Architektur
Frontansicht der Villa Beer. Foto: Hertha Hurnaus

Josef Frank schuf in der Zwischenkriegszeit im 13. Bezirk ein Stück Wiener Architekturgeschichte – ein Schlüsselwerk der sogenannten „Zweiten Wiener Moderne”. Nun eröffnete die Villa Beer Anfang März nach umfangreicher Sanierung. Damit wird das einzigartige Gebäude erstmals in seiner wechselhaften Geschichte öffentlich zugänglich.

 

Die Villa Beer liegt inmitten des Hietzinger Cottage, eines Villenviertels unweit von Schönbrunn. Als eines der beeindruckendsten Wiener Bauwerke der Zwischenkriegszeit, errichtet in den Jahren 1929/1930 von Josef Frank und Oskar Wlach, gilt die Villa als Meisterwerk der „Zweiten Wiener Moderne“, die Zeit des sozialdemokratisch geprägten „Roten Wien” zwischen 1919 und 1934.

 

Oft wird sie mit der von Ludwig Mies van der Rohe errichteten Villa Tugendhat in Brünn und der von Le Corbusier geplanten Villa Savoye bei Paris in einem Atemzug genannt.

 

Das Mastermind hinter dem Projekt, Josef Frank (1885–1967), war ein Aushängeschild der Wiener Architektur- und Designszene und dafür bekannt, den Menschen in den Mittelpunkt seines Schaffens zu stellen. Sein Motto: Modern ist, was uns die größtmögliche Freiheit gibt. Auf ihn gehen in Wien mehrere Gemeindebauten sowie die ebenfalls in Hietzing gelegene Werkbundsiedlung zurück. 1933 emigrierte Josef Frank nach Schweden und wurde zum gefeierten Designer der Firma Svenskt Tenn. Seine Stoffentwürfe, Möbeldesigns und die visionären Wohnräume werden bis heute international verehrt. Auch bei Ikea wird er gerne zitiert. Mit der Villa Beer sollte sich Josef Frank in Wien ein Denkmal setzen. 

 

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Gästezimmer in der Villa Beer. Foto: Stefan Huger

 

Nach Komplettsanierung offen für alle 

Das architektonische Juwel wurde über die Jahrzehnte hinweg kaum verändert, war jedoch vom Verfall bedroht. Mit großem Aufwand wurden die viergeschoßige Villa mit 900 Quadratmetern Grundfläche sowie ihre Gartenanlage seit Anfang 2024 einer umfassenden Sanierung unterzogen – denkmalgerecht und mit viel Liebe zum Detail. Alles sollte möglichst original wiederhergestellt sowie auf den modernen Stand gebracht werden. Dafür wurde akribisch recherchiert, auch außerhalb Österreichs. Die Projektkosten betrugen rund zehn Millionen Euro. Hinter dem Vorhaben steht die gemeinnützige Villa Beer Foundation GmbH unter Lothar Trierenberg, der die Villa 2021 mit dem Ziel erworben hat, sie für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mehr noch: Sie soll künftig mit Leben erfüllt werden; das Berühren der Einrichtung ist ausdrücklich gestattet. Damit wird der ehemals private großbürgerliche Wohntraum zur Villa für alle zum Angreifen. 

 

Die Villa Beer steht seit Anfang März für die Öffentlichkeit offen. Die Villa wird künftig auch als Veranstaltungsfläche genutzt – für Ausstellungen, Musik, Tanz, Lesungen, Gesprächsrunden und vieles mehr. Das Untergeschoss bietet Infrastruktur für Meetings. Mit Wiener Kulturevents (z. B. Impulstanz, Wien modern) werden Kooperationen angestrebt. Und auch Übernachtungsmöglichkeiten gibt es: Im Dachgeschoss stehen drei Gästezimmer, ausgestattet mit Möbeln von Svenskt Tenn, zur Verfügung. Sie sollen auch Artists-in-Residence offenstehen.

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Revolutionäre Räume 

In den knapp 100 Jahren ihres Bestehens wechselten mehrmals die Eigentumsverhältnisse der Villa. Der jüdische Industrielle Julius Beer und seine Frau Margarethe hatten sie einst beauftragt, mussten sie jedoch aus Geldnot bald darauf vermieten. Später lebten Kulturgrößen wie der Operntenor Richard Tauber, die Sängerin und Schauspielerin Martha Eggerth sowie der Dramaturg und Opernexperte Marcel Prawy hier. Nach dem Krieg nutzte die britische Armee die Villa eine Zeit lang. Seit 1987 steht sie unter Denkmalschutz. 

 

Architektonisch besticht die Villa Beer mit einem offenen, fließenden Raumkonzept, das traditionelle Geschossgrenzen auflöst und durch großflächige Fenster vielfältige Sichtachsen und Zugänge ins Freie schafft. Es ist ein Haus, das alle, die es betreten, begeistert. Denn Josef Franks Philosophien – sein Prinzip „Schönheit für alle“ – sind stets spürbar und prägen auch das neue Nutzungskonzept. Die Villa soll als Zeitkapsel verstanden werden und an die wechselvolle Geschichte ihrer Erbauer und Bewohnern erinnern. Ideen der Vergangenheit werden hier eindrucksvoll in die Gegenwart übertragen. 


Villa Beer 

Wenzgasse 12, A-1130 Wien, Österreich

Weitere Informationen (Villa)

 

Tickets sind bereits bis Mitte Mai ausgebucht. Jeden Montag werden neue Termine freigeschaltet, jeweils 12 Wochen im Voraus.

Führungen in mehreren Sprachen (Mittwoch–Freitag um 14 Uhr und Samstag–Sonntag um 10, 14 und 16 Uhr) werden genauso angeboten wie Themenführungen, und Zeitfenstertickets, um das Gebäude eigenständig zu entdecken.

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