Bildende Kunst
Ausstellungsansicht „Pennys“. Foto: Jens Gerber. Courtesy der Künstlerin, kaufmann repetto, Mailand/New York und Deborah Schamoni, München. Foto: Jens Gerber

Die dialogische Ausstellung von zwei recht unterschiedlichen Werken, die im Lechner Museum Ingolstadt zu erleben ist, verbindet erstmals in einer Gegenüberstellung die gemauerten Skulpturen, grafischen Wandarbeiten und farbigen „Landing Hoops“-Siebdrucke der in Berlin lebenden und an der Kunstakademie in Dresden lehrenden Judith Hopf mit den Massivstahlskulpturen und den auf Büttenpapier collagierten und in Stahlrahmen gefassten klaren Formbildern von Alf Lechner (1925–2017).

 

Kuratorischer Leiter Dominik Bais lässt die Künstler – aus zwei sehr unterschiedlichen Generationen stammend – auf den beiden Museumsstockwerken mit achtunddreißig Werken in klarer und minimalistischer Sprache miteinander kommunizieren.

 

Der untere großzügige ehemalige Werkshallenraum hat seinen industriellen Charme nicht eingebüßt, ist aber den musealen Ansprüchen und Notwendigkeiten entsprechend funktionalisiert. Wie eine Sammlung sind viele der typischen gemauerten Ziegelsteinskulpturen von Judith Hopf in der Halle verteilt und strukturieren sie auf miteinander kommunizierende Weise. Dazwischen stehen bearbeitete Autoreifen „CMYK (taz)“ (2025–2026) auf weißen Sockeln oder die größeren Formate, leicht kippend, aber balancehaltend, direkt auf dem Boden. Ausnahmslos sind alle mit einer grauen und gräulich-roten Pappmaché-Paste überzogen und erhalten dadurch eine neue Haut. Als ob sie sich im Einheitsgrau einer ausgewaschenen Zeitungslandschaft tarnen würden, die indifferent nur noch als verwertetes Restmaterial dient und keine gedruckten Nachrichten mehr verbreitet. Aus dem Rot der „taz“ ist ein getrockneter Brei geworden.

 

In der ehemaligen AUDI-Werkshalle sind auf dem ebenfalls grauen Estrichboden noch Fahrzeug- und Reifenspuren längst vergangener Tätigkeit eines Gabelstaplers oder Transporters erkennbar und setzen sich, in Bezug auf den Ort und seine Geschichte, mit den an Mobilität erinnernden Reifen fort – Spuren sind hinterlassen und kontextualisieren sich. Das Herausheben des Profanen auf einen Sockel und damit aus der ursprünglichen Welt ist zwar ein jahrhundertelanges, erprobtes Mittel in der Kunst, erhält hier jedoch sowohl eine nachvollziehbare als auch eine probate Berechtigung. Wie archäologische Fundstücke, die unsere Epoche in Zukunft charakterisieren könnten, zeigen die Objekte in ihrem Aussehen, in ihrer Geneigtheit und in ihrer Hinterlassenschaft Züge ihres assoziationsbehafteten Wesens.

Die gemauerten Kugeln, Koffer und Birnen wirken statuarisch. Für Dynamik sorgen im Raum langgezogene, niedrige Mäuerchen sowie eine Wand mit einem kreisrunden Durchbruch: „A hole and the filling of the hole“ (2010).

 

Die farbigen Nuancen der Backsteine von hellem bis dunklem Brand verleihen eine aus der Architektur bekannte, eigene Stimmung.

 

Fast alle Werke haben pragmatische oder gar keine Titel. Eine an einen zu groß geratenen Basketball erinnernde Ziegelskulptur ist einer jung verstorbenen Konzeptkünstlerin gewidmet: „Untitled (Ball in remembrance of Annette Wehrmann)“. Ob und wie sich die Künstlerinnen begegnet sein können, bleibt unklar. Die in Hamburg geborene und dort verstorbene Annette Wehrmann wurde nur 49 Jahre alt.

 

Mitten in der gemauerten Skulpturenlandschaft hängt ein zylindrischer Vorhang auf Kopfhöhe, der die Klinker-Motivik weiterführt: Im „Flying Cinema Brickstone Tent“ ist ein Beamer installiert, der das 2-minütige Video „UP!“ (2016) projiziert. In diesem Short wird Hopfs künstlerische Praxis deutlich. Sie setzt sich konsequent mit den Paradoxien und der Lächerlichkeit auseinander, die sich aus hochgesteckten Ansprüchen sowie aus dem Glauben an Technologie, Professionalität und Effizienz ergeben. Gleichzeitig werden Funken von Humor und Nachdenklichkeit versprüht.

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Beeindruckend sind die beiden Kofferwerke: „Rollkoffer“ (2029) und „Rollkoffer 2“ (2019). Deren Gewicht aus Ziegeln und Zement steht der beabsichtigten ursprünglichen Rollbewegung diametral entgegen. Die Mobilität lässt sich nur durch viel und ausdauernde Kraft halten. Das unkomplizierte Hintersichher-Rollen löst sich ebenso schlagartig auf wie die Erinnerung daran. Humorvoll bleibt: mit diesem Gepäck reisen können Gewichtheber oder Bauarbeiter!

 

Erst im ersten Obergeschoss gibt es den direkten Berührungspunkt der Werke, die Übergabe eines Staffelstabs von Lechner an Hopf und von Hopf an Lechner.

 

Judith Hopfs „Regen #6“ (2026) wird, sobald es das Wetter zulässt, auf der über 20 Meter langen Wand des gegenüber des Museums gelegenen Blockheizkraftwerks angebracht. Im Museum selbst und von Witterungseinflüssen geschützt sind ebenfalls Versionen der blauen „Regen“-Wandarbeit sowie das Werk „Lightning“ (2022) zu sehen, eine aus perforiertem Metall gefertigte, mit zitronengelbem Lack überzogene, zuckende, spitzzulaufende Metapher. Das Obergeschoss gehört nach den Wetterphänomenen von Judith Hopf nun ganz Alf Lechner.

 

Die geschmiedeten und gewalzten Stahlkörper, die ungeheuren Druck erfahren haben, werden in ihrer eleganten Inszenierung deutlich anders präsentiert als die unten gezeigten Werke der Künstlerin Judith Hopf. Auf dem räumlich anders strukturierten Stockwerk wirkt eine Atmosphäre der Kontemplation, der japanischen Minimalität und der Beruhigung der Bereiche und des Auges.

 

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Ausstellungsansicht „Pennys“; Alf Lechner. Foto: Jens Gerber

 

Die zehn Zentimeter dicken und ein Meter fünfzig großen Scheiben aus massivem Stahl sehen aus wie titelgebende „Pennys" oder Münzen. Was genau sich hinter dem Ausstellungstitel verbirgt, bleibt dem Publikum undeutlich. Der Titel wirkt etwas konstruiert und ist trotz eines Erklärungsversuchs im weiter unten zitierten Flyertext weder tiefgründig noch plausibel. Die Bezeichnung einer Münze und Währungseinheit (z.B. in Großbritannien, den USA und Kanada) zielt wohl eher auf den umgangssprachlich sehr kleinen Geldbetrag ab, den man zuweilen auch zweimal umdreht.

 

Lechners Scheiben bedienen einzig und augenscheinlich in ihrer Art des Verlusts ihrer vermeintlich ursprünglichen Prägegestalt den Titel „als wären sie unter Druck zu einer neuen Form von Wert geworden“, wie es im erwähnten Ausstellungsflyer heißt – und weiter: „Der Titel ‚Pennys‘ folgt einer Logik: Kleine Münzen im ständigen Umlauf, die den Ort wechseln und doch oft zurückbleiben.“ Sie wandern durch Hände, Taschen und Umläufe, als jene kleinste Form von Wert, die übrig bleibt, wenn das große Geld die Taschen verlassen hat. Gleichzeitig sind sie flache Körper mit Gewicht, Oberfläche und Nennwert – zwischen Umlauf und Stillstand, Stabilität und Bewegung, Ordnung und Verschiebung, Möglichkeit und Unmöglichkeit. Als hinge das Ganze auch am Kleinen.“

 

Viele der Werke von Alf Lechner ruhen in sich selbst, wirken nicht nur klar und im besten Sinne einfach, sondern sind auch in ihrer Präsentation perfekt verteilt. Nichts wirkt aufgeregt, übertrieben oder aufmerksamkeitserregend; das liegt auch an der fehlenden Farbigkeit. Erst bei naher Betrachtung werden die dunkel changierenden Nuancen der Oberflächen der Innenraumwerke deutlich. Das gilt auch für die angerosteten geometrischen Werke aus Cortenstahl.

 

Auch hier überwiegt das Statuarische der Einzelform, aber im Fluss einer gut überlegten reduzierten Präsentation. Lechner war ein Neuordner, der durch Zerlegung und Aufteilung geleitet wurde. Das Materialverhalten oszillierte zwischen Kalkül und Zufall. Und dennoch erleben die Besucher der Ausstellung besonders den strukturierten, fast analytischen Künstler, der der euklidischen Geometrie verpflichtet war.

An einigen Wänden sind einzeln oder in Reihung gehängte Graphit- und Buntstiftzeichnungen aus den 1980ern von Alf Lechner sowie eine Reihe seiner reinen, formklaren Kollagen auf Büttenpapier aus den 2010ern zu sehen.

 

Dass die Werke der beiden Künstler nicht vermischt werden, scheint ein gelungener Teil des kuratorischen Gesamtkonzepts zu sein. Es geht nicht um Einzeldialoge, sondern darum, in der jeweiligen Ansammlung, zuweilen scheinbarer Kleinteiligkeit, in einem gewichtigen Seinszustand, ein großes Ganzes zu finden und Fragen zur Existenz, zur Veränderung der Wirklichkeit, zur Gesellschaft, zu Wirtschaftskreisläufen und zu sich verändernden Erscheinungen zu formulieren und eventuell auch durch die Beziehungskraft der Werke Erkenntnis zu gewinnen.


Judith Hopf / Alf Lechner: Pennys

Zu sehen bis 11. April 2027 im Lechner Museum Ingolstadt, Esplanade 9, 85049 Ingolstadt

Geöffnet: Do–So: 10–17 Uhr

Weitere Informationen (Lechner Museum)

 

Besuchen Sie auch den Skulpturenpark Obereichstätt

Alf Lechner: Bildhauerzeichnungen

Besuch ausschließlich im Rahmen von Führungen möglich

Lechner Skulpturenpark und Papierhaus, Allee 3, 91795 Obereichstätt

Weitere Informationen (Alf Lechner Stiftung)

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