Kultur, Geschichte & Management

Der Schmerz nicht dazu zu gehören, ist untergründig das Leitmotiv dieser Biographie des jüdische Ehepaares Emma und Henry Budge. Ihre Geschichte spiegelt Konflikte und Verwerfungen der jahrhundertealten deutsch-jüdischen Beziehung.

In New York wurde das kinderlose Paar reich, in ihren Heimatstädten Hamburg und Frankfurt machten sich beide als großzügige Stifter und Mäzene einen Namen.

Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 in Deutschland begann die Zerstörung ihres Lebenswerks: das Vermögen wurde geraubt, die Familie verfolgt und aus Deutschland vertrieben, ihr Beitrag zu Kunst, Wissenschaft und Wohltätigkeit fast vergessen. Die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung hat jetzt im Wallstein Verlag in der Reihe „Mäzene der Wissenschaft“ ihre Biographie herausgegeben. Autorin ist die Kunsthistorikerin Karen Michels.

 

Karen Michels Budge COVERKeine Briefe, keine Tagebuchaufzeichnungen: Karen Michels musste auf die wenigen schriftlichen Erinnerungen einiger Freunde, Bekannte und Familienmitglieder zurückgreifen, um ein lebendiges Bild von Emma und Henry Budge zu zeichnen. Es ist ihr sehr gut gelungen, indem sie kenntnisreich, anschaulich und einfühlsam das Umfeld und Wirken der beiden beschreibt. Einen zentralen Teil nimmt dabei das Budge-Palais ein, die Villa des Paares am westlichen Alsterufer von Hamburg, der Geburtsstadt von Emma. Heute ist die Villa Sitz der Hochschule für Musik und Theater. Die erhalten gebliebene Pracht ist auf den Farbfotos im Bildteil des Buches zu sehen: z.B. das repräsentative Präsidentenzimmer mit Parkett und holzvertäfelten Wänden, der elegante Eingangsbereich mit Säulen, Marmorfußboden und kunstvoll gestalteten schmiedeeisernen Gittern, dazu viele Details wie verzierte Tür- und Fenstergriffe, Marmor-Intarsien und Stuckelemente.

 

Als die Budges die Villa 1903 kauften, hatte sie „nur“ 30 Zimmer. Emma beauftragte ihren Erbauer, den Architekten Martin Haller, sie auf 50 zu erweitern und u.a. einen Festsaal anzufügen, den sogenannten Spiegelsaal. Zusammen mit dem aufwendig gestalteten Garten entstand ein schlossähnliches Anwesen in Anlehnung an die französische Renaissance - ein Stil, der damals eine weltoffene, kosmopolitische Einstellung repräsentierte. Ausgestattet war diese großbürgerliche Villa mit den technischen Annehmlichkeiten der modernen Zeit, was z.B. die unzähligen Badezimmer bezeugten, weshalb man das Budge-Palais damals auch „Badeanstalt“ nannte.

 

Davor hatte das Paar fast 25 Jahre in New York gelebt, in einer luxuriösen Wohnung am Central Park. Henry hatte sein Vermögen mit der Finanzierung von Eisenbahnprojekten erworben, er war Teilhaber des jüdischen Bankhauses Hallgarten & Co. Als sie nach Europa zurückkehrten, war Henry bereits 63 Jahre alt und löste sein Versprechen ein, sich nun vor allem seiner zwölf Jahre jüngeren Frau zu widmen. Was u.a. bedeutete, den Aufbau ihrer Kunstgewerbe-Sammlung zu finanzieren. Exzellent beraten vom Direktor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe Max Sauerlandt, erwarb Emma Budge über Jahre eine erlesene Sammlung von Möbeln, Gobelins, Tapisserien und vor allem Porzellan, die sämtliche Stil-Epochen umfasste. Im Budge-Palais fand sie genügend Platz. Denn hier konnten nicht nur besondere Einzelstücke präsentiert, sondern ganze Räume im Stil einer Epoche gestaltet und nacherlebt werden. Geplant war, das Budge-Palais mit der Sammlung nach Emmas Tod der Stadt Hamburg als Museum zu vermachen. Aber es kam anders.

 

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Henry Budge mäzenatisches Engagement betraf vor allem Bildung und Wohlfahrt. So förderte er die Gründung der Hamburger Universität, stiftete jedoch 1912 eine ungleich höhere Summe für die Universität in seiner Heimatstadt Frankfurt. Um dort nicht nur im Kuratorium sondern ebenso im Großen Rat der Universität Mitglied zu werden, spendete er 1923 noch einmal einen hohen Betrag. Seine Motive waren Patriotismus, der Wunsch nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Er glaubte, eine gesellschaftliche Plattform gefunden zu haben, wo jüdische und christliche Deutsche ein gemeinsames Ziel verfolgten – wie z.B. die Förderung von Kunst und Wissenschaft – und die unterschiedliche Herkunft irrelevant war. Das beweist auch die Zweckbestimmung der wohltätigen Henry- und Emma Budge Stiftung, die Henry 1920 zu seinem 80. Geburtstag in Frankfurt einrichtete. Sie war zu gleichen Teilen für bedürftige Juden und Christen gedacht. Kurz nach Henrys Tod im Oktober 1928 baute die Stiftung ein modernes Altenheim ganz im Sinne des Neuen Bauens – Architekten waren Erika Habermann, Ferdinand Kramer, Werner Max Moser und Mart Stam –, und damit in einem Stil, der in seiner Schlichtheit im extremen Kontrast zu dem höfischen Wohnsitz stand, mit dem sich Emma am Hamburger Alsterufer versuchte, ein Denkmal zu setzen.

 

Ab 1933 wurden die jüdischen Bewohner des Frankfurter Altenheims Schritt für Schritt vertrieben, der Name des Stifters getilgt, das Vermögen der Stiftung eingezogen. Ein Teil landete auf dem Sperrkonto der Gestapo-Institution „Reichsvereinigung“ und diente damit der Finanzierung von Deportationen.

 

Emma Budge überlebte ihren Mann um neun Jahre und starb im Februar 1937. Sie und Henry waren seit 1882 amerikanische Staatsbürger, daher fühlte sich Emma ab 1933 persönlich einigermaßen sicher. Doch ihr Plan, aus Palais und Sammlung ein großes Museum für Hamburg entstehen zu lassen, war zerstört. Emma unterstützte ihre verfolgte deutsch-jüdische Familie und Freunde. Drei Mal änderte sie ihr Testament mit der Absicht, ihr Vermögen vor dem Zugriff des deutschen NS-Staats zu schützen und es jüdischen Einrichtungen und ihrer Familie zugute kommen zu lassen. Nach ihrem Tod versuchten ihre Testamentsvollstrecker ihre Wünsche zu erfüllen – letztlich vergebens. Das Budge-Palais samt Grundbesitzt kaufte die Stadt Hamburg zu einem geringen Preis und richtete dort die Reichstatthalterei ein. Emmas exquisite Sammlung wurde 1937 in Berlin auf einer spektakulären Auktion versteigert. Das erlöste Geld sollte Emmas Verwandten bei der Emigration helfen. Doch dem deutschen Staat gelang es durch eine üble Mischung ständig wechselnder Rechtsverordnungen, Willkür, Erpressung und mit Hilfe des Doppelspiels von Emmas ehemaligem Steuerberater, das Vermögen an sich zu reißen. Die Familie ging fast leer aus. Viele konnten immerhin emigrieren. Emmas Nichte Ella Henriette Mayer wurde 1943 im KZ Theresienstadt ermordet.

 

In Frankfurt konnte die ehemalige Henry und Emma Budge Stiftung ihre Rechte und Vermögenstitel 1956 zurückerhalten und ein neues Altenheim bauen. Das alte war im Krieg stark beschädigt worden. In Hamburg dagegen schrieb 1952 ein so genanntes Wiedergutmachungsverfahren den Vermögensverlust fest – ohne das Wissen der Erben in den USA und wieder mit Hilfe des zwielichtigen Steuerberaters. Im Anhang des Buches hat Karen Michels den sehr anschaulichen und bewegenden Text von Henry Budges Urgroßneffen Peter Kahn angefügt. Er kam 1987 nach Hamburg, um den Verbleib des Familienvermögens aufzuklären, was ihm nur zum Teil gelang. Erst im Jahre 2011 einigte sich die Stadt Hamburg mit den Erben auf eine Entschädigung. Verschiedene deutsche Museen haben mittlerweile einige auf der Auktion von 1937 ersteigerte Einzelstücke an die Familie zurückerstattet, so auch das Museum für Kunst und Gewerbe, das heute den ehemaligen Spiegelsaal des Budge-Palais beherbergt. Als Zeichen der Verbundenheit zeigte Direktor Wilhelm Hornborstel dort 2001eine Ausstellung des Malers Wolf Kahn, ein Bruder von Peter Kahn.

 

Emma und Henry Budge kehrten 1903 aus New York nach Deutschland zurück in der Hoffnung, dass ihre jüdische Herkunft hier keine Rolle mehr spielt, weil Juden zu Deutschland gehören, was sie mit ihrem mäzenatischen Engagement auch bewiesen. Leider erwies sich ihre Hoffnung als Illusion.


Karen Michels: Emma und Henry Budge. Oder wie Hamburg einmal ein Porzellan-Palais entging

Wallstein Verlag

Reihe: Mäzene für Wissenschaft, Neue Folge; Bd. 3
160 S., 56, z.T. farb. Abb., geb., Schutzumschlag
ISBN 978-3-8353-3878-4 (2021)

 

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