Mit deutlich mehr als einhundert Arbeiten wird das Gesamtwerk des dänischen Künstlerpaares Carl-Henning Pedersen und Else Alfelt in der Lübecker Kunsthalle vorgestellt.
Alfelt (1910–1974) und Pedersen (1913–2007) zählen in ihrer Heimat zu den Großen der Kunst, sind aber hierzulande nur wenig prominent. Eine schöne Ausstellung in der Lübecker Kunsthalle kann jetzt vielleicht etwas daran ändern.
Die beiden Künstler trafen einander an der Kunstakademie in Helsingør (Den Internationale Højskole, im Katalog aber nur als „Volkshochschule“ bezeichnet). Pedersen, damals und wohl auch noch später politisch engagiert, saß der um drei älteren Alfelt Modell, und sein wohl ziemlich ähnliches Porträt von 1934 – die einzige realistische Arbeit! – ist das erste Bild der Lübecker Ausstellung. In Dänemark konzipiert, erstreckt sie sich in der Kunsthalle über nicht weniger als vier Stockwerke.
Von ihrer ersten Begegnung bis zu dem frühen Tod Alfelts waren Pedersen und Alfelt ein Paar. Seine Liebe zu Alfelt war für Pedersen, der sich zunächst als Dichter verstand, der Grund, die Laufbahn eines Künstlers einzuschlagen. Fortan widmeten die beiden jungen Künstler ihre „Künstler:innenschaft“ der Freiheit – die hat es dann ja auch in den Titel von Katalog und Ausstellung geschafft – und verstanden sich als „Autodidakt:innen“, als „enge Kolleg:innen, Kritiker:innen und Weggefährt:innen“, denn der Besuch der Akademie (wirklich eine Akademie oder doch nur eine Volkshochschule?) schien ihnen ihre Spontaneität und Kreativität einzuschränken. Später sollte ihnen mangelhafte Technik vorgeworfen werden – vieles dünkte Kritikern wie Publikum ein wenig zu grobschlächtig und zu dick aufgetragen. Und wirklich: Viele Bilder sprechen in ihrer Konzeption die Betrachter unmittelbar an, aber die Ausführung überzeugt nicht immer.
Besonders wichtig für Pedersen war der Besuch der Ausstellung „Entartete Kunst“ – die Bedeutung expressionistischer Maler für seine Kunstauffassung ist auf vielen seiner Bilder leicht zu erkennen. Im Katalog erläutert die Leiterin der Kunsthalle, Noura Dirani, dass unter dem Einfluss von „unter den von Deutschen diffamierten Künstler:innen des Expressionismus – allen voran Marc Chagall“ – Pedersen die Ausdruckskraft seiner Bildsprache noch in den dreißiger Jahren steigerte. Aber das für Chagall so typische Nachtblau – hat er es von ihm übernommen? – findet sich auch noch in den Bildern seines Alters. In der Lübecker Ausstellung bietet der chronologisch letzte Raum, der dunkle Keller, eine ganze Reihe dieser blauen Bilder. Vor allem deshalb ist die Atmosphäre dieses Raumes sehr beeindruckend! Allerdings verweist die Farbgebung gar nicht immer auf die Nacht, sondern ebenso häufig auf die See. Auch Alfelt ist hier mit einigen sehr starken Bildern vertreten.
So wichtig ihnen auch ihre (für diese Ausstellung titelgebende…) Freiheit war, so schlossen sie sich doch einer Künstlergruppe an, „Helhesten“, benannt nach dem dreibeinigen Höllenpferd der dänischen Mythologie. Das geschah nicht zuletzt unter dem Eindruck des Nationalsozialismus – Dänemark sah sich im Verlauf des 2. Weltkrieges besetzt –, dem sich beide Künstler entschieden widersetzten. Ausdruck ihrer Ablehnung war die gleichnamige, sehr kleinformatige Zeitschrift, deren einzelne Nummern in Lübeck ausgestellt sind. Nach dem Krieg gehörten Alfelt und Pedersen der „CoBrA“ an, einer Gruppe, deren Name sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer Städte zusammensetzt: Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam.
Im Katalog wird die „CoBrA“ kritisiert, weil der Anteil der Künstlerinnen – Alfelt stand nicht allein – nicht angemessen gewürdigt wurde. Wohl auch deshalb begann sie mit dieser Gruppe zu fremdeln. Pedersen dagegen war eine ihrer dominierenden Figuren und fügte sich gut ein mit seinem Hang zu fantastischen Mischwesen, die sein gesamtes Werk durchziehen, sich aber auch in den Arbeiten des Dänen Ansgar Jorn finden, der anderen dominierenden Figur dieser Gruppe. Noch in seinem Spätwerk gestaltete Pedersen derartige Hybride – im Alter allerdings besonders aus Bronze. Zu dieser Zeit war Pedersen allein, denn seine Frau war unvermutet an den Folgen eines Unfalls gestorben.

Mitglieder der Gruppen Høst und CoBrA mit einer Zeichnung von Carl-Henning Pedersen, 1948. Courtesy of Carl-Henning Pedersen & Else Alfelts Museum.
Auch wenn die beiden Künstler im Rahmen ihrer „Partner:innenschaft“ einander beeinflussten, gingen sie doch durchaus verschiedene Wege. Alfelt begann mit stark stilisierten, sehr ausdrucksstarken Gebirgsbildern (solchen, die nur aus zum Himmel stürmenden Zacken bestehen…), dann, zu Zeiten der CoBrA, wurden kräftig gefärbte Spiralen ein bevorzugtes Motiv, und in den fünfziger Jahren versuchte sie sich an hell getönten, für nicht wenige Betrachter ein wenig zu blassen Aquarellen. Schließlich arbeiteten beide an Mosaiken, die nicht ganz zufällig an Mosaike aus Ravenna erinnern – damals hielten sie sich längere Zeit in Italien auf. Sie selbst schnitten sich die Steine zu, die sie zu Bildern zusammenlegten, die nicht im Material, wohl aber an ihre früheren Arbeiten erinnern. Alfelts Lieblingsmotiv, die Bergspitzen, taucht auch hier, wie in ihren Aquarellen, auf.
Noch wichtiger als Chagall sollte für Pedersen – noch vor dem Besuch der Ausstellung „Entartete Kunst“ – die Begegnung mit dem Werk Paul Klees werden, und an dessen Bilder erinnern einige seiner Arbeiten, zunächst an den berühmten „Goldfisch“ aus der Hamburger Kunsthalle, andere mehr an den noch berühmteren „Engel“.
Es ist eine schöne, sehr empfehlenswerte Ausstellung.
Dimensionen der Freiheit. Carl Henning Pedersen und Else Alfelt
Zu sehen bis zum 25. Oktober 2026 im St. Annen-Museum, 23552 Lübeck, St. Annen-Straße 15
Geöffnet: täglich 10–17 Uhr
Weitere Informationen (St. Annen-Museum)
Es ist ein Katalog erschienen: Kosmische Dimensionen. Carl-Henning Pedersen und Else Alfelt. Herausgegeben von Maximilian Letze (Institut für Kulturaustausch, Tübingen). Printed in Denmark
Weitere Informationen Carl-Henning Pedersen und Else Alfelts Museum in Herning (Jütland)

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