Theater - Tanz
Elias Nuriel Kohl, Lilly Gropper, Henning Sembritzki Foto: Sinje Hasheider

„Alles, was wir Ihnen heute Abend vorstellen werden, habe ich selbst erlebt“, so beginnt der Felix-Krull-Abend am Theater Lübeck. Das verblüfft. Denn auf der Bühne, vor dem blauen, für lange Zeit geschlossenen Vorhang agieren gleich drei Personen, alle drei sind Felix Krull.

 

Diese drei gestalten einen hinreißenden, kurzweiligen Thomas-Mann-Theaterabend in den Lübecker Kammerspielen und schlüpfen in sämtliche wichtigen Rollen des Romans.

 

Dreimal Felix Krull: das sind Lilly Gropper, Elias Nuriel Kohl und Henning Sembritzki. Die Bühne (Bühne: Moïra Gilliéron) dient diesen drei Darstellern als gut durchdachte und somit geeignete Projektionsfläche: Sie bietet ihnen viel Handlungsspielraum, ist dekoriert mit einem silbrigem Kettenvorhang, der mal glitzert wie das schillernde Leben, mal kalt glänzt wie eine ernüchternde Militärkulisse. In dieser Kulisse spielt natürlich auch die bekannte mannsche Szene von Felix Musterung. Diese so zu gestalten, dass sie dem geneigten Publikum Neues bietet, ist nicht einfach, wird aber in Lübeck gekonnt und souverän vom schauspielerischen Dreierteam gemanagt. Mal ist der eine, die andere Felix, mal Stabsarzt, mal Offizier. Das ist unterhaltsam und bringt dem Publikum sichtlich Spaß, wie an vielerlei Geschmunzel und Gelächter deutlich wird.

 

Einmal, da lässt sich Felix schwungvoll vom Bühnenrand zum Publikum hinab. Da ist er schon im Pariser Hotel vom Liftboy zum Kellner aufgestiegen. Und serviert den Damen und Herren der ersten Reihe ein Glas Schampus auf dem Tablett. „Sie sehen, der höhere Preis für die erste Reihe lohnt sich“, wirft er launig ins Publikum.

 

Gags dieser Art gibt es mehrere an diesem Abend und somit wird das Publikum Teil der Inszenierung, Teil der Hochstapelei. Diese gekonnte Tollerei und lustvolle Spielerei gelingen den drei Schauspielern vor allem deshalb, weil sie sich in ihrer Freude am Spiel ergänzen und einander die Bälle zuwerfen. Jeder und jede ist oder kann jener und jene sein: Felix, Arzt, Liftboy, Hoteldirektor, Marquis, Prostituierte, Madame… Und damit keine kostbare Zeit dieser nur eineinhalb Stunden dauernden Aufführung unnütz vertan wird, ist immer mal wieder eine schwarz gekleidete, daher unauffällige Masken- und Kostümbildnerin auf der Bühne. Sie hilft den Schauspielern beim Umkleiden, bei der Verwandlung von der einen zur anderen Person, tupft hier noch einmal Puder nach, fügt dort Kragen und Manschetten ein. Das ist in keinem Fall störend, sondern szenisch bestens integriert. Es sind kleine Verwandlungen mit großer Wirkung. Sie alle sind Teil der Hochstapelei, um die es ja hauptsächlich geht in diesem Roman, in diesem Stück namens Felix Krull.

 

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Lilly Gropper, Elias Nuriel Kohl, Henning Sembritzki. Foto: Sinje Hasheider

 

„Nur der Betrug hat Aussicht auf Erfolg“, heißt es hier und dort. Mal scheint diese These wahr und wahrhaftig zu sein, mal entlarvt sie sich als pure Täuschung, ist reine Illusion. „Auch, wenn ich nur einmal da bin…“ sagt der eine Felix und wirft einen irritierten Seitenblick auf seine beiden Kollegen, um dann schelmenhaft und scheinbar sicher fortzufahren: „…Jeder ist nur einmal da.“ Stimmt nicht - jedenfalls nicht in diesem Fall, in dem ansonsten (fast) alles stimmt. Eine Sache geriet allerdings etwas zu lang: In dieser Szene werden Wörter wie „Schlafraum“, „Juwelen“, „Bett“, „Vorhang“ und (zu) viele weitere Wörter aneinandergereiht. Derweil (lust)wandeln die drei Felixe unermüdlich durch den glitzernden Kettenvorhang, teilen dabei den Vorhang, schließen ihn wieder und so fort. Nur: Dieses Wörterwerfen erschließt sich nicht; das ist nicht die Sprache von Thomas Mann. Es ist aber – und das kann durchaus sein – vielleicht Teil der abendlichen Hochstapelei im Lübecker Theater. Denn vielleicht sollten wir dieses Wortspiel, diesen Wörterschwall zum Anlass nehmen, uns zu fragen: Was ist Sprache? Welche Bedeutung hat sie und welche Bedeutung kann sie annehmen? Wie spielerisch lässt sich mit ihr umgehen? Wie verführerisch ist Sprache? Wie bestimmt und wie bestimmend?

 

Viel Licht, etwas Schatten (Licht: Georg Marburg) und sogar ein Feuer und ein Feuerwerk gibt’s in diesem „Felix Krull“ am Lübecker Theater. Thomas Mann hätte bestimmt seine Freude an diesem berauschenden Abend, an dem sich letztendlich alles um alles und alles um sich selbst dreht, die Sterne, die Erde, der Mond - und der Mensch mittendrin. „Ich spreche vom Sein, vom Leben, vom Menschen, vom Nichts“, heißt es gegen Ende des Stücks. Wohl wahr! Auf Grundlage von Thomas Manns Roman bieten Verfasser Bastian Kraft und Intendant Branko Janack in Lübeck eine ideenreiche Basis für ein perfektes Zusammenspiel der drei Schauspieler. Dazu gab’s zusätzliches Kolorit vom Feinsten: Musik von Richard Strauss mit „Also sprach Zaratustra“ und von der Independent-Band MGMT mit „Time to Pretend“. Manchmal, vor allem gegen Ende des Stücks, ertönte die Musik im Verhältnis zum Wort allerdings zu laut, war das gesprochene Wort vor lauter Lärm kaum zu verstehen.

 

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Lilly Gropper, Elias Nuriel Kohl, Henning Sembritzki. Foto: Sinje Hasheider

 

Vielleicht aber sollte auch das so sein, vielleicht war dieses Sprachunverständnis eine von den Theatermachern produzierte, bewusst hervorgerufene, provozierte Hörverweigerung beim Publikum. In diesem Fall stellt sich die Frage, ist Sprache vielleicht auch bloß eine Illusion, eine Hochstapelei? Hätte Thomas Mann eine solche Idee, eine solche Vorstellung für möglich gehalten, gewollt und gutgeheißen? Wir wissen es nicht. Zumal das Ende des Romans offen geblieben ist, nie geschrieben wurde. Denn der 1954, kurz vor Thomas Manns Tod, erschienene Roman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ ist ein Fragment geblieben. Erlaubt ist infolgedessen – und zu guter Letzt – was gefällt: Hochstapeln in jedem Fall. Vor allem dann, wenn’s dem Theaterpublikum gefällt. Und das war hier in Lübeck der Fall, wie der lang anhaltende Beifall bewies.


„Felix Krull“, Schauspiel

in einer Fassung von Bastian Kraft nach dem Roman von Thomas Mann

Zu sehen am Theater Lübeck, Kammerspiele, Beckergrube 16, in 23552 Lübeck

Weitere Termine: 20/09 und 27/09, jeweils 18.30 Uhr, 03./10 und 08/10, jeweils um 20.00 Uhr, 18/10: 16.00 Uhr, 15/11: 18.30 Uhr, 20/11: 20.00 Uhr, 03/12, 11/12, 18/12, 15/01, jeweils 20.00 Uhr

Besetzung:

Inszenierung: Branko Janack | Bühne: Moïra Gilliéron | Kostüme: Karin Rosemann | Musik: Max Nübling | Licht: Georg Marburg | Dramaturgie Veronika Firmenich

Felix Krull: Henning Sembritzki  | Lilly Gropper | Elias Nuriel Kohl. 

Weitere Informationen (Theater Lübeck)

 

Mit einem Begleitprogramm aus Filmen, Gesprächen und einem Gottesdienst lädt das Theater Lübeck gemeinsam mit dem Buddenbrookhaus zu einer vertiefenden Beschäftigung mit dem Schriftsteller Thomas Mann und seiner Figur „Felix Krull" ein. Informationen zum Begleitprogramm

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