Architektur
Links: Aussenansicht des Israelitischen Tempels in der Poolstraße. Quelle: David Leimdoerfer Collection. Datenbank des Leo-Baeck-Instituts, New York. Rechts: ehemalige Apsis im hinteren Gebäudeteil. Foto: privat

Anlässlich des 11. Hamburger Architektur Sommers wird ab Anfang Mai eine Ausstellung mit dem Titel „In die Tiefe gehen – Der neue Israelitische Tempel in der Poolstraße“ präsentiert, die dazu einlädt, den Ort und seine Geschichte zu entdecken.

 

Der Israelitische Tempel in Hamburg gilt als Wiege des weltweiten und dauerhaften Reformjudentums. Der Begriff bezieht sich historisch auf den einst bedeutenden Standort des 1817 gegründeten Israelitischen Tempelverbands. 65 Männer über 13 Jahre alt (Minjan) des gehobenen jüdischen Mittestands unterzeichneten den Gründungsvertrag.

 

Im September 1844 wurde nach zweijähriger Bauzeit der „Zweite Israelitische Tempel“ (Architekt: Johann Hinrich Klees-Wülbern) in Anwesenheit von 640 Personen in der Poolstraße eingeweiht. Dieser war der Nachfolger eines seit 1811 bestehenden Provisoriums, des „Ersten Israelitischen Tempels“ im Alten Steinweg der Hamburger Neustadt. Bis 1931, zum Bau des „Dritten Israelitischen Tempels“ in Harvestehude war der alte Tempel Mittelpunkt der reformierten jüdischen Gemeinde.

 

Sie wurde durch die Spaltung und den jahrelangen innerjüdischen Streit der Gemeinden notwendig, zumal die Mitgliederzahlen der Reformgemeinde – aus der später weltweit die liberalen Gemeinden hervorgingen –, ständig anwuchsen. Es war nicht nur das erste Versammlungshaus der Reformjuden in einer deutschen  Großstadt, sondern auch die erste Synagoge mit eingebauter Orgel. Männer und Frauen nutzten denselben Ein- und Ausgang, saßen jedoch weiterhin getrennt im Innenraum, und es gab zahlreiche liturgische Veränderungen.

 

Einladungskarte zur Einweihung Tempel

Einweihungskarte Tempel Poolstraße, 1844. Gemeinfrei

 

Durch den Fortzug vieler jüdischer Familien – Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts – aus der Neustadt, die als eng und ärmlich galt, ins Grindelviertel und durch das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in Hamburg per se wurden innerhalb weniger Jahrzehnte gleich mehrere neue Synagogen geplant und gebaut, die von unterschiedlichen jüdischen Gemeinden (orthodoxen, konservativen, reformierten und liberalen) genutzt wurden. Beispielsweise die Synagoge am Bornplatz, die Neue Dammtorsynagoge und der Tempel in der Oberstraße.

 

Mit dem Umzug der Tempelgemeinde 1931 in den neuen Tempel in der Oberstraße verlor der Tempel in der Poolstraße seine religiöse Bedeutung, und 1937 wurden Grundstück und Gebäude in einer schweren Zeit veräußert. Im Juli 1944 wurden große Teile der Synagoge durch einen Bombentreffer der Alliierten zerstört.

 

Die einstige Fassade des Eingangsteilgebäudes im Westen wurde von zwei seitlich stehenden achteckigen Türmen im Minarettenstil flankiert und wies sowohl Elemente des maurischen als auch des klassizistisch-neogotischen Baustils auf. Das Portal des Gebäudes trug ein hebräisches Chronostichon als Überschrift. Die Übersetzung lautet: „Gesegnet, der da kommt im Namen des Ewigen.“ (Ps 118,26 EU)

01_Tempel_Poolstrasse.jpg

Bis ins Jahr 2020 befand sich das Gebäude unverändert im privaten Familienbesitz. 2003 wurde der Ort unter Denkmalschutz gestellt.

 

Über Jahrzehnte schlummerte die historische Ruine im heutigen Hinterhof der Poolstraße 11–14.

 

Seit 2020 ist das Gelände im Besitz der Freien und Hansestadt Hamburg. Im Januar 2026 begannen umfangreiche archäologische Untersuchungen mithilfe der Lasertomographie, um den ursprünglichen Bau unter Schuttschichten zu erforschen und das Denkmal langfristig öffentlich zugänglich zu machen. Die baulichen Überreste dieses einzigartigen Kulturdenkmals sollen in diesem Jahr gesichert und die Relikte erkundet werden; dies wird in der Ruine erfahrbar sein.

 

Die Ausstellung begleitet die Durchführung der restauratorischen, bauhistorischen und archäologischen Untersuchungen sowie der Sicherungsmaßnahmen vor Ort.

Bis zum 15. Juni finden Führungen, ein Konzert und Vorträge jeweils in der Ruine des Tempels statt.

 

Der Ort, an dem jüdisches Leben in Hamburg stattfand, ist heute ein Ort der Erinnerungskultur, an dem Besucher in die Geschichte, Architektur, Kultur und Stadtentwicklung eintauchen können.


In die Tiefe gehen – Der neue Israelitische Tempel in der Poolstraße

Zu sehen vom 6. Mai bis 29. Juli 2026 in der Ruine des Israelitischen Tempels, Poolstraße 11–14 (Hinterhof), 20355 Hamburg

Geöffnet jeden Mittwoch von 17.00 bis 19.00 Uhr.

Alle weiteren Veranstaltungen finden in der Poolstraße statt.

 

Geführte Begehungen zur Tempelruine:

Im Rahmen der Führungen erhalten Sie Einblicke in die laufenden Untersuchungen und die historischen Schichten des Geländes, einschließlich der Überreste des Tempels. Geführte Begehungen finden am 18. Mai, 15. Juni und 20. Juli jeweils von 17:00 bis ca. 18:00 Uhr statt.

DENK MAL AM ORT an Mathilde Zuckermann

Vortrag am 31. Mai 2026 um 14:00 Uhr
Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie unter: www.denkmalamort.de

 

Stella’s Morgenstern in der Tempelruine

Über die Ausstellung und die Führungen hinaus, ist ein Konzert des Hamburger Duos Stella’s Morgenstern geplant, dessen Musik einen Raum für Innehalten, Wahrnehmung und Resonanz schafft. Das Konzert findet am 07. Juni ab 16.00 Uhr statt.

„Der jüdische Architekt Albrecht Rosengarten und der Israelitische Tempel von 1844“ Vortrag des Sozialhistorikers Dr. Jürgen Bönig am 15. Juni 2026 um 17:00 Uhr

 

Für die geführten Begehungen und Abendveranstaltungen ist eine Anmeldung erforderlich. Weitere Informationen hierzu sowie organisatorische Hinweise können Sie u. a. dem Programm des Hamburger Architektur Sommers entnehmen.

Organisiert und durchgeführt werden die Veranstaltungsformate von der steg Hamburg mbH im Auftrag des Landesbetriebes für Immobilienmanagement und Grundvermögen (LIG) in Kooperation mit dem Verein Tempelforum e. V.

 

Weitere Informationen (Hamburger Architektur Sommer)

- Weitere Informationen (Initiative Tempel Poolstraße)

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Kommentare powered by CComment


Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.