Literatur
Buchumschlag. Persona Verlag

Ich hab keine Muttersprache, / Weil ich eine Jüdin bin. Mit diesen Worten beginnt der Gedichtband „An die Deutschen“ von Julia Gourfinkel, der 1946 in Paris unter ihrem Pseudonym Julia Renner veröffentlicht wurde.

 

Erst jetzt, achtzig Jahre später, ist das Buch bei seinem Adressaten Deutschland angekommen. Verfasst ist es in deutscher Sprache – von einer Dichterin, die keine Deutsche war, sondern 1903 in Odessa, im damaligen Gouvernement Neurussland, geboren wurde. Bisher fanden die Gedichte in Deutschland keinerlei Echo. Sie tauchen nicht einmal in Anthologien mit Shoah-Texten auf.

 

Dem persona Verlag und Herausgeber Andreas F. Kelletat ist es zu verdanken, dass der Gedichtband nun endlich in Deutschland veröffentlicht worden ist. Zugegeben, es sind keine erbaulichen, keine erfreulichen Gedichte, die wir hier lesen. Es sind sogar ziemlich harte Brocken, die uns da vor die Augen fallen, die aber gelesen werden wollen und müssen. Sie sind eine Abrechnung mit den „Mörder-Horden“, mit den Gräueltaten der Nazis also und als solche erschütternd in ihrer Wirkung. Wir spüren beim Lesen zu jeder Zeit die Wut und Verzweiflung der Autorin, die Trauer und den Schmerz über den Verlust jenes Deutschlands, das sie einst so liebte. Dessen Sprache sie immer noch liebt. So sehr liebt, dass sie nicht von ihr lassen kann. Dass ich Gedichte schreib auf Deutsch / Das ist für Euch ein Fluch. […] Es ist für mich ein Fluch, / Dass ich in dem verfluchten Deutsch / Gedichte schreiben muss. / Bin auferstanden aus dem Volk, / Das ihr erschlagen habt, Um Euch zu sagen, dass es nie / Eine Judenfrage gab. […] Ich muss zum Sterben sein bereit, / Bis der Adolf Hitler verreckt. / Bis das Volk der Welt in geschlossenen Reihn / Alle Nazis erschlagen hat, […]

 

Wer in diesem Buch formvollendete Gedichte erwartet, wird das eine oder andere Mal enttäuscht. Manchmal holpert es plötzlich inmitten des Textes, mal stimmt das Metrum nicht, ist die Wortstellung zugunsten eines Reimes schief geraten und irritiert beim Lesen. Immer aber berühren die Texte, weil sie meinen, was sie sagen und wissen, wovon sie sprechen. Vor allem sprechen sie von den Gräueltaten der Nazis. Die Gedichte berühren uns Leser auch und vor allem, weil sie – hier darf man den Ausdruck ruhig einmal benutzen – authentisch sind. Weil sie beunruhigend-aufregend sind in ihrer Direktheit und in ihrer Wahrheit verstörend. Ich bin eine rächende Judenstimm, / Die aus Eurem Mord erstehet. / Und ich spreche zu Euch in Eurem Deutsch, / Damit ihr mich gut verstehet.

 

Julia Gourfinkel wurde am 6. August 1903 in Odessa geboren. Sie stammte aus einer gebildeten jüdischen Familie. Sie und ihre ältere Schwester Nina (1900 geboren, Schriftstellerin, Übersetzerin und Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg) hatten früh Kontakt zu allen Künsten, insbesondere zur Literatur. Die Eltern luden Künstler und Akademiker in ihren Salon ein. Auch Leo Tolstoi soll zu den Gästen gehört haben. Zwei Gouvernanten, eine deutsche und eine französische, unterrichteten die beiden Mädchen. So entstand deren Liebe zu Frankreich und zur deutschen Sprache. Bereits mit zehn Jahren soll Julia Gedichte von Goethe, Schiller und Heine gelesen haben. Die beiden Mädchen sollen auch mehrere Sprachen – Russisch, Jiddisch, Französisch, Englisch, Italienisch und Deutsch – gelernt haben.

 

Odessa 1903 Fotograf unbekannt

Stadtansicht von Odessa um 1903. Deribas Straße.Im Hintergrund das Opernhaus. Fotograf unbekannt. Quelle: Romanov Empire. Gemeinfrei


Diese häusliche Idylle endete mit dem Ersten Weltkrieg. Die Familie verarmte. Das zunehmende Klima der Überwachung und Denunziation erweckte und stärkte bei den beiden jungen Frauen mehr und mehr den Wunsch nach Freiheit, entfachte die Sehnsucht nach einer Luft, in der sich freies Denken entfalten konnte. 1925 gingen die beiden nach Paris. Julia begann als Schreibkraft ihren Lebensunterhalt zu verdienen, später arbeitete sie als Journalistin und Übersetzerin. Um ihr literarisches Fortkommen in Paris zu festigen, nahm sie den Namen Juliette Pary an. Sie übersetzte nun Literatur aus dem Englischen, Russischen, Deutschen sowie aus dem Jiddischen ins Französische. Kriminalromane von Agatha Christie gehörten dazu und „Der Steppenwolf" von Hermann Hesse.

 

1933 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, „L'homme aux romans policier" (Der Mann mit den Kriminalromanen). In den Folgejahren erschienen mehrere Bücher von Juliette Pary. Sie schrieb gemeinsam mit ihrem Mann Isaac Pougatch Artikel für das Jewish Journal und arbeitete für verschiedene andere Zeitschriften wie Marianne und Vendredi. Und sie engagierte sich in der Volksfront in der Kinder- und Jugendarbeit. 1938 nahm sie als jüdische Delegierte an der internationalen Frauenkonferenz für Frieden und Demokratie in Marseille teil. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zwang das Ehepaar Paris zu verlassen. 1940 flohen sie nach Südfrankreich, 1942 in die Schweiz. Dort wurden sie gleich an der Grenze festgenommen, interniert und 1943 wieder entlassen. 1944 kehrte Juliette nach Paris zurück. Hier schrieb und veröffentlichte sie 1946 in der von ihr so geliebten Fremdsprache Deutsch ihre Gedichte „An die Deutschen“ unter dem Pseudonym Julia Renner. Nach der Gründung des Staates Israel ging Pary in den Negev. Als erste europäische Journalistin besuchte sie die Südfront im Arabisch-Israelischen Krieg von 1948. Juliette Pary starb am 1. Oktober 1950 in Vevey am Genfer See.

 

Ausweis Julia Gourfinkel

Flüchlingsausweis (1943–44). Quelle: Schweizer Bundesarchiv, Bern; Dossier Juliette Pougatch

 

Dass ihre Gedichte an die Deutschen nun endlich Deutschland erreicht haben und hier veröffentlicht worden sind, ist einem Zufall zu verdanken: Der Herausgeber, Andreas F. Kelletat war auf der Suche nach Personen, die in den 1930er-Jahren deutsche Bücher ins Französische übersetzt haben. Dabei stieß er auf den Namen Gourfinkel – und auf die deutschen Gedichte von Juliette. Der 1983 von Lisette Buchholz gegründete Persona Verlag hat das Buch nun veröffentlicht und damit seine bei der Verlagsgründung selbst gestellte Aufgabe, verschollene und vergessene Texte aus dem deutschen und österreichischen Exil 1933–1945 der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, einmal mehr erreicht. An die Deutschen ist ein wichtiges Buch auch und gerade heutzutage! Eure Sprache, Mörder-Horden,/Ist mir die liebste Sprache heut./Jede andre ist fremd geworden;/Ich lebe und dichte deutsch.

 

1944
Ich hab keine Muttersprache,
Weil ich eine Jüdin bin.
Zu verkörpern meine Gabe,
Mich der fremden Sprach bedien.
Fremde Sprach, die mir gefahren
Zaubernd plötzlich in die Haut!
Russisch und Französisch waren
Mir doch ehmals mehr vertraut.
Würde lieber dichten russisch,
Würde lieber dichten welsch.
Und muss dichten jetzt germanisch,
Weil's dem Größeren gefällt.
Dieser Ahnungs-Dichtungs-Zauber
Ist von mir der deutsche Teil,
Die romantisch blaue Blume ...
Goldne Blume, mach mich heil!
Ewig goldne Weisheitsblume!
Lebensrose licht und rot!
Kommt, gesellt Euch zu der Ahnung,
Zu der Blüte heimlich hold.
Zu der heimlich holden Blüte,
Zu dem Weiß und zu dem Blau,
Zu dem deutschen Herz-und-Schmerzen
Auf romantisch grüner Au.
Auf romantisch grüner Aue,
Die mit Judenblut getränkt ...
Deutsche Männer, deutsche Frauen,
Nie und nimmer das vergesst!


Juliette Pary: „An die Deutschen“

Gedichte
persona Verlag
Deutsche Erstausgabe
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Andreas F. Kelletat
136 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-924652-47-0

Weitere Informationen (Verlag)

 

- SWR-Beitrag:An die Deutschen“ von Juliette Pary – Wütende Stimme gegen die NS-Verbrechen
- Juliette PARY (née Julia Gourfinkel, 1903-1950). Beitrag in franz. Sprache von Samuel Boussion bei L'internationale des Républiques d'enfants (1939-1955).

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Kommentare powered by CComment


Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.