Die italienische Autorin Dacia Maraini – geboren in der Toskana, aufgewachsen in Japan und auf Sizilien und seit Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere in den 1950er Jahren in Rom wohnhaft – hat wie kaum eine andere europäisch-kosmopolitische Intellektuelle unsere postmoderne Zeit mitgeprägt. Dieses Jahr wird die auch in Deutschland viel gelesene Dichterin, Roman- und Theaterschriftstellerin 90 Jahre alt und bereist weiterhin mit vollem Terminkalender die Welt.
Insbesondere sind die zahlreichen Übersetzungen ihrer Werke weltweit ein von ihr gern genutzter Anlass. Ein kürzlich erschienener Band über „Die vielen Übersetzungen des Werks von Dacia Maraini“ (Berlin, Peter Lang, 2024) hat sich nun mit der Quantifizierung dieses globalen Widerhalls beschäftigt und gleichzeitig die Frage untersucht, wie, was, wann und mit welchen Wirkungen sprachlich und literarisch „übersetzt“ wird – oder im weiteren kulturellen Kontext überhaupt „übersetzt“ werden kann.
Ein Blick auf die Bibliografie von Dacia Marainis Büchern, Essays, Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, Gedichten, Drehbüchern, Theaterstücken, Radio-, Fernseh- und Online-Auftritten ist imposant. Die lange Liste ihrer öffentlichen Kommentare zum Zeitgeschehen und ihrer sowohl kulturkritischen als auch literarischen Beiträge zeugt von der prägenden kulturellen Entwicklung dieser bedeutenden Protagonistin unserer Zeit. Ihr historischer Roman Die Herzogin (La lunga vita di Marianna Ucría, 1990)[1], der im Jahr seines Erscheinens in Italien mit dem Campiello-Literaturpreis ausgezeichnet und kurz darauf zum Buch des Jahres gekürt wurde, spielt im Sizilien des 18. Jahrhunderts und greift ein Thema auf, das bis heute hochaktuell ist: die Situation der Frau. Das Buch wurde im Original bislang 73-mal neu aufgelegt, dient an vielen Schulen in Italien als Lehrbuch und kann in gewisser Weise als prophetisch gelten. Da sie sich schon immer für den Feminismus interessiert hat, wollte die Schriftstellerin in Die Herzogin veranschaulichen, dass (und warum) Frauen Opfer einer Gesellschaft sind, die sie historisch gesehen physisch und psychisch misshandelt hat, während sich – wie wir in dem vorliegenden Band lesen können – in den Vereinigten Staaten, die Dacia Maraini regelmäßig bereist, ihr Werk im Universitätslehrplan „üblicherweise [...] zu dem Zeitpunkt im Curriculum wiederfindet“, an dem die Studierenden an den methodischen Gender-Ansatz beziehungsweise an „das Forschungsfeld des Feminismus herangeführt werden und Geschichten aus Das Mädchen aus der Via Maqueda lesen“ (S. 142).
Am 13. November 2026 wird Dacia Maraini 90 Jahre alt, und es gäbe wohl keine passendere Würdigung für diese Schriftstellerin – deren deutschsprachige Werke seit einigen Jahren vom Folio Verlag mit Sitz in Wien und Bozen verlegt werden – als die Veröffentlichung des Bandes Le tante traduzioni dell’opera di Dacia Maraini (dt.: „Die vielen Übersetzungen von Dacia Marainis Werk“). Das Buch, 2024 im Berliner Verlagszweig der Peter Lang Group erschienen, wurde offiziell vom italienischen Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und Internationale Zusammenarbeit kofinanziert. Die Anthologie behandelt ein breites Spektrum an Themen rund um den Akt sowie den Prozess des Übersetzens und bietet dem Leser sowohl verschiedene Studien, Analysen und vergleichende Ansätze als auch literarisches Material aus erster Hand an, das Dacia Maraini selbst aktiv für den Band beigesteuert hat. In der zweiten Hälfte der Anthologie werden Originaltexte der Autorin veröffentlicht und übersetzt, sowie ein fotografischer Anhang mit Kommentaren der Herausgeberin Dagmar Reichardt geboten, ihres Zeichens Professorin für Transkulturelle Studien und Kreativwirtschaft an der Lettischen Kulturakademie in Riga, Lettland, Autorin von über 400 Publikationen und Übersetzerin verschiedener italienischer Autoren, darunter Cesare Cases, Giuseppe Bonaviri, Pier Paolo Pasolini, Dacia Maraini oder Igiaba Scego.
Das Buch – das die Beiträge eines internationalen Symposiums anlässlich des achtzigsten Geburtstags von Dacia Maraini sowie zu Ehren ihres Wirkens und Werks in den Bereichen Literatur, Theater, Kultur und italienische Politik versammelt, welches am 14. und 15. Oktober 2017 im Österreichischen Kulturforum in Rom auf Initiative von Dagmar Reichardt stattgefunden hat – wurde 2023 zum sechzigsten Jahrestag von Marainis zweiten Roman Zeit des Unbehagens (1963) fertiggestellt. Letzterer Titel wurde 1963 in Spanien für seine Veröffentlichung und Übersetzung in 13 Sprachen mit dem spanischen Literaturpreis Formentor de las Lettras ausgezeichnet. das Buchprojekt ist eine Hommage, die die deutsche Literaturwissenschaftlerin Reichardt der engagierten Strega-Preisträgerin (1999, für Buio; dt.: Kinder der Dunkelheit) Dacia Maraini erweisen wollte und die – wie Georg Schnetzer, damaliger Direktor des Österreichischen Kulturforums in Rom (2019–2023), betont – „eine der meistübersetzten Autorinnen der Welt und sicherlich eine der größten zeitgenössischen Botschafterinnen der italienischen Kultur“ ist (S. 19).
Das Werk markiert einen Meilenstein der – sowohl auf wissenschaftlicher als auch soziokultureller Ebene oft unterschätzten oder von Kritikern vernachlässigten – Beziehung zwischen Autor(inn)en und Übersetzer(inne)n. Marainis eigene Worte am Buchanfang stehen stellvertretend für ihre Überlegungen, die sie an alle Übersetzer richtet: „Mein Respekt und meine Bewunderung für Übersetzer sind groß. Ich sehe sie als fürsorgliche Mütter fremder Kinder, die sich über die Wiege beugen, stets bereit, ein Kind zu pflegen und zu nähren, das nicht ihr eigenes ist, das sie aber ins Herz geschlossen haben und zum bestmöglichen Kind erziehen möchten […]“ (S. 14–15). Ein weiteres Beispiel ist ihre treffende Umschreibung einer Übersetzung als „wunderbare Brücke“ – ein Zitat, das Dagmar Reichardt im Titel ihres Beitrags über die Übersetzungen von Marainis Büchern ins Deutsche und Japanische aufgreift.
Diese deutsch-japanische, sprachlich-kulturelle Kombination ist nicht nur deshalb aus komparatistischer Sicht besonders aufschlussreich, weil die Übersetzungen ins Deutsche zwar numerisch gleich nach dem Englischen auf Platz zwei rangieren und das Japanische aufgrund von Marainis biographischem Hintergrund eine kulturell eminente Rolle spielt, aber auch weil die 1936 geborene Italienerin aus Fiesole als Kind während der zwei „Schwarzen Jahrzehnte“ des italienischen Faschismus (dem sog. Ventennio Nero) zur Welt gekommen ist. Sie hat somit die Auswirkungen der Achse Rom – Berlin – Tokio auf den Zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt, kann sich an den Bombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki als Zeitzeugin erinnern und hat ein Gefangenenlager in Tempaku mit ihrer fünfköpfigen Herkunftsfamilie überlebt, weil sich ihre intellektuellen und antifaschistischen Eltern 1943 geweigert hatten, den obligatorischen Eid auf Benito Mussolini in Japan abzulegen. Insofern „übersetzen“ die Werke von Dacia Maraini auch historische Stoffe aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Postmoderne in Form persönlicher Kindheitserinnerungen, was sich in kompakter Form im – angesichts der zurzeit weltweit wütenden Kriege (etwa in der Ukraine), wie Maraini selbst herausstellt – sowohl auf Deutsch 2025 erschienenen Roman Ein halber Löffel Reis. Kindheit in einem japanischen Internierungslager (Originaltitel: Vita mia, 2023) als auch ins Japanische 2024 übertragene Werk nachlesen lässt.
Reichardts Band über die weltweiten Übersetzungen von Dacia Marainis Werken bietet erstmals ein vollständiges Verzeichnis aller ihrer in Fremdsprachen übertragenen Texte: Er vereint die Stimmen führender internationaler Experten und enthält 13 kritische Essays, neues literarisches Material, Anmerkungen und Fotografien, die nicht nur den fotografischen Anhang (S. 643-653), sondern auch die einzelnen Kapitel schmücken. Analysiert werden Übersetzungen in zahlreiche Sprachen – vom Englischen über das Deutsche, Japanische, Spanische, Französische und Niederländische, bis hin zum Polnischen, Schwedischen, Norwegischen, Dänischen und Finnischen sowie zu weiteren, insgesamt 33 (auf fünf Kontinenten gesprochenen) Sprachen. Eine beeindruckende Bibliografie ergänzt den Sammelband und macht ihn zu einem einzigartigen Werk aufgrund der präzisen, repräsentativen Daten, medienübergreifenden (von Prosa über Lyrik, Theater und Film bis hin zum Journalismus) sowie quantitativen und insbesondere qualitativen Analysen, die er bietet.
Ein großes Lob gebührt daher den zahlreichen hochkarätigen Beiträgern, die diesen Band bereichert haben. Von María Belen Hernández González – Professorin für Italienische Philologie an der Universität Murcia (Spanien), die in Zusammenarbeit mit Dagmar Reichardt die Entstehung des Werks dadurch förderte, dass sie vier spanischsprachige Autoren für die Anthologie gewinnen konnte – bis hin zu Igiaba Scego, einer in Rom geborenen postkolonialen Schriftstellerin, die eine ergreifende Würdigung von Marainis Werk liefert („Sie zu lesen raubt einem immer wieder den Atem, umhüllt und prägt uns […]“, S. 21), bis hin zu Laura Fortini, Professorin für Italienische Literatur an der Universität Roma Tre und Herausgeberin einer kürzlich in Italien erschienenen Anthologie über Dacia Maraini in Form eines neuen Lexikons der Literatur und des Theaters (2023).
Des Weiteren enthält die Publikation in der Reihenfolge ihres Erscheinens Beiträge folgender Autoren: Joseph Farrell, Professor für Italienische Literatur an der University of Strathclyde, Glasgow, Großbritannien, und Verfasser eines ausführlichen Interviews mit Dacia Maraini in Buchform über ihr Leben und ihren Kampfgeist (2015), Michelangelo La Luna von der University of Rhode Island, USA (Herausgeber der fünfbändigen englischsprachigen Reihe Writing Like Breathing. An Homage to Dacia Maraini, 2016–2021, sowie zweier weiterer Bände mit erstmals in Buchform zusammengetragenen Kurztexten von Maraini auf Italienisch, die 2022 und 2023 erschienen sind), Maria Consuelo de Frutos Martinez (Universität Santiago de Compostela, Spanien), Maria Assumpta Camps (Universität Barcelona, Spanien), Juan Carlos de Miguel y Canuto (Universität Valencia, Spanien; Herausgeber eines Sammelbands auf Italienisch zum Thema Maraini und das „zivile Schreiben“, erschienen 2010), Rotraud von Kulessa (Universität Augsburg, Deutschland), Maryline Maigron (Universität Savoie Mont Blanc, Frankreich), Dario Prola (damals Universität Warschau, Polen, heute Turin), Petra Broomans (Universität Groningen, Niederlande), Nora Hebe Sforza (Universität Buenos Aires, Argentinien) und Carla Carotenuto (Universität Macerata).
Der Band ist in drei Teile gegliedert. Teil I ist dem weltweiten Erfolg der „Übersetzungen und Übersetzer“ gewidmet und enthält zehn Beiträge, die grob quantitativ nach der Gesamtzahl der Übersetzungen in den jeweiligen Sprachen und den von den Autoren analysierten, sprachlich-literarischen Disziplinen angeordnet sind. Die ersten beiden Aufsätze (Farrell, La Luna) konzentrieren sich dabei auf die englischsprachigen Übersetzungen – sowohl amerikanische als auch britische – und tragen insgesamt 47 Titel zusammen, die als Erstausgabe übersetzt wurden. Der darauffolgende Aufsatz von Dagmar Reichardt untersucht die Übersetzungen ins Deutsche (34 Titel), die in Deutschland, der Schweiz und Österreich erschienen sind, sowie ins Japanische (12 Titel). Im Anschluss an diese Rangliste folgen drei Essays (De Frutos Martinez, Camps, de Miguel y Canuto), die sich aus verschiedenen Perspektiven mit der Produktion Marainis im Spanischen (insgesamt 27 Titel, zzgl. 4 weitere auf Katalanisch) befassen. Sie richten das Augenmerk insbesondere auf den multimedialen Vertrieb von Marainis Büchern über den Buchhandel sowie mittels Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet und andere Medien im spanischsprachigen Raum, auf die Übersetzung des Theaterstücks Eilige Schritte (Passi affrettati, 2007) ins Spanische und auf die literarischen Stilmittel, die im Roman Bagheria. Eine Kindheit auf Sizilien (Bagheria, 1993) verwendet werden.
Die beiden folgenden Beiträge in Teil I des Buches (von Kulessa, Maigron) widmen sich der französischen Sprache (15 Titel), bevor die Zahlen für das Polnische (Prola) mit vier Titeln, Niederländische (15 Titel) und die skandinavischen Sprachen (je vier Titel auf Schwedisch und Dänisch sowie je drei Titel im Finnischen und Norwegischen) ermittelt werden. Beide dieser letztgenannten umfangreichen Sprachräume durchleuchtet die Autorin Broomans mit Eloquenz, Sorgfalt und Akribie. In Teil II des Bandes, der die diversen „Übersetzungsmöglichkeiten des Schreibakts“ fokussiert und aus drei weiteren Aufsätzen besteht, wird zunächst die Funktion des Lesens im Hinblick auf das Schreiben am Beispiel des bereits erwähnten historischen Romans Die Herzogin (Sforza) untersucht, bevor die Synergien und der Medientransfer zwischen Kino, Musik und Theater (Hernández González) sowie schließlich die Verbindung zwischen Emotionen und Literatur im 2017 erschienenen Roman Tre donne (Carotenuto), der auf Deutsch unter dem Titel Drei Frauen erschienen ist, in den Mittelpunkt des Interesses rücken.
![]()
Pier Paolo Pasolini und Dacia Maraini in Afrika auf einem Boot auf dem Kongo (vermutlich 1972). Die Autorin – eine Liebhaberin des Super-8-Filmformats und von Kurzfilmen – hat zusammen mit Pasolini mehrere künstlerische und filmische Projekte realisiert und gemeinsam Drehbücher für Filme, Lieder und Songtexte geschrieben. Fotograf unbekannt.
Die Themen der Essays in diesem Band reichen von Stilfragen – von nüchternem, poetischem, biografischem und authentischem Schreiben bis hin zu Marainis Theaterstücken, Romanen und journalistischen Arbeiten, allesamt aus der Perspektive der Übersetzung interpretiert – bis zu einem reichhaltigen literarischen Laboratorium, das im Teil III folgt. Dieser präsentiert dem Leser zunächst ausgewählte Fragmente aus dem Roman Drei Frauen, in dem Dacia Maraini selbst das Thema der Übersetzung aufgreift und prägnant über das poetische Wesen der Übersetzung reflektiert, wodurch deren spezifische Bedeutung aus kreativer Sicht der Autorin deutlich wird. Es folgen verschiedene neue Übersetzungen, teils zweisprachig: So zunächst die in Afrika angesiedelte Kurzgeschichte „Berah aus Kibawa“ (Berah di Kibawa, 2003), die von der renommierten britischen Übersetzerin, Schriftstellerin und Italienkennerin Susan Bassnett ins Englische übertragen worden ist und an die Marainis Gedichte anschließen, von denen drei von Joseph Farrell ausgewählt und ins Englische übersetzt worden sind.
Schließlich wird der Leser mit Marainis Theaterstück Ich heiße Antonino Calderone (Mi chiamo Antonino Calderone, 2010) vertraut gemacht, das sich mit dem Thema der Mafia auseinandersetzt. Es bietet sich dem Leser in italienischer und deutscher Fassung an, wobei diese bilinguale Version auf einer studentischen Gemeinschaftsübersetzung und einer Initiative, die an der Universität Augsburg unter der Leitung von Rotraud von Kulessa entstanden ist, beruht. Der letzte hier veröffentlichte Text von Maraini ist die deutsche Übersetzung der literarischen Fassung des an Friedrich Schillers gleichnamigen, klassischen Theaterstücks inspirierten Titels Maria Stuart (Maria Stuarda, 1980), herausgegeben, kommentiert und präsentiert von Dagmar Reichardt im Kontext des Frauentheaters, das Maraini besonders am Herzen liegt. Gemeinsam mit dem Teatro della Maddalena gründete sie 1973 in Rom das erste feministische Theater Italiens, wo Künstlerinnen wie Dacia Maraini, Edith Bruck, Adele Cambria, Maricla Boggio und andere bis 1980 mit neuen Ausdrucksformen und feministischer Politkritik experimentierten und Frauen zu Protagonistinnen sowie treibenden Kräften einer avantgardistischen Theaterauffassung machten. So stellt auch heute noch Marainis Gegendiskurs die konventionelle Maria Stuart-Rezeption von Schiller – der die historische Figur der Maria Stuart zwar zur Titelheldin kürt, ihr in seinem Stück aber keine adäquate, aktive und dieser Funktion angemessene Rolle zugesteht – gründlich auf den Kopf.
Reichardt hat zudem den umfangreichen Anhang des Bandes redigiert, der drei Register mit dem bereits erwähnten beeindruckenden bibliografischen Material füllt: Das erste (Register A, S. 581–604) listet alle Übersetzungen von Dacia Marainis Werk tabellarisch einzeln auf (unter Angabe der genauen bibliografischen Daten von insgesamt 200 in Fremdsprachen übersetzten Büchern). Das zweite Verzeichnis listet die Übersetzer(innen) von Dacia Marainis Werk in alphabetischer Reihenfolge auf (Register B, S. 605–615), während das dritte die Auszeichnungen, Ehrendoktorwürden und Ehrenbürgerschaften, die der gebürtigen Toskanerin bislang verliehen worden sind (Register C, S. 617–625), dem Leser vor Augen führt. Dadurch werden die unterschiedlichen Ansätze der quantitativen und qualitativen Forschung hinsichtlich dessen sichtbar und verständlich, was eine „Übersetzung“ im Kern ausmacht, während sich gleichzeitig beide Ansätze – nämlich die funktionalen wie auch ästhetischen Kategorien von Übersetzungen – ergänzen. Die achtjährige Forschungsarbeit – einschließlich der Vorbereitung des Auftakt-Symposiums in Rom im Jahr 2017 und der vom Verlag nach Abschluss der Arbeit im Jahr 2023 benötigten Druckzeit – hat zu einer umfassenden, kollaborativen Studie zum Thema literarische Übersetzungen geführt, deren Ergebnisse sich am Fallbeispiel „Maraini“ manifestieren. Dank der vielfältig aufgegriffenen und angewandten Perspektiven erweist sie sich als paradigmatisches Prisma, das die facettenreiche Natur des außergewöhnlichen literarischen, kulturellen und sozialen Schaffens von Dacia Maraini in den vergangenen sechzig Jahren einfängt, beleuchtet und teilweise jetzt erst überhaupt sichtbar macht.

Preisverleihung im Österreichischen Kulturforum, Rom. V.l.n.r.: Belen Hernandez, Dagmar Reichardt, Dacia Maraini und Rino Caputo. Oktober 2025
Aus gutem Grund wurde das Buch mit dem Europäischen Medien-, Kultur- und Wissenschaftspreis Prix Erica ausgezeichnet, der Dacia Maraini am 10. Oktober 2025 im Rahmen dessen feierlichen und in Italien medial aufmerksam begleiteten Überreichung vor der vollbesetzten Bibliothek des Österreichischen Kulturforums in Rom in Anwesenheit der literaturaffinen Direktorin des Kulturforums, Teresa Indjein, und mit musikalischer Begleitung der römischen Sopranistin Michela Marconi zuerkannt worden ist. Dagmar Reichardt und ihren Mitwirkenden gebührt Anerkennung für die Herausgabe dieses Bandes, der einem wahren literaturkritischen Denkmal gleichkommt und die Größe von Dacia Marainis Werk ins rechte Licht rückt. Wie sich Horaz in seinen Oden ausdrückt,[2] wird letzteres „dauerhaft bleiben“ beziehungsweise dürfte es „ein Denkmal, das beständiger ist als Bronze“ hinterlassen. Das gilt zumindest für den Bereich der Maraini-Studien und der internationalen Italianistik, wenn nicht gar auf globaler Ebene für die aktuelle Übersetzungswissenschaft im Bereich der Spitzenforschung ebenso, wie der Band auch den Status von Maraini als „Weltautorin“ im wahrsten Sinn des Wortes bestätigt oder – um im Bild des Horaz zu bleiben – „zementiert“.
Dacia Maraini
Dagmar Reichardt (Hrsg.): Le tante traduzioni dell’opera di Dacia Maraini: Studi, analisi ed approcci comparatistici con testi originali dell’autrice e con un laboratorio di traduzioni letterarie (Dt.: „Die vielen Übersetzungen von Dacia Marainis Werk: Studien, Analysen und vergleichende Ansätze mit den Originaltexten der Autorin und einem Labor für literarische Übersetzung“), Transcultural Studies – Interdisciplinary Literature and Humanities for Sustainable Societies, Bd. 16, mit einem Vorwort von Dacia Maraini und einem Grußwort von Igiaba Scego, Berlin u. a., Peter Lang, 2024, 682 S.
Zum aktuellen Buch von Dacia Maraini auf Deutsch:
Dacia Maraini, Ein halber Löffel Reis. Kindheit in einem japanischen Internierungslager, übersetzt von Ingrid Ickler, Wien/Bozen, Folio Verlag, 2025, € 25 (Originaltitel: Vita mia, 2023). Link: https://www.folioverlag.com/Ein-halber-Loeffel-Reis/9783852569109
Lesen Sie weitere Artikel zu Dacia Maraini auf KulturPort.De:
„Dacia Maraini: Drei Frauen – und die Mafia“, Geschrieben von: Dagmar Reichardt - Samstag, 23. Februar 2019
„Dacia Maraini – Das Mädchen und der Träumer“, Geschrieben von: Dagmar Reichardt - Mittwoch, 01. November 2017
Fußnoten:
[1] Die im Artikel genannten Buchtitel haben wir gemäß ihren Übersetzungen ins Deutsche zitiert bzw. ins Deutsche übersetzt und mit den Jahreszahlen der jeweiligen italienischsprachigen Erstpublikation in Klammern versehen. Sämtliche Zitate im obigen Artikel, die aus dem auf Italienisch erschienenen Band Le tante traduzioni dell’opera di Dacia Maraini stammen, haben wir der besseren Leseverständlichkeit wegen ins Deutsche übersetzt. Seitenangaben, die hier in runde Klammern innerhalb einiger Textpassagen integriert worden sind, verweisen auf das Original des vorgestellten Buchs Le tante traduzioni dell’opera di Dacia Maraini (A.d.R.).
[2] Horaz: Oden, Buch III, Ode 30, V. 1. Hier heißt es im lateinischen Original: „exegi monumentum aere perennius“.

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)
Kommentare powered by CComment