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Dirigat: Christoph Eschenbach. Foto: Marion Hinz

Wir haben schon zahlreiche bewegende Konzerte mit Daniel Barenboim erlebt. Eine weitere Steigerung dirigentischer Intensität schien uns nicht vorstellbar.

Doch genau das geschah mit Antonín Dvořáks Cellokonzert h-Moll, op. 104 mit Yo-Yo Ma und dem West-Eastern Divan Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim

 

Drei intensive und inspirierende Konzerte beim SHMF

 

Barenboim: Intensitätssteigerung durch gestische Reduktion

Eine solch beeindruckende Effizienz des Dirigierens haben wir noch nie erlebt: Es schien, als würde jede gestische Reduktion des Dirigenten als energiesteigernd vom Orchester aufgesogen. Sogar die rhythmische Gestaltung steigerte sich mit jeder gestischen Zurücknahme. Auch Legato-Bögen in außergewöhnlicher Spannkraft blühten mit jeder körperlichen Zurücknahme zusätzlich auf. Kleinste musikalische „Winke“ führten zu sinnstiftendem Ausmusizieren. Yo-Yo Ma agierte nicht als exponierter Weltstar, sondern als belebend-motivierendes zweites Ich des Dirigenten. Mit lächelndem Blickkontakt zu Dirigent und Orchester war der Cellist musikalischer Brennpunkt im harmonischen Zusammenspiel der Akteure.

 

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Foto: Marion Hinz

 

Farbintensives Spiel von Yo-Yo Ma

Yo-Yo Ma selbst begeisterte durch farbintensives Spiel und expressive Intensität seiner Tonmodifizierung. Spontanität und Risikobereitschaft in flexibler Tempogestaltung und exponiert dynamischer Zurücknahme belebten die innerlich vollendet ausbalancierte Klanggestalt. Das glanzvoll spielende Orchester folgte nuanciert leidenschaftlich in allen Instrumentengruppen. Der lebendig-warme Hörnerklang und das dialogische Zusammenspiel zwischen Solo-Cello und Solo-Violine (Michael Barenboim) bewegten. Wir glaubten, einem Gedenkkonzert an die große Cellistin Jacqueline du Pré beizuwohnen. Mit dem nicht enden wollenden Applaus schien das Publikum auch den Menschen Barenboim und sein Lebenswerk würdigen zu wollen.

 

Traditionelles aus Schweden

Am nächsten Morgen erlebten wir einen sich in jugendlichem Überschwang selbst veräußernden Hugo Ticciati mit dem New Generation Symphony Orchestra: sympathisch, innovativ, in angenehm überraschender Vielfalt.

 

Eröffnet wurde die Matinee in der Elbphilharmonie in Hamburg am Sonntag mit bereits musizierend auftretenden Streichern. Ein rhythmisch-dynamisch belebter Cluster als Ausdruck feierlicher Kulthandlung meditativen Charakters. Nach pausenlos folgender Bearbeitung eines mittelalterlichen Kultgesangs von Hildegard von Bingen führte eine kaum fassbare, amöbisch anmutende Komposition von Arvo Pärt geschickt in die Sphären zeitgenössischer Musik. Es folgten wechselnde Formationen, die den Raum belebten: Hier ein Blechbläser-Ensemble, dort die Orchestermitglieder als beachtliche Chorgemeinschaft. Ein eingeschobenes Marimba-Quartett spielte virtuos auf. Das Ganze unter dem exzellenten Dirigat von Hugo Ticciati, der auch als Sologeiger glänzte. Die folgende Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68 von Johannes Brahms untermauerte den jugendlich-schwungvollen Ausdruckswillen von Orchester und Dirigent. Ein forsch gespielter Brahms mit viel con brio und wenig sostenuto und noch weniger non troppo.

 

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Foto: Marion Hinz

 

Höhepunkt für uns und wohl auch für einen Großteil des Publikums war offensichtlich der Programmpunkt „Dalarapsodi“: Traditionelles aus Schweden in einer Fassung von David Lundbach. Hier schienen Orchester und Dirigent sich völlig zu Hause zu fühlen. In ausgelassener Spielfreude, fröhlicher Einfachheit, aber mit einer ansteckenden Prise Raffinement vorgetragen. Eine entzückende Köstlichkeit.

 

Kian Soltani mit überirdischem Cello-Klang

War Ticciati noch am Sonntagmorgen auf die Bühne gestürmt und später auch in hohem Tempo wieder abgetreten, so erreichten sowohl Barenboim als auch Eschenbach das Podium nur mit Unterstützung. Schrittweise tastend. Ein traurig bewegender Anblick.

 

Wir formulieren es nur ungern. Diese gesundheitlichen Einschränkungen scheinen der Tribut für die dann folgenden menschlichen Grenzen überschreitenden klangästhetischen Tempelbauten zu sein. Zunächst im Cellokonzert a-Moll op.129 von Robert Schumann noch ganz dominiert von einem überirdisch schönen Klang des Cellos, mit seidigem Glanz in den hohen Lagen, samtigem Doppelgriffklang in mittlerer- und wohlig knarzend in tiefer Basslage. Ein in rhythmischer Straffheit und gleichzeitig melodischer Linie meisterlich ausbalanciertes Spiel. Bei klarer Gliederung und gleichzeitig größter Freiheit in der Tempogestaltung. Die sinnstiftende Phrasierung führte zu dynamisch differenziertem Ausmusizieren.

 

Eschenbach und die „Neue Welt“

Und dann die so oft schon gehörte Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 „Aus der Neuen Welt“ von Antonín Dvořák. Mit dieser Interpretation führte uns Christoph Eschenbach mit dem Schleswig-Holstein Festival Orchester überraschend überwältigend in eine andere Welt, in eine erstrebenswerte, sanfte Welt voller Schönheit. Besonders im Largo! Auf Grundlage einer analysebasierten Klarheit setzte er jede in der Partitur geforderte Anweisung um. Beginnend bei dem in der Partitur unter dem Puls liegenden Tempo, ebenso bei dem geforderten dreifachen Piano bei gleichzeitiger Dämpfung. Begleitet von genauer Umsetzung der Tondehnungsanweisungen, von kurzzeitig starken Crescendi, genau ausgeführten Akzenten, dem Herausarbeiten von Nebenstimmen, dem liebevollen Befolgen von Pausen und Fermaten. Zu einem zutiefst menschlichen Klangereignis wird diese analytische Handwerklichkeit durch das behutsame Anhalten der Zeit vor harmonischen Übergängen und das natürlich atmende Dahinfließen im berühmten Englischhorn-Solo.

 

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Foto: Marion Hinz

 

Bewegend verstörend ist bei aller Zartheit – besonders auch in den ausgezeichnet spielenden Ersten Violinen –, dass die mehrfachen forte-Ausbrüche sich in kraftvoller Körperlichkeit präsentieren. Die Schlüsse im Largo und im Finalsatz mit ihrer Holzbläser-Luftigkeit gelingen so intonationssicher wie nie zuvor gehört. Großes Kompliment an dieses wunderbare Jugend-Welt-Orchester von Weltklasse! Und auch hier ergänzen sich analytisches Vorgehen und beseeltes Umsetzen. Den Schlussakkord im dreifachen Piano über Fermate lunga hält Eschenbach so lange aus, als wolle er die Dehnung des Weltalls mit musikalischen Mitteln hier auf Erden abbilden. Unendlichkeit in strahlendem Dur! Unendlicher Trost für ein tief berührtes Publikum.


Schleswig-Holstein Musik Festival

Die drei Konzerte fanden im Rahmen des Festivals statt (bis zum 30.08.2026).

 

K 144: Das Konzert mit dem Cellisten Yo-Yo Ma und dem West-Eastern Divan Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim fand am 15. August im Konzerthaus am Schloss in Kiel statt.

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K 145: Das Konzert mit dem New Generation Symphony Orchestra – Violine und Leitung: Hugo Ticciati – fand am 16. August im Großen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg statt.

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K 152: Das Konzert mit dem Cellisten Kian Soltani und dem Schleswig-Holstein Festival Orchestra unter der Leitung von Christoph Eschenbach fand am 17. August im Großen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg statt.

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