Die Jarrestadt in Hamburg-Winterhude gehört zu den wichtigsten Siedlungen des modernen sozialen Wohnungsbaus der Weimarer Republik. Im Rahmen des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ arbeitet die Stadt Hamburg daran, das Erscheinungsbild dieses hundertjährigen Denkmals wieder näher an seine originalen Qualitäten heranzuführen.
Dieses Jahr soll mit der behutsamen Umgestaltung der öffentlichen Grünanlagen begonnen werden.
Als der Architekt Karl Schneider (1892–1945) im Jahr 1926 den städtebaulichen Wettbewerb für die Jarrestadt gewann, bedeutete das für ihn den beruflichen Durchbruch. Unter der Leitung von Oberbaudirektor Fritz Schumacher (1869–1947) bauten dann bis 1930 insgesamt zehn namhafte Architekten die verschiedenen Wohnblöcke der Siedlung. Das Grünraumkonzept entwickelte der Gartendirektor Otto Linne (1869–1937). Karl Schneider realisierte 1928 den zentralen Block, dessen großer quadratischer Innenhof Teil des öffentlichen Grünzuges ist, der die Jarrestadt durchläuft.
Auf dem Semperplatz vor dem zentralen Block der Jarrestadt erstreckt sich heute noch immer eine strenge Allee von Säuleneichen, so wie es Gartenbaudirektor Otto Linne 1929 vorgesehen hat. Der Hölderlinpark im quadratischen Innenhof des Blocks wirkt dagegen wie eine Wildnis. Linnes räumlich-geometrische Gestaltung ist hier kaum mehr sichtbar. Auf den bauzeitlichen Luftbildern ist ihre symmetrische Struktur deutlich zu erkennen. Linne teilte den Innenhof durch ein Wegekreuz in vier gleich große Felder mit unterschiedlichen Funktionen, zwei Spielplätze mit großer Sandkiste für die Jungen und zwei Gärten mit Blumenrabatten für die Erwachsenen. In der Mitte weitete Linne das Wegekreuz zu einem Achteck. Dieser kleine Platz lag leicht erhöht und exakt im Schnittpunkt des symmetrischen Wegekreuzes, er war über drei Stufen zu betreten. An den Rändern standen Bänke unter Trauerweiden. Die vier quadratischen Felder wiederum lagen ein paar Stufen tiefer als das Wegekreuz und wurden durch geschnittene Hecken rundherum räumlich eingefasst. Dazu waren sie jeweils an ihren zwei Außenkanten durch eine Baumreihe von der Gebäudefassade abgeschirmt. Auf diese Weise bildeten in dem etwa 100 x 100 Meter großen Innenhof jedes der vier Felder nochmal für sich einen eigenen körperlich erlebbaren Raum. Insgesamt gab es drei unterschiedliche, leicht voneinander abgestufte Ebenen, die durch geschnittene Hecken, Klinkermäuerchen und lineare Baumreihen eigene Räume bildeten. Rund um den Innenhof entlang der Gebäudekanten verlief ein Sandweg.

Plan der Jarrestadt von Fritz Schumacher, um 1926. Quelle: Fritz Schumacher: Vom Werden einer Großstadt, Hamburg, 1932.
Die strenge geometrische Gestaltung entsprach dem Geist der Reformkultur, der gärtnerische Freiraum bildete hier zusammen mit der Architektur eine Einheit, in der verschiedene Funktionen und Bedürfnisse ihren Platz fanden. Oberbaudirektor Fritz Schumacher betrachtete die Stadt als einen Organismus, in dem das Grün eine Netzstruktur von Erholungsflächen darstellen sollte. Das heißt konkret, dass der Grünzug, der sich vom Goldbekufer quer durch die Siedlung bis zur Jarrestraße zieht, als innerstädtischer Wanderweg gedacht war. Offensichtlich hatte Schumacher eine Stadt der Fußgänger vor Augen.
In den letzten hundert Jahren hat sich das Bild gewandelt. Der Straßenraum rund um den Grünzug ist von Autos zugeparkt. An seinen alleeartigen Charakter erinnern lediglich die Baumreihen, die sich über dem Blech erheben. Im Hölderlinpark ist nur noch der schnurgerade Durchgang vom Semperplatz bis zur Stammannstraße möglich. Die Querachse des Wegekreuzes ist verschwunden, weil man die dazugehörigen gegenüberliegenden Durchgänge im Block in der Nachkriegszeit geschlossen hat, um mehr Wohnfläche zu gewinnen. Auch gibt es im Hölderlinpark keine Stufen mehr, alles bewegt sich auf einer Ebene. Zwar sind noch die vier quadratischen Felder vorhanden, zwei Spielplätze, ein dichtgewachsener Garten und ein Picknickplatz, die jeweils durch geschnittene Hecke begrenzt sind, aber dazwischen haben sich überall Bäume und Sträucher ausgebreitet.
Der Grünzug – der sich vom Goldbekufer über den Semperplatz, durch den Park, die Stammannstraße querend, über die Hölderlinallee bis zur Jarrestaße erstreckt - kann eigentlich nicht mehr als innerstädtischer Wanderweg gelten, sondern gleicht eher einem Hindernislauf, denn alle Übergänge sind zugeparkt. An das allgegenwärtige Primat des Autos hat man sich als Stadtbewohner schon lange gewöhnt und wer sich freihändig und leichtfüßig zwischen dem Blech hindurchschlängeln kann, mag das ignorieren können. Allerdings sind die Blickbeziehungen zwischen den einzelnen Etappen des Grünzuges verstellt, vor allem zwischen dem öffentliche Straßenraum und dem halböffentlichen Innenhof auf beiden Außenseiten des zentralen Blocks. Der Durchgang am Semperplatz ist lieblos mit Mülltonnen möbliert und die Eingangs- und Platzsituation an der Stammannstraße, die durch zwei turmartigen Kopfbauten und eine Baumallee repräsentativ betont wird, ist nur noch als Autoabstellplatz nutzbar.
Seit die denkmalgeschützte Jarrestadt im Februar 2021 in das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ aufgenommen wurde ist die spannende Frage: wie weit wäre es möglich, sich bei der Verbesserung des Gesamtbildes der Jarrestadt am Original zu orientieren? Von Anfang an haben der Bezirk Hamburg-Nord und die verschiedenen Fachbehörden den Austausch mit den Eigentümern und der Bewohnerschaft gesucht, nicht zuletzt durch den Jarreschatz-Infotreff in einem ehemaligen Ladengeschäft des zentralen Blocks. Im Schaufenster informieren Schautafeln über die Jarrestadt als nationales städtebauliches Projekt, es gibt einmal pro Woche eine offene Sprechstunde. Außerdem hat der Bezirk diverse Führungen und Veranstaltungen organisiert wie z.B. den Jarrestadt-Baukulturdialog.
Die Sanierung der Außenanlagen nahm die Stadt als erstes in den Fokus, denn sie sind in öffentlicher Hand und betreffen gleichermaßen alle, die hier leben. In den Jahren 2021/22 erarbeitete der Gartenhistoriker Joachim Schnitter im Auftrag der Stadt ein Gutachten, in dem er die ursprüngliche Gestaltung der Grünanlagen und ihre Weiterentwicklung bis heute rekonstruierte und in den zeitgeschichtlichen Kontext einordnete. Das Gutachten war und ist als Broschüre im Infotreff öffentlich zugänglich. Im Laufe des Jahres 2024 erhielt das Büro Wette + Küneke aus Göttingen den Zuschlag für die Freiraumplanung. Fehling Moshfeghi Architekten aus Hamburg übernahmen die Verkehrsplanung. Parallel dazu startete der Bezirk Nord ein Bürgerbeteiligungsverfahren. Im Oktober 2024 stellten Wolfgang Wette und Mehdi Moshfegi ihre Entwürfe und Ideen auf einer Bürgerversammlung zur Diskussion. 100 Leute nahmen teil. In der Woche danach kommentierten weitere 58 Personen online die vorgestellten Entwürfe. Nach einer Überarbeitungsphase wurden die Pläne dann am 8. April 2025 vom Regionalausschuss Eppendorf-Winterhude verabschiedet.
Was wurde erreicht? Mit drei Vorgaben schränkte der Bezirk eine weitgehende Annäherung an den Originalzustand ein: kein Baum durfte gefällt werden, die Grünpflege sollte unkompliziert vonstatten gehen und überall sollte die Barrierefreiheit gewährleistet sein. Damit war die Wiederherstellung der räumlich klar voneinander abgegrenzten drei Ebenen im Hölderlinpark praktisch ausgeschlossen. Wolfgang Wette hätte sich beispielweise vorstellen können, den mittigen oktogonale Platz wieder leicht anzuheben und ihn über eine Kombination aus schmalen Rampen und breiteren Treppenanlagen zu betonen. Damit wäre er auch für Rollstuhl- und Fahrradfahrer durchgängig gewesen. Diese Kombination hätte allerdings nicht ausgereicht, um den Versorgungsfahrzeugen der städtischen Grünpflege überall ungehinderten Zugang zu ermöglichen. Die Parkpflege wäre komplizierter geworden. In der jetzt verabschiedeten Planung soll der Platz zwar auch etwas höher liegen, was aber nur durch eine leichte Steigung des Weges hergestellt werden kann, also quasi durch eine Art Geländebuckel. Das Achteck des kleinen Platzes wird mit der Pflasterung und einer Ziegelkante sichtbar gemacht und durch die Stellung zweier langer moderner Bänke. Ein vollständig freies Achteck wird nicht dabei herauskommen, da eine große Eiche und Buche innerhalb des Platzes gewachsen sind. Die verschwundene Querachse des ursprünglichen Wegekreuzes wird zunächst nicht wiederhergestellt, sondern durch die nun wieder sichtbare achteckige Platzform nur angedeutet. Langfristig soll sie jedoch wieder angelegt werden.
Im Grunde genommen wird der Hölderlinpark zunächst nur aufgeräumt und das, was noch an originaler Struktur vorhanden ist, wieder repariert. Langfristig ist eine weitere Annäherung an das Original möglich. Doch die Bewohnerschaft hat deutlich gemacht, dass ihr weniger das historische räumliche Konzept des Parks, sondern vielmehr seine verbesserte Nutzung wichtig ist. Auf den zwei Spielplätzen werden die kleinen Ziegelmäuerchen repariert, der Untergrund verbessert, neue Spiel- und multifunktionale Klettergeräte und moderne Bänke aufgestellt, dazu an einer Stelle noch ein Trampolin und Tischtennisplatten. Der sogenannte Picknick-Platz bekommt eine neue Möblierung und eine Rasenfläche. Die Idee, in seiner Mitte einen kleinen Biodiversitätsgarten anzulegen, musste aus Kostengründen aufgegeben werden. Die romantisch verwunschene Atmosphäre des dichtgewachsenen Gartenplatzes bleibt erhalten. Hier werden nur neue Bänke angeschafft.
Die Bürgerversammlung hatte eine Vielzahl von Ideen und Wünschen hervorgebracht, gerade für den Hölderlinpark. Er sollte zugleich als Ruhe- und Begegnungsstätte, Fitnessraum, Spielplatz und Naturschutzpark fungieren. In der Diskussion einigte man sich auf das, was sich räumlich und finanziell als realisierbar erwies.
Außerhalb des Hölderlinparks wirkte der Grünzug ursprünglich wie eine breite Allee, die ab und an einen Platz bildet, unterbrochen von Querstraßen. Hier geht es darum, die Sichtbeziehungen zwischen den einzelnen Etappen wieder erfahrbar zu machen und die Wegbarkeit für die Fußgänger zu verbessern. Das kollidiert mit dem sogenannten ruhenden Verkehr, den parkenden Autos. Auch hier gibt es eine moderate Lösung. Entlang des zentralen Blocks am Hanssenweg und Semperplatz wird das Parken durch Poller und Fahrradständer verhindert. Der Trampelpfad entlang der Baumwurzeln auf dem Semperplatz wird etwas mehr in die Mitte verlegt. Statt der Poller hätte Wolfgang Wette auf dem Semperplatz gerne Sitzelemente aus farbigem Beton genutzt, um die Autos vom Parken abzuhalten. Diese Idee hat das Denkmalamt abgelehnt.

Jarrestadt. Der zugeparkte Novalisweg, 2022. Foto: © Ruth Asseyer.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Blocks an der Stammannstraße wird die repräsentative Eingangssituation zum Hölderlinpark wieder als Platz gestaltet. Klappbare Poller erlauben das Abstellen von Autos dann nur noch in Ausnahmesituationen wie z.B. bei einem Umzug. Unter den Lindenreihen wird ein wasserdurchlässiger Boden und Rasen angelegt. Müllcontainer werden aus dem Blickfeld entfernt.
Alles in allem sind das sehr vorsichtige Schritte, um sich der ursprünglichen Qualität der Außenanlagen anzunähern. Doch diese Schritte erfolgen im Konsens, was heutzutage schon einen Wert an sich darstellt. Wolfgang Wette hat die Bewohnerschaft als sehr engagiert und gegenüber Sachfragen aufgeschlossen erlebt, auch wenn der Wegfall von Stellplätzen (24 von 1400) bei einigen zwischenzeitlich für Unmut sorgte. Im Übrigen hat der Bezirk beschlossen, unabhängig vom Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ ein Mobilitätskonzeptes für die Jarrestadt zu erarbeiten. Vielleicht bietet das die Chance, der historischen Gestalt der Jarrestadt langfristig wieder ein Stück näherzukommen.
Jarrestadt Hamburg
Die Autorin ist im Vorstand der Karl Scheider Gesellschaft, Hamburg. Ihr für KulturPort.De erweiterter Beitrag „Jarrestadt – Sanierung des Grünzugs“ stammt aus dem Informationsblatt „Schneiderseiten“, Juni 2025, Ausgabe 18, S. 16–19.
Veranstaltungshinweis:
„Zwischen Tradition und Innovation: Karl Schneider und die Jarrestadt“, Baukultur-Dialog am Dienstag, den 22. Juli 2025 um 18:30 Uhr in der Epiphanienkirche in der Großheidestraße 44, Hamburg

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)
Kommentare powered by CComment