„Unser Zusammenleben in Wien ist jetzt recht angenehm. Es ist jede Woche eine Schubertiade.“ (Schubert an Josef von Spaun, 7.12.1822) „Man denkt sogar an eine öffentliche Schubertiad.“
Öffentliche Schubertiade
Eine solche öffentliche Schubertiade gab’s jetzt in Lübeck in einem ausschließlich schubertschen Werken gewidmeten Programm, das an Konzertabläufe des frühen 19. Jahrhunderts erinnerte. Vier Arien aus Bühnenwerken, eingerahmt von zwei Sinfonien. Auch eine Dokumentation der atemberaubenden kompositorischen Reifung Schuberts in dem Lebensabschnitt von 1815 bis 1823, also einem Zeitraum von nur acht Jahren.
Frisch vollendet mit 19 Jahren
Eröffnet wurde das Konzert mit der Sinfonie Nr. 5 B-Dur, D 485. Da war Franz Schubert 19 Jahre alt. Mit vier abwärtsgerichteten Bläserakkorden scheint sich der junge Komponist ins Wiener Großstadtleben stürzen zu wollen. Es sprudelt und schäumt über vor guter Laune. Es klingt, als wolle Schubert die Worte seines Freundes Franz von Hartmann in Musik umsetzen: „Die Gesellschaft ist ungeheuer… Nach dem Musizieren aus ist, wird herrlich schnabuliert und dann getanzt… Um Zwölfeinhalb gehen zum Anker… Lustig…“
Dirigent Stefan Vladar wählt ein belebendes Zeitmaß: Indem er vom Philharmonischen Orchester Lübeck eine wienerische Artikulation einfordert, mit großen gesanglichen Bögen, weit atmenden Phrasen, mit breitem Wiener Auftakt und lebendiger Akzentkultur, wirkt alles leicht und lebensfroh. Ein bisschen klingt`s nach Schuberts großem Vorbild Mozart. Hier nach einer Figaro-ähnlichen Ensemblestelle, später in der „h-Moll“ nach Don Giovannis Höllenschlägen. Aber auch der Schubertsche Personalstil klopft bereits an. Chromatisch gärende Mollpassagen legitimieren einen Neustart. Eine Wiederholung, die Vladar mit seinem Orchester in vitaler Gestaltung überraschend neu färbt. Schubert überrascht seinerseits bereits hier mit unerwarteten Tonartwechseln, weichen Modulationen und unterschiedlichen, zum Teil konfliktreichen Rhythmen auf verschiedenen Ebenen. Und dennoch dominiert der warme Ton der Holzbläser, die ihre milden Gesangslinien behütend über das vielfältige kompositorische Geschehen legen.
Michael Schade: ein Weltstar in Lübeck
Für die folgenden vier Arien aus Schubertschen Bühnenwerken konnte Stefan Vladar den international renommierten Tenor Michael Schade gewinnen, der den „Fierrabras“ bei den Salzburger Festspielen 2014 gesungen hat. Ein Weltstar, der diesen Arienteil des Programms mit einem gesangstechnisch höchst kultivierten piano eröffnete und sich bis zur diesen Programmteil abschließenden Arie des Fierrabras dramatisch steigerte. Mit strahlenden, klangvollen Spitzentönen, die weit über das Fach des Mozart-Tenors hinausgehen. Die Oper „Fierrabras“ war für Stefan Vladar übrigens wegweisend: 1987 engagierte Claudio Abbado den damals jungen Pianisten Stefan Vladar, den er bereits aus gemeinsamen Arbeiten kannte, für eine Aufführung im Wiener Konzerthaus, in der auch Arien aus Fierrabras auf dem Programm standen. Diese Zusammenarbeit mit Abbado war Ausgangspunkt für Vladars internationale Karriere, erfuhren die Besucher der Konzerteinführung. Das Gespräch mit Stefan Vladar führte Jens Ponath, leitender Musikdramaturg am Theater Lübeck.
Zurück zu Schubert, zu Vogl: Schubert beschreibt seinen Freund und Tenor Johann Michael Vogl, mit dem er auch auf Konzertreise ging, so: „Die Art und Weise, wie Vogl singt, und ich accompagniere (12.9.1825), wie wir in einem solchen Augenblick Eins zu sein scheinen, ist diesen Leuten [in Salzburg] etwas ganz Neues, Unerhörtes.“ Da Schubert den für ihn typischen warmen Ton pflegte, haben wir von Vogl eher die Klangvorstellung eines baritonal gefärbten Tenors. Die musikalisch kluge Gestaltung Michael Schades in metallischer Einfassung weist möglicherweise bereits hin auf die sich aus diesen Schubertschen Opern herausbildenden Arien im Freischütz und auch in Werken Wagners. Übrigens freuen wir uns auf seine Interpretation der Partie des „Idomeneo“ im Lübecker Theater (Premiere im Großen Haus am 2. Oktober, 19.30 Uhr)
Die „Unvollendete“: Eine symphonische Winterreise in h-Moll
Höhepunkt des Konzertes war dann doch die Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759. Schubert ist zum Zeitpunkt dieser Komposition erst 26 Jahre alt. Aber die Atmosphäre dieser Komposition (acht Jahre nach der B-Dur-Sinfonie) ist eine völlig andere. Das Unbestimmte, Geheimnisvolle, Dunkle überwiegt. Die berühmte irrlichternde, langsame, asymmetrische Basseinleitung und die dann einsetzende eigentümliche Aktivität, die geheime Unruhe der tiefen Violinen mit einer Sechsachtel-Bewegung im Gegensatz zur drängenden Rhythmusfigur des Basses im Dreiviertelpuls führen uns in eine Welt des wohligen Schauerns voll melodischer Schönheit. „Ich bin immer mit Dankbarkeit erfüllt, wenn ich das Glück habe, dieses Stück zu machen, zu hören.“, bekannte Vladar im Gespräch mit Ponath. Vladar ist überzeugt: „Selbst wenn Schubert nur diese zwei Sätze geschrieben hätte, wäre er unsterblich geworden.“ Vladar kennt „seinen“ Schubert. Er musiziert oft ganztaktig, gestaltet sängerisch-melodisch, dennoch rhythmisch akzentuiert. Trompeten und Posaunen setzen in der Durchführung klirrend schöne Sforzato-Akzente. Die Violinen präsentieren leidenschaftlich eine sich in mehreren Anläufen steigernde Sechszehntelbewegung hin zum Fortissimo.
In diesen heiligen Hallen
Für den zweiten Satz wählt Vladar ein für Andante con moto zunächst verblüffend rasches Tempo. Es überzeugt indes in seiner pianissimo-Ausgestaltung und rechtfertigt sich endgültig in der tänzerischen Dreierbewegung, wo in anderen uns bekannten Interpretationen die gesamte Streichergruppe eine eher statische Dreiachtelfigur in gleicher Betonung abschreitet. Sehr überzeugend! Besonders berührend: die Oktaveröffnung der Ersten Violinen im pianissimo. Sie bereitet die lyrische Melodik der Solo-Oboe (Johannes Brüggemann), der Solo-Klarinette (Andreas Lipp) und schließlich der Solo-Flöte (Thomas Biermann) vor.
Schon der erste Satz hatte erst wiederholt stockend und pausierend, dann langsam sich entfaltend zu einer mehrgliedrigen Periodik, erst am Satzende seinen tonalen Mittelpunkt gefunden. Und so nun auch der zweite Satz, der nach mehrmalig ausschwingenden Sechszehntelbögen nach E-Dur zurückkehrt, eine Tonart, die für Schubert, der an die Symbolkraft der Tonarten glaubte, die Tonart des feierlichen Ernstes und der Erhabenheit ist. Den Stempel des heiligen, feierlichen Ernstes trägt auch schon die Arie des Sarastro „In diesen Heil`gen Hallen“ (ebenfalls in E-Dur) von Schuberts großem Vorbild Mozart. In genau dieser Stimmung klang das Konzert aus.
1. Sinfoniekonzert Spielzeit 2026/27
Konzerte am 13. und 14. September in der Lübecker Musik- und Kongresshalle.
Besetzung:
Dirigent: Stefan Vladar | Tenor: Michael Schade | Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Programm:
Franz Schubert (1797–1828) - Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485
- Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759 “Die Unvollendete“
Rezitative und Arien:
- „Ein schlafend Kind«, Rezitativ und Arie des Adrast aus der gleichnamigen Oper D 137
- „Es erhebt sich eine Stimme“, Arie des Pedro aus dem Singspiel „Claudine von Villa Bella“ D 239
- „Wenn ich ihm nachgerungen habe“, Arie des Nathanael aus „Lazarus“ D 689
- „Was quälst du mich, o Missgeschick“, Arie des Fierrabras aus der gleichnamigen Oper D 796
Weitere Informationen (Theater Lübeck)
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