Barfuß oder High Heels? Für Lucienne Renaudin Vary ist das keine Frage: Mit bloßen Füßen spürt sie die Musik, die sie umgibt, ganz direkt. Eine erfrischende Natürlichkeit umgibt die französische Trompeterin, die mit ihren erst 27 Jahren bereits eine beeindruckende Karriere vorzuweisen hat.
Im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) erhält sie in diesem Jahr den mit 20.000 Euro dotierten Bernstein Award der Sparkassen-Finanzgruppe.
Seit einem Vierteljahrhundert zeichnet das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) herausragende junge Künstlerinnen und Künstler mit dem Leonard Bernstein Award aus. Anlässlich dieses Jubiläums verdoppelt die Sparkassen-Finanzgruppe, die den Award stiftet, das Preisgeld auf 20.000 Euro – und feiert selbst ein beachtliches Jubiläum an der Seite des SHMF. Namen wie Lang Lang, Lisa Batiashvili oder Martin Grubinger stehen für eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Im Jahr 2026 schlägt das Festival ein neues Kapitel auf und zeichnet die französische Trompeterin Lucienne Renaudin Vary aus. Schon mit 17 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Album, auf dem sie Klassik und Jazz mühelos miteinander verband. Beim Festival präsentiert sie nun ein vielseitiges Programm, das Joseph Haydns strahlendes Trompetenkonzert sowie George Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“ umfasst. Im Gespräch mit unserer Zeitung sprach sie über Auszeichnungen, barfüßige Auftritte und die Freiheit in der Musik.
Andreas Guballa (AG): Herzlichen Glückwunsch zum Bernstein Award. Sie haben bereits zahlreiche Wettbewerbe gewonnen und Preise erhalten. Welche Bedeutung haben Auszeichnungen für Sie und was macht den Bernstein Award so besonders?
Lucienne Renaudin Vary: Jede Auszeichnung ist eine große Ehre. Der Bernstein Award ist aber etwas ganz Spezielles, weil er eine enorme Bedeutung in der Musikwelt besitzt. Ich kenne diesen Preis schon lange und bewundere alle Persönlichkeiten, die ihn vor mir erhalten haben. Als ich erfahren habe, dass ich die diesjährige Preisträgerin bin, konnte ich es im ersten Moment gar nicht glauben. Solche Preise sind wichtig, um in der Klassikbranche beim Publikum, den Veranstaltern und den Plattenfirmen wahrgenommen zu werden. Für mich persönlich ist es eine sehr schöne Anerkennung für die viele harte Arbeit an meinem Instrument.
AG: Leonard Bernstein war bekannt dafür, die Grenzen zwischen Klassik und Jazz aufzulösen. Genau wie er bewegen Sie sich in beiden Welten. Wie wählen Sie Ihr Repertoire aus und wie fügt sich das Programm Ihres Preisträgerkonzerts da ein?
Lucienne Renaudin Vary: Ich habe bereits mit acht Jahren angefangen, zeitgleich Klassik und Jazz zu lernen. Das war für mich wie das Erlernen von zwei Sprachen. Ich brauche beide Welten in meinem Leben. Der Jazz schenkt mir die Freiheit der Improvisation, während ich in der Klassik die Präzision, die Dynamik und die Liebe zum Detail schätze. Wenn ich Programme zusammenstelle, folge ich schlicht meinem Herzen. Manchmal höre ich ein Stück und weiß sofort, dass ich es spielen muss, selbst wenn es ursprünglich nicht für Trompete geschrieben wurde. In solchen Fällen schreibe ich eigene Arrangements. Beim Preisträgerkonzert spielen wir das Trompetenkonzert von Joseph Haydn, das für mich zu den schönsten Werken überhaupt gehört, und Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“. Gershwins Musik verbindet Klassik und Jazz auf eine Weise, die der musikalischen Vision von Bernstein sehr nahekommt. Duke Ellington hat einmal gesagt, dass es nur zwei Arten von Musik gibt, nämlich gute und die andere. Genau daran glaube ich auch.
AG: Auf der Bühne wirken Sie sehr energetisch, bewegen sich viel und spielen oft barfuß. Ist das ein bewusster Schritt, um mit üblichen Konzertkonventionen zu brechen?
Lucienne Renaudin Vary: Nein, es geht mir überhaupt nicht darum, Regeln zu brechen oder jemanden zu schockieren. Ich wollte mich auf der Bühne einfach so wohlfühlen wie zu Hause. Eines Tages habe ich die Schuhe ausgezogen und gemerkt, wie gut mir das tut. Ohne Schuhe spüre ich die Musik viel direkter, fühle mich geerdet und ganz bei mir. Dass daraus ein Thema wurde, über das viele sprechen, war keine Absicht. Ich bin einfach ich selbst und das ist meine Art, mich wohlzufühlen.
AG: Woher nehmen Sie Ihre mitreißende Bühnenenergie?
Lucienne Renaudin Vary: Ich muss nach dieser Energie gar nicht suchen. Auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen ist das, was ich im Leben am meisten liebe. Die Energie ist einfach da und kommt ganz von selbst aus meinem Inneren, ohne dass ich besondere Rituale brauche.
AG: Sie haben mit acht Jahren Ihren ersten Trompetenunterricht erhalten und sind mit 15 Jahren am Pariser Konservatorium aufgenommen worden. Was fasziniert Sie bis heute an Ihrem Instrument?
Lucienne Renaudin Vary: Ich habe mich damals auf den ersten Blick in die Trompete verliebt. Der Klang hat mich sofort verzaubert, genau wie die Haltung des Instruments und die Möglichkeit, mit verschiedenen Dämpfern die Klangfarben zu verändern. Die Trompete ist für mich wie eine eigene Stimme, mit der ich mein Inneres ausdrücken kann. In meiner Familie spielte niemand Trompete, weshalb das Instrument für mich damals etwas völlig Exotisches an sich hatte. Es war die reine Neugier.
AG: Gibt es musikalische Vorbilder, die Sie besonders inspiriert haben?
Lucienne Renaudin Vary: Im klassischen Bereich ist Alison Balsom ein großes Vorbild für mich, weil sie die Trompetenwelt mit ihrer Virtuosität und ihrer Leidenschaft bereichert. Im Jazz liebe ich Musiker wie Chet Baker und Clifford Brown. Ich beschränke mich jedoch nicht auf die Trompete, sondern finde genauso Inspiration im Gesang, beim Cello oder bei der Violine. Ich bin da sehr aufgeschlossen.
AG: Welche musikalischen Wege möchtest du als Nächstes erkunden?
Lucienne Renaudin Vary: Ich wünsche mir sehr, dass zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten Werke speziell für mich und mein Instrument schreiben. Ich möchte Musik entstehen lassen, die meine Persönlichkeit zeigt und verschiedene Stile miteinander verschmelzen lässt, zum Beispiel ein neues Crossover Konzert für Trompete. Das ist mein nächstes großes Ziel, für das ich viel Zeit investieren möchte.
AG: Frühere Bernstein-Preisträger wie Lang Lang oder Lisa Batiashvili gehören heute zu den Weltstars der Klassik. Haben Sie ähnlich ehrgeizige Karriereziele?
Lucienne Renaudin Vary: Wer würde sich so einen Erfolg nicht wünschen? Solche Musikerinnen und Musiker sind wahnsinnig inspirierend. Ich habe jedoch keinen starren Lebensplan, sondern genieße das, was ich tue, und gehe Schritt für Schritt meinen eigenen Weg. Von großartigen Menschen im eigenen Umfeld inspiriert zu werden, gehört schließlich zu den schönsten Dingen im Leben.
Leonard Bernstein Award
Freitag, 21. August, 19.30 Uhr
Musik- und Kongresshalle Lübeck
Samstag, 22. August, 19.30 Uhr
Deutsches Haus Flensburg
Besetzung: Lucienne Renaudin Vary, Trompete | Orchester ensemble reflektor | Vimbayi Kaziboni, Dirigent
Programm:
- Joseph Haydn: Trompetenkonzert Es-Dur
- George Gershwin: Ein Amerikaner in Paris für Trompete und Orchester
- Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92
Weitere Informationen (SHMF)
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