes Kapitel ist informativ und lässt mehr oder weniger erkennen, wie stadtpolitische Aushandlungsprozesse verlaufen. Das ist nicht nur für ein Fachpublikum, sondern gerade für Hamburger, die sich für ihre Stadt engagieren, von großem Interesse. Hoffentlich können die jüngeren Generationen von dem hier versammelten Wissen für ihre Zukunft profitieren.
Das ungebaute Hamburg. Visionen einer anderen Stadt. Entwürfe von 1960 bis heute.
Hg. von der Hamburgischen Architektenkammer und Ullrich Schwarz
Dölling und Galitz Verlag 2025
Hardcover mit Fadenheftung und Prägung, 606 Seiten, zahlreiche Abb.
ISBN 10: 3-96060-705-9
ISBN 13: 978-3-96060-705-2
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