Theater - Tanz
Thalia Theater: Was ihr wollt. Foto: Katrin Ribbe

Shakespeare ganz vorn auf Hamburgs Bühnen. Kampnagel und Thalia Theater eröffnen die Saison, das Schauspielhaus folgt.

 

Wo, wenn nicht im Theater, kann verhandelt werden, was jenseits von Normen und Paradigmen existiert, was sie in Frage stellt und damit wiederum deren Existenz bestätigt? Ist es nicht sogar die Kernkompetenz des Theaters, alles sein zu können, was es nicht ist? Man darf gespannt sein auf den „Hamlet“ des Regie-Titans Frank Castorf und wohl letzten Vertreters eines unverbildeten Machismo im Deutschen Schauspielhaus.

 

Deutsches Schauspielhaus Hamlet F Just Loomis

Hamlet (Premiere am 3.10.2025). Foto: © Just Loomis

 

Die Frauen an Hamburgs Thalia-Theater haben schon abgeliefert, was sonst als Shakespeare. Und auch die Kampnagelfabrik beginnt ihre letzte Spielzeit vor dem General-Umbau durch die französischen Stararchitekten Lacaton & Vasalle mit Shakespeare. Mit dem Tanztheater „The Romeo“, das beim Festival d’Avignon Premiere hatte. Der New Yorker Choreograph und langjährige Kampnagel-Gast Trajal Harrell hat mit dieser Anspielung auf Shakespeares berühmtestes Liebesdrama die Verwandlungen des Immergleichen und zugleich das Beharren auf Andersartigkeit und Individualität auf verzaubernde Weise vorgeführt. Alle als Männer und Frauen lesbaren Mitglieder des Zürich Dance Ensembles tragen Frauenkleidung, die Frauen manchmal Männerkleidung, zumindest vor die surreal-phantastischen Gewänder drapiert. Kleidung wird hier zur sichtbaren Behauptung und ebenso benutzt zum Vortäuschen einer Identität. Ägyptische Göttinnen gleich schreiten sie mit schiebenden Armbewegungen in einem Nachstellschritt nach vorne, auf einem Musikteppich verschiedener Epochen, der Choreograph teilt als manchmal kommentierender Beobachter die Bühne mit ihnen. Mit permanenten Kostümwechseln ist dieser Abend wie eine Fashion Show aufgebaut; er präsentiert zudem auffällig unterschiedliche, kleine, große, gedrungene, schlanke, ältere und junge Tänzerkörper. Eine Feier der Vielfalt menschlicher Formen, Farben und Lebensspannen, die am Ende aufgesagt werden, geprägt von einer imaginären Julia, einem liebenden Blick, geprägt von der Kraft der Imagination. Womit er zu einem der gelungensten und sinnlichsten Beiträge zur Genderdebatte im Kulturbetrieb wird.

 

Trajal Harrell The Romeo Kampnagel F Christophe Raynaud de Lage

Trajal Harrel. The-Romeo, Kampnagel. Foto: Christophe Raynaud de Lage

 

Auch im Spielplan des Thalia Theaters stehen Shakespeare und die Auseinandersetzung mit Diversität und Identität an erster Stelle. “Was ihr wollt“ unter Regie von Anne Lenk hatte am vergangenen Wochenende Premiere und bildete den Auftakt zur neuen Intendanz von Sonja Anders, der ersten Frau in dieser Position in der 182-jährigen Geschichte des traditionsreichen Theaters. Eindeutiger als ihr Vorgänger Joachim Lux hatte sich Anders schon im Vorfeld stark gemacht für weibliche Regie-Handschriften, Diversität, politische Offenheit und flache Hierarchien, also gegen den oftmals noch altväterlich bestimmten deutschen Theaterbetrieb. Die 1965 geborene Hamburgerin begann ihre Laufbahn als Dramaturgin in Stuttgart, anschließend wurde sie unter Ulrich Khuon Chefdramaturgin in Hamburg und ging mit ihm ans Deutsche Theater in Berlin, 2019 übernahm sie erstmals als Intendantin das Schauspiel Hannover. Eine sehr nahbare, freundliche und ganz wie Khuon auf Verbindlichkeit und Wertschätzung setzende Teamplayerin ohne Regie-Ambitionen. Angetreten ist sie nun mit einem erheblich verjüngten und diversen Ensemble und vor allem zwei weiteren Frauen, die schon in Hannover an ihrer Seite waren: Khuons Tochter Nora Khuon als Chefdramaturgin und Anne Lenk als leitende Regisseurin, die in der Theaterwelt mit handwerklich geschickten und feministisch-klugen Adaptionen klassischer Stoffe von sich reden machte.

 

In Lenks Bearbeitung der wohl scharfsinnigsten und frechsten Shakespeare-Komödie wünscht man sich allerdings mehr von diesen Eigenschaften. Klar, dass es im Verwirrspiel um die Zwillinge Sebastian und Viola, die gegenseitig von sich glauben bei einem Schiffsunglück ertrunken zu sein, was dazu führt, dass Viola sich mutwillig als männlicher Page Cesario (Gloria Odosi) beim Herzog Orsino (Jannik Hinsch) anstellen lässt, in den sich dann die von Orsino angebetete Gräfin Olivia unsterblich verliebt, während der vermeintliche Page dem unglaublich schmachtend singenden Herzog ein Liebesangebot macht, klar also, dass es um ein Gender-Thema geht, das in unsere Zeit hineinragt und Debatten-Futter sein kann. Notwendig für das well made play auch, dass Auflösung und Erwiderung der scheinbar fehlgeleiteten Liebe durch die Intrigen der starken Nebenfiguren unmöglich erscheinen. Doch ebenso lässt sich Shakespeares „Happy End“, in dem tatsächlich zwei Heteropaare zusammenfinden, als Ironie auf das Erwartbare und augenzwinkernde Täuschung des Publikums verstehen. Auch bei Shakespeare geht es schon darum, und wo ginge das besser als im Theater, etwas Menschliches mit den Mitteln der Illusion sichtbar zu machen: dass ein Geschlechtszustand eben keiner ist, sondern eine fließende Angelegenheit.

 

Und so leidet dieser Abend darunter, dass Lenk einerseits versucht, den derben und anzüglichen Humor des Dramatikers mit einer Schaumstoff-Aprikose und einer Pflaume abzubilden, die auf die Bühne gerollt und wie ein Popo betätschelt werden. Andererseits an der wenig erhellenden Hinzuerfindung von ungehorsamen Nebenfiguren wie Iggy und Poppy, die dem Schaumstoff-Obst entsteigen – hat da etwa jemand an Punkvater Iggy Pop gedacht? Eine dreiteilige Holz-Tribüne von Judith Oswald ist besetzt mit dem Treppenhausorchester (in Hannover berühmt geworden), das mit Blech, Schlagzeug und Geige und eigenem Soundtrack den ganzen Abend beschallt und Gelegenheit bietet für skurrile Auf- und Abgänge - aha, Screwball Comedy.

 

was ihr wollt F Katrin Ribbe

Was Ihr Wollt. Thalia Theater Hamburg. Foto: Katrin Ribbe

 

Oftmals scheint es sogar, dass die Musiker, zum Beispiel mit dem Gebimmel einer Triangel, Spannung erzeugen müssen, die das Schauspiel zumindest in der ersten Hälfte nicht hergibt. Auch die Kostüme (Sibylle Wallum) behaupten mehr Witz und Queerness, als tatsächlich über die Rampe kommt. Warum die Zwillinge in grüngelben dick wattierten Jacken herumlaufen, der Narr (Tim Porath) mit einer Kappe, die an ein Insekt gemahnt, der Herzog in lila und die Gräfin in rosa gerüscht, das mag schon auf das Ende hindeuten, an dem alle zeigen, wer sie sind und wen sie lieben. In Lenks Version gibt es, als erstaunlich braven und gendertechnisch angepassten Gegenentwurf zu Shakespeare, nur schwule Paare, die in einer endlos scheinenden Kuss-Szene zusammenfinden. Sogar der rasende Hofmeister Malvolio (Jeremy Mockridge) wird nach einer Trump-Persiflage durch einen Kuss besänftigt. Wenn sich doch nur so die Welt retten ließe.

 

Sehr viel überzeugender und auch düsterer geht es in der zweiten Premiere „Marschlande“ zu. Auch hier eine weibliche Regiehandschrift, die viel mehr an eine heutige, weibliche Realität anknüpft und doch durch Shakespeares Brille schaut. Jorinde Dröse, die selbst einige Jahre von der Bühne verschwand, als sie Mutter wurde, und in bejubelten Produktionen wie „#Motherfuckinghood“ oder „Die Wut, die bleibt“ (bald auch im Thalia) feministisch konsequent darauf hinweist, dass sich Frauen auf dem Weg in die Gleichbehandlung mit Männern noch längst nicht aus der Falle der Mutterschaft und der Care-Arbeit befreit haben. Zu schwer, zu unbewusst sind die Lasten aus früheren Generationen. In „Marschlande“ ist dieses Thema nach dem gleichnamigen Roman der Autorin Jarka Kubsowa sehr schlüssig dramatisiert von Hannah Zufall, und überhaupt ist da geballte Frauenpower am Werk. Catherine Seifert spielt die Geographin Britta, die nach zwei Geburten und entsprechenden Ausfallzeiten ihre Stelle an der Uni Hamburg verloren hat, als resolute und doch ihrem Leben entrückte Frau, als sie den Umzug mit ihrer Familie aufs Land nicht wirklich überzeugt, befürwortet. Die Bühne (Katja Haß) ist ein leerer Raum mit dem schiefen Gerippe eines Einfamilienhauses. Schon im ersten Bild ist klar, dass sie hier nie ankommen wird, die Umzugskisten bleiben unausgepackt, während ihr Mann zur Arbeit in die Stadt fährt. Doch bald stößt Britta auf die Geschichte der Abelke Bleken, die im 16. Jahrhundert nachweislich in Ochsenwerder lebte und als reiche Alleinerbin den Hof ihrer Eltern betrieb. Nicht lange, denn es droht eine Sturmflut, vor der Abelke  (Nellie Fischer-Benson) das ganze Dorf in einer Vorahnung warnt. Ohne Gehör zu finden. Später wird ihr genau das zum Verhängnis. Nach der tödlichen Katastrophe wird sie vom neidischen Dorfvorsteher (Bernd Grawert) zum kaum zu bewältigenden Wiederaufbau des Deiches gezwungen und enteignet, der Pfarrer (Cino Djavid) verunglimpft sie als für den Schaden verantwortliche Hexe und sie landet auf dem Scheiterhaufen.

 

Jorinde Dröse schließt diese spannende Geschichte kurz mit Brittas Schicksal, die langsam merkt, dass sie im Dorf nicht willkommen ist, dass ihre Tochter in der Schule gemobbt wird und nicht mal ihr Mann ein Ohr für sie hat und allmählich wütend auf sie wird. Anders als im Roman sind oftmals beide Frauen gleichzeitig auf der Bühne, die Spannungsverhältnisse und ihre Ohnmacht im Netz der Abhängigkeiten sind mit diesem Kniff sehr deutlich spürbar und führen - fast 500 Jahre liegen dazwischen - zu unterschiedlichen Ergebnissen: Britta kann sich trennen, während Abelke mit dem Leben bezahlt. Immerhin.

Als Bindeglied zwischen den beiden, im Roman ist es die Landschaft, lässt Dröse die schwarze Schauspielerin Florence Adjidome im Glitzerkostüm (von Juliane Kalkowski) wie einen Vogel pfeifen, Geschichten erzählen und herumwirbeln. Was man als rassistisch motiviertes Klischee lesen könnte, oder auch gerade nicht - ganz im Sinne Shakespeares, dann entlarvt es vielmehr, was wir denken, wenn wir wahrnehmen.


Saison-Eröffnung 2025

An Hamburgs Sprechbühnen.

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