Meinung

Was eigentlich ist der entscheidende Fehler des wissenschaftstheoretischen Ansatzes, der ganz ausdrücklich nicht derjenige Nicolai Hartmanns ist?

Dadurch, dass er diesen Fehler nicht nur vermieden, sondern das Prinzip desselben schonungslos in seinen diversen Publikationen offengelegt hat, hat er sich womöglich selbst ins wissenschaftliche Abseits manövriert und sich auf lange Sicht zum wissenschaftlichen Außenseiter gemacht, der er bis heute geblieben ist.

 

Befördert hat er sein ontologisches Anliegen im Sinne einer beabsichtigten Breitenwirkung dadurch jedenfalls ganz sicher nicht. Denn dieser Fehler wird bis heute in akademischen Kreisen nicht als ein solcher durchschaut, sondern als das non plus ultra wissenschaftskritischer Einsicht gewürdigt. Als genitivus objectivus gelesen trifft dieses Attribut im Übrigen das Vorgehen ganzer Wissenschaftstheoretikergenerationen unbeabsichtigt dann doch.

 

Der positivistischen Wissenschaftstheorie ist das Wahrnehmbare dasselbe wie das Reale. Dass es vieles Reales gibt, das nicht wahrnehmbar ist, übersehen die Vertreter dieser Richtung. Diesen Metatheorien der Naturwissenschaften entging immer wieder, dass die gedanklichen Setzungen – von den Wahrnehmungen aufwärts bis zu den wissenschaftlichen Begriffsbildungen – nicht mit den Seins-Verhältnissen identisch sind, die sie, jede auf ihre Art, zu fassen suchen. Die Bezogenheit eines Gedankens etwa auf das von ihm gedachte Sein blieb außer Betracht, weil sie das Gegenüber aller Erkenntnis, das wie auch immer bestimmte Seiende, ihren Voraussetzungen entsprechend nicht mehr in den Blick nehmen konnte. Es existierte ja bloß noch als Wahrgenommenes, als Angeschautes, als Erinnertes usw. Hinsichtlich des erkenntnistheoretischen Positivismus‘ hatte dieses In-eins-Setzen des Gegenstandes mit seiner Zurkenntnisnahme die Konsequenz, dass es für die Vertreter dieser Richtung keine Gesetze der Natur mehr geben konnte, sondern lediglich noch die Gesetze der Naturwissenschaft. Da jedoch Naturwissenschaften per se Gesetzeswissenschaften sind, hatte diese Reduktion zur Folge, dass man nur noch, verdoppelnd, von den Gesetzen dieser Wissenschaften zu reden in der Lage war. Dieses Leerlaufen einer sich in ihre Formeln und Begriffe zurückziehenden und einhausenden Wissenschaft zeichnet sich also durch ihre Gegenstandslosigkeit aus. Beziehungsweise, ihre Gegenstände sind immer bloß solche, die sie sich, ihren jeweiligen Vorgaben gemäß, selbstreferentiell und zirkulär, stets schon selbst vorgegeben hat.

 

Natur Mathematik F Pete LindforthDiese wissenschaftstheoretische Richtung und alles, was an Abarten aus ihr hervorgegangen ist, bildet de facto einen fundamentalen Kehraus der Erkenntnis aus der Wissenschaft. Bis hinein in das von der theoretischen Physik gezogene Riskante der Konsequenzen ist das nachvollziehbar. In ihr ist der Begriff des Naturgesetzes selbst, der einst das Fundament exakter Bestimmung war, in Auflösung begriffen. An die Stelle der Realgesetze der Naturzusammenhänge sind die Gesetze der Wissenschaften getreten. Die Dimensionen, in denen alle Bestimmtheit spielt, werden relativiert. Die wissenschaftliche Bestimmbarkeit wird, das Vorurteil des alten Rationalismus, mit der Bestimmtheit eines Seienden verwechselt, die auf den Stellenwert einer mathematischen Formel reduziert ist. Folgerichtig geht es nicht mehr um die Klärung der Frage, welche Formeln dem Gegebenen am besten entsprechen, sondern, umgekehrt, welche Deutung des Gegebenen den errechneten Formeln am besten entspricht. Man tut gerade so, als wären die Formeln das eigentliche Fundament, auf dem das Übrige sich erhebt.

 

Eine derart auf reine Methodologie reduzierte Art der wissenschaftlichen Urteilsbildung hat den alles entscheidenden Unterschied übersehen, der zwischen den in der Natur wirklich waltenden Gesetzen und den, in der Regel in mathematischen Formeln zusammengefassten Formulierungen der (Natur-) Wissenschaften besteht. Zwar, das ist unbestritten und macht seit den Zeiten Galileis und Newtons die tatsächliche Stärke der Naturwissenschaften aus, haben die Formeln die Tendenz, die Abläufe der Natur zu treffen, nichtsdestotrotz sind sie lediglich ein „in mente“ Bestehendes, auch und gerade dann, wenn sie inhaltlich mit jenen übereinstimmen. In dieser Übereinstimmung besteht ja gerade die wissenschaftliche Einsicht. Wo es allerdings nichts gibt, was in Übereinstimmung gebracht werden kann – weil es sich allenthalben schon in Übereinstimmung befindet – (wie in den oben namhaft gemachten wissenschaftstheoretischen Selbstverdoppelungen), steht dieser Zirkel des Denkens dem Auffinden wissenschaftlicher Einsichten, deren Gesetze dem gleichwohl unabhängig von ihm existierenden Einzelfall als formbestimmende Momente zugrunde liegen, von vornherein und prinzipiell im Weg.

 

Der Grundgedanke dieser wissenschaftliches Urteilen auf reines Konstruieren reduzierenden Haltung ist also der, dass an die Gegenstände in ihrer jeweiligen Eigenart nicht heranzukommen sei, und wir also nichts anderes als die wechselnden Ansichten und Auffassungen von ihnen haben können. Der Relativismus wird inzwischen sogar so weit getrieben, dass die Gegenstände ausnahmslos in ihrem formelhaften Erkannt-, und das meint Bezogen-Sein auf den Betrachter ihre einzig echte Seins-Grundlage haben. Wer diesen Standpunkt eingenommen hat, vernichtet, ob er das nun will und weiß oder nicht, alles echte Wissen. Aufgehoben nämlich ist damit nicht nur der Unterschied von wahr und unwahr, sondern auch der eigentliche Sinn des objektiven Seins. Ein Reales, das unabhängig vom sich auf es als zunächst Fremdes richtenden Subjekt besteht, ist in dieser Sichtweise nicht vorgesehen. Das aber heißt, dass die Erkenntnis schlechterdings nichts mehr hat, auf das sie sich denkend richten könnte, so dass die Rede von Erkenntnis jeden nachvollziehbaren Sinn verliert.


Interessanterweise verhält es sich nun, wie gesehen, so, dass die Naturwissenschaft der Physik seit geraumer Zeit auf ähnlichen Pfaden wandelt, jedenfalls dann, wenn sie sich erkenntnistheoretisch mit sich selbst und ihren allenfalls zu erbringenden Leistungen beschäftigt. Weil, so wird überlegt, die empirischen Gegebenheiten sich aus Sinnesdaten rekrutieren, sind sie ausnahmslos subjektiven Ursprungs. Was also ist das Objektive, durch das sie zu ersetzen sind? Der Naturwissenschaftler findet es in der mathematischen Formel. Durch sie macht er sich frei von der Anschauung und nennt diesen Prozess dann „Objektivierung“. Das Kriterium der behaupteten Objektivität ist die Eindeutigkeit der Formel. Der mathematisch bestimmte Gegenstand ist also, so gesehen, das Resultat einer Operation des Verstandes; es gibt ihn überhaupt nur relativ auf sie. Er erscheint als solcher relativiert auf das menschliche Tun.


Dass es sich vielmehr um das Zutagetreten einer Erkennbarkeitsgrenze handelt, die nicht den Gegenstand selbst, sondern lediglich sein Erfasst-Werden mit den Mitteln der Objektivierung trifft, ist nicht mehr realisierbar, wenn man die Voraussetzung der Theorie unkritisch einfach mitgemacht hat. Die besteht aber darin, dass Erkenntnis sich erschöpfen soll im geistigen Bilden und Formen. Da diesem Bilden ein Gegebenes zugrunde liegt, muss es dieses umbilden. Soll nun das Gegebene seinem Inhalte nach mit dem Mannigfaltigen der Wahrnehmung identisch sein, und wird es in dieser spezifischen Art des Gegeben-Seins für real gehalten, dann hat diese doppelte Voraussetzung die selbstverständliche Konsequenz zur Folge, dass der Verstand in seinem wissenschaftlichen Urteilen das Reale in ein Irreales überführt, um dieses verkehrende Treiben dann für Wissenschaft auszugeben.
Dieses Vorgehen ist das genaue Gegenteil dessen, was der (Natur-) Wissenschaftler wirklich tut. Gerade das Reale ist niemals unmittelbar und als solches gegeben, nicht durch die Sinne und auch durch keine andere Erkenntnisform. Es soll nämlich erst in seiner es charakterisierenden, spezifischen Eigenart gefunden werden. Wäre es nämlich als solches unmittelbar gegeben, so bedürfte es keiner weiteren intellektuellen Anstrengung mehr. Wirklich ist nur das real Seiende, ganz unabhängig davon, ob und wie es erkannt oder vielleicht auch nur gegeben ist, ohne (zunächst) begriffen zu sein.

 

Neue Wege der Ontologie COVERFür das Erkennen bedeutet das umgekehrt, dass es ein transzendenter Akt ist, also ein Akt, der über die Grenzen des Bewusstseins hinausgreift. Indem es einen Gedanken denkt, denkt es eben dadurch und vermittelst seiner einen Gegenstand, der seinerseits zwar etwas anderes ist als der ihn denkende Gedanke, aber genau deswegen das vom Gedanken gemeinte Eigentliche ist. Keiner, es sei denn der heutige Formallogiker, denkt um des Gedankens willen. Das ist ein unfruchtbares, sich in identitätslogisch fundierten Spielregeln festlaufendes Denken. Sondern denkend, genauso übrigens wie wahrnehmend, fühlend, empfindend, handelnd richte ich mich auf eine je spezifische Weise auf etwas anderes, nicht von vornherein mit mir Identisches. Im weitesten Sinne handelt es sich hierbei um das weite Reich des Seienden. So wenigstens verhält es sich, wenn das Denken mehr ist als ein Gedankenspiel, als eine Träumerei oder das haltlose Schweifen der Phantasie.

 

Im sogenannten Zirkel des Denkens wird dieses Grundphänomen jeglicher, sei’s theoretischer, sei’s praktischer Auseinandersetzung mit der Welt ignoriert. Seinem Konstrukt liegt eine undurchschaute Äquivokation zugrunde. Denn zu sagen, ich denke einen Gedanken oder ich denke eine Sache ist alles andere als dasselbe. Denke ich nämlich einen Sachverhalt zutreffend, dann stimmt der Gedanke zwar inhaltlich mit ihm überein, und sie sind dem Inhalte nach nicht mehr unterscheidbar, der Seins-Weise nach aber bleiben sie nichtsdestotrotz grundverschieden. Denn der Gedanke der Sache besteht lediglich in mente, die Sache aber nach wie vor extra mentem. Von dieser entscheidenden Differenz hat der wissenschaftstheoretische Zirkel des Denkens keinen Begriff. Die Vertreter dieser Position sind der Ansicht, dass die Sache, wenn sie gedacht werde, selbst nichts anderes als der Gedanke, oder, wie beispielsweise bei Cassirer, deren symbolische Form oder ein funktionales, in Beziehungen aufgelöstes Konstrukt sei. Man beschränkt sich auf vom Denken gesetzte Relationen, Gesetze, Formen. Sie sollen, ihrem subjektiven Ursprung entsprechend, nichts Seiendes, sondern bloß ein Gedachtes sein. Gesetze und Relationen sind aber immer solche eines bestimmten Realen. Ausschließlich bestimmte Seiten am Realen gehen in Gesetz und Relation auf. Verkennt man dies, hält man Relationen nur für ein Gedachtes, dann kann man dem Gegenstand der Erkenntnis, der u. a. in Relationen besteht, kein selbständiges Sein zusprechen. Er wird mit dem im Erkenntnisprozess inhaltlich sich aufbauenden Begriff gleichgesetzt. Und seine Gesetze können folglich nur noch als Gesetze des – logischen – Begriffs verstanden werden. So wird der Sinn des reellen Denkens aufgehoben und zurück bleibt der leerlaufende, sich um sich selbst drehende und genau genommen – eine contradictio in adjecto – nichts denkende, weil ausschließlich sich selbst denkende Gedanke.

 

Also noch einmal: Wirkliches Erkennen ist nie leerlaufend. Es ist stets transzendent, heißt, auf etwas nicht von vornherein mit ihm Identisches gerichtet. Ihm geht es um das begreifende Erkennen einer wie auch immer realen, denkunabhängigen Sache, und nicht um eine Sache des Gedankens. Alle Zurüstungen des Erkennens gelten ihrer Erfassung; ihre Identität soll eruiert werden, die eben ganz unabhängig davon besteht, welchen Vers sich der sie denkende Gedanke von ihr – ob wahr oder falsch – macht. Aus der Warte der (= irgendeiner) Sache bedeutet dies, dass sie von Hause aus übergegenständlich ist, das heißt, in ihrem Gegenstandsein für ein erkennendes Subjekt nicht aufgeht. Sie besteht unabhängig von ihm und ist darüber hinaus indifferent dagegen, zum Gegenstand für ein Subjekt zu werden. Ob in ihrer jeweiligen Eigenart erkannt oder nicht, sie bleiben dem sie erkennenden Bewusstsein auch dann unaufhebbar gegenüber, wenn es tatsächlich um ihre Identität weiß, d. h., etwas Wahres über sie herausgefunden hat. Es gibt keine Dinge im Bewusstsein, wie es, umgekehrt, auch keine Gedanken oder Vorstellungen außerhalb des Bewusstseins gibt. Dass sie im Prozess des Erkennens zum Gegenstand des Bewusstseins werden, das, im Erfolgsfall, ihre ursprüngliche Fremdheit aufhebt und um ihre Identität gegebenenfalls weiß, ändert daran nichts.


Und genauso verfehlt ist die Ansicht, dass sich die zu erkennende Sache im Fortschreiten der Erkenntnis ändert. Die Atome der heutigen Physik beispielsweise sind andere, als sie es zu Zeiten Demokrits waren. Daraus hat man den Schluss gezogen, dass der Gegenstand im Erkenntnisprozess erst entstehe. Hier wird etwas verwechselt. Nicht der Gegenstand entsteht, sondern ein bestimmtes Bild oder ein Begriff des Gegenstandes entsteht. Nur sie unterliegen dem Wandel, der Ausdruck der Annäherung an die Wahrheit ist (oder auch nicht). Die Atome selbst aber, aus denen sich die Molekel usw. zusammensetzen, machen diesen Wandel nicht mit. Ihre Existenz vorausgesetzt, sind sie dieselben einst wie heute. Ihr Sein ist indifferent gegen den Wandel der Ausfassung und gegen das vorrückende Erkannt-Werden ihres Wesens.

 

Richtig allerdings ist, dass der Verstand, indem er erkennt, das gegebene Mannigfaltige der Sinne geistig umbildet. Denn wenn auch die Erkenntnis in ihrem Wesen, im Unterschied zum praktischen Verhalten, ein aufnehmender Akt ist, der die Identität des Gegenstandes unverändert lässt, dann ist doch die innere Spontaneität der Urteilsbildung unverzichtbar, wenn es um die Überführung des zunächst fremden Gegenstandes in einen gewussten geht. Die übers denkende Erfassen herzustellende Identität ist ein produktiver Vorgang. Da nämlich die Gegenstände nicht so beschaffen sind, wie das unreflektierte Erleben, Wahrnehmen etc. sie zeigt, hat zwischen die unmittelbare Gegebenheit und dasjenige, was für real gelten darf, der ganze Prozess intellektueller Arbeit zu treten, der von dem erkennenden Subjekt zu leisten ist. An ihr hängt die zunächst vorwiegend praktische Orientierung des Menschen in der ihn umgebenden Welt, um sich zuletzt, in der rein wissenschaftlichen Urteilsbildung, von allen äußeren Zwecken frei zu machen. Hier dient sie, vom Guten das Beste, wie Aristoteles sagt, dem reinen Erfassen der diversen Gegenstandsgebiete in ihrem gesetzmäßigen Verlauf.


Paul Nicolai Hartmann

Teil II (Teil IV folgt in der kommenden Woche.)

 

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Abbildungsnachweis:

Natur und Mathematik. Foto: Pete Lindforth

Buchumschlag: Neue Wege der Ontologie. Kohlhammer

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