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Hamburger Architektur Sommer 2019


Fotografie

Allen Bourgeois: „Streets, Alleys and Other Observations, Chicago“

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Mittwoch, den 08. Mai 2019 um 08:03 Uhr
Allen Bourgeois: „Streets, Alleys and Other Observations, Chicago“ 4.4 out of 5 based on 84 votes.
Allen Bourgeois Streets Alleys and Other Observations Chicago

Anlässlich des in diesem Jahr stattfindenden 25. Städtepartnerschaftsjubiläums zwischen Hamburg und Chicago zeigt das Amerikazentrum in der Hamburger HafenCity Schwarz-Weiß-Aufnahmen des amerikanischen Fotografen Allen Bourgeois.

Der in Chicago lebende Bourgeois diente einige Jahre als Soldat bei den US-Marines, bevor ein Stipendium ihm ein Fotografie-Studium ermöglichte. Seither ist er immer nur noch mit einer Kamera bewaffnet – und die hat er scheinbar immer dabei.

Der kräftige bärtige Mann hat eine sympathische Ausstrahlung und freut sich über die vielen Besucher zu seiner Ausstellungseröffnung. Dennoch versucht er versteckt zu bleiben, drängt sich nicht nach vorne in Richtung des Rednerpults in die erste Reihe, und muss in der Menge von der Eröffnungsrednerin gesucht werden: „Allen, where are you? (Allen, wo bist Du?)“
Sich unsichtbar machen kann er offensichtlich gut, denn seine „Streets, Alleys and Other Observations“ aus Chicago zeugen davon. Er liebt das Situative, er sucht die richtigen Momente, um mit dem Hauch einer Bewegung den Auslöser zu tätigen. Er kommentiert sich in seinen Fotos nie selbst, bleibt lieber im Verborgenen.

Bourgeois arbeitet mit Kontrasten, Spiegelungen, Schatten, Durchblicken, ist fast immer künstlerisch und nur ein wenig dokumentarisch unterwegs. Er erzählt fotografierte Geschichten, keine die märchenhaft wären, keine die erfunden sind, sondern eben jene aus dem sogenannten richtigen Leben.

Seine Fotografien sind beeinflusst von Henri Cartier-Bresson (1908-2004), Robert Frank (*1924) und Garry Winogrand (1928-1984), die gibt er auch sogleich als Vorbilder für sich an. Und er spricht von ihnen mit großem Respekt. Auch Vivian Maier (1926-2009) schätzt er und findet sie internationaler als den in der Schweiz geborenen Robert Frank, obwohl sie in den USA fotografierte.
Er hingeben übernimmt für sich am liebsten gar kein Label als Kategorisierung, auch nicht das der „Street Photography“ (Straßenfotografie). Er ist Beobachter, ein Meister im Erkennen und Erfassen von Momenten, die normalerweise im Bruchteil einer Sekunde geschehen, bevor sie sodann wieder verschwunden sind. Spontaneität ist das Markenzeichen. „Planen kann ich meine Fotos nicht“, sagt er, „ich erlebe diese Momente mit offenen Augen und wachem Blick“. So kommen sie zustande, seine Fotos, und liegen zwischen Humor und Ironie, aber auch Bedrückung, und manchmal liegen in ihnen teilweise auch tragische Augenblicke zugrunde.

Ein bereits älterer Mann mit höchst haltbarem Gel und spitz hochgestellter, aber nur mittelmäßig gestylter Punkfrisur, schaut mit großen Augen auf das Display seines Smartphones. Aus einem vorbeifahrenden Sport Utility Vehicle (SUV) sieht man hinter der getönten Scheibe eine Frau, die diesen Mann wiederum mit ihrem Smartphone fotografiert, während gleichzeitig Allen Bourgeois die ganze Szenerie ablichtet. Wie ein Schnellballeffekt ergeben sich Kommunikationsstränge innerhalb des Bildes, die auf einander reagieren und miteinander verbunden sind. Dieser kurze Augenblick des Geschehens erzählt einzig durch diese Fotografie eine ganze Geschichte und fördert das Denken weit über diesen Moment hinaus.

In der gleichen Reihe findet sich eine Aufnahme, die zwei junge Menschen bei einem Selfie zeigen. Das an einer Teleskopstange befestigte Foto-Handy, in das die beiden verliebt blicken ist ein so ganz anderer Augenblick für sie als für den ebenso jungen Mann, der in sich zusammengesackt mit wenig Habe einen Meter davon entfernt auf einer Decke im Schneidersitz hockt. Der Plastikbecher vor ihm ist fast leer, vielleicht gerade einmal zwei Viertel-Dollar-Münzen darin. Eingeknickt und fast in gleicher Pose wie der Mensch ist das Pappschild auf dem zu lesen ist, dass er wohnungslos ist… „Due to family and job loss…“ (Wegen Familien- und Joblosigkeit).

Wir werden auf einem anderen Foto direkt angeschaut von einem Mann, in dessen Augen gleichzeitig Furcht und Schmerz sowie Hoffnung und Trost zu finden sind. Zwischen seinem Kapuzen-Sweater und dem Gesicht ist noch der Rand einer Wollmütze zu sehen, die ihn warmhält. Auch er – das lässt sich vermuten – ist wohnungslos, aber voller Stolz.

Vor einer großen Schaufensterscheibe, in der sich das Gegenüber spiegelt, gehen zwei Frauen und unterhalten sich. Sie beachten nicht die fröhlich tanzenden Schatten-Schwestern, die als Schaufenster-Dekoration um sie herumtanzen. „En Passant“ wäre ein guter Titel gewesen, aber alle Arbeiten von Allen Bourgeois sind „untitled“ (unbetitelt).

Je länger Bourgeois an diesem Observationsprojekt arbeitete, desto deutlicher wurde ihm, dass diese Fotografien auch ein Spiegel unserer Gesellschaft sind. Sie sind Momentaufnahmen – manchmal ironisch und manchmal banal, häufig humorvoll aber zuweilen auch – wie hier und da – traurig. Beobachtungen, die uns allen vielleicht zeigen können, wie achtlos wir häufig sind und wer wir sind.

Allen Bourgeois: „Streets, Alleys and Other Observations, Chicago“

Zu sehen bis 31. Mai 2019 im
Amerikazentrum Hamburg e. V., Am Sandtorkai 48, 20457 Hamburg
Der Eintritt ist frei
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 10-15 Uhr und nach Vereinbarung.
Weitere Informationen

Mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien Hamburg und der Senatskanzlei Hamburg sowie Prof. Claus Friede von Claus Friede*Contemporary Arts, Hamburg und dem Richard H. Driehaus Museum, Chicago.


Abbildungsnachweis:
Alle Fotos aus Header und Galerie: „untitled“. © Allen Bourgeois

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