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Hamburger Architektur Sommer 2019

Fotografie
100 Jahre Leica Fotografie - Ilse Bing

Sie war „das Handy des 19. Jahrhunderts“.
Ein kleiner Apparat, den man in die Handtasche stecken konnte und bei Bedarf zücken, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Längst hat die Leica, die erste Kleinbildkamera der Welt, Kultstatus erlangt. Zu ihrem 100. Geburtstag haben die Hamburger Deichtorhallen dem legendären Marke und ihren Fotografen eine Ausstellung ausgerichtet, die man fraglos als „Jahrhundertausstellung bezeichnen kann – und das nicht nur wegen der Unmengen an Aufnahmen (rund 560 an der Zahl). Also: „Augen auf!“, es lohnt sich.

Wer kennt es nicht, das Pressefoto des Jahres 1972: Ein nacktes Mädchen flieht nach einem Napalm-Angriff schreiend aus seinem Dorf. Das erschütternde Bild ist längst eine Medienikone und machte den vietnamesischen Fotografen Nick Ut schlagartig international berühmt. Aber nicht nur das: Nachdem das Foto um die Welt ging, verschärfte sich die Kritik an dem Einsatz der USA in Südostasien so stark, dass Richard Nixon gezwungen war, die Truppen abzuziehen und 1973 einen Waffenstillstand mit Nordvietnam zu schließen.
Natürlich war es nicht nur diese eine Aufnahme, die den fast 20-jährigen Krieg zwischen Nord- und Südvietnam beendete, doch sie stand und steht noch heute für die Macht der Bilder, die die Welt verändern können.

Ohne die 1914 von Oskar Barnack entwickelte Kleinbild-Leitz-Camera, kurz Leica, hätte Nick Ut diesen unwiederbringlichen Augenblick mitten im grausamen Kriegsgeschehen nie einfangen können. Fotografieren war zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Schlepperei schwerer Plattenkameras und ihrem langwierigem Aufbau auf Stativen verbunden. Barnacks Erfindung, die (verzögert durch den Ersten Weltkrieg) erst 1925 auf den Markt kam, revolutionierte die Technik ebenso bahnbrechend, wie Computer und Internet in den 1990er Jahren unsere Kommunikation. Die Leica machte den modernen Fotojournalisten und Kriegsreporter, wie wir ihn heute kennen, erst möglich. Ihr emanzipatorischer Aspekt ist dabei nicht zu unterschätzen: Für Frauen war die nur 400 Gramm schwere Kamera ebensoleicht zu handhaben wie für Männer.

Die Deichtorhallen versammeln nun Aufnahmen all jener berühmter Fotografen, die mit der Leica Geschichte geschrieben haben – von Henri Cartier-Bresson über Robert Capa und Ilse Bing, Elliott Erwitt und Sebastiao Salgado, bis zu René Burri, Barbara Klemm und Robert Lebeck.

Und schon beim ersten Blick auf diese Ausnahmeschau, aus der man „wie besoffen wieder heraustorkelt“, so der begeisterte Deichtorhallen-Chef Dirk Luckow, wird klar, wie nachhaltig die Leica unsere Sichtweise veränderte: Bauhaus-Meister und Kunstfotograf Laszo Moholy Nagy war einer der allerersten Leica-Käufer. Somit prägte dieser kleine, unscheinbare Apparat, den man einfach in die Manteltasche stecken konnte, auch die Bauhaus-Fotografie ganz entscheidend. „Die Dynamik und Beweglichkeit, die dieser Apparat möglich machte, entsprach einfach dem Lebensgefühl des 20. Jahrhunderts“, sagt der Münchner Kurator Hans-Michael Koetzle, der 1996-2007 das Leica-Magazin leitete und in den Deichtorhallen 2011 bereits die opulente Schau „Eyes on Paris“ einrichtete.

Halbe Köpfe in harten Anschnitten, Stürzende Linien, Menschen, die einem förmlich in die Kamera springen, Überkopfaufnahmen auf Türme und Masten, Blicke auf die eigenen Fußspitzen und darüber hinaus in schwindelerregende Tiefe – all das wär ohne Barnacks Erfindung nie möglich gewesen. Ganz zu schweigen von den zufälligen Schnappschüssen, wie Thomas Hoepkers grimmige „Lady mit U.S. Flage auf der Fourth-of-July-Parade in San Francisco“, die zu den einprägsamen Porträts dieser Schau gehören. „Fotos macht man mit den Füßen“, sagte Hoepker einmal. „Rumlaufen, gucken, jagen. Auf den Moment warten, den es eigentlich gar nicht gibt. In dem sich das Bild zu einer perfekten Komposition fügt und eine Geschichte erzählt“. Für den international renommierten ehemaligen „Stern“-Fotografen und jahrelangen Magnum-Präsidenten, hat Fotografie etwas „mit Instinkt zu tun“ – und „mit Wirklichkeit. Ich will ein Scheibchen von der Wirklichkeit zeigen“. Sein wohl berühmtestes Foto entstand am 11. September 2001 im Vorbeifahren und aus großer Distanz: Im Hintergrund sieht man eine riesige Rauchwolke der eingestürzten Türme über Manhattan und im Vordergrund eine Gruppe von fünf jungen Leuten am Brooklyn-Ufer des East River, die sich gut gelaunt unterhalten und die Mittagssonne genießen.
Den unwiederholbaren Moment einzufangen, die Wirklichkeit abzubilden, so grausam sie auch mitunter auch ist – genau auf diesem Gebiet war die Leica bis weit nach dem Zweiten Weltkrieges unschlagbar. Für ihre Fans ist sie es bis heute, ungeachtet des enorm hohen Preises, der diese Marke stets auch zum Prestige- und Luxusobjekt erhebt.

Keine Frage: „Leica ist ein Glaubensbekenntnis“ (Koetzle) – und „Augen auf!“ ist keine Schau, die man mal eben im Vorbeigehen mitnehmen kann. Für diese Ausstellung sollte man sich Zeit nehmen, sich treiben lassen, sich in die vielen, vielen zumeist klein- und mittelformatigen Aufnahmen hineinziehen lassen. Es ist so unglaublich viel zu sehen: Rund 180 Fotografen aus aller Welt sind hier mit großartigen Arbeiten vertreten; in einem eigenen Kabinett dokumentieren die ersten Leicas samt Original-Entwurfszeichnungen die Entwicklungsgeschichte, doch vor allem bietet diese Schau einen Gang durch das vergangene Jahrhundert.

Als Henri Cartier-Bresson, der „Gottvater der Fotografie“ (Thomas Hoepker) einmal gefragt wurde, was er über die Leica, „die Verlängerung“ seines Auges, wie er stets betonte, wohl denke, antwortete er, „dass sie ein dicker, warmer Kuss sein kann, dass sie auch ein Schuss aus einem Revolver sein kann - oder die Couch eines Psychoanalytikers“. Dem ist nichts hinzuzufügen.


„Augen Auf! 100 Jahre Leica Fotografie“ , bis 11.1.2015 in den Deichtorhallen Hamburg – Haus der Photographie, Deichtorstraße 1-2, in 20095 Hamburg.
Geöffnet: Di-So 11-18 Uhr, Eintritt 9 €, ermäßigt 6 €.
Das in jeder Hinsicht schwergewichtige Begleitbuch erschien bei Kehrer und kostet 98 Euro.


Abbildungsnachweis:
Header: Ilse Bing: Selbstporträt in Spiegeln, 1931 © Leica Camera AG
Galerie:
01. Ur-Leica von 1914 © Leica Camera AG
02. Oskar Barnack: Wetzlar Eisenmarkt, 1913 © Leica Camera AG
03. Ernst Leitz: New York II, 1914 © Leica Camera AG
04. Heinrich Heidersberger: Laederstraede, Kopenhagen 1935 © Institut Heidersberger, www.heidersberger.de.
05. Alfred Eisenstaedt: VJ Day, Times Square, NY, 14. August 1945 © Alfred Eisenstaedt, 2014
06. F.C. Gundlach, Modereportage für Nino, Hamburger Hafen 1958 © F.C. Gundlach
07. Hans Silvester: Stahlgerüstmontage, ca. Ende der 1950er Jahre. Silbergelatine, Vintage Print. © Hans Silvester / Leica AG
08. Robert Lebeck: Der gestohlene Degen, Belgisch Kongo, Leopoldville, 1960 © Robert Lebeck/ Leica Camera AG
09. Ulrich Mack: Wildpferde in Kenia, 1964 © Ulrich Mack, Hamburg / Leica Camera AG
10. Fred Herzog: Man with Bandage, 1968. Courtesy of Equinox Gallery, Vancouver © Fred Herzog, 2014
11. Nick Út: The Associated Press, Napalm-Angriff in Vietnam, 1972 © Nick Út/AP/ Leica Camera AG
12. Wilfried Bauer, Aus der Serie »Hongkong«, 1985, ursprünglich erschienen im FAZ-Magazin # 307 vom 17.01.1986 © Nachlass Wilfried Bauer/Stiftung F.C. Gundlach
13. Jeff Mermelstein: Sidewalk, 1995 © Jeff Mermelstein
14. Julia Baier, aus der Serie »Geschwebe«, 2014. © Julia Baier
15. Leica Anzeigenmotiv von Ludwig Hohlwein, 1926 (erschienen in »Die Reklame«, Berlin 1926). © Leica Camera AG.

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