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Hamburger Architektur Sommer 2019

Architektur
Franz Andreas Meyer – Hamburgs vergessener Stadtplaner

Kennen Sie die Heiligengeistbrücke über das Alsterfleet? Die Feenteichbrücke an der Außenalster? Die Brooksbrücke, die vom Katharinenviertel zur Speicherstadt führt? Die Hamburger Speicherstadt? Das ehemalige Wasserwerk auf der Elbinsel Kaltehofe?
Erbauer dieser und anderer Bauwerke war Franz Andreas Meyer (1837-1901), Oberbauingenieur und Leiter des Ingenieurwesens, der von 1872 bis zu seinem Tode das Hamburger Stadtbild prägte.

Aber nicht nur Einzelbauten im Stil der „Hannoverschen Schule“, einer Hinwendung zur Backsteingotik, sind Meyer zu verdanken. Er war der erste Hamburger Stadtplaner, der während der Gründerzeit für die wachsende Freie und Hansestadt bereits 1896 einen Generalplan, sprich Bebauungsplan, erarbeitete, auf den dann etwa fünfzig Jahre später Oberbaudirektor Fritz Schumacher zurückgreifen konnte. Dieser umfasste nicht nur die technische Infrastruktur für den gesamten Stadtbereich, sondern auch den Ausbau des Freihafens, die Verbesserung der städtischen Hygiene und die Wasserversorgung sowie zahlreiche öffentliche Grünanlagen, Alleen und Parks. Meyer verwirklichte unter anderem die Neugestaltung der Wallanlagen, die Uferbereiche des Alsterparks, den Innocentiapark in Harvestehude und plante den heutigen Hamburger Stadtpark in Winterhude, der schließlich von Schumacher vollendet wurde.

Der Sohn einer Hamburger Kaufmannsfamilie besuchte zunächst das Johanneum bevor er zum Studium an das Polytechnikum in Hannover ging und mit der neuen Architektursprache der Neo-Gotik in Berührung kam. Fünfundzwanzigjährig kehrte er nach Hamburg zurück, zunächst als Mitarbeiter der Hamburger Schifffahrts- und Hafen-Deputation, später wechselte er in die Sektion Ingenieurwesen der Baudeputation, wo er 1872 zum Oberingenieur berufen wurde. Laut Historikerin Katrin Maak war er zuständig für „die Verkehrs- und öffentlichen Anlagen, die Ingenieurbauten der Stadt und des Gebietes, einschließlich des dazugehörigen Wasser- und Brückenbaus, der Be- und Entwässerung und für das Vermessungswesen mit den Plänen der Stadterweiterung“.

Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches von 1871 wurde Hamburg zum Bundesstaat des neuen Reiches. Die ungeheuren Reparationszahlungen Frankreichs in Höhe von fünf Milliarden Goldmark und die Industrialisierung führten zu einer wirtschaftlichen Blüte und einem Anstieg der Hamburger Bevölkerung auf rund 700.000 Einwohner. Wohin mit all den Menschen? Das Wohnungsangebot war durch den Bau der Speicherstadt knapp und beengt. Die hygienischen Verhältnisse katastrophal. Das Trinkwasser kam ungereinigt aus der Elbe: sauberes Wasser war rar in der Hansestadt. 1892 brach in Hamburg eine Cholera-Epidemie aus und wütet mehr als zehn Wochen in der Stadt. "Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln, die man mir gezeigt hat, am Hafen, an der Steinstraße, in der Spitalerstraße oder an der Niedernstraße", erklärte Robert Koch, Direktor des preußischen Instituts für Infektionskrankheiten, bei einem Besuch in Hamburg. Während viele wohlhabende Bürger die Stadt verlassen konnten, trifft der Tod vor allen Dingen die Armen. Letztendlich forderte die Cholera mehr als 8.000 Todesopfer. Diese machten den Hamburgern die Notwendigkeit von sauberen Wasser bewusst. So beschloss der Hamburger Senat unter Bauaufsicht von Franz Andreas Meyer eine Filtrationsanlage auf der Elbinsel Kaltehofe einzurichten, die ab Mai 1893 bis zu ihrer Schließung 1990 die Hamburger Haushalte mit sauberem Trinkwasser versorgte. Erhalten sind noch zwanzig große Sandfilterbecken, an deren Ufern sogenannte Schieberhäuschen aus rotem Klinker mit kegelförmigem Dach stehen. Von hier aus regelten und prüften die Arbeiter den Zu- oder Ablauf der Filterbecken. In der Villa Kaltenhofe war eine Außenstelle des hygienischen Institutes Hamburgs untergebracht, das die Reinheit des Trinkwassers kontrollierte.
Seit 2011 betreut die „Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe“ das Areal des ehemaligen Wasserwerks. Die historische Villa, heute ein Museum, informiert zum Thema Wasser und Naturschutz.

Als Oberbauingenieur der Hansestadt war Franz Andreas Meyer auch für den Hamburger Hafen verantwortlich. Unter seiner Bauaufsicht arbeitete ab 1883 ein ganzes Konsortium von Architekten und Ingenieuren an dem Bauprojekt „Speicherstadt“, das sich auf den ehemaligen Elbinseln und den Wohnquartieren Kehrwieder und Wandrahm erstreckte. Rund 20.000 Menschen mussten für dieses ehrgeizige Projekt ihre Wohnungen verlassen und in andere Stadtgebiete umsiedeln. Gelungen ist Meyer ein künstlerisch-architektonisches Erscheinungsbild aus roten Klinkern mit einer einheitlichen Firsthöhe von etwa zwanzig Metern, einer neogotischen Fassade aus Giebeln, Rundbögen und Ornamenten, die an die mittelalterliche Backsteingotik erinnert. Vorangegangen war der mit Reichskanzler Otto von Bismarck und dem Hamburger Senat unterzeichnete Zollvertrag vom Mai 1881, der den Hamburger Kaufleuten ein Freihafengebiet für die zollfreie Lagerung und Verarbeitung von Importgütern garantierte, darunter Kaffee und Tee, Kakao, Gewürze und Tabak. Im Oktober 1888 war es endlich soweit. Mit viel Glanz und Gloria weihte der preußische Kaiser Wilhelm II. den ersten Bauabschnitt der Speicherstadt und die zu den Lagerhäusern führende Brookbrücke ein. Meyer selbst erlebte die Fertigstellung dieses Bauprojektes nicht mehr. Er starb 1901 überraschend mit 63 Jahren. Sein Grabstein befindet sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Franz Andreas Meyer, der an der Planung und Schaffung vieler Objekte beteiligt war, ist heute aus dem kollektiven Gedächtnis der Hamburger fast verschwunden. Liegt es an der neogotischen Architektursprache seiner Bauten, die den hanseatischen Kaufleuten nicht ins Stadtbild passte? An dem Neid seiner Kollegen? Bauinspektor Sperber, schrieb nach Meyers Tod ,,Mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit, [...] mit dialektischer Gewandheit, mit kluger Überlegung, mit diplomatischem Geschick hat er seine Projekte verteidigt und zum Segen Hamburgs durchgesetzt.“ 1924 benannte die Stadtverwaltung eine Straße in Billbrook, die „Andreas-Meyer-Straße“, und eine Brücke nach dem genialen Stadtplaner.

„Tag des offenen Denkmals“

Vom 8. bis 10. September 2017 öffnen 140 Hamburger Denkmäler ihre Pforten. Unter dem Motto „Macht und Pracht“ sind unter anderem einige Lagerhäuser in der Speicherstadt oder die Sandfiltrationsbecken auf Kaltehofe von Franz Andreas Meyer zu besichtigen. Weitere Informationen zum Denkmaltag finden Sie unter Stiftung Denkmalpflege, Dragonerstall 13 in 20355 Hamburg, Tel.: 040 - 3442 93

Weitere Informationen
Programm (PDF)


Abbildungsnachweis:
Header: links: Der Sandtorhafen mit Block O und dem ersten Verwaltungsgebäude der HFLG (rechts),
die beide von Hanssen & Meerwein und Stammann & Zinnow stammten (1885– 87, Aufnahme um 1890). Rechts Portrait Franz Andreas Meyer. Quelle: Wikipedia.
Galerie:
01.
Innocentiapark. Foto: Claus Friede
02. Villa Kaltehofe. Foto: © Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe
03. Hamburg, Elbinsel Kaltehofe. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaltehofe#/media/File:Kaltehofe_von_oben.jpg
04. Filteranlagen mit Schieberhäuschen und Becken. Foto: © Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe
05. Speicherstadt; Sandtorkai, Lagerhäuser, ca. 1890. Quelle: Staatsarchiv Hamburg
06. Querschnitt durch die Hamburger Speicherstadt in Nord-Süd Richtung. Quelle: Aus dem Hamburger Freihafengebiet, Hamburg 1888, Strumper & Co.
07. Brooks-Brücke. Historische Postkarte. Quelle: Archiv
08. Franz Andreas Meyer, Grabstätte, Hamburg-Ohlsdorf. Foto: Wolfgang Haak

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