Architektur
Alberto Campo Baeza: House of the Infinite, Zahara de los Atunes, Cádiz, 2014

Das Einfache ist nicht immer das Beste, aber das Beste ist immer einfach – mit diesem Credo ist der Reformarchitekt Heinrich Tessenow (1876–1950) berühmt geworden.

 

In einer Zeit knapper Ressourcen und eines großen Bedarfs an bezahlbaren Wohnungen gewinnt dieser Satz für das Bauen wieder an Aktualität.

 

Zum 150. Jubiläum von Tessenow und im Rahmen des 11. Hamburger Architektursommers zeigt die Heinrich-Tessenow-Gesellschaft jetzt in der HafenCity-Universität (HCU) eine Ausstellung, die der Frage nachgeht, wie eine Wohnarchitektur beschaffen sein muss, die geringen Ressourcenverbrauch mit optimaler architektonischer Qualität verbindet. „Essential“ lautet der Ausstellungstitel, d.h. was ist wesentlich für eine solche Architektur? Zu sehen sind die Arbeiten des diesjährigen Preisträgers der Heinrich-Tessenow-Medaille Florian Nagler und einiger seiner internationalen Vorgänger. Dazu zeigt Prof. Dott. Paolo Fusi, Vorstandsmitglied der Heinrich-Tessenow-Gesellschaft und HCU-Lehrender, Zeichnungen und Modelle seiner Studierenden, die sich mit konkreten Bauten ehemaliger Tessenow-Schüler auseinandergesetzt und diese in ihren Entwürfen weiterentwickelt, d.h. baulich erweitert haben.

 

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Alles kreist um die Frage: wie gelingt es, eine hohe gestalterische Raumqualität und einen möglichst geringen Verbrauch von Fläche, Material und Energie miteinander zu vereinbaren? Was ist einfaches Bauen? Vor allem heißt das nicht, minderwertig zu bauen, betont Paolo Fusi, sondern: „Einfach bauen bedeutet für uns, sich auf die Essenz der Architektur, des Raumes zu konzentrieren, was liefert tatsächlich Qualität? Die entsteht nicht durch Luxus oder Dekoration oder einen Standard, der allein durch Gesetze und DIN-Normen definiert ist. Sondern: was ist wirklich für uns Menschen wichtig?“

 

Der Architekt und Münchener Hochschulprofessor Florian Nagler nähert sich dieser Frage auch wissenschaftlich. Dafür hat er drei Forschungshäuser in Bad Aibling gebaut, jeweils in Beton, Holz oder mit Ziegeln. Sie stehen kompakt nebeneinander gereiht in eine parkähnliche Umgebung, wirken unprätentiös, aber nicht langweilig. Es ging darum, die unterschiedlichen Auswirkungen des Baumaterials auf das Raumklima, den Energieverbrauch u.ä. zu messen. Deshalb sind die Maße, die Kubatur der drei Häuser, die Anordnung von Fenster und Türen gleich. Alle haben drei Geschosse und gleiche Raumhöhen. Doch die Form von Fenstern und Türen unterscheiden sich je nach Baumaterial. Das Betonhaus hat in den Wänden keine Bewehrung, daher konnte man keine linearen Stürze bauen und es sind Rundbogenfenster und -türen entstanden. Die Wände sind 50 Zentimeter dick, so braucht man keine Dämmung. Das alles spart Material und man kann den Beton wiederverwenden, wenn das Haus abgerissen werden soll, Stichwort: zirkuläres Bauen.

 

Das Holzhaus hat viereckige Fenster, denn es besteht aus linearen Bauteilen, also konnte man einen Fenstersturz bauen. Gedämmt wurde es mit Mineralwolle. Wie bei allen seinen Holzhäusern verzichtet Florian Nagler auf Klebstoffe und Metallverbindungen und besinnt sich auf traditionelle Handwerkstechniken, d.h. die Holzbauteile werden mechanisch verbunden. Das erleichtert die Wiederverwendung der Holzteile und der Materialverbrauch bleibt gering. Das Ziegelhaus schließlich hat Halbbogen-Fensterstürze, die aus geteilten Ziegelsteinen gemauert wurden. Bei allen drei Häusern hat sich die Fensterform aus einem Dialog von Material und handwerklichem Können entwickelt. Dem Material wird keine ausgefallene Entwurfsidee aufgezwungen, stattdessen besticht Florian Naglers Architektur bei allen gezeigten Projekten durch eine schlichte elegante Proportionierung und die sensible Einbettung in Landschaft und Umgebung.

 

Die Forderung, einfach zu bauen und Bauteile wiederzuverwenden, stellt die Frage nach der Ästhetik und Entwurfsidee noch einmal neu. „Die Ästhetik kann nicht einfach nur ein Ergebnis der Vereinfachung oder der Wiedergewinnung von Bauteilen sein, die irgendwie gebastelt oder montiert werden“, betont Paolo Fusi. „Primär ist die Qualität der Konstruktion und Komposition, der gesamten Gestaltung.“

 

Forschungshäuser in Bad Aibling Sebastian Schels PK OdessaForschungshäuser in Bad Aibling. Sebastian Schels. PK Odessa

 

Sehr eindrücklich beweist das der spanische Architekt Alberto Campo Baeza, Tessenow-Preisträger von 2013, mit einem geradezu minimalistischen Haus am Meer, das „House of the Infinite“ in südspanischem Cadiz von 2014. Der Architekt schreibt dazu: „I propose an ESSENTIAL Architecture of IDEA, LIGHT and SPACE.“ Das Haus korrespondiert mit dem Horizont, dessen Linie bildet die Grundidee des Entwurfs. Das Haus selbst ist fast unsichtbar, es schiebt sich in den Hügel, nur sein Dach ragt als ebene Fläche daraus hervor, eine glatte rechteckige Fläche mit wenigen Einschnitten. Das Dach bildet eine Bühne, die den Blick auf das Meer, den Horizont und den Himmel zelebriert.

 

Heinrich Tessenow hat nicht nur gebaut, sondern auch unterrichtet und einige Architektengenerationen geprägt. Daher war es Paolo Fusi wichtig, die Lehre in die Ausstellung einzubeziehen. Im Wintersemester 2025/26 haben sich seine Studierenden mit den Hamburger Bauten ehemaliger Tessenow-Schüler auseinandergesetzt. Sie entstanden in den 1950er- und 60er-Jahren, sind typische Vertreter des Wiederaufbaus und stehen häufig zur Disposition, weil sie nicht mehr den aktuellen Standards an Energieeffizienz und Komfort entsprechen. Sie abzureißen, d.h. ihre graue Energie zu vernichten, wäre die ökologisch falsche Entscheidung. Paolo Fusi ließ die Studierenden von den alten Gebäuden zunächst einmal Pläne erstellen, Computerzeichnungen, aber eben auch klassische Handskizzen. „Für uns war das Zeichnen wichtig, um die Architektur besser zu verstehen. Man muss die Fenster nachzeichnen, die Eingangssituation, ganz klassisch, um mit dem Handwerk zu lernen.“ Auf dieser Grundlage haben dann die Studierenden ihre Vorschläge für eine Erweiterung dieser Projekte mit Wohnbauten entwickelt: ein Parkplatz an der S-Bahnstation Bergedorf erhält einen leichten Überbau aus Holz, das Gelände der St. Marien-Kirche Ohlsdorf wird mit Einrichtungen für gemeinschaftliches Wohnen, darunter eine gemeinsame Kantine, ergänzt.

 

Energieeffizienz, wenige und recyclebare Baumaterialien, einfache Konstruktionen und flexible Grundrisse für unterschiedliche Lebensformen, alles gebündelt in einer qualitätvollen Gestaltung, das sind die aktuellen Ansprüche an eine zeitgemäße Architektur. Diese Lektion müssen alle am Bau Beteiligten lernen, der Planungsprozess ist interdisziplinär und eine Stadt ist nicht nur ein Spekulationsobjekt, sondern auch ein Lebensraum. Paolo Fusi erinnert an die traditionelle europäische Stadt: „Ich glaube, es ist ein großes Problem, dass Architektur immer noch als ein Konsumprodukt gesehen wird, das ikonisch beeindruckend sein soll. Doch wenn wir an die Tradition der europäischen Stadt denken, da gab es nur wenige Monumente und ein Stadtgewebe von Häusern, die den Kontext gebildet haben.“

 

Die Ausstellung „Essential“ gibt Anregungen, wieder an diese Tradition anzuknüpfen. Die Bilder, Pläne und Modelle werden im HCU-Foyer innerhalb eines Baugerüstes präsentiert, auch das kann jederzeit umgebaut und wiederverwendet werden. Es dient aber vor allem als Zeichen dafür, dass hier keine endgültigen Lösungen zu besichtigen sind, sondern ein Denkprozess angestoßen werden soll. Das ist sehr gut gelungen!


„Essential“

Zu sehen bis 7.6. 2016 im Heinrich-Tessenow-Institut der HafenCity-Universität Hamburg, Foyer EG & 1. OG, Henning-Voscherau-Platz 1, 20457 Hamburg

HCU-Prof. Paolo Fusi, pmp GmbH-Architekten

Öffnungszeiten: Mo.–Fr. 9…19 Uhr, Sa./So. 10–19 Uhr

Weitere Informationen (HCU) https://www.hcu-hamburg.de/universitaet/veranstaltungskalender/veranstaltungsdetail/termin/ausstellung-essential-20260507

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