Kolumbarium meint eine Urnenwand. Meist befinden sich solche Wände in Gebäuden, etwa unterhalb einer Kirche oder auf einem Friedhof. In Südeuropa sind Urnenwände das Übliche, aber wir Mittel- und Nordeuropäer, die wir Quartiersfriedhöfe in parkähnlicher, kultivierter oder bewachsener Art gewohnt sind, stehen solchen Orten meist eher fremd gegenüber.
Nur Stein, wenn nicht gar Beton, und bestenfalls einige Blumenimitationen aus Porzellan… Dazu sind viele Friedhöfe sehr ungepflegt oder sogar verwahrlost. Aber anrührend sind die Erinnerungen an die Toten, die in den Nischen vor den Gräbern aufbewahrt werden. Dem LKW-Fahrer etwa gibt man einen Spielzeuglaster mit auf den Weg, und natürlich finden sich viele Fotos.
Im noch ziemlich neuen Kolumbarium direkt am Lübecker Hafen sieht es anders aus. Es liegt unterhalb des Burgtores, und der alte Speicher gehört seit langem mit seinen halb geöffneten Fensterläden zu den schönsten Gebäuden an der Untertrave. Früher gehörte er der Familie Mann und war zwar der wichtigste und größte Getreidespeicher der Firma, doch nur einer von insgesamt sieben. „Die Eiche“ heißt der Speicher seit langem, denn alle Speicher trugen typische Namen, weil die Schauerleute, die die schweren Getreidesäcke von den Schiffen in die Speicher trugen, oftmals Analphabeten waren; so konnten sie an einem Bild leicht ihr Ziel identifizieren.

Nachtstimmung über dem historischen Mann’schen Kornspeicher (Mitte). Im Hintergrund die St.-Jakobi-Kirche. Links der „Eiche“ befand sich früher der Kornspeicher „Linde“. Rechts im Vordergrund steht Schuppen 6, ein alter Lagerschuppen. Im Vordergrund historische Segelschiffe. Foto: Jörg Schwarze.
40 Kunstwerke
Schon der Eintritt in das Ziegelsteingebäude ist beeindruckend – ein wenig wie der Vorraum einer Friedhofskapelle –, und die Besucher endgültig gefangen nimmt der „Halle“ genannte Gedächtnis- oder Andachtsraum gleich im Erdgeschoss. Obwohl christliche Symbole fehlen – das Kolumbarium ist überkonfessionell –, erinnert dieser nicht sehr ausgedehnte, sich jedoch weit in die Höhe erstreckende Raum an eine Kirche. Nein, an der Stirnwand steht kein Altar, wohl aber finden sich links und rechts Kirchenbänke. Diese Bänke erwarben die Initiatoren des Kolumbariums, Peggy Morenz und Michael Angern, im österreichischen Waldviertel; zusammen mit dem Strebewerk aus sehr altem Fichtenholz, das zum Gebäude von 1871 gehört, sind sie für das natürliche Ambiente und dessen gedämpfte Stimmung verantwortlich.
Die Böden (nicht etwa Etagen…) liegen über der Halle. Eine Art Flamme aus Tausenden von Porzellanplättchen – ein Werk der Schweizer Künstlerin Madlaina Lys – steigt aus ihr wie Rauch empor; oder wie die Seelen nach dem Tod… Wenn wir dann selbst nach oben steigen – ganz konventionell auf einer Treppe –,sind die Böden in der Mitte offen, und rechts und links befinden sich die Urnenwände. Weg von der Straße laden Regale mit vielen Büchern zur Lektüre ein, und vorne können wir durch die großen Fenster auf den Lübecker Hafen und die alten Holzgebäude auf dem gegenüberliegenden Ufer blicken.
Wie in Südeuropa und Lateinamerika können auch in den Nischen der Lübecker Urnenwände Erinnerungen an die Verstorbenen platziert werden. Allerdings werden in der „Eiche“ die Hinweise kuratiert und sind eher sparsam – doch begegnen wir den persönlich gehaltenen Andenken, wenn wir an der Wand vorbeigehen.
In jedem Fall spielt Ästhetik eine große Rolle in diesem Haus, und sie würde es auch ohne die vierzig Kunstwerke tun, die, kuratiert von der Kunsthändlerin Jutta Kleinknecht, auf den verschiedenen Böden verteilt sind. Wie die Jahresausstellungen zuvor steht auch diese unter einem Motto: „Grünes Geheimnis“.
Es beginnt unten mit einem auf 1566 datierten Kupferstich des Flamen Johannes Wierix (1549–1620) nach Dürers „Adam und Eva“ und reicht über das 18. und 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Von Carl Wilhelm Colbe (1759–1835) finden wir ein schönes Rasenstück, in dem sich die kleine Natur liebevoll abbilden lässt, und dazu treten ein Bild von Carl Hummel (1821–1906) sowie schließlich Fotoarbeiten der Gegenwart von Natascha Burowsky und Simone Nieweg, zwei Schülerinnen von Bernd Becher und damit Teil der Düsseldorfer Fotoschule. Es sind Bilder ein wenig im Stil der Neuen Sachlichkeit, die, wie alle anderen Arbeiten dieser Ausstellung, der Natur gewidmet sind.
Im Augenblick sind ja die „Buddenbrooks“ angesagt, die am 13. Oktober 1901 erschienen und in Kürze in einer Ausstellung gefeiert werden sollen, aber Angern geht noch auf ein anderes der großen Meisterwerke Thomas Manns ein, auf „Joseph und seine Brüder“, denn während sich in dem genialen Jugendwerk die Kaufmannsfamilie von dem Handel mit Weizen verabschieden muss (es ist wohl dieser Speicher, den Thomas zum Ende hin besucht), lässt Joseph im Ägypten der sieben fetten Jahre Speicher für den Weizen errichten. So bietet sich auch der berühmte erste Satz des Joseph-Romans als Zitat an, wenn der Autor den Speicher beschreibt: „Durch die offene Balkenkonstruktion und die Sichtachsen, die das Gebäude durchziehen, wird der Besucher physisch in jenen ‚Brunnen der Vergangenheit‘ gestellt, den Thomas Mann literarisch konstruierte.“
In einer ambitioniert argumentierenden Broschüre über die „Buddenbrooks“ – ursprünglich ein Beitrag zu einer Lübecker Ringvorlesung über den Roman – erläutert Michael Angern, der sein theoretisches Rüstzeug hierfür den Arbeiten des Ehepaares Jan und Aleida Assmann entlehnt, sein Konzept der „Eiche“ als Erinnerungsort: „Die Architektur erzwingt das, was im Roman [Joseph und seine Brüder] als Blick in den Brunnen beschrieben wird: die Verräumlichung der Zeit.“ Der Besucher, der das Gebäude betritt, verlässt die horizontale Ebene des Alltags und der Straße. Er blickt durch die offenen Balkenlagen nach oben und unten. Er befindet sich in einem Speicher, in dem die Zeit nicht vergeht, sondern geschichtet ist.“
Kolumbarium Die Eiche
An der Untertrave 34, 23552 Lübeck
Weitere Informationen (Die Eiche)
Youtube-Video:
Datenschutzhinweis zu YouTube-Videos. Um das verlinkte Video zu sehen, stimmen Sie zu, dass es vom YouTube-Server geladen wird. Hierbei werden personenbezogene Daten an YouTube übermittelt. Weitere Informationen finden Sie HIER.
Die Eiche (Trailer, 2:34 Min.)
Buchempfehlung:
Michael Angern: Condolenz-Visiten und Abschiedsscenen. Vom rituellen Verstummen: Thomas Mann, die Buddenbrooks und die Architektur des Abschieds.
Edition Die Eiche 2026
ISBN: 978-3-948867-02-7
Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)
Kommentare powered by CComment