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Hamburger Architektur Sommer 2019

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Meine 14. Lange Nacht der Museen in Hamburg

Der Mensch liebt Gewohntes – ich nehme mich nicht aus.
Der Eröffnungs- und zentrale Sammelplatz für die 14. Lange Nacht der Museen ist in diesem Jahr nicht der sympathische Ort zwischen den Deichtorhallen, sondern der Dar-Es-Salaam-Platz. Wegen einer Baustelle an den Deichtorhallen sind die Veranstalter ausgewichen, aber die Steinwüste in der Hamburger HafenCity macht nicht wirklich glücklich. Der Platz hat überdies kaum Intimität, er ist für Durchgangverkehre gemacht. Es fehlt (noch) eine schöne Baumreihe und mindestens ein weiterer Grund, um sich dort wohlfühlen zu können, er hat keine wirkliche Gestalt.

Die Lange Nacht der Museen beginnt mit „stickStoff Basel – Drumming Entertainment". Und obwohl der Frühlingswind die Steine der HafenCity noch nicht wärmen kann, düngen die Jungs aus der Schweiz mit ihren Percussion-Kunststücken die Gäste mit rhythmischer Energie. Die Busse sind geheizt und so ist es angenehm, Fahrt aufzunehmen.

Wie jedes Jahr ist es unmöglich die Angebote, Ausstellungen und unzähligen Programmpunkte an einem Abend zu fassen, alle Besucher sollen vielmehr Lust bekommen – nämlich auf mehr!

Das passt vor allem schon einmal auf meine erste Station an dem Abend: Das Hafenmuseum Hamburg am Bremerkai des Hansahafenbeckens ist so ein „Mehr-Ort“. Nicht nur der Blick von der Südseite der Elbe auf die Stadt ist wunderbar, auch die historisch alten Schuppen 50 und 51 aus den Jahren 1908/1909 sind es.

Damals brauchte man Fläche für den Seegüterumschlag. Die dreischiffige Holzkonstruktion diente einst für das Lagern des Stückguts, heute ist die Halle ein Schaudepot und voller Regale und Fundsachen, die der Hamburger Hafen hier anlandete: Dampfmaschinen, Kräne, deutsche Exportschlager, ein alter VW-Käfer mit geteilter Heckscheibe, Gabelstapler, Van Carrier (der älteste erhaltene in Europa!), Schiffsmodelle und Vitrinen mit Modellen. Als Außenstelle des Museums für Arbeit ein Ort, an dem es nach derselben noch riecht und schmeckt.

Aus dem alten Elblotsenhaus Brunsbüttelkoog ist das Original der 1895 eingebauten Lotsenstube liebevoll restauriert, ohne den Gebrauchsflair ignoriert zu haben. Die dunkle Holzvertäfelung ist mit Ornamenten bemalt, die Anrichte und der Biertresen sind verziert, und der hölzerne Kronleuchter verbreitet gedimmtes Licht. Ölbilder von Dreimast-Vollschiffen oder Fünfmast-Barken schmücken die Wände. Hindenburg-Portraits bewachen grimmig die Arbeit der Elb- und Kanallotsen, die hier ihre Zeit verbrachten und darauf warteten an Bord eines Dampfers zu gelangen, um die Brücke zu übernehmen.

Authentisch die zahlreichen „Hamburger Originale", die durch das Sammelsurium an dem Abend führen und die noch als Lotsen oder als Schauerleute arbeiteten oder die Schwimmkräne, Schutensauger und Kaikrane bedienten. Sie können gar nicht genug bekommen, davon zu erzählen, und sie treffen auf ein neugieriges Publikum, das wissen will wie das war mit dem Wandel von der Fracht in Kisten zum Container; wie es kam, dass in Hamburg einst die größten Schiffe der Welt auf Kiel gelegt wurden, Norddeutschland führend im Schiffbau war, hier heute aber kaum noch große Schiffe für den internationalen Markt gebaut werden können. Die ehemaligen Hafenarbeiter haben das alles miterlebt. Ja, es ist ihr Leben. Und das macht den Besuch so reizvoll und spannend. Hier werden Geschichte und Geschichten lebendig, durch Wissen, Erfahrung, Anekdoten und Seemannsgarn – oder soll man besser sagen „Lotsengarn"? Da ist der Besucher plötzlich mittendrin in einer Welt, die sonst nur von den Landungsbrücken zu besichtigen ist. Das Schaudepot ist kein typisches Museum, es ist ein Tummelplatz ehrlicher Arbeit.

Es wird dunkel als ich im Bus wieder Richtung Innenstadt fahre. Mein Ziel ist das Museum für Hamburgische Geschichte „hamburgmuseum“ oder wie Lisa Kosok, die Direktorin es postuliert, das wichtigste Museum der Stadt. Das muss sie so sagen als Hausherrin. Diese Behauptung haben sich übrigens an dem Abend identisch alle Direktoren der großen Häuser auf ihre Stirn geklebt.

Das Museum für Hamburgische Geschichte setzt in diesen Tagen auf „Inklusion", also die Einbeziehung gesellschaftlicher Gruppen, die bisher (zu) oft am Rande stehen, wie Menschen mit Handicaps. „Geht doch", heißt die Erlebnisausstellung und will jene ohne Behinderungen in eine ihnen oft unbekannte Welt einführen. „Reingehen und ausprobieren ist die Devise: inklusiv Kickern in der Kneipe, Einkaufen aus Sicht eines Rollstuhlfahrers, Spielen nach Gehör. Der Besucher platzt mitten in das Leben unterschiedlicher Personen, lernt sie kennen, begibt sich interaktiv in ihre Situation und wird sensibel für die Lebensumstände anderer. Die Ausstellung greift in den unterschiedlichen Lebenssituationen sowohl die Probleme auf, die bestehen, als auch die Möglichkeiten, die Inklusion eröffnet“, heißt es in der Museumserläuterung.

Im Hof spielt eine Blinden-Band – „Living Musicbox“ nennen sie ihr Programm. Die Besucher dürfen Musikwünsche äußern und wie bei einer Dukebox, anstatt eine Tastenkombination zu drücken, ruft man beispielsweise „E5“ und Hit, Schlager oder Ballade werden angestimmt. Das ist ein lockerer Umgang mit dem Inklusionsthema, denn in der Ausstellung selbst ist es durchaus auch ernster. Die Lange Nacht der Museen öffnet also nicht nur Türen... Eine gute Ergänzung zum ganzjährig stattfindenden „Dialog-im-Dunkeln", in dem Menschen Sehenden die Welt der Blinden erfahrbar machen. Dort ist allerdings heute geschlossen.

Zum zweiten Mal macht das Polizeimuseum in Alsterdorf bei der Langen Nacht mit – und diesmal nicht als überfüllte Baustelle wie noch ein Jahr zuvor. Auf meiner dritten Station des Abends bin ich auf Ermittlung. Woher der Regen plötzlich kommt, lässt sich fahndungstechnisch nicht herausbekommen, aber die alte Polizeikaserne ist trocken und warm.

Ehemalige und aktive Polizeibeamte erzählen das, was nicht in den Akten steht. Dass beispielsweise der „Fall Dagobert" den damaligen Chefermittler die besten Jahre seines Lebens kostete, weil der einstige Karstadt-Erpresser, Arno Funke, die Fahnder zwei Jahre an der Nase herumführte. Ausgestellt und erklärt sind die damaligen Beweisstücke bis hin zu einem Mini-U-Boot, mit dem „Dagobert" die Millionen auf dem Tauchweg durch einen See abtransportieren wollte. Für ihn leider wurde es Winter bis er zuschlagen konnte, die Gewässer waren zugefroren, so dass das selbstgebaute Lösegeld-Unterwasserfahrzeug nie zum Einsatz kam. Jetzt ist das U-Boot hier aufgetaucht, in der Ausstellung von acht großen Kriminalfällen der Hamburger Polizei seit 1900. Drei Schritte neben der Petersen-Bande des „Der Lord von Barmbeck“ (damals noch mit „ck“ geschrieben) und dem kalt geknackten Safe liegt ganz unschuldig in einer Vitrine die Säge des Frauenmörders Fritz Honka. In Anbetracht dieses Exponats läuft mir der Schauer über den Rücken und ich frage mich, ob es so gut ist, hier seinen nächtlichen Abschluss zu begehen. Dabei relativiert der Museumsbegleiter stante pede: Man habe damals zwar menschliche Eiweißspuren an der Säge gefunden, Beweise dafür, dass Honka damit seine Opfer zersägte, gebe es aber nicht. Die Details der Geschichte(n) schauen Sie sich besser selbst im Polizeimuseum an...

Auch drei Originale der von Konrad Kujau gefälschten „Hitler-Tagebücher" sind hier zu sehen. Umschlag, Siegel und Handschriftliches. Der vermeintliche „Sensationsfund", mit denen er und Reporter Gerd Heidemann 1983 den „Stern" betrogen und diesen an den Rand des Abgrunds brachten. Bis heute einer der größten Presseskandale der Bundesrepublik Deutschland.

Skandale kennt auch die nächste Staatsautorität, der Deutsche Zoll. Das Zollmuseum in der Speicherstadt scheint in dieser Nacht ein sehr beliebtes Ziel zu sein, es ist gerammelt voll. Zwischen Gebäude am Alten Wandrahm und Zollkanal steht eine historische gelbe Kutsche, die die Gäste inklusive Zollkontrolle einmal ums Museum fährt. Drinnen ist es thematisch weit gefächert: Neben der Historie des Zollwesens im Allgemeinen und im Besonderen in der Hansestadt, geht es um die Koloniale Zollwelt, um die Not zwischen den Kriegen bis zu den modernen Anfordernissen von Produktpiraterie über den Schutz vor Menschenräubern bis zur sozialen Gerechtigkeit und dem Thema Schwarzarbeit.

Auch die Zeit des Nationalsozialismus ist thematisiert, es sind die damaligen Zwangsmaßnahmen gegen Juden fokussiert und die Unterbindung der Ausreiseversuche von Personen ohne gültige Papiere. Klingt recht harmlos, wenn man bedenkt was dahinter steckte und so ist auch ein Kapitel der DDR-Zollverwaltung gewidmet, andere Zeit – gleiche Mittel.

Bei allen Orten nehme ich mir vor, in diesem Jahr noch einmal zurückzukehren – tagsüber! Bis dahin also...

Ihr Claus Friede
(Mit Unterstützung von Nicola von Hollander)



Und wieder hab ich das Beatlemania-Museum nicht gesehen. Weil‘s das inzwischen nicht mehr gibt.
Ich persönlich glaube, letzteres hat nichts mit Desinteresse zu tun – sondern mit der Unmöglichkeit, auf St. Pauli einen vernünftigen Parkplatz zu finden. Dazu später mehr Gejammer...

Über vier neue Museen kann die Stadt sich freuen, drei davon hatte ich mir ausgesucht: das Mahnmal St. Nikolai, das Medizinhistorische Museum in Eppendorf und das Museum für Hamburgische Geschichtchen.
Bei der Reihenfolge plante ich praktisch: zuerst der Ausblick vom Kirchturm, wenn es noch richtig hell ist. Dann die schrecklichen Wachsgesichter mit den venerischen Krankheiten. Und anschließend, um keine bösen Träume zu kriegen und mit etwas Erheiterndem abzuschließen, sozusagen als Betthupferl, die Geschichtchen.

In der Hamburger Altstadt bekam ich tatsächlich einen guten Parkplatz in relativer Nähe des Mahnmahls (direkt neben einem Stand mit StadtRÄDern. Die hätte ich an diesem Abend gratis benutzen können. Ich ging aber zu Fuß weiter.)
Nun weiß ich im Prinzip, wo die verstümmelte Kirche liegt, ich kenne den dunklen Turm mit den kleinen, omihaften Seitenlöckchen ganz genau. Groß genug ist sie eigentlich auch: mit ihrem 147 Meter-Turm war sie Ende des 19. Jahrhunderts mal eine Weile ‚das höchste Bauwerk der Welt‘ und ist jetzt noch das zweithöchste Gebäude Hamburgs sowie der fünfthöchste Kirchenbau der Erde.

Den britischen und amerikanischen Bomberpiloten hat das lange Gemäuer bei ihren Luftangriffen während des Zweiten Weltkriegs immer als Zielmarkierung gedient. Von oben muss der Nikolai-Turm prima zu erkennen sein.
Aber es hat seine Tücken, am Boden danach zu suchen. Ich marschierte in die ungefähre Richtung und fragte die Hamburger, ob sie mir helfen könnten.
Dabei machte ich Bekanntschaft mit einem netten Ehepaar aus Thüringen, das mir ohne Probleme hätte beschreiben können, wo sich die Nikolaikirche in Leipzig befand.
Fünf oder sechs weiteren Touristen begegnete ich und konnte meinerseits Auskunft geben über ein gutes Restaurant oder wie man am schnellsten zur Mönckebergstraße käme. Die einzigen Hamburger, die ich traf, waren drei vergnügte junge Männer. Sie empfahlen einen Weg, den ich nie für möglich gehalten hätte, da befände sich jedenfalls eine Kirche.
Ja, St. Jacobi, vielen Dank.
Sie meinten allerdings, Kirche sei Kirche.

Als ich über die Trostbrücke wanderte, wirkte das tatsächlich tröstlich, denn da entdeckte ich die Spitze des Kirchturms. Wirklich nur die Spitze, die mühsam über ein Ganzkörperkorsett blinzelt. Seit sich vor drei Jahren ein größerer Brocken aus dem Mahnmal löste und mahnend auf den Radweg klatschte, hält man die alte Dame lieber ein bisschen beisammen.

Die langen Nächte der Museen sind in dieser Stadt recht gut besucht. Eine längere Schlange bildete sich vorm Eingang zu dem gläsernen Fahrstuhl. Wir stellten gemeinsam fest, dass es doch etwas kühler sei als erwartet und dass es auf dem Kirchhofsgelände zieht, als hätte jemand vergessen, die Tür zu schließen.
Als ich dicht am Fahrstuhl stand, tobte direkt über uns das Carillon los, ein Riesenglockenspiel im Turm mit schönem, kräftigem Klang. Eine junge Frau vor mir brach vor Schreck in die Knie und musste von ihrem Begleiter gestützt werden.

Bei der Fahrt nach oben im gläsernen Panoramaaufzug gibt es nicht so schrecklich viel Panorama, wegen des Ganzkörperkorsetts. Und, um ganz ehrlich zu sein: dasselbe trifft auf die Aussichtsplattform in 75 Meter Höhe zu.
Hier drängelte sich das Volk und machte einen langen Hals, um zwischen dem Gerüst durch oder drüber und drunter weg zu gucken.
Um noch ehrlicher zu sein: vom Michel aus sieht man mehr, und da zieht es genauso.
Mir fiel indessen auf, dass der Turm schwankt. Ich will nicht über meine Neigung zur Seekrankheit reden – er schwankt, ohne Zweifel. Ein das Gerüst fotografierender Tourist, dem ich das mitteilte, erklärte mir, das hätte seine Richtigkeit, der Turm dürfe nicht nur, er müsse geradezu schwanken, wegen Höhe und Eigengewicht und Balance.
Das erweckte in mir den spontanen Wunsch, wieder zu Boden zu kommen.

Auf der Plattform gibt es keine Gelegenheit, eine Schlange zu bilden. Jeder sieht zu, wo er bleibt.
Ich bin zu sanftmütig, um ein Drängler zu sein. Indessen bin ich ein hervorragender Schlängler. Ich stand direkt vor der Tür des Fahrstuhls, als er wieder oben ankam und noch mehr Menschen ausspuckte, die um das Gerüst herumgucken wollten. Nur eine recht korpulente Dame stürzte sich noch vor mir in den entleerten gläsernen Behälter.

Der füllte sich sofort, wir standen gestapelt wie die Salzstangen in der Tüte – als es piepte. Mehrere Experten teilten der zuletzt eingetretenen Dame mit, der Fahrstuhl habe gerade gemeldet, sie sei überzählig und wir im Ganzen zu schwer.
Sie protestierte und beteuerte, sie hätte sich gerade auf 48 Kilo runtergehungert, aber das half ihr nichts. Es war wie in einem Rettungsboot der Titanic: wir schlugen mit unseren Rudern auf die zuletzt Gekommene ein. Endlich verließ sie den Fahrstuhl mit einer Miene, als werde sie ihn, uns zum Trotze, nie wieder betreten, sondern den Rest ihres Lebens auf der Aussichtsplattform verbringen.

Die Korpulente neben mir murmelte vor sich hin: „Mann, bin ich froh, dass ich zuerst eingestiegen bin!“
Jetzt gab der Fahrstuhl Ruhe, schloss die Tür und schwebte in einem Affenzahn nach unten. Ich betrachtete meine Stiefelspitzen und bemühte mich, an etwas völlig anderes zu denken.

Um noch mehr Mahnmal-Kultur zu genießen, muss man sich von ganz oben nach ganz unten begeben: das eigentliche Museum befindet sich unter der Erde, im Kellergewölbe. Mehrere Räume, deren Ausstellungen sich mit den Weltkriegen befassen: die Jahre 33 bis 43 in der Stadt, der deutsche Luftangriff auf Polen, das Gedenken an den Hamburger Feuersturm .
Alles sah sauber und neu aus, aber dem Eintretenden schlug ein Geruch nach schmutzigen alten Socken entgegen, und dieser Dunst haftete überall.

Ich schnupperte mich zur Quelle dieser muffigen, dumpfen Angelegenheit und stand schließlich vor einem Riesenkochtopf. Hier gab es den guten alten Original-Steckrübeneintopf wie aus den schlimmsten Kriegsjahren!
Das war eine Herausforderung. Was tut man nicht alles für die Kultur?
Ich probierte ein Näpfchen voll mit einem Kanten Brot, und ich muss sagen: es schmeckte um Meilen besser, als es roch.
In diesem Kellerraum befand sich auch die Sonderausstellung ‚Tout le monde kaputt‘ – der Erste Weltkrieg in einem französischen Comic, in dem die Boches jedoch ihre Befehle und Verwünschungen auf Deutsch brüllen.

Und um 20:00 Uhr fand auf der kleinen Bühne des Saals, der sich der Operation Gomorrha und ihren Folgen widmete, eine szenische Collage zum Ersten Weltkrieg statt: ‚Weltenbrand‘. Drei ausgezeichnete Schauspieler, nämlich Michael Bideller, Oliver Hermann und Markus Voigt warfen sich in sehr echt nachempfundene feldgraue Uniformen und bildeten aus Texten (Zitaten der Kaiserzeit von Wilhelm dem Letzten selbst bis zu einem begeisterten Thomas Mann), aus Musik (ein paar düstere Takte Le sacre du printemps passen da allerdings gut hin) und Bildelementen im Hintergrund ein dichtes, beklemmendes Gespinst.
Die drei illustrierten gewissermaßen mit ihrer Präsenz vor allem größere Passagen aus dem Roman ‚Heeresbericht‘ von Edlef Köppen. Der beschrieb 1930 seine eigenen Erlebnisse vom unternehmungslustigen Freiwilligen, der sich, frisch an der Front, ungeduldig fragt: ‚Wo ist denn nun der Krieg?‘ zum angst- und ekelgeschüttelten Soldaten, der Menschen und Menschenteile fliegen sieht.
Es gibt übrigens weitere Termine für diese sehenswerte Collage.

Sehr zufrieden mit dem Programm des Mahnmal-Museums fuhr ich zu meiner nächsten Station, dem Medizinhistorischen Museum in Eppendorf.
Als Adresse war Martinistraße 52 angegeben. Genau dort standen zwei ausgesprochen betrübte potentielle Museumsbesucher vor der Tür und informierten mich, hier sei leider erst ab 22:00 Uhr geöffnet, das besage ein Zettel an der Tür.
Ich holte zum Gegenbeweis mein kleines Büchlein der Langen Nacht hervor, in dem behauptet wird, auch dieses Museum wäre zwischen 18:00 und 2:00 Uhr zu besichtigen.

Indessen ließ sich die Tür tatsächlich nicht öffnen. Das war bedauerlich – bis 22:00 Uhr fehlte uns noch beinah eine halbe Stunde und es begann eben, besinnlich zu nieseln.
Genau, als ich den an der Tür klebenden Zettel lesen wollte, traten mehrere energische, sich laut unterhaltende Personen aus dem Gebäude. Ich, als Schlängler, huschte durch die Tür nach drinnen, bevor sie sich schloss.
Das traurige Pärchen blieb draußen, vielleicht, weil sie nichts Verbotenes tun wollten.

Ich ging durch eine interessante große Halle und durch eine Art Torbogen. Hier stand eine Frau, die mich am Ärmel packte und mit den Worten: „Schnell, sie fahren gleich ab!“ hinter sich her zog. In Märchen oder Langen Nächten muss man sich auf so was einlassen.
Ich wurde durch einen Hintereingang wieder in den Nieselregen und zu einem Shuttle gezogen, in dem nur noch zwei Plätze leer waren.
Bedauerlicherweise saß ich rückwärts zur Fahrtrichtung. Damit kann mein Magen nicht sehr gut umgehen. Ich guckte also auf meine Stiefelspitzen und versuchte, an etwas völlig anderes zu denken, während die Frau, die mich in den Wagen gezerrt hatte, mir ins Ohr flüsterte, wir führen hier in einem Brennstoffzellen-Hybridbus.
Ich hätte nie gedacht, dass die so schnell fahren können. Der Chauffeur jagte uns mit quietschenden Reifen durch das Gelände der Uniklinik, das mutmaßlich um Einiges größer ist als Monaco oder der Vatikanstaat. Schließlich kippte er uns ganz richtig vor dem Museumsgebäude aus.
Was aus dem traurigen Pärchen vor der Tür wurde, oder was auf dem Zettel stand, habe ich nie erfahren.

Auf jeden Fall begannen um 22:00 Uhr zwei Veranstaltungen, soviel war richtig. Bei der einen hätte ich eine Zwillingsoperation im Mutterleib betrachten können, was mich weniger reizte als eine Führung zu den Highlights der neuen Dauerausstellung des Museums: Die Geburt der modernen Medizin. Alle daran Interessierten begaben sich in den höchst geräumigen Sektionssaal.
Hier stehen acht steinerne Sektionstische. Sie haben die Größe eines Bettes, sind jedoch nicht gepolstert, weil die darauf Liegenden so was nicht mehr nötig hatten. Stattdessen besitzen sie so etwas wie eine Blutrinne und einen Abfluss sowie eine handliche kleine Brause an einer Seite.

Der Raum ist unbedingt faszinierend, bestens erleuchtet und akustisch eine Katastrophe. Wie Studenten früherer Zeiten, die hier an Leichen schnipseln und gleichzeitig ihrem Professor lauschen sollten, begriffen haben, um was es ging, ist ein Rätsel. Es wäre eine gute Idee gewesen, für diese eine Nacht so etwas wie ein Mikrofon und eine Lautsprecheranlage zu besorgen. Eine bestimmt gut informierte und gescheit aussehende junge Frau stand mitten im Saal und gab höchstwahrscheinlich interessante Fakten von sich, während etwa fünfzig Menschen um sie herumstanden. Die acht bis zehn, die ganz eng neben ihr gruppiert waren, dürften eventuell etwas vom Vortrag erhascht haben. Ich verstand lediglich, dass sie nach jedem längeren Absatz ihrer Rede zufrieden: „Genau!“ sagte.

Daraus ergab sich, dass nach etwa einer Viertelstunde das Gesumme privater Gespräche den Saal füllte. Wenn die Besucher schon nichts verstanden, wollten sie jedenfalls miteinander reden. Viele gingen auch einfach hinaus.
Ja, ich auch.

Ich kann im Zweifel besser laufen als rumstehen, den Sektionssaal hatte ich inzwischen zur Genüge studiert und unter einer Führung verstehe ich letztendlich etwas anderes. Dies war ein Vortrag.
Nichts gegen einen Vortrag, notfalls auch anstelle einer Führung. Doch es ist von Nutzen, wenn man ihn hören kann.

Ich besichtigte also, im Verein mit vielen anderen Besuchern, die einzelnen Räume. Über den Türen stand jeweils, was einen darin erwartete: ‚Medizinstudium‘, ‚Kosmos Krankenhaus‘ oder ‚Hafen und Medizin‘ und so weiter.
Der meiste Andrang herrschte natürlicherweise im Raum mit den Moulagen. Hier liegen aus Wachs nachgebildete Körperteile mit Krankheitssymptomen.

In diesem Fall mit den Merkmalen der Geschlechtskrankheit Syphilis und zwar damals, bevor es Antibiotika gab.
Das sieht schrecklich echt aus und schmerzlich und ziemlich traurig – obwohl ein Teeny neben mir beim Betrachten ständig ins Kichern kam. Es werden eben gerade bei dieser Krankheit zum Teil höchst private Körperteile dargestellt.

‚Krankheit und Stadt‘ beschäftigt sich neben der Cholera eingehend mit der Tuberkulose, früher eine weitverbreitete sogenannte ‚Volkskrankheit‘ mit vielen Möglichkeiten, sich anzustecken.

Als ich etwas später vor der Tür im Regen stand und auf die Wiederkehr des Hybridshuttles wartete, hustete neben mir eine andere Besucherin so ausdauernd, dass ich mir unwillkürlich meinen Schal über Mund und Nase zog. Was beweist, wie suggestiv ein Museumsbesuch wirken kann.

Das Shuttle brachte mich zuverlässig zu dem Gebäude zurück, hinter dem ich eingestiegen war und vor dem mein Auto parkte.
Das Haus allerdings war immer noch abgeschlossen, inzwischen sogar von hinten. Wir Ausgestiegenen mussten uns einen Weg durch irgendwelche Häuser hindurch zur Straße suchen.

Es ist begreiflich, dass in einem Universitätskrankenhaus nicht jeder rumstrolchen kann wie er möchte und dass Einiges unter Verschluss bleiben muss. Allerdings sollte man sich vielleicht mal Gedanken darüber machen, wie man das mit einem Museum, wo Publikumsverkehr erwünscht ist, unter einen Hut kriegen kann.

Mehr als anderthalb Stunden kreiste ich anschließend in St. Pauli herum, weil ich vergeblich einen Parkplatz suchte, um mir die Hamburger Geschichtchen zu Gemüte zu führen. Dann gab ich auf. Ich tue viel für die Kultur, aber ich bin nicht bereit, in ihrem Dienst zu sterben.

Ich wollte mir so gern noch etwas Hübsches gönnen, etwas, worauf ich wirklich große Lust hatte.
Und so fuhr ich zum kleinen Brahms-Museum in der Peterstraße. J’adore Brahms – und ich wollte schon lange mal in dieses hübsche Haus im barocken Stil.

In einem kleinen Raum gleich neben dem Eingang gab es ein wirklich interessantes Video: ‚Ach, wären doch die Frauen nicht!‘
Zudem ergatterte ich einen bequemen, gepolsterten Stuhl mit Seitenlehnen. Ich konnte alles bestens sehen und hören und fühlte mich vollkommen wohl in der ruhigen, intimen Atmosphäre.

Später sah ich mir das Haus an, das unter anderem eine der reizendsten Treppen besitzt, die ich je gesehen habe und in dem sich unter anderem ein Tafelklavier von 1859 befindet, auf dem Brahms selbst spielte.
Im oberen Stockwerk saß hinter Brahms-Büchern zum Verkauf ein bärtiger Herr, der so wirkte, als wäre seine natürliche Schlafenszeit früher als halb eins. Er saß sehr aufrecht, hielt die Augen jedoch geschlossen.
Aber er beriet mich freundlich und verkaufte mir ein schönes Brahms-Buch, das ich noch nicht kannte.
Ich entdeckte auf dem Verkaufstisch ein Buch mit asiatischen Schriftzeichen und vermutete, es handle sich dabei um Japanisch. Der Verkäufer bestätigte: „Das gibt es auch in Japan zu kaufen. Aber da verehren sie alle Brahms ganz enorm, und da ist es auch billiger als hier. Insofern haben sie es schon alle und bei uns ist es leider ein Ladenhüter…“

Als ich meinen Schirm griff und das wunderbare kleine Museum verließ – bemerkte ich, buchstäblich ein Haus weiter, ein weiteres, noch kleineres:
Das Telemann-Museum!
Das scheint nur aus einem Raum zu bestehen, doch in dem steht ein bildschönes Spinett. Vor dem Spinett saß ein Herr (ebenfalls mit gepflegtem Bart) und beendete gerade einen Vortrag über die Kirchenmusik von Telemann.
Er war aber so nett, mir noch eine ganze Menge über das Instrument zu erzählen und zeigte, wie es funktionierte – nicht, wie ein Klavier, mit Hämmerchen geschlagen, sondern von einem Plektrum gezupft.
Als er sah, wie interessiert ich war, erzählte er, im Museum für Kunst und Gewerbe gäbe es eine ganze Reihe so alter Instrumente, von einem Hamburger Sammler gespendet. Ab und zu, im Internet zu finden, würden dort Konzerte veranstaltet.
Übrigens werde auch im winzigen Telemann-Museum Musik gemacht, auf eben diesem Spinett zum Beispiel.
Und da er meinen gierigen Blick bemerkte: „Nicht für gewöhnliches Publikum! Nur für Mitglieder der Telemann-Gesellschaft…“
Worauf er mir ein Blatt gab, auf dem ich mich eintragen und Mitglied werden kann.
Hat noch jemand Interesse? Der Verein braucht Mitglieder.

Kurz vor zwei war ich Zuhause, fühlte mich angeregt und bis zum Rand mit Kultur gefüttert und fand, die Nacht hatte ihren Zweck erfüllt.

Ihre Dagmar Seifert


Abbildungsnachweis:
Header: Lange Nacht der Museen. Foto: Museumsdient Hamburg
Galerie:
01. Hafenmuseum. Foto: SHMH
02. Hafenmuseum im Kopfbau, Schuppen 50A mit Schaudepot. Foto: Hübner, 2012
03. Schaudepot. Foto: Museum der Arbeit
04. Vitrine im Schaudepot. Foto: Claus Friede
05. Hamburgmuseum, Innenhof mit Bühne
06. "Verzierte" Figur im Innenhof. Foto: Claus Friede
07. und 08. Tamara Keitel und Matti Wustmann, Künstlerkollektiv „barner 16“. © Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf
09. Polizeimuseum, Dachgeschoss.
10. und 11. Mahnmal St. Nicolai. Fotos: Claus Friede
12. UKE, Medizinhistorisches Museum, Sektionssaal. Foto: UKE
13.Telemann Museum (Logo)

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