Musik
Rolando Luna. Foto: Philippe Monsan

Was für eine Freude, was für ein musikalisches Ereignis für alle Jazzliebhaber und Freunde der kubanischen Musik!

Der Pianist Rolando Luna, der über ein Jahrzehnt lang den Sound des legendären „Buena Vista Social Club“ mitprägte, der die kubanische Sängerin Omara Portuondo mehr als 15 Jahre begleitete, gastierte am 29. September im Kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie mit einem mitreißenden Programmmix aus kubanischen Rhythmen, freiem Jazz und klassischen Improvisationen.

 

Die Anmoderation der Sängerin Marcia Bittencourt aus Rio de Janeiro und Gründerin der Konzertreihe „Latin Masters“ an diesem Konzertabend klang wie die Einladung in ein lateinamerikanisches Spitzenrestaurant: Es würde genussvoll werden, delikat, mit viel Lokalkolorit rhythmisch gewürzt, harmonisch serviert, versprach Marcia Bittencourt dem Publikum. So garantiert, so serviert. Nur noch viel, viel besser als erwartet. Sinnfrohe Menschen sind immer auf der Suche nach einem solchen Erlebnis, in dem Einfachheit und Ursprünglichkeit sich mit anspruchsvoller Leidenschaft verbinden und in handwerklich-technischer Perfektion mit Liebe serviert wird. Genau das geschah an diesem Abend. Der kubanische Pianist Rolando Luna servierte und absolvierte sein erstes Soloprogramm hinreißend und mitreißend!

 

Das Multiversum Jazz

Gleich in seiner ersten eigenen Komposition tischte Rolando Luna alles auf, was seinen Jazz so delikat macht: Individualität, beispielsweise in der klanglichen Illusion plötzlich auftretender Steeldrums und anderer Klangeffekte, silbrig-impressionistisch tönender, engelsgleicher Celesta-Klänge oder orchestral wirkender „Blechbläsersätze“. Avancierte Harmonik, vielstimmige Akkorde, Bitonalität, Atonalität, experimentelle Spielarten, stilistische Entgrenzung bis hin zu Free-Jazz-Passagen - und dann plötzlich auftretende Klanginseln der deutschen Nationalhymne in der Darstellung einer flatternden Fahne, dann immer klarer hervortretend und dennoch an Jimmy Hendrix verzerrte US-Hymne in Woodstock erinnernd…

 

Musikalisches Gedächtnis Schostakowitschs und Proportionsempfinden Mozarts

Die Originalkomposition „Coloreando Mariposas“ von Rolando Luna, die wir gerade gehört haben, klingt wie improvisiert, immer wieder befreit sich der Künstler vom Ausgangsmaterial, feuert brillante Skalenraketen der rechten Hand ab, befreit auch die Zuhörer durch musikalisch Unerwartetes in Rhythmik, Melodik, Harmonik und findet, geleitet von bewundernswert tiefem Proportionsempfinden, im „richtigen“ Moment zurück. Vieles ist durchaus sportiv, aber niemals zur Schau gestellt. Alles wirkt organisch, auch durch die differenzierende Dynamik sinnstiftend. Wir Zuhörer werden in diese musikalische Darstellung durch die Mimik Lunas einbezogen. Bevor er die nächste Abbiegung unternimmt, signalisiert er uns in seinem ständigen Blickkontakt sein nächstes Vorhaben. Nicht die geläufigen Finger diktieren den Ablauf, sondern offensichtlich ein aus dem Inneren gesteuerter Darstellungswille.

 

Rolando Luna F Marion Hinz

Rolando Luna im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. Foto: Marion Hinz

 

Freiheit findet Form

Ein besonders musikalischer Leckerbissen ist Bachs Präludium Nr. 15 aus dem Wohltemperierten Klavier II, das Luna in luzider Leichtigkeit präsentiert, als bringe er mit jedem Tastendruck einen Stern des Universums zum Leuchten. Funkelnder, immaterieller, heller haben wir dieses Präludium nie gehört! Dieses Juwel wird von ihm eingebettet in assoziative Improvisation, Motive aus der Etüde op. 25 von Chopin werden eingewoben, wieder verworfen und improvisierend zu Bach zurückgeführt, der bei der Wiederaufnahme noch stärker zu funkeln scheint.

 

Die Geburt eines Tones

Vor dem zweiten Teil des Konzerts weist uns Marcia Bittencourt in sympathischem Einfühlungsvermögen darauf hin, dass Rolando Luna das vorgesehene musikalische Menü gerne zugunsten spontaner Einfälle aufgibt und auch dadurch seine musikalische Freiheit verteidigt. In diesem Set werden wir daher sogar Zeuge der Geburt eines Tones und des daraus entstehenden Motivs: In feinster rhythmisch-dynamischer Abstimmung erklingt ein Ton in hoher Lage in Piano. Mit großen Geburtswonnen wird er vor unseren Ohren zur Welt gebracht, um sich zunächst halbtonschrittig, später raumgreifend ein eigenes „Klanghaus“ zu erschaffen. Dieses Raum-Motiv ist Grundlage einer dramatisch angelegten Improvisation, die einen beeindruckenden Bogen von Piano ins donnernde Mehrfach-Forte spannt, um schließlich im Piano zum Ur-Motiv zurückzukehren. Eine beeindruckende musikalische Erzählung! Im zweiten Set gibt es auf Zuruf aus dem Publikum auch Einlagen mit Spontan-Musik, z.B. das kubanische Volkslied „Guantanamera“ und „How Deep is Your Love“ von den Bee Gees – auch der Publikumsgesang, der mitklingt und schwingt, ist durchaus angenehm, von Rolando Luna anspruchsvoll geführt.

 

Lyrische Zuversicht

Beeindruckender Abschluss des Solokonzerts ist ein lyrisches, eher melancholisch-harmonisch nachdenkliches Stück, zunächst in vertrautem Ton, dann aber doch rhythmisch stark verzerrt und schließlich in eine Moll-Atmosphäre getaucht, endet das Stück in einem zuversichtlichen Dur-Staccato. Ein sehr informiertes Publikum feiert Rolando Luna bewundernd. Ein höchst lebendiger Abend in angenehmer menschlicher Atmosphäre geht zu Ende. Glücklicherweise wird die Reihe „Latin Masters“ fortgesetzt. Und das ist gut so!

 

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Rolando Luna

Rolando Luna stammt aus Havanna. Seine musikalischen Wurzeln liegen in Santiago de Cuba, dem Zentrum der traditionellen kubanischen Musik. Beide Eltern sind Kubaner, kennengelernt haben sie sich bei der Arbeit in Rumänien. Gemeinsame Feste mit Bulgaren und Rumänen mit traditioneller Musik ermöglichten Rolando, schon früh auch Zugang zu anderen Kulturen. Die Freunde seines Vaters spielten vor allem Gitarre und so kam es, dass Rolando mit zwölf Jahren Gitarrenunterricht erhielt. Doch beim Hören kubanischer Harmonien merkte er rasch, seine Leidenschaft gehört dem Klavier. Schon als Student am Konservatorium in Havanna trat er als Pianist auf: Er begleitete die kubanische Starsängerin Omara Portuondo bei ihren Auftritten im „Café Cantate“, in der Nähe des Konservatoriums gelegen. Neben kubanischen Musikern begeisterten ihn damals vor allem Michel Camilo, Herbie Hancock, Chick Corea und Keith Jarrett. Aktuelle Einflüsse gehen zurück auf Jazzlegenden wie Bill Evans, Art Tatum, Oscar Peterson, Mulgrew Miller, Fred Hersch und Emiliano Salvador. Auch jüngere Musiker wie Brad Mehldau und Danilo Pérez beeinflussen seinen heutigen Stil. Er konzertierte mit Herbie Hancock und Ibrahim Maalouf und ist Mitbegründer der Latin Jazz-Formation „El Comité“. 2007 gewann Rolando Luna den ersten Preis beim Klavierwettbewerb in Montreux. Zehn Jahre lang war er Pianist des „Buena Vista Social Club“. 2015 führte die „Adiós“-Welttournee die Band auf Einladung von Barack Obama auch ins Weiße Haus. Lunas Doppelalbum Rolando's Faces (Frühjahr 2023) wurde von Jazzmag mit einem "Choc Jazz award" ausgezeichnet. Sein Konzert-Repertoire umfasst nicht nur kubanische und Jazz-Standards, sondern auch Interpretationen klassischer Werke von Komponisten wie Chopin, Bach, Scriabin, Liadov und Debussy.


Rolando Luna – Klavierzauber aus Kuba

Das Konzert fand am 29. September 2025 in der Elbphilharmonie in Hamburg statt.
Veranstalter: brasilida.de

- Weitere Informationen (Elbphilharmonie)

- Weitere Informationen (Rolando Luna, fr.)

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