Theater - Tanz

Furioser Saisonauftakt im Schauspielhaus Hamburg mit einer phänomenalen Lina Beckmann, deren „Richard the Kid & the King“ wie eine Naturgewalt über die Bühne hereinbrach. Vier volle Sternstunden Theater.

 

Klassiker heißen Klassiker, weil ihre Kernaussagen immerwährende Gültigkeit besitzen – in jeder Gesellschaft, zu jeder Zeit. Auch Shakespeares „Richard III.“, sein um 1592 entstandenes Drama um den wohl grausamsten und blutrünstigsten Despoten aus der Familie York, war über die Jahrhunderte immer wieder beliebt, die politischen Geschehnisse der jeweiligen Epochen zu beleuchten und Parallelen zu ziehen.

 

Doch so packend und prägnant, wie in der Coproduktion mit den Salzburger Festspielen und unter der Regie von Karin Henkel, die mit Sybille Meier und Andreas Schwieter die aktuelle Fassung verantwortet (mit Texten aus Luk Percevals und Tom Lanoyes unvergessenen „Schlachten“- Marathon), hat man den letzten Teil der Shakespeare‘schen York-Tetralogie wohl kaum jemals als Spiegel der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse vorgeführt bekommen: Fake News, Lügenkampagnen, Wahlmanipulationen, gezielte Desinformationen, Korruption, Verleumdungen, Heuchelei – und all das gestreut von einem machtgeilen Geisteskranken, der für ein Zitat mit dem Ex-Präsidenten der USA verschmilzt: „Wenn Du ein Star bist, kannst Du alles machen. Grab them by the pussy“. Aber es geht hier nicht um die platten Sprüche eines bestimmten Psychopathen.

 

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Diese Inszenierung zielt vielmehr auf das System. Die Strukturen von Macht und Abhängigkeiten überall auf der Welt. Wer dachte beim Anblick der vollverschleierten Elisabeth nicht unwillkürlich an die Taliban? Als Backup, zumindest im Kopf des Zuschauers, laufen an diesem Abend ständig die Nachrichten über die weltweiten Gräueltaten. Ganz nebenbei führt Karin Henckel aber auch vor Augen, wie ein Kind, das schon bei seiner Geburt wegen seiner Missgestalt gemobbt, ja verabscheut wird, keine andere Chance bleibt, als Aufmerksamkeit durch Gewalttaten zu bekommen. Die Liebe, sagt der schwer traumatisierte Junge irgendwann, habe ihn „gemieden wie die Pest“. Was Wunder, dass er seine Sehnsucht nach Anerkennung und Wahrnehmung schließlich in monströsen Morden stillt.

 

„Die Amme kotze als sie mich sah“. Die Stimme aus dem Off lässt keine Zweifel, was für eine Ausgeburt der Hölle hier, mit Füßen voran und Zähnen im Mund“ das Licht der Welt erblickt, während Lina Beckmann alias Richard sich auf einer runden, schiefen, schwarzen Scheibe (Bühne Katrin Brack) gleichsam selbst gebärt. Wenig später schaut Richard the Kid auf einem Schaukelpferdchen stumm auf zwei in Plastik verpackten Köpfe herunter, die seines Vaters, des Herzogs von York, und seines Onkels Edmund. Ganz am Schluss wird er wieder auf diesem Schaukelpferdchen sitzen und erbärmlich „my kingdom for a horse“ greinen.

 

Aber jetzt sind die Rosenkriege zwischen den beiden Familienzweigen York und Lancaster in vollem Gange und die beiden Morde gehen auf die Kappe von Margaretha von Anjou. „Die Spaghetti-Schlampe soll sich nach Napoli verpissen!“, schreit Richard und gibt damit den Tonfall vor. Von Shakespeares Originaltext ist nicht mehr viel übrig, die Wortwahl überwiegend Jugendsprache. Als Richard sich später im Auftrag seiner Brüder rächt und seinen Vetter (Margarethas Mann) König Heinrich VI, sowie den Erbprinz umbringt, hört er von seinem großen Bruder, nunmehr König Edward IV. als Dank nur ein „fuck off, asshole!“

 

Überhaupt wird an diesem Abend überwiegend „Denglisch“ gesprochen und das „F-Wort“ fällt sicher mehr als dreidutzend Mal. („It’s my way or the fucking highway“). Aber es wirkt absolut stimmig in diesem Blutrausch des Gemetzels, ebenso, wie der permanente Geschlechtertausch der lediglich vier Schauspieler*innen. Diese Reduzierung ist ein genialer Regieeinfall, denn dadurch werden die beiden verfeindeten Lager für die Zuschauer von Anfang an klar unterscheidbar: Kate Strong spielt Richards Mutter und Richards Bruder Edward. Bettina Stucky spielt die von Hass zerfressene Königin Elisabeth und Richards Bruder George. Und Kristof Van Boven spielt alle Mitglieder der Familie Lancaster: König Heinrich, Königin Margaretha Prinz Edward, Lady Anne und Graf von Richmond. Alle vier sind absolut großartige Schauspieler, von einer stupenden Wandlungsfähigkeit und von einer Intensität bis an Grenze zur Karikatur, sodass auch immer wieder komische Momente für Lacher sorgen.

 

Was Lina Beckmann als Richard an diesem Abend bietet, ist einfach unfassbar gut. Vielleicht ihre beste schauspielerische Leistung bislang. Beckmann hat eine Wucht und Körperlichkeit, die alles um sie herum verblassen lässt. Eine Lichtgestalt, wie Momo unter den grauen Männern, die hier allerdings den Kronrat und die Leibwächter verkörpern (allen voran Paul Herwig als intriganter Lord Buckingham). Ob nach Mama rufend und auf dem Kettcar über die Bühne brausend, ob im Blutrausch die Gedärme von Lord Hastings (Maik Solbach) zum Lorbeerkranz windend, ob an der Rampe mit dem Publikum flirtend („So, Ihr Lieben, ich bin dem Ziel ganz nah“) oder in ihrer hinreißenden Parodie auf männliches Balzverhalten - Lina Beckmann ist zum Niederknien. Das Publikum dankte mit Ovationen.


Richard the Kid & the King

nach William Shakespeare
Fassung von Karin Henkel, Sybille Meier und Andrea Schwieter
Mit Texten aus „Eddy the King“ aus „Schlachten!“ von Tom Lanoye und Luk Perceval
Deutsch von Rainer Kersten
Regie: Karin Henkel

Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Kirchenallee 39, in 20099 Hamburg

 

Koproduktion mit den Salzburger Festspielen 2021

Premiere, Hamburger Premiere am 03/09/2021 SchauSpielHaus,

nächste Vorstellung am 19.9.2021.

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