Gesetzt den Fall, Gustav Mahlers Sicht auf und sein Verständnis der Weltbegebenheiten hatte, und dafür spricht Vieles, in etwa folgende Gestalt: Der Weltzustand ist einer voller „Lug und Trug, worin der Übermut in der Maske der Großmut und Wohltat, der Undank, die Verachtung und Empörung in der Maske der Dankbarkeit und Schmeichelei ihre Rollen spielen und sich wechselseitig anheucheln“.
Vor allem aber durchschaute er diese „Weltmaskerade“, hat sie mit musikalischem Geist geistreich erleuchtet und dekuvriert, „gleichsam die Musik zu diesem Karneval der Welt und Gesellschaft“ geschrieben. Der Tonsetzer konstatiert jedenfalls: „Zwischen Vergnügungen und Vergnügung besteht ein großer Unterschied.“ Ich jedenfalls habe selten Vergnügen an sogenannten Vergnügungen gehabt.“
Sollte an dieser Mutmaßung etwas dran sein, dann ist es im Bereich des Möglichen (ein doppeltes Eventuell, ich bin mir dessen bewusst), dass ihm – Mahler war, wie man weiß, ein Vielleser – die Lektüre des folgenden Passus‘ aus Hegels Phänomenologie des Geistes – danach oder davor oder währenddessen, gleichviel – ein entschiedenes Licht aufgesetzt hat, was das Eigentliche seines weltabgewandt-weltzugewandten kompositorischen Schaffens zu sein hat und ist. Weil es das in Noten gesetzte Spiegelbild dieser kritischen Erkenntnis ist. „Das Beste in der Musik“ – bekennt ausgerechnet ein Komponist (!) – „steht nicht in den Noten.“
„Sein Dasein ist das allgemeine Sprechen und zerreißende Urteilen, welchem alle jene Momente, die als Wesen und wirkliche Glieder des Ganzen gelten sollen, sich auflösen, und welches ebenso dies sich auflösende Spiel mit sich selbst ist. (…) Jeder Teil dieser Welt kommt darin dazu, dass sein Geist ausgesprochen, oder dass mit Geist von ihm gesprochen und von ihm gesagt wird, was er ist. (…) Der Inhalt der Rede des Geistes von und über sich selbst ist also die Verkehrung aller Begriffe und Realitäten, der allgemeine Betrug seiner selbst und der andern, und die Schamlosigkeit, diesen Betrug zu sagen, ist ebendarum die größte Wahrheit.
Diese Rede ist die Verrücktheit des Musikers, der dreißig Arien, italienische, französische, tragische, komische, von aller Art Charakter, häufte und vermischte; bald mit einem tiefen Basse stieg er bis in die Hölle, dann zog er die Kehle zusammen, und mit einem Fistelton zerriss er die Höhe der Lüfte, wechselweise rasend, besänftigt, gebieterisch und spöttisch. – Dem ruhigen Bewusstsein, das ehrlicherweise die Melodie des Guten und Wahren in die Gleichheit der Töne, d. h. in eine Note setzt, erscheint diese Rede als ‚eine Faselei von Weisheit und Tollheit, als ein Gemische von ebenso viel Geschick als Niedrigkeit, von ebenso richtigen als falschen Ideen, und von einer so völligen Verkehrtheit der Empfindung, so vollkommener Schändlichkeit, als gänzlicher Offenheit und Wahrheit.
Es wird es nicht versagen können, in alle diese Töne einzugehen, und die ganze Skala der Gefühle von der tiefsten Verachtung und Verwerfung bis zur höchsten Bewunderung und Rührung auf und niederzulaufen; in diese wird ein lächerlicher Zug verschmolzen sein, der ihnen ihre Natur benimmt; jene werden an ihrer Offenheit selbst einen versöhnenden, an ihrer erschütternden Tiefe den allgewaltigen Zug haben, der den Geist sich selbst gibt.“ (G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Hamburg 1988, S. 344 f.; Hegel zitiert hier im Übrigen Rameaus Neffen Denis Diderot (1713–1784), den der Aufklärung verpflichteten Dialog kein Geringerer als Goethe als ein höchst geniales Werk geschätzt und 1805 ins Deutsche übertragen hat.)
Gustav Mahler, ein durch die partielle Doppellektüre dieser Klassiker – die Phänomenologie des Geistes ist, dies nota bene, eines der geistreichsten und witzigsten Bücher der Weltliteratur – endgültig hellsichtig Gewordener und Erleuchteter?! Ganz abwegig scheint mir diese ins Quadrat erhobene Mutmaßung nicht zu sein bei einem, der gesagt hat, dass „ein voller Widerhall aus dem Herzen des Empfangenden (…) dem Schaffenden ein Bedürfnis“ ist. Oder dessen Credo war, dass er „menschlich (…) jede, künstlerisch gar keine Konzession“ mache; „wer zu verlieren fürchtet, ist schon verloren“. Auf jeden Fall aber existieren verblüffende, dem Verstehen des Mahler’schen Musikschaffens den Boden ebnende Koinzidenzen.
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