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Hamburger Architektur Sommer 2019

Fotografie
Finding Vivian Maier

Für rund 380 US-Dollar ersteigert der Nachlassverwerter John Maloof eine Kiste voller Fotonegative – und entdeckt einen Schatz:
die Bilder von Vivian Maier, einer New Yorker Nanny, die ihr künstlerisches Talent zeitlebens streng geheim gehalten hat. Der Dokumentarfilm „Finding Vivian Maier“ begibt sich nun auf die Spur der bislang unentdeckten Amateurfotografin.

„Sie hätte jede Minute davon gehasst“, so beschreibt eine ehemalige Freundin von Vivian Maier den plötzlichen Ruhm, der der 2009 verstorbenen Amateurfotografin nun post mortem zuteil wird. Ausstellungen in den Galerien von New York, Los Angeles, London, Paris: Die Arbeiten von Vivian Maier begeistern heute die Kunstwelt wie Publikum gleichermaßen. Mehr als 100.000 Negative, 700 unentwickelte Farbfotorollen und mehrere 16-mm-Filme hinterließ Vivian Maier, ohne jemals den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen. Nur durch Zufall fällt ein Teil ihrer Arbeit John Maloof in die Hände: Der 26-Jährige erwirbt 2007 bei einer Zwangsversteigerung eine Kiste voller Fotonegative, eigentlich auf der Suche nach historischem Bildmaterial für ein Buch über Chicago. Nachdem er den Fundus ein gutes halbes Jahr in seinem Schrank einlagert, erkennt Maloof erst beim erneuten Durchsehen des Materials die künstlerische Qualität der Schnappschüsse – und macht sich ambitioniert daran, die Geschichte der bis dahin vollkommen unbekannten Fotografin zusammenzupuzzeln.

Das Ergebnis seiner Arbeit ist der Dokumentarfilm „Finding Vivian Maier“, der Maloof auf seiner nicht ganz einfachen Spurensuche begleitet. Denn Vivian Maier war eine introvertierte, zurückgezogene Einzelgängerin, die kaum etwas über ihr Privatleben preisgab, weder gegenüber den Familien, bei denen sie als Nanny lebte, noch den wenigen Vertrauten, die sie in ihr Leben ließ. Ihr fotografisches Talent hielt Vivian Maier zeitlebens sorgsam geheim, bei ihren Arbeitsgebern fiel sie höchstens durch ihre obsessive Sammelwut auf, mit der sie kuriose Alltagsgegenstände um sich scharte. Als Nanny nimmt sie die Kinder mit auf ihre täglichen Entdeckungstouren durch die Stadt – und fotografiert, fotografiert, fotografiert.

Die nun veröffentlichten Bilder von Vivian Maier erinnern an Arbeiten von Diane Arbus, Helen Levitt oder Lisette Model: Eindringliche Porträtfotografien, zahlreiche Straßenszenen Chicagos der 1950er- und 60er-Jahre, Alltagsbeobachtungen und Momentaufnahmen machen den Großteil des massiven Werkfundus aus, der das intuitive Gespür und den scharfen Blick Vivian Maiers für die bizarren wie tragisch-schönen Szenen des Lebens offenbart. Die Box-Kamera, die sie benutzt, erlaubt der scheuen Amateurfotografin den verstohlenen Blick in das Gesicht ihres Gegenübers, „sie konnte diesen einen Moment erschaffen, und dann ist sie verschwunden“, so zeigt es Maloof.

Aber Vivian Maier ist mehr als nur das verborgene Talent, dass nur auf Entdeckung gewartet hat. In seinen ebenso mühevollen wie hartnäckigen Recherchen stößt Maloof auch in die dunklen Seiten der sorgsam gehüteten Biografie der Künstlerin vor: eine gebürtige New Yorkerin, die aufgrund ihres Akzentes jedoch stets für eine Französin gehalten wurde; eine Frau, die neurotisch ihre Dinge hortete und Angst hatte, bespitzelt zu werden, die sich zahlreiche falsche Identitäten und Namen zulegte und sogar von sich behauptete, sie sei „eine Art Spionin“. Im Dokumentarfilm kommen ehemalige Bekannte und Arbeitgeber zur Sprache, und ihre Darstellungen zeichnen ganz unterschiedliche Bilder: Für die einen war sie vertraut „Viv“ oder „Vivian“, für andere „Ms. Mayer und nichts anderes“, manche erinnern sich an eine liebevolle und fantasiebegabte Frau, für andere war sie eine strenge, zeitweise sogar furchteinflößende und grausame Betreuerin. Welches dunkle Geheimnis die Nanny wirklich mit sich herumtrug, wird nur zart angedeutet – und lässt Schlüsse darauf zu, warum Vivian Maier es zu Lebzeiten nie gelang, ihren Weg in die Öffentlichkeit zu finden.

Der gerade in den Kinos angelaufene Film „Finding Vivian Maier“ ist ein einfühlsames Porträt einer bemerkenswerten Künstlerin, die zweifellos auch post mortem noch zu einer der wichtigsten Straßenfotografinnen ihrer Zeit gehört.


Auf der neu eingerichteten Homepage von Vivian Maier finden sich viele weitere Informationen.

Ausstellungen in Europa sind zu sehen:
Vom 27. Juni bis 17. August 2014: "Vivian Maier - The discovery of a photographer"
St. Peter’s Abbey, Gent/Belgien

Vom 29. August bis 01. Oktober 2014: "Vivian Maier: Street Photographer"
Hasselblad Foundation, Göteborg/Schweden

Link zum Film-Trailer
Originaltitel: „Finding Vivian Maier“. Regie: John Maloof, Charlie Siskel
Produktionsland: USA. Länge: 84 Minuten. Verleih: NFP


Abbildungsnachweis:
Header: Detail of FVM Vivian Maier Self Portrait, Round Mirror Repeating Image. © Vivian Maier/Maloof Collection
Galerie:
01. Close Shot Black Camera Trunk. Ravine Pictures, LLC 2013
02. FVM African-American Man on Horse NYC. © Vivian Maier/Maloof Collection
03. FVM Man Being Dragged by Cops Night. © Vivian Maier/Maloof Collection
04. FVM Woman Hat NY Public Library. © Vivian Maier/Maloof Collection
05. FVM Vivian Maier Self Portrait, Round Mirror Repeating Image. © Vivian Maier/Maloof Collection

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