Fotografie

Für die Hamburger Gesellschaft der Nachkriegszeit wird sie schlicht die „Frau Direktor“ gewesen sein. Wer konnte auch ahnen, dass Hildegard Heise (1897-1979) eine hochbegabte Fotografin war?

Sie fotografierte ja nur noch privat, nachdem ihr Mann die Leitung der Hamburger Kunsthalle übernommen hatte. Mit rund 160 Arbeiten gibt das Museum für Kunst und Gewerbe nun erstmals Einblicke in das fotografische Werk der Lübeckerin.

 

Es scheint die Zeit der Wiederentdeckungen sein – vor allem von Künstlerinnen der 1920er und 1930er Jahre. Eine Epoche voller Aufbruchsstimmung, die viele Frauen ermutigte, ihren Begabungen und Neigungen zu folgen und künstlerisch tätig zu werden. Die gelernte Kindergärtnerin und Säuglingsschwester Hildegard Heise war eine von ihnen.

 

Über den Hamburger Kunsthistoriker Carl Georg Heise (1890-1979), der 1921 nach Lübeck kam, um das „Behnsche Haus“ als Museum Klassischer Moderne zu etablieren (und den sie 1922 heiratete), kam die junge Frau in ein überaus inspirierendes künstlerisches Umfeld. Sie lernte den Expressionismus und die Neue Sachlichkeit kennen, Künstler wie Oskar Kokoschka, Karl Schmidt-Rottluff, später auch Anita Rée und Alfred Mahlau, die zu Freunden wurden.

 

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Als sie 1928 Albert Renger-Patzsch begegnet, wird sie seine Assistentin, begleitet ihn auf Reisen nach Holland und ins Elsass, setzt dann ihre Ausbildung 1929 in der Burg Giebichenstein und in Wien fort. Schon ein Jahr später stellt sie mit fotografischen Avantgardisten wie Andreas Feininger, Max Burchartz, Hein Gorny und Anneliese Kretschmer auf einer internationalen Fotoausstellung in München aus, es folgen Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland, u.a. im Hamburger Kunstverein (1932) und am Mills College Kalifornien (1936). Gleichzeitig veröffentlicht sie ihre Bilder in verschiedenen Magazinen und über namhafte Bildagenturen.

 

Als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit fokussiert sich Hildegard Heise auf ungewöhnliche Perspektiven und klare, grafische Strukturen, die für das „Neue Sehen“ nach dem ersten Weltkrieg so typisch sind. Egal, ob Porträts von Kindern und Künstlerfreunden; ob (Stadt)-Landschaften, wie die Lübecker Rathaustürme, Objektfotos, wie der Decke der Weberin Alen Müller-Hellwig oder die besonders eindrucksvollen Reisefotos aus der Karibik – immer zeichnen sich ihre Bilder durch eine auffallend formale Strenge aus, die ihr selbst ins Gesicht geschrieben scheint: Auf einem Selbstporträt aus den 30er-Jahren präsentiert sich Hildegard Heise – mit akkurat gescheitelten, eng anliegenden Haaren und markantem Kinn – als klassische, fast männlich-herbe Schönheit.  

 

Nationalsozialismus, die Verfemung der Klassischen Moderne als „entartet“, das Berufsverbot für Ihren Mann, der Zweite Weltkrieg und schließlich die Berufung ihres Mannes als erstem Nachkriegsdirektor an die Kunsthalle Hamburg waren extreme Zäsuren, liefern aber keine Begründung, warum Hildegard Heise nach 1945 ihre berufliche und künstlerische Karriere schlagartig aufgab. In jedem Fall aber hatten es Frauen nach 1945 in der Kunstwelt schwer. „Es folgte nach 1945 eine systematische Ausblendung von Künstlerinnen“, schreibt Esther Ruelfs, Kuratorin der Ausstellung. Deshalb sei auch Heises fotografischer Nachlass von 3000 Fotografien und 2500 Negativen, der seit 1982 im MKG verwahrt wird, in Vergessenheit geraten und weitgehend unerforscht geblieben.

Das wird sich mit dieser Ausstellung sicherlich ändern.


„Hildegard Heise: Fotografien“

Zu sehen bis 20. März 2022,

im Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, Hamburg

göffnet Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr.

Alle Infos unter www.mkg-hamburg.de  

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