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Meinung
Klaus-Christian Köhnke. Foto: Frank-Peter Hansen

Da, meines Wissens, aus Anlass des Todes Klaus Christian Köhnkes am 24. Mai 2013 in der Kulturredaktion des Flensburger Tageblatts sich niemand dazu verstanden hat, über den gebürtigen Flensburger, dessen geistiger Höhenflug wahrhaft atemberaubend gewesen ist, etwas personen- und fachbezogenes zu Papier zu bringen, war es mir, vor allem aus Dankbarkeit, ein Bedürfnis, mit etwas Verspätung in diesem Sinne das Unterbliebene nachzuholen.


Da du jetzt im Wilden liegst,
Ganz nah am nassen Grunde.
So weiß ich doch, dass du obsiegst,
Es kommt gewiss die Stunde,
Dein Werk, es macht die Runde.

(Frank-Peter Hansen)

Ich möchte eine Geschichte erzählen. Von einem, der sich bereits als 15jähriger kopfüber in die Philosophie gestürzt hat. Der, neben und außerhalb des Gymnasiums, nachmittags bis in den tiefen Abend hinein, nichts anderes getan hat, als zu lesen. Zu Hause, in der Flensburger Stadtbücherei, in Kneipen oder auf Parkbänken, oder … Der sich alles zugetraut hat, dem vor nichts und niemandem bange war, weder intellektuell noch sonst wie. Der, ganz egal, was er tat und unternahm, die Haltung des Alles oder Nichts an den Tag legte, und dessen Leben, das leider viel zu früh zu einem Ende gekommen ist, wohl nicht allein für den gebannten Beobachter und jugendlichen Freund ein Fest und permanenter Ausnahmezustand gewesen ist. Sein Name war Klaus Christian Köhnke, und er ist, kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, am 24. Mai 2013 verstorben.

Ich will über diesen Mann von ganz außerordentlichem Format deswegen sprechen, weil er es, wie kein anderer, verstanden hat, seine Begeisterung und Leidenschaft auf andere zu übertragen. Er hat Menschen in seinem (Flensburger) Umkreis zu einer Intensität der Beschäftigung mit Dingen angestachelt, die normalerweise überhaupt nicht in das Blickfeld von Schülern geraten. Fühlte er sich zu Außerordentlichem berufen, so war es ihm das Selbstverständlichste, exakt diesen Willen zum Äußersten auch bei seinen Freunden vorauszusetzen und/oder sie auf die Spur zu setzen. Was ihm auch bei mir, von einem Tag auf den anderen sozusagen, gelungen ist. Denn die geistige Präsenz befand sich bereits bei diesem doch noch vergleichsweise jungen Menschen auf einem Niveau, das die meisten geistbegabten Zweibeiner – leider, muss gesagt werden – ihr Lebtag nicht erreichen.
Wie macht man Außenstehenden, Schülern gar, klar, was für eine Freude, ein Genuss, ein trunkenes Fest es sein kann, seinen Kopf mit Dingen zu konfrontieren, bei denen der Normalbürger nur noch Bahnhof versteht und sich kopfschüttelnd abwendet? Nicht etwa, um zu imponieren. Sich in permanentem Kräftemessen zu profilieren. Zu triumphieren, indem man in entlarvender Absicht andere blamiert, was permanente Gewaltbereitschaft unterschiedlichen Niveaus miteinschließt. Sondern ganz und gar der Sache hingegeben, ohne mit und in dieser Hingabe irgendwelche abseitigen Nebengedanken zu verbinden. Je größer das zu lösende Problem, je schwieriger die zu knackende Fragestellung ist, desto größer ist der Eifer, sich daran zu versuchen. Verzagtheit, Resignation hat hier nichts verloren! Sich des Höchsten für würdig zu achten, dies ist die Haltung, die das gesamte Leben dieses unglaublich gescheiten und geistreich-witzigen Menschen ausgemacht hat.
Ich lernte ihn in Begleitung meiner Schwester, die mit seinem besten Freund ‚zusammen’ war, kennen. An einem winterlich-verschneiten Abend in einer Flensburger Studenten- und Schülerkneipe. Porticus hieß und heißt sie, und sie existiert, ihr Interieur ist in summa noch das der Zeit von vor vierzig Jahren, heute noch. Ich war damals gerade sechzehn Jahre alt, ziemlich genau drei Jahre jünger als der junge, einmeterneunzig große Mann mit den schulterlangen blonden Haaren, einem spitteligen Bart, der wuchtigen Nase über einem sinnlich-vollen Mund und einem seinem Gesicht irgendwie eingeprägten schelmischen Grinsen – Gestalt gewordener Nachfahre eines Normannen –, das zu sagen schien, dass, egal, was auch passieren mag, nichts so niederschmetternd sein kann, dass man sich darunter zu beugen habe. Aufrecht, heiter und verwegen, so erschien er mir. Ein Freibeuter der Gedankenwelt, das war in dem Augenblick klar, als er das Wort ergriff und mit strahlender Eloquenz aus dem Stand über Dinge zu schwadronieren begann, von denen ich nicht ein Wort verstand. Und die mich trotzdem und im Nu fesselten und mit sich rissen.

Koehnke der junge SimmelEr hatte stets mehrere Bücher in den Taschen seines Mantels mit Pelzbesatz dabei. Hegels flaschengrüne Meiner-Ausgabe der Phänomenologie des Geistes war sein ständiger Wegbegleiter. Oder die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften desselben Autors. Nicht, um sich damit auf eine äußerliche Weise interessant zu machen. Wie die Bildungsphilister es zu tun belieben, wenn sie ihren Goethe, Schiller, Heine usw. usf. in ungelesenen Pseudoprachtausgaben à la Bertelsmann in ihren unwohnlichen Wohnzimmern bar jeden geistigen Aromas zur Schau stellen. Nein, diese dickleibigen Scharteken – er hatte im Übrigen schon als Schüler eine vergleichsweise umfangreiche, gut sortierte Privatbibliothek, indem er ein gut Teil seines Taschengeldes in den Kauf von Büchern investierte – waren zerlesen, fein säuberlich mit Anmerkungen versehen, oder, kurz gesagt, wirklich mit höchster geistiger Präsenz studiert worden, um sodann das Ergebnis dieser Studien in stundenlangen abendlichen Kneipenrunden bei wüstem Zechen des Gerstensaftes und kettenrauchend – der Knösel glühte, die eine Zigarette wurde an der letzten Glut der vorhergehenden entzündet – den gebannt lauschenden Mitschülern häppchenweise zu servieren. Ein selbstvergessenes Sichverlieren in höchsten geistigen Gefilden. Ganz und gar ungesund, jedenfalls für den Körper, dafür aber, und als Entschädigung, die Perspektiven des Bewusstseins ins Ungeahnte erweiternd. So hat er es gehalten, ein knappes halbes Jahrhundert lang.
Er beschenkte mich mit Büchern: Ernst Blochs dreibändige Suhrkamp-Ausgabe Das Prinzip Hoffnung gehörte genauso dazu wie Herbert Marcuses Der eindimensionale Mensch, Georg Lukács’ Geschichte und Klassenbewußtsein oder die zwei Bände Angelus Novus und Illuminationen von Walter Benjamin. Der Raubdruck des Arbeitsjournals von Bert Brecht setzte mich auf dessen Spur, so dass ich mich innerhalb weniger Wochen durch dessen sämtlichen Theaterstücke, die ich in der Flensburger Bibliothek auslieh, fraß. Ein ununterbrochener trunkener Taumel des Intellekts!

Sein Weg führte ihn, nach mit Glanz und Gloria bestandenem Abitur, für das er sich nicht allzu sehr in geistige Unkosten hatte stürzen müssen, nach Berlin. An die Freie Universität, wo er, neben dem Hauptfach Philosophie, noch alles Mögliche Andere studierte. Sogar kurz Skandinavistik, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt. – Um mich nicht in Details zu verzetteln, die Gefahr ist groß, weil ich mich schreibend in der Vergangenheit zu verlieren drohe, konzentriere ich mich auf das für seinen wissenschaftlichen Werdegang Wesentliche. Er befreundete sich mit Jürgen Rollwage, der damals gerade über seiner Habilitation brütete. Ein Kommentar zur Vorrede der Phänomenologie des Geistes war im Entstehen begriffen. Der jugendliche Himmelsstürmer wurde zum unverzichtbaren Adlatus des hochsympathisch-sensiblen Älteren, der, es war ein Jammer, dies erleben zu müssen, denn auch ich begann im Herbst 1975 mit dem Studium der Philosophie in Berlin und war vor allem Hörer seiner Seminare und Vorlesungen, bei aller geistigen Brillanz und ungeheuren Versiertheit, mit großer sprachlicher Souveränität Aristoteles’, Hegels, Marx’ oder Nicolai Hartmanns Gedankenwelt den Studenten zu erschließen, sich, seelisch zerrüttet, wie er war, im Herbst des Jahres 1977 auf grausamste Art das Leben nahm. Von diesem kenntnisreichen Forscher, der damals der wissenschaftliche Assistent Michael Landmanns war, der dann zum eigentlichen Lehrer Köhnkes werden sollte, ist lediglich ein Buch publiziert worden: Das Modalproblem und die historische Handlung mit Titel. Kein geringerer als Herbert Marcuse hat diese Arbeit über Aristoteles und Hegel schriftlich belobigt.
Köhnke jedenfalls, der damals in Berlin Tempelhof in einer finsteren Souterrainwohnung zusammen mit seiner langjährigen Freundin hauste, begann dann schon sehr bald, das Terrain für seine Doktorarbeit zu sondieren, sprich sich tage-, wochen-, monate-, jahrelang (es war schließlich annähernd ein Dezennium!) in Berliner und anderen Bibliotheken der Republik stöbernd zu verlieren. Eine ungeheure Menge Material wurde gesichtet, geordnet, zusammengestellt, Texte, die bislang Niemandem zugeordnet werden konnten wurden zweifelsfrei diesem oder jenem Verfasser vindiziert. Überhaupt entdeckte er bei seinen unentwegten Recherchetätigkeiten Aufsätze, von deren Existenz bis zu dem Zeitpunkt niemand etwas ahnte. Ich wage zu behaupten, dass Köhnke mit dem Werk, das am Ende dieser intellektuellen Odyssee stand, eine Arbeit verfasst hat, die mit ihren weitgespannten, tief eindringenden grundstürzenden Einsichten, die immer wieder auch in liebevoll angefertigten, den abstrakten Gedankengang illustrierenden Schaubildern, Tabellen und das Gesagte detailliert belegenden Statistiken vor die Anschauung des gebannt Lesenden gebracht werden das Nachschlage- und Standardwerk ganzer Philosophengenerationen bis weit in die Zukunft bleiben und ganz gewiss diesen extraordinären Stellenwert behaupten wird.

Buchumschlag neokantianismusL’ homme c’est le style. Der Stil dieser Dissertation Entstehung und Aufstieg des Neukantianismus. Die deutsche Universitätsphilosophie zwischen Idealismus und Positivismus (Frankfurt am Main 1986) ist originell, ohne manieriert zu sein. Schwebend leicht und souverän. Nicht die ansonsten an der Uni gepflegte staubtrockene, langweilig-fade Gelehrtensprache, die auf Dauer ermüdet und die Freude am Lernen verleidet. Weil, vom Gehalt des Dargebotenen abgesehen, sehr schnell der Eindruck entsteht, dass nichts daran liegt, sich mit den immer wieder gerne auch in Neologismen gekleideten geistigen Verrenkungen und abstrusen Verstiegenheiten überhaupt zu befassen. Der Lerneffekt tendiert gegen Null. Nein, nichts weniger als das! Sondern sie steht für genau das, was sie gedanklich zu vermitteln die Verantwortung trägt: freudig-intensiv erworbenes Wissen dem geistig-intellektuellen Genuss des Rezipienten zuzubereiten. Wie ein opulentes Mahl für Gourmets. Dass er nach beendeter Lektüre viel, viel mehr weiß, als zuvor. Sich wohlig gesättigt fühlt. Und, aufs Höchste angeregt, nach kurzem Verschnaufen, erneut zu schmökern beginnt.
Es existiert eine Art Vorarbeit zu diesem Mammutwerk. Im Selbstverständnis Köhnkes eine ‚kleine Magisterarbeit’, eine ‚Fingerübung’ (ein gelungener, ihm gut zu Gesichte stehender, weil typischer Scherz!), die damals an der Uni kein Muss war, um sich vorbereitend für die Erlangung des Doktorgrads zu qualifizieren. Aber da billige Leichtfertigkeit nie seine Art war, erlegte er sich selbst die Pflicht auf, auf überschaubarem Raum eine vorläufige Summa zu ziehen. Aber was für eine! Selbst hierfür hätte man ihn, wäre er damit ans Licht der akademischen Öffentlichkeit getreten, summa cum laude promoviert!

Ich komme zum Ende, indem ich noch ein Wort zu der Gesamtanlage dieses Werks eines Meisters verlieren möchte. Zuvor allerdings noch dies: Betrat man sein Arbeitszimmer mit der stetig anwachsenden Bibliothek – der ganze Raum mit seinen den hinterletzten Winkel ausfüllenden Regalen war bis unter die Decke mit zumeist antiquarisch erstandenen Büchern vollgestopft, und mittendrin befand sich der große Schreibtisch, auf dem, so kam es mir immer vor, das Oxymoron eines geordneten Chaos’ herrschte –, hätte man sich bei diesem so unglaublich anheimelndem Anblick am liebsten gleich selbst an die geistige Arbeit gemacht. Weil einen die innere Unruhe packte bei dem Gedanken, alles andere wäre fahrlässig verplemperte Lebenszeit.
Ich halte Köhnkes Arbeit für ein revolutionäres Werk, weil es nämlich, seltener Fall, bei der Vermittlung historischen Wissens auf Kritik nicht verzichten mag. Das ist ihm von einigen Rezensenten und auch in diversen Monographien immer wieder verübelt worden. Weil Köhnke aber mit guten Argumenten an u. a. Kuno Fischer, Otto Liebmann, Hermann Cohen, Wilhelm Windelband und anderen Weltanschauungsphilosophen, die sich der Sinnsuche verschrieben haben, Kritik übt, ist es fatal, wenn immer wieder, umgekehrt, von Rezensenten der Eindruck erweckt wird, auch Köhnke habe sich dem Orientierungsbedürfnis der Neukantianer anbequemt. Es kann gar keine Rede davon sein, dass er zusammen mit den in der Tradition Trendelenburgs und Benekes stehenden Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretikern des 19. Jahrhunderts für die „gesunde Mitte zwischen den verstiegenen Weltanschauungen der Romantik und des Vormärz auf der einen Seite und dem kruden (!, F.-P.H.), keiner Hoffnung (!, F.-P.H.) und Schönheit (!, F.-P.H.) Raum lassenden Materialismus auf der anderen“ Partei ergriffen hat! Oder kurz: dieser Kritikus selbst liest in Werke der Kritik Weltanschauliches und in hohem Maße Moralisches hinein und befindet sich mit dieser Haltung, die „ein erstes unüberwindliches Hindernis für wissenschaftlich – diskursives Denken bildet“ (Köhnke, S. 294), tatsächlich auf der Höhe des nicht gerade vernünftigen Zeitgeistes. Oder, um mit Hegel zu reden: Man hängt ihm die Krätze an, um ihn kratzen zu können. Zum Glück, möchte ich sagen, ist Köhnkes Werk – ich erinnere mich noch gut an sein sardonisches Grinsen und die wegwerfende Handbewegung, als in einer Besprechung seiner Dissertation von einem Kritikus behauptet worden war, es handle sich bei diesem Werk um ein Lehrbeispiel hermeneutischer Methode – eben doch, in gewisser, wohl begründeter Hinsicht, eine Kritik des eigentlich fälschlicherweise so titulierten Neukantianismus!


Ad personam Prof. Dr. Klaus-Christian Köhnke

- Homepage der Universität Leipzig
- Institut für Kulturwissenschaften der Univeresität Leipzig (News/Nachruf)
- Weitere Informationen (Wikipedia)


Ad personam Dr. Frank-Peter Hansen
Frank-Peter Hansen ist promovierter Philosoph und hat im Nebenfach Germanistik studiert. Sowohl an der FU-Berlin als auch an der Humboldt Universität hielt er Lehraufträge inne.
Darüber hinaus bot er an der Lessing-Hochschule und
in der Cajewitz-Stiftung eine Serie von Vorträgen über die Goethe-Zeit an (Goethe, Kant, Herder, Hegel, Schelling, Hölderlin, Moritz etc.).
Seit er die Belletristik (id est, ‚seriöse‘ Romane und Krimis) in mein schriftstellerisches Repertoire aufgenommen hat, liest er immer wieder einmal aus den Produkten seiner Einbildungskraft in Buchhandlungen, Bibliotheken etc. vor. Im Anschluss finden Diskussionen über Sinn, Zweck und Hintergründe des schriftstellerischen Schaffens statt.
Außerdem äußerte er sich
ausführlich in zahlreichen Publikationen zu Fragen der Logik, Mathematik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie und Physik.
Weitere Informationen
(Wikipedia)

 


Hinweis: Die Inhalte der Kolumne geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

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