Das soeben im Verlag Urbanophil erschienene Buch „Haus Marlene Poelzig, Berlin. Abriss und Aufbruch“ setzt nicht nur dem titelgebenden Bau und seiner Architektin ein Denkmal, sondern entfaltet einen ganzen Fächer von aktuellen Reflexionen zu den Themen Denkmalschutz, Rollenbilder in der Architektur, Feminismus und Erinnerungskultur.
Insgesamt haben siebzehn Autorinnen und Autoren aus den Fachdisziplinen Architektur, Kunstgeschichte, Denkmalschutz darin ihre Gedanken formuliert.
Elegant verknüpft wird die Vielzahl der Artikel durch einen imaginären Rundgang, den die beiden Herausgeberinnen etappenweise durch das Haus unternehmen. Jedem Kapitel ist eine Etappe vorangestellt. Hannah Dziobek und Hannah Klein durchschreiten die Räume, beschreiben sie und halten inne. Dann folgt das dazu passende Kapitel, das aus zwei oder drei Artikeln besteht. Das Atelier Marlene Poelzigs bildet den Anfang für die Einordnung ihres Werks als Bildhauerin und Architektin. Der imaginäre Besuch im Atelier ihres Mannes Hans Poelzig leitet über zur Darstellung der künstlerischen Zusammenarbeit des Paares und der Rezeption ihrer gemeinsamen Projekte. Der Bereich von Wohn- und Speisezimmer ist der Auftakt für das Kapitel über Diskriminierung und Gleichberechtigung. Jeder Teil des Hauses verweist auf eine übergeordnete Thematik. Angereichert mit zahlreichen historischen Schwarzweißfotos und Bildern wird das Haus und seine Geschichte auf diese Weise sinnlich erlebbar und die Anschauung zum Angelpunkt der theoretischen Überlegungen.
Marlene Poelzig gehört zu einer Frauengeneration der sogenannten „Ersten“, die im 20. Jahrhundert begannen, sich in den von Männern beherrschten Bereichen Kunst und Architektur durchzusetzen. Am 22. Oktober 1894 als Helene Gertrud Martha Moeschke in einem wohlhabenden Elternhaus in Hamburg geboren, studierte sie als einer der ersten Frauen an der Hamburger Kunstgewerbeschule bei Richard Luksch (1872–1936) Bildhauerei. 1918 lernte sie auf einer Veranstaltung der Berliner Sezession den 25 Jahre älteren, damals schon bekannten Architekten Hans Poelzig (1869–1936) kennen und gründete mit ihm 1920/1 das gemeinsame Bauatelier Poelzig. 1924 heirateten sie. Grabmale, Raumgestaltungen, Bühnenbilder und der Umbau einer Markthalle in ein großes Theater für den Regisseur Max Reinhardt (1873–1943) waren ihre ersten gemeinsamen Arbeiten. Marlene Poelzigs raumhohe, säulenartige und blütenförmige Leuchten im Foyer des Großen Schauspielhauses sind bis heute bekannt. Von Anfang an arbeitete das Paar künstlerisch auf Augenhöhe zusammen, was Hans Poelzig auch immer betont hat. Dennoch wurde sie häufig als seine Schülerin kategorisiert, der man „Formgefühl“ und „Instinkt“ bescheinigte, aber offensichtlich keine echte kreative Leistung zutraute. Ihr eigenständiger Anteil am gemeinsamen Werk wurde marginalisiert und unsichtbar gemacht.
Vermutlich hat diese strukturelle Diskriminierung auch den Abriss vom Haus Marlene Poelzig in der Tannenbergallee 28 im Berliner Westend im November 2021 forciert. Obwohl das Haus nach seiner Fertigstellung 1930 als eines der ersten Architektinnen-Gesamtkunstwerke – Marlene Poelzig entwarf auch seine Möblierung – international publiziert wurde, hat das Berliner Denkmalschutzamt das Haus nicht unter Schutz gestellt, weil es durch Umbauten stark verändert war und damit nicht den notwendigen Anteil an Originalsubstanz aufzuweisen hatte. Diesen sehr enggefassten Denkmalbegriff in Frage zu stellen ist eines der grundlegenden Anliegen des vorliegenden Buches. Denn die Geschichte des Hauses und seine Umbauten dokumentieren nicht nur den Aufbruch der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sondern auch den Übergang in die NS-Zeit und die Rückkehr zu einem konventionellen Einfamilienhaus-Idyll der 1950er Jahre.
Kurz bevor Hans Poelzig 1936 eine Professur im türkischen Exil antreten konnte, erlag er den Folgen eines Schlaganfalls. Marlene Poelzig blieb mit den drei Kindern in Berlin und verkaufte das Haus in der Tannenbergallee an den Regisseur Veit Harlan (1899–1964). Die beiden kannten sich noch aus den Tagen der Zusammenarbeit mit Max Reinhardt, allerdings hatte sich Harlan mittlerweile zum NS-Propagandisten entwickelt. Aus dem gemütlichen Familienwohnzimmer mit Kamin gestaltete er in Anlehnung an Adolf Hitlers Reichskanzlei ein repräsentatives Arbeitszimmer. NS-Propagandaminister Joseph Goebbels verkehrte nun in dem Haus, besprach dort Projekte und traf seine Geliebte. 1955 überbauten neue Eigentümer das flache, aus ineinander geschobenen Kuben bestehende Haus mit einem auskragenden Walmdach. Die Jahre vor dem Abriss 2021 stand das Haus leer und verfiel langsam zur Ruine.

Außenansicht Haus Marlene Poelzig, Zustand im Mai 2021. Foto: Felix Zohlen
2020 gründete sich die „Initiative Haus Marlene Poelzig“, ein breites Bündnis von Vertretern aus Kunst, Politik, Baukultur und Denkmalschutz. In Erinnerung an seine Architektin wollten sie aus dem Haus eine Künstlerinnen-Residenz machen. Seine originale Gestaltung, die Grundrissorganisation, die Einrichtung, die Blickbeziehungen, das Zusammenspiel von Haus und Garten waren vollkommen auf Marlene Poelzigs Leben und Bedürfnisse als Künstlerin, Mutter, Frau und Partnerin zugeschnitten. Den Abriss und damit das Scheitern des Plans einer Residenz betrachtet die Initiative jetzt als einen Aufbruch. Die Leerstelle des Hauses deutet sie um zu einem Diskursraum und Ausgangspunkt einer vielfältigen Debatte über Erinnerungskultur und die Rolle von Denkmalschutz und Architektur für die Stadt im Klimawandel.
Das Buch, als dessen Herausgeberin die Initiative fungiert, spiegelt dieses breite Themenspektrum. Es gibt einen Einblick in Marlene Poelzigs Leben und Arbeit einschließlich einer vorläufigen Werkliste und einem sehr charmanten, persönlichen Interview mit Tochter Angelika und Enkelin Katharina Blaschke über ihre Kindheitserinnerungen: „…so viel Platz und Freiheit“. Und es schließt mit einem Artikel über den Frankfurter Häuserkampf in den 1970er Jahren und seinen konstruktiven Beitrag für das Stadtbild und den Erhalt von historischer Bausubstanz.
Davor findet sich ein Manifest mit fünf konkreten politischen Forderungen für einen neuen, behutsamen Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz. Denn das herrschende Abriss-Neubau-Prinzip, das sich erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat, ist angesichts schwindender Ressourcen weder ökologisch noch finanziell tragfähig. Schon seit vielen Jahren weist ein Teil der Fachwelt wie z.B. der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten und die Stiftung Baukultur darauf hin und fordert eine sogenannte Bauwende, d.h. die Stärkung einer Kultur des Um- und Weiterbauens, der Reparatur und des Wiederverwendens von Materialien, was in früheren Jahrhunderten eine Selbstverständlichkeit war.

Haus Marlene Poelzig, Berlin. Abriss und Aufbruch. Innenseite. © Verlag Urbanophil
Der inhaltliche Bogen des Buches ist weit gespannt, aber im Zentrum steht immer das Haus Marlene Poelzig als ein Kristallisationspunkt, der im Kleinen alle genannten Facetten in sich trägt. Hier wird ein Haus und seine Architektin nicht rein bildungsbürgerlich kanonisiert, sondern mitten in den Kontext aktueller gesellschaftlicher Konflikte gestellt. Der „Initiative Haus Marlene Poelzig“ ist es gelungen, nicht nur ein aufschlussreiches, einladendes und bilderreiches Buch herauszubringen, sondern der Debatte über Denkmalschutz einen notwendigen Schub zu geben.
Haus Marlene Poelzig, Berlin. Abriss und Aufbruch.
Hg. Initiative Haus Marlene Poelzig, Hannah Dziobek, Hannah Klein.
Verlag Urbanophil Berlin 2025
280 Seiten, 166 Abbildungen
ISBN 978-3-9824959-6-5
- Weitere Informationen (Verlag)
- Weitere Informationen (Initiative Haus Marlene Poelzig)
Die Publikation wurde gefördert durch: Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags, Landesdenkmalamt Berlin, VG Bild Kunst Kulturwerk, Netzwerk Stadtraumkultur e.V. und Kunstnetzwerk ato.
Hinweis: Das generische Maskulinum bezeichnet die Verwendung der männlichen Form eines Substantivs, um eine gemischtgeschlechtliche Gruppe oder eine Gruppe, deren Geschlecht nicht relevant ist, zu bezeichnen.

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