In Lübeck hat eine Galerie neu eröffnet: geleitet von der promovierten Kunstphilosophin Azalia Shahnazari und vom Galeristen Michael Frautz getragen. Das Programm fokussiert aktuelle internationale Kunst.
Unter dem Titel „What Is Expected Is Not There“ (dt.: Was man erwartet, ist nicht da) stellt die Galerie seit dem 21. Februar bis zur Finissage am 17. April die Arbeiten dreier Künstler aus.
Im oberen Stockwerk werden die düsteren Videoarbeiten des spanischen Digital-Creators Morpho und des aus Teheran stammenden Künstlers Erfan Ashourioun gezeigt; die Erklärungen sind ausnahmslos auf Englisch. Im unteren sowie im oberen Stockwerk, in ihrer Mehrheit großformatige Gemälde von Hernández. So verschieden die Techniken und Materialien sein mögen – insbesondere Ashourioun und Hernández teilen sich eine pessimistische Weltsicht.
Wichtigster Künstler dieser zweiten Ausstellung der Galerie, deren Finissage am 11. April begangen wird, ist der kubanische, in Lübeck lebende Maler Yorjander Capetillo Hernández, dessen großformatige Arbeiten den Eingangsbereich bestimmen. Viele der eindrucksvollen, ausnahmslos figurativen Gemälde erzählen Geschichten von Gewalt, und von Gewalt erzählt er selbst auch in einem sehr langen Monolog auf Englisch, den man sich auf YouTube unter dem verwirrenden Titel „Marmalade mind“ ansehen kann. Er spricht darüber, dass es auf die Verteidigung ankomme („to defend yourself with the hands“), über die Bedeutung von Furcht („fear is a reason to fight“) und über die Gleichschaltung durch den Kommunismus. Und natürlich darüber, wie er zur Malerei gekommen ist. Im zweiten Teil des Videos stellt er einige seiner Bilder vor.
Auffällig ist neben den sehr großen Formaten zunächst der in fast allen seinen Arbeiten vorherrschende braune Farbton, der ein wenig an Rembrandt erinnert – auch in dessen Gemälden findet sich dieser Ton. Hernández findet es selbst etwas unbescheiden, wenn er davon spricht, dass sich Meisterschaft daran zeige, dass ein Künstler weiß, wann er aufzuhören hat, wann das Bild also fertig ist, aber es ist tatsächlich so, dass keines seiner Bilder extrem ausgearbeitet wirkt: keine scharfen Linien, nicht zu viele Details und endlich nicht nur gelegentlich verwischte Pinselstriche. Er verlässt sich auf den Ausdruck als Resultat einer angedeuteten Bewegung.

Yorjander Capetillo Hernández: „The Innocent“, 2015. Acryl auf Leinwand, 89 × 132 cm. Courtesy: Frautz Contemporary
Wirkliche Meisterschaft – mir scheint es mehr als bloßes Talent – zeigt sich in den Gesten der immer lebendigen und sehr individuellen Figuren und in ihren Positionen. Das Zeichnerische ist die ganz starke Seite dieses Künstlers, sodass besonders diejenigen seiner Bilder überzeugen, die eine Fülle von Figuren darstellen – wir können auf ihnen umherschauen und, obwohl er nicht allzu minutiös malt, eine Reihe ausdrucksstarker Details und einprägsamer Konstellationen entdecken. Immer wieder gelingt es ihm, echte Individuen darzustellen. Seine Figuren stellen keine Schablonen dar; Schablonen verwendet er nur gelegentlich bei Schriftzügen, die sich mehrfach auf seinen Bildern finden (meist sind es spanische Wörter).
Ein anderer starker Aspekt seiner Kunst ist das Kompositorische. Viele dieser Gemälde sind klug aufgebaut – das gilt für die (gelegentlich symbolische) Aufstellung der Figuren, aber auch für die freien Räume, denn auch diese wollen erst einmal gesetzt sein, wenn sie das Bild strukturieren sollen.
Morphos Videos sind sehr technisch und wirken ein wenig wie von 3D-Konstruktionszeichnungen inspiriert. Und dann Ashourioun, dessen Visionen wie Beispiele wahrer Alpträume daherkommen. So empfinde zumindest ich selbst die „The Last Letter to Mother“ überschriebene Vision, die uns mit den in einem gnädigen Halbdunkel eingehüllten Geschichten konfrontiert. Sind es sich windende Schlangen oder doch nur krabbelnde Spinnen? Vielleicht ein Mischwesen wie von Hieronymus Bosch? Oder sind es gelenkige Tänzer, die auf dem Boden tanzen? Mancher (noch mehr manche…) wird sich schütteln.
„What Is Expected Is Not There“
Zu sehen bis 17. April 2026 mit einer Finissage bei Frautz Contemporary, Große Burgstraße 7, 23562 Lübeck
Mit Werken von Yorjander Capetillo Hernández, Morpho und Erfan Ashourioun
Weitere Informationen (Galerie)
YouTube-Video:
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Inside the Exhibition: What Is Expected Is Not There (2:55 Min.)

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