Bildende Kunst
Minas Avetisyan Museum in Jajur. Foto: Claus Friede

Der armenische Maler, Grafiker und Bühnenbildner Minas Avetisyan (1928–1975) gilt bis heute als einer der interessantesten Künstler des Landes im Südkaukasus.

Der Sohn eines Schmieds wurde in einer kleinen Ortschaft namens Jajur, unweit von Gyumri, der heutigen zweitgrößten Stadt des Landes, in der Provinz Shirak, geboren.

 

Avetisyan studierte von 1947 bis 1952 an der Terlemesjan-Kunstschule in Jerewan und anschließend bis 1954 am Jerewaner Theaterkunstinstitut sowie am Leningrader Repin-Institut für Malerei, Bildhauerei und Architektur, wo er 1960 seinen Abschluss machte.

 

Er ist eine der prägenden Persönlichkeiten der armenischen bildenden Kunst der 1960er Jahre. Im Laufe seines kurzen, aber fruchtbaren Schaffens hat er ein reichhaltiges und vielfältiges künstlerisches Vermächtnis hinterlassen. Obwohl sein Schaffen nur 15 Jahre umfasste, hinterließ er einen unauslöschlichen Eindruck in der Geschichte der armenischen Malerei.

 

1962 wurden seine Werke erstmals einem größeren Publikum bekannt, als sie auf der „Ausstellung der Fünf“ in Jerewan präsentiert wurden. Im Gegensatz zu den sowjetischen Vorgaben malte Avetisyan nicht im Stil des sozialistischen Realismus, sondern stand in der Tradition des Expressionismus, der Plein-Air-Malerei und der armenischen Miniaturmalerei.

 

Besucht man das kleine Museum in Jajur, das 1982 eröffnet, nach dem Erdbeben von 1988 zerstört und im Jahr 2005 in seinem heutigen Zustand wiedereröffnet wurde, findet man dort eine wunderbare Auswahl an Werken, die den Künstler und den Ort so besonders machen. Minas Sohn, der Maler Narek Avetisyan, leitet das Museum und gilt als der Experte für das Werk seines Vaters. Viele seiner Werke sind heute leider aus unterschiedlichen Gründen zerstört, beispielsweise durch einen Brand im Jahr 1972, verschollen oder an unbekannten Orten aufbewahrt.

Artikel und Reden von Minas Avetisyan bilden einen wichtigen und integralen Bestandteil seines künstlerischen Erbes und Archivs; sie wurden einst in armenischen und russischen Zeitschriften veröffentlicht.

 

Das Zusammenspiel von mal leuchtenden, mal zurückhaltenden Farben, die künstlerische Darstellung seiner unmittelbaren Heimat und deren essenzielle Ausdruckskraft sind charakteristisch für sein Schaffen. Avetisyan war ein vielseitiger und sensibler Künstler. Er schuf Kompositionen, die das ländliche Leben in Armenien, Landschaften, Porträts, den Arbeitsalltag sowie Stillleben darstellten. Außerdem schuf er zwanzig einzigartige Wandbilder.

 

Minas Avetisyan Arbeiter F Claus Friede

Arbeiter bei der Pause. Öl auf Leinwand. Minas Avetisyan Museum. Foto: Claus Friede

 

Man darf nicht den Fehler begehen, die Werke in eine zeitliche europäische kunstgeschichtliche Achse einzufügen, denn dann wären die Malstile Avetisyans mindestens eine Generation zu spät gewesen; stattdessen muss man die Möglichkeiten berücksichtigen, die in der Sowjetrepublik Armenien möglich waren, und was es bedeutete, so zu malen!

Ganz im Gegenteil, wir müssen Avetisyan hoch anrechnen, dass er es geschafft hat, sich gegen die Widerstände, sowjetischen Konventionen und Vorgaben hinwegzusetzen und die europäische Moderne mit der langen Tradition der armenischen Buchkunst und Sakralkunst zu verbinden.

 

Die Heimat, das ländliche Leben, immer eng mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen verknüpft, bilden die Hauptthemen dieser Werke. Die meisten Landschaftsbilder zeigen Szenen aus seinem Geburtsort Jajur, die Natur sowie kulturelle Denkmäler. Der Künstler, der seine Kindheit im Dorf verbrachte, war vom dortigen Alltag tief beeindruckt. Minas stellte das ländliche Leben in „Butterfass“, „Faden spinnen“, „Ländliche Szene“ und anderen Werken auf besonders poetische Weise dar.

 

Seine Frauenfiguren sind bezaubernd und geheimnisvoll. Unter ihnen sind häufig Porträts der Mutter des Künstlers Sofo oder seiner Frau Gayane zu sehen. Auch sie sind in eine zutiefst gläubige christliche Vorstellung eingebunden.

Die armenische Kunst versuchte über Jahrhunderte hinweg, ab dem Spätmittelalter, stets eine bestimmte theologische Weltsicht auszudrücken. Es ist der Glaube, der den Menschen immer in Beziehung zur Schöpfung und zu Gott setzt. Avetisyans Großvater mütterlicherseits war Priester im Kloster Kars (heute in der Türkei). Möglicherweise ist sein Einfluss auf den jungen Minas bedeutsam.

 

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Zumindest kann man im Werk von Avetisyan den Freigeist, den Willen zur Unabhängigkeit, die Vielseitigkeit, die Interessen, die Liebe zu seinem Land und zu seiner Religion deutlich spüren.

 

Die äußerst wertvollen grafischen Arbeiten von Minas Avetisyan sind organisch mit den Gemälden verbunden; auch hier sind thematische und kompositorische Gemeinsamkeiten erkennbar.

 

Avetisyan und die Bühnenmalerei

Ab den 1960er Jahren versuchte sich Minas Avetisyan in der Bühnenmalerei. Seine Bühnenbilder für die Ballette „Die Welt der Marionetten“ (Gioachino Rossini), „Boléro“ (Maurice Ravel) und „District of the Black“ (George Gershwin), die 1962 vom Ballettmeister Jewgeni Changa im Nationalen Akademischen Opern- und Balletttheater „Alexander Spendiarjan“ in Jerewan inszeniert wurden, markieren den Beginn von Minas Avetisyans Tätigkeit im Theaterbereich. Es folgten die Bühnenbilder für die Ballette „Cinderella“ (Sergej Prokofjew, 1963), „Drei Ballettgedichte“ (1965 – Alexander Spendiaryans „Drei Palmen“, Arno Babajanyans „Heroische Ballade“ und Edgar Hovhannisjans „Blaues Nocturne“) sowie „Drei Ballettlegenden“ (1966 – Grigor Hakhinyans „Sako von Lori“, „Akhtamar“ und „Willow“), „Feuerring“ (von Avet Terteryan, 1967), „Antuni“ (von Edgar Hovhannisjan, 1970–71) und die Oper „Almast“ (von Alexander Spendiaryan, Opern- und Balletttheater Nowosibirsk, 1972).

 

Die Bühnenbilder für Aram Khachatrians Ballett „Gayane“ (1974) gelten als Meisterwerk Minas Avetisyans in diesem Bereich und wurden nach einem Entwurf des Komponisten Alexander Spendiaryan (1871–1928) geschaffen. Diese Aufführung des Balletts „Gayane“ im Opern- und Balletttheater Alexander Spendiaryan war ein bedeutendes Ereignis im kulturellen Leben. Die in leuchtenden Farbkombinationen gestalteten Bühnenbilder stellten das armenische Land sowie typische Szenen des armenischen Alltagslebens dar. Auch die Kostüme zeichnen sich durch leuchtende Farben und Ornamente aus. In Armenien und auf verschiedenen Bühnen der Welt wird das Ballett „Gayane“ bis heute mit Bühnenbildern von Minas Avetisyan aufgeführt.

 

Avetisyan und die Wandbilder

Von 1970 bis 1974 schuf Minas Avetisyan vierzehn Wandgemälde in verschiedenen Gebäuden in Gyumri und Jerewan sowie in den Dörfern Vahramaberd, Marmashen und Azatan (Region Shirak). Die Wandgemälde zeigen verschiedene Ausschnitte aus der armenischen Geschichte und dem Alltag: „Am Quell“, „Die Geburt von Toros Roslin“, „Mühlstein“, „Teppichweberei“, „Am Kreuzstein“ und andere. In diesen Wandgemälden dominieren Ocker-, Scharlach- und Blautöne.

 

Das Erdbeben von 1988 beschädigte diese Gebäude und die einzigartigen Wandgemälde. Von 2009 bis 2012 wurden sie von italienischen Fachleuten restauriert und an andere Orte verlegt. Die Wandgemälde „Tag“ und „Die Geburt von Toros Roslin“ sind in restaurierter Form im Museum in Jajur zu sehen.

 

Minas Avetisyan Wandbild F Claus Friede

Wandbild. Minas Avetisyan Museum. Foto: Claus Friede

 

Die Wandgemälde „Garn spinnen“ und „Mühlstein“ befinden sich nun am Flughafen „Zvartnots“. „Am Kreuzstein“ und „Begegnung im Dorf“ sind im Konferenzsaal im 3. Stock des Regierungsgebäudes der Republik Armenien untergebracht, und „Teppichweberei“ – in Gyumri, im Saal des Gebäudes, das in der staatlichen Liste der immobilen historischen und kulturellen Denkmäler der Region Schirak aufgeführt ist.

 

Ab 2025 wurde auch das Wandgemälde „Begegnung“ im Minas-Avetisyan-Museum aufbewahrt.

 

Der Künstler schuf das Wandgemälde 1972 im Speisesaal der Elektrotechnischen Fabrik in Gyumri. Im Jahr 2010 wurde es aufgrund des sich verschlechternden Zustands des Gebäudes nach Jerewan in den Konferenzsaal des Regierungsgebäudes Nr. 1 verlegt.

In diesem Wandgemälde finden sich, wie auch in Minas’ anderen monumentalen Werken aus derselben Zeit, Themen, die Anklänge an seine grafische Kunst haben: Frauen bei der Arbeit auf dem Land, die sich an einer Quelle unterhalten oder vor einer Haustür warten. Seine Farbpalette ist reich an Ocker-, roten sogenannten Vordan-Karmir- und Blautönen – Farben, die auch in armenischen Wandmalereien des Mittelalters dominieren.

 

Avetisyan und der Film

1969 stand Avetisyan erstmals vor der Kamera. Gemeinsam mit dem georgisch-armenischen Künstler und Regisseur Sergei Paradjanov (1924–1990) drehte er den Dokumentarfilm „Die Farbe des armenischen Landes“ (Regie: Mikhail Vartanov, 1969). Im selben Jahr forderten das sowjetische Kulturministerium, Goskino und die Armenfilm-Studios, die Szenen mit Minas Avetisyan und Sergei Paradjanov zu streichen, da sie als „Persona non grata“ galten. Mikhail Vartanov (1937–2009) weigerte sich und wurde auf die Dissidentenliste gesetzt. Paradjanov wurde 1973 in Kiew inhaftiert, aber drei Monate – aufgrund von Protesten namhafter Persönlichkeiten – später wieder freigelassen.

 

In den letzten Jahren seines Lebens war Minas Avetisyan künstlerischer Leiter der Filme „Khatabala“ (gemeinsam mit dem Maler Robert Elibekyan, 1971, Regie: Yuri Yerznkyan) und „Diese grüne, rote Welt“ (1975, Regie: Yuri Yerznkyan und Ernest Martirosyan).

Mikhail Vartanovs (1937–2009) „Minas: A Requiem“ (1989) für seinen Freund Minas Avetisyan ist eine posthume Hommage an den Künstler, der zum Zeitpunkt seines Unfalltods 1975 bereits zur armenischen Ikone geworden war.

 

Nachdem Armenien Anfang der 1990er Jahre seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion erlangt hatte, wurde eine offizielle staatliche Untersuchung durchgeführt, die zu dem Schluss kam, dass Minas Avetisyan vom KGB ermordet worden sei und dass dieser große Sorgfalt darauf gelegt habe, den Vorfall als Unfall aussehen zu lassen.


Minas Avetisyan Museum

VX44+32, Jajur 2622, Armenien

Geöffnet: Di.–So. 11–17 Uhr

Weitere Informationen (Minas Avetisyan Haus-Museum)

 

Katalogempfehlung:
Minas und Narek Avetisyan – Moderne und Avantgarde in Armenien
Hrsg. Stiftung Moritzburg Halle (Saale), 176 Seiten, englische Broschur
ISBN 978-3-86105-074-2

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