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Starkes journalistisches Dokument: „Sweet Occupation“ von Lizzie Doron

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Mittwoch, den 08. August 2018 um 09:52 Uhr
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Starkes journalistisches Dokument: „Sweet Occupation“ von Lizzie Doron

„Die Tragödie des Anderen zu verstehen, ist die Voraussetzung, um einander keine weiteren Tragödien zuzufügen“.
Dieser Satz steht auf der Titelseite von „Sweet Occupation". Ein Satz, der Programm und Appell zugleich ist. Ein Jahr lang hat die Autorin von Lizzie Doron mit ehemaligen israelischen Soldaten und einstigen palästinensischen Terroristen Gespräche geführt. Mit Fünf Männern, die im Gefängnis saßen und nun als Friedenskämpfer den Kreislauf der Gewalt im Nahen Osten gewaltfrei durchbrechen wollen. Im Rahmen des Literatursommers Schleswig-Holstein präsentierte die Autorin ihr Buch im ausverkauften Lesesaal der Buchhandlung Hugendubel in Lübeck.

Mit „Sweet Occupation" blicken wir in das Innerste des israelisch-palästinensischen Konflikts. Der Deutsche Taschenbuchverlag (dtv) kündigt das Buch als Roman an, das Literaturhaus Schleswig-Holstein als Veranstalter des Literatursommers nennt es ein „journalistisches Dokument“. Wie auch immer – das wichtige Buch fand bisher weder in Israel noch in Frankreich noch in England einen Verlag. „Weil es um den Nah-Ost-Konflikt geht“, erklärte Mirjam Gläser vom Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, Kooperationspartner der Lesereihe mit Lizzie Dozon, bei der Veranstaltung in Lübeck. Bisher erschien das Buch also nur Deutschland. In Frankreich scheiterte die kurz bevorstehende Vertragsunterzeichnung nach dem Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. In England meint man: „Sie kann nicht die Version haben, die wir wollen“, berichtete Lizzie Doron.

In ihrem Buch geht es um fünf Männer in der Mitte ihres Lebens: Die verurteilten ehemaligen Terroristen Muhammad, Suleiman und Jamil aus den besetzten Gebieten sowie die Israelis Chen und Amil, die als Soldaten schließlich den Dienst an der Waffe verweigerten. Fünf Männer, die im Gefängnis saßen und, nachdem sie wieder freikamen, die „Friedenskämpfer-Bewegung“ (Combatants for Peace) gründeten. Dies, weil sie fest entschlossen waren, ihrem Leben fortan eine andere Richtung zu geben. Die Einzelschicksale dieser Männer, deren Träume, Traumata und Visionen standen im Mittelpunkt der Gespräche, die Lizzie Doron im Verlauf eines Jahres mit ihnen führte. Sie spricht aber auch von ihren eigenen Ängsten und Erlebnissen in diesem ergreifenden Buch.

Der Palästinenser Mohammed war es, der Kontakt zu Lizzie Doron aufnahm. Der ehemalige Terrorist, der eine israelischen Jeep mit Soldaten überfiel und heute zu den Friedenskämpfern gehört, wollte Lizzie Doron unbedingt für eine Dokumentation gewinnen. Und so traf die Autorin ihre Feinde und Widersacher: Palästinenser, die die Juden töten wollten, und Israelis, die sich geweigert hatten, ihr Land zu verteidigen. Ein Jahr lang hörte sie ihren Kindheitserinnerungen zu, lernte ihre Gefühle kennen, ihre Träume und Ängste. Sie erfuhr auch von dem Moment, als sie anderen das Leben nahmen. Entstanden ist ein ergreifendes Dokument über einst Radikale, die dem sinnlosen Hass eine Perspektive entgegensetzen.

Den ersten Part der Lesung in Lübeck bildete ein Auszug aus Lizzie Dorons Treffen mit dem 42jährigen Suliman, der im Alter von 15 Jahren mit einem Küchenmesser auf israelische Soldaten einstach und dafür 15 Jahre im Gefängnis saß. „Glaub mir, ich hatte nicht vor, eure Soldaten zu töten, ich wollte nur, dass sie aufhören, sich in meine Angelegenheiten zu mischen. Ich war ein Kind, ich wollte meiner Mutter beweisen, dass ich uns von der Besatzung befreien kann. Ich wollte ein Held sein“ (S. 53). An anderer Stelle sagt er: „Ihr tötet, wir töten. Es herrscht Krieg, so ist das. We are all equals.“ (S. 47)
Eine andere von Jutta Hagemann vorgetragene Textpassage handelt von Chen, der vier Jahre in der israelischen Armee diente und dann den Dienst an der Waffe verweigerte. „Es stellt sich heraus, dass Chen ein ehemaliger Nachbar war. […] und zwischen meinem Haus und dem Haus seiner Kindheit liegen nur zwei Straßen“ (S. 84). Chen, der „der einzige in der Klasse war, der kämpfen wollte, nur kämpfen […]“ (S. 87) und letztendlich zum Mitbegründer der “Combatants for Peace“ wurde.
Gegenwart und Vergangenheit spielen in dem Buch eine gleichwertige Rolle. Um das zu erreichen, arbeitete Lizzie Doron auch mit Rückblenden. Diese unterbrechen die Jetztzeit. Die Flashbacks führen zurück bis in die 50er-Jahre, die Zeit, in der Lizzie geboren wurde. Ausgelöst werden diese Flashbacks durch die aktuelle Gesprächssituation. Fettgedruckte, datierte, aktuelle Meldungen unterstreichen die Gleichzeitigkeit um ein Weiteres. Die aktuelle Zeitebene beginnt im Mai 2014 am Vorabend des Unabhängigkeitstages und endet am Vorabend dieses Gedenktages für die Gefallenen der Kriege Israels im Jahr 2016.

Sweet Occupation - Lizzie Doron - CoverDieses Buch zu lesen, ist eine Sache. Eine wichtige noch dazu. Wer allerdings Lizzie Doron live erlebt, zieht weiteren Gewinn aus „Sweet Occupation“. Wobei die Lesung auf Deutsch ohne die Autorin erfolgte: Das Vorlesen übernahm Jutta Hagemann. Eine gute Wahl: Die Sprecherin fand bei jeder Textpassage den richtigen Ton und Rhythmus. So erschloss sich den Zuhörern, die das Buch bereits gelesen hatten, eine weitere Tiefe des Romans. Das soll sagen: Sie hat ihre Sache sehr gut gemacht. Lizzie Doron selbst kam ohne Buch: „Das geht auch so“, meinte sie und wehrte freundlich ab, als hilfreiche Hände ihr ein Exemplar auf den Lesetisch legten.
Recht hatte sie. Es ging auch so. Weil die Autorin viel zu erzählen, viel zu sagen hatte. Auch wenn dies auf Englisch geschah, konnten die Zuhörer direkten Anteil nehmen an den Empfindungen der Autorin und ihrer ungewöhnlichen Gesprächspartner, die sie für das Buch interviewt hatte. Der Abend bei Hugendubel in Lübeck wurde moderiert von Karen Nölle, die zudem als Übersetzerin agierte und jeweils kurze Zusammenfassungen gab.
Lizzie Doron, geboren 1953 in Tel Aviv, studierte Linguistik, bevor sie Schriftstellerin wurde. Ihr erster Roman „Ruhige Zeiten“ wurde mit dem von Yad Vashem vergebenen Buchman Preis ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Jeannette Schocken Preis. In der Begründung der Jury heißt es: „Lizzie Doron schreibt über Menschen, die von ›dort‹ kommen, die den Holocaust überlebten und nun zu leben versuchen. In Israel. Fremd, schweigend, versehrt - und stets ihre Würde wahrend. Mit großer Behutsamkeit nähert die Autorin sich ihren Figuren und mit großem Respekt wahrt sie Distanz.“

Sie hat die Geschichte ihrer Mutter, die mit der Hilfe eines SS-Offiziers knapp dem Holocaust entkam, literarisch verarbeitet. Für ihre Auseinandersetzung mit den Folgen des Holocaust wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich in ihren Büchern vor allem mit dem israelisch-palästinensische Konflikt. 2017 erschien die Deutsche Erstausgabe von „Sweet Occupation“, aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler bei dtv in der 1. Auflage. Jetzt liegt bereits die 2. Auflage vor.

Lizzie Doron: Sweet Occupation. Journalistische Dokumenation

dtv, München 2017
71 Seiten, gebunden

ISBN 978-3-423-26150-0

Die nächsten Lesetermine mit Lizzie Doron:
Mittwoch, 8.8., 19 Uhr, Husum - Diakonisches Werk
Donnerstag, 9.8., 19.30 Uhr, Lauenburg - Künstlerhaus
Freitag, 10.8., 19 Uhr, Kiel - Alter Botanischer Garten / Literaturhaus
Die Lesereise wird in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung S-H und den jeweiligen Veranstaltern vor Ort durchgeführt.

Weitere Infos zum Literatursommer Schleswig-Holstein


Abbildungsnachweis:
Header: v.l.n.r: Karen Kolle und Lizzie Doron bei der lesung in Lübeck. Foto: Marion Hinz
Buchumschlag (c) dtv

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