Bildende Kunst
Ausstellungsansicht. Foto: Claus Friede

Im Stadtmuseum der oberbayerischen Stadt Weilheim stellt der portugiesische Künstler Paulo de Brito ein Gesamtkunstwerk aus, das sich mit dem Widerstand gegen die einstige Diktatur in seinem Heimatland im Speziellen, aber auch grundsätzlich als gemeinsames globales Handeln auseinandersetzt.

 

Die sogenannte „Nelkenrevolution“ vor über 51 Jahren, am 25. April 1974, bereitete den Weg Portugals in die Demokratie und ins europäische Haus der Nachkriegszeit – nach Jahrzehnten der Unterdrückung und Verfolgung nach einem Militärputsch in den 1920ern und dem Salazar-Regime, das ab den frühen 1930er Jahren das Land knechtete.

 

De Brito baute für die Ausstellung eine umfangreiche und detailreiche Installation, die auf drei wesentlichen inhaltlichen Säulen beruht: der kanonischen Geschichte, der persönlichen Geschichte seiner Familie und der künstlerischen Umsetzung in Form von Malerei, Objekten, Dokumenten, einem Video und einer Live-Performance, die der Künstler am Eröffnungstag präsentierte.

Alle Dinge zusammengenommen ergeben eine kraftvolle, erinnerungskulturelle und künstlerische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen des politischen Widerstands, die über Epochen hinweg bestehen. Wie unter einem Brennglas fokussierte Lichtstrahlen bündelt der Künstler einzelne historische Ereignisse, verknüpft sie anschließend zu einem roten Faden und führt damit bis in unsere heutige Zeit.

 

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Den Blickfang bildet eine wandfüllende Installation, deren Basis aus zusammengenähten Jutesäcken auf einem großformatigen Keilrahmen besteht. Aufdrucke verraten, dass es sich um gebrauchte Kaffee-, Tee- und Gewürzsäcke aus fernen Ländern handelt – ein Verweis auf die koloniale Vergangenheit.


Portugal war das letzte europäische Land, das sich nach der „Nelkenrevolution“ von seinen Kolonien in Afrika (Angola, Mosambik und Guinea-Bissau) trennte und die Kolonialkriege Mitte der 1970er-Jahre beendete. Die Familie de Britos, die ursprünglich aus Zentralportugal stammte, lebte in Angola. Der Vater des Künstlers war Soldat einer Einheit in Luanda – ein typisches Leben im kolonialen Kontext.

 

Auf den Jutesäcken sind Malereien von Nelken angebracht, über die einzelne Gegenstände (Peitsche, Zange, ein Bolzenschneider, Stacheldrahtzaunstücke, ein Fotoapparat, ein Radio) befestigt sind. Außerdem sind auf Papierschnipseln der ins Deutsche übersetzte Liedtext von „Grândola, Vila Morena“ zu sehen, der aus der Feder des Volkssängers José Afonso (1929–1987) stammt. Es war dieses Lied, das am 25. April 1974 im Radio erklang und das Signal für den Beginn der „Nelkenrevolution“ war.

 

Der Fotoapparat als Symbol einer freien Presse, die die Geschehnisse festhält. Dieser Fotoapparat hat tiefe Kratzspuren, landete auf dem Asphalt der Straße statt in der Hand eines Journalisten. Das Radio symbolisiert die aktuelle Lageberichterstattung gegen jede Art von Propaganda als auch das Medium des gemeinsamen Aufrufs zum Beginn der Auflehnung. Überhaupt arbeitet der Künstler viel mit Symbolen und freiem Klausulieren.

 

In einem Koffer unter dem farbig zurückhaltenden Porträt einer Landarbeiterin namens Catarina Eufémia (1928–1954) finden sich statt Reiseutensilien Bücher über die Sprecherin einer kleinen Gruppe von Landarbeiterinnen, die um eine höhere Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen protestierte. Sie wurde im Mai 1954 von einem Kommandanten der vom Großgrundbesitzer herbeigerufenen Sicherheitspolizei GNR erschossen. Dieses Ereignis und die dauerhafte Unterdrückung durch das Diktaturregime trugen maßgeblich zur Stimmung bei, die 1974 in der „Nelkenrevolution“ mündete. Aktenordner mit unterschiedlichen Zeitungsartikeln und Dokumenten ergänzen den Gesamtkontext und an der Seitenwand angebrachte Tafeln erläutern die Zusammenhänge didaktisch.

 

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Text- und Erläuterungstafeln. Foto: Claus Friede

 

Im Innenbereich des Kofferdeckels hat der Künstler – vergleichbar mit der Dekoration eines Jugendzimmers der 1970er Jahre – schwarz-weiß Bilder von Musikern und Gruppen jener Jahre ausgeschnitten und aufgeklebt – ein Hinweis auf den internationalen Protest gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, den die Kunst, die Musik und die Literatur einer Generation länderübergreifend aufnahmen. Widerstand gegen Verkrustungen, Widerstand als Generationswechsel, Widerstand als Notwendigkeit, Widerstand als globales Phänomen.

 

Vor dem großen Wandbild liegen die Gegenstände der Performance, die Paulo de Brito zur Eröffnung benutzte. Gekleidet in einen weißen Anzug, barfüßig und mit einem Strauß Nelken in den Händen, die von einer Eisenkette umschlungen sind, hört das Publikum Alfonsos Revolutionslied. De Brito fängt an, die Köpfe der Nelken mit einer Schere abzuschneiden. Diese fallen auf den Boden und verbleiben dort. Das kräftige Rot ist nach zwei Wochen zu Dunkelrot mutiert. Damit ist nicht nur nach Georg Büchner gemeint, dass die Revolution immer ihre Kinder frisst, sondern auch, dass sich die kurzstieligen Nelken besser in die Gewehrläufe der Soldaten stecken ließen. Lediglich eine Nelke aus dem Strauß steht in einer schlanken Glasvase und darf weiter blühen. Den weiß ummantelten Karton, in dem die Requisiten zunächst aufbewahrt wurden, hat der Künstler gegen Ende der Performance umgestoßen und damit den auf der Unterseite gedruckten Begriff „Resistance“ sichtbar gemacht.

 

Einen Teil der Ausstellung öffnet der Künstler durch ein partizipatives Projekt, das er integriert hat. Mit Schülern aus München-Pasing ist er der Frage nachgegangen, welcher Widerstand aktuell nötig wäre. Gedruckte Texte und Wörter, Handzettel und Flugblätter sind vor allem zu Themen wie Umwelt- und Klimaschutz, sozialer Ungerechtigkeit und Friedensaufrufen entstanden. Aber auch das alltägliche Erleben von Rassismus und Mobbing sowie der Mangel an Zuneigung und Zugewandtheit werden thematisiert.

 

Um die vielen verschiedenen Elemente der Ausstellung kennenzulernen, sollten sich Besucher Zeit nehmen und sich in Ruhe auf das anschauliche Gesamtkunstwerk einlassen.


Paulo de Brito: „Immer Wieder – Widerstand“

Verlängert bis zum 28. November 2025 im Stadtmuseum Weilheim i. Ob., Marienplatz 1, in 82362 Weilheim.

Öffnungszeiten: Di. – Sa. 10 bis 17 Uhr. Mo. Geschlossen

Weitere Informationen (Stadtmuseum)

 

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In Portugal ist die Erinnerung an die „Nelkenrevolution“ auch eine an José Afonso

Geschrieben von: Claus Friede - Freitag, 12. Juli 2024

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