Bildende Kunst

Klasse Titel für eine erstklassige Schau niederländischer Genremalerei des 17. Jahrhunderts, die vor allem eine Klassengesellschaft abbildet. Heute noch relevant?

„Selbstverständlich“, sagt Sandra Pisot, Leiterin der Sammlung Alter Meister in der Hamburger Kunsthalle. Gleichsam zur Beweisführung hat sie Lars Eidinger und Stefan Marx eingeladen, den „Alltag im Blick niederländischer Meister“ mit Fotografien, Videos und Schriftbildern zu spiegeln. Und in der Tat: Zwischen Gestern und Heute gibt es immer noch erstaunliche, mitunter auch traurige Parallelen.

 

„I’ll be your mirror, reflect what you are, in case you don’t know“. In großen runden Lettern, hat Stefan Marx die Liedzeile des gleichnamigen Songs von Velvet Underground auf die Wand gebracht. Wer zweifelte, hier steht es Weiß auf Schwarz: Es geht um die Reflektion gesellschaftlicher Zustände in dieser sehr sehenswerten, rund 200 Werke umfassenden Schau. Die vorgeblich harmlose „Schilderung der Wirklichkeit“ der Alten Meister erweist sich bei näherem Hinsehen als außerordentlich vielschichtig und symbolbeladen.

 

Die niederländischen Genremaler waren Meister versteckter Anspielungen. Egal, ob es nun um erotische Ausschweifungen oder ganz allgemein um einen verwerflichen Lebenswandel ging, der kontinuierlich mit dem steigenden Wohlstand einherging. Anfang des 17. Jahrhunderts begann in den Niederlanden das „Goldene Zeitalter“, eine wirtschaftliche wie auch kulturelle Blütezeit, die eine ungeheure Kunstproduktion mit sich brachte. Man zeigte, wer man war und was man hatte. Es war die Geburtsstunde des Kunstmarktes. Erstmals produzierten Maler nicht für einen Auftraggeber, sondern für den anonymen Markt. Entsprechend richtete sich die Motivwahl nach den Vorlieben der finanzstarken Käuferschicht.

 

Zwar herrschte zu Beginn des Jahrhunderts noch Krieg in den Niederlanden (erst der Westfälische Frieden von 1648 beendete den achtzigjährigen Unabhängigkeitskampf gegen die Spanier endgültig), doch der Aufstieg der sieben calvinistischen Nordprovinzen zur führenden Wirtschaftsmacht Europas war unaufhaltsam – nicht zuletzt durch das rasante Wachstum der Bevölkerung (Zuzug von tausenden Flüchtlingen aus dem katholischen Süden).

 

Galerie - Bitte Bild klicken
In acht Kapiteln öffnet Sandra Pioch das „Fenster in die Vergangenheit“. In alle Gesellschaftsschichten und bis in intimste Lebensbereiche hinein. Auf dem Rundgang begegnen wir Armen und Reichen, Tugendhaften und Lasterhaften, Schönen und Hässlichen. Wir betrachten Damen aus gutem Hause beim Empfang von Liebensbriefen ebenso, wie den zechenden, schamlos in die Gegend pinkelnden Bauern.

 

In welchem Prunk die bürgerliche Stadtgesellschaft damals lebte, welchen Typus Frau und welches Familienidyll sie idealisierte, zeigt beispielsweise der Delfter Feinmaler Peter de Hooch (1629-1684) in Gemälden wie „Mutterfreuden“, „Der Liebesbote“ oder „Interieur mit einer nähenden Frau und einem Kind. (De Hooch ist mit 20 Gemälden übrigens der Platzhirsch dieser Schau).

 

Dagegen bedienten Künstler wie Adriaen Brouwer (1605- vor 1638), Adriaen van Ostade, Jan Steen (1626- um 1679) oder David Teniers d. J. (1610-1690) vorwiegend das Verlangen des kauffreudigen Bürgertums nach „Fröhlichen Gesellschaften“ in derb-bäuerlichem Ambiente. Trinkgelage mit entsprechenden Auswüchsen waren eines der beliebtesten Motive der Zeit – und bestes Sujet für die Künstler, den Verfall von Sitte und Moral anzuprangern.

 

Aus heutiger Sicht fragt man sich, warum sich wohlhabende Kaufleute betrunkene, urinierende Bauern an die Wand hingen. Ob sie den Standesunterschied dadurch noch betonen wollten? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass der Fotograf und Schauspieler Lars Eidinger mit seinen heimlichen Handy-Aufnahmen ganz ähnliche soziale Situationen und Gegensätze festgehalten hat: Männer, die öffentlich ihren Rausch ausschlafen. Ein Paar, das sich, ungerührt von dem Penner zu seinen Füßen, die Auslagen eines Juweliergeschäftes anschaut. Alltagsbeobachtungen von heute, die zeigen, dass wir die Klassengesellschaft noch lange nicht überwunden haben.


„Klasse Gesellschaft – Alltag im Blick niederländischer Meister"

Mit Lars Eidinger und Stefan Marx“

Zu sehen bis 27. März 2022 in der Hamburger Kunsthalle, (Hubertus-Wald-Forum), Glockengießerwall, 20099 Hamburg

Weitere Informationen

 

YouTube-Video:
Erklärfilm zur Ausstellung Klasse Gesellschaft. Alltag im Blick niederländischer Meister (5:05min.)

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)


Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.